„Der gute Kamerad“ – religiöse Gedanken zu einem weltlichen Lied, Christoph Fleischer, Werl 2012

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Als Ludwig Uhland (1787-1862), Dichter und Jurist aus Tübingen, im Jahr 1809 das Lied vom guten Kameraden dichtete, war Deutschland von den Franzosen besetzt. Doch die Besatzungszeit neigte sich dem Ende. In Südtirol regte sich Widerstand; auch Österreich wollte Napoleon los sein. Uhland hielt es als Württemberger mit den Bayern und den Badenern, die für Frankreich kämpfen mussten. Ein Freund und Lehrer dagegen starb auf österreichischer Seite. Soldaten auf beiden Seiten sind Kameraden, Kollegen, und legen gegeneinander an.

Hören wir einmal den Text des Liedes, das gewöhnlich nur noch instrumental erklingt.

Ich hatt‘ einen Kameraden, einen bess’ren findest Du nit. Die Trommel schlug zum Streite , er ging an meiner Seite im gleichen Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen, giltst mir oder gilt es dir? Ihn hat es weg gerissen, er liegt mir vor den Füßen, als wär’s ein Stück von mir.

Will mir die Hand noch reichen, derweil ich eben lad. Kann dir die Hand nicht geben, bleibt du im ew’gen Leben mein guter Kamerad!

Die Melodie des Liedes, landauf und ab gespielt am Volkstrauertag, wurde von Friedrich Silcher 1825 hinzugefügt. Die Melodie eines schweizerischen Volkslieds, umgeschriebenen in den Viervierteltakt.

Einige Beobachtungen:
Die erste Strophe enthält eine Steigerung: gut-besser-Kamerad.
Im Streite, also im Krieg geht er an meiner Seite, im gleichen Schritt und Tritt, ein Kamerad.
Trommel, wir spüren den Marsch, Marschmusik erklingt.
Uhland marschiert in Richtung Demokratie und Freiheit. Kameraden sind auf beiden Seiten der Front, beide für die Freiheit kämpfend.
Wohin wird marschiert, warum, wem gilt die Kugel? Eine Kugel im Krieg ist nicht persönlich gemeint. Wen sie trifft, ist Zufall. Das gilt auch für zivile Opfer: der eine hat Schaden von einer Bombe, der andere ist sicher im Bunker. Warum er, warum nicht ich? Stellvertretend stirbt er, für mich. Liegt mir vor den Füßen, als wär’s ein Teil von mir.
Gnadenlos geht der Krieg weiter. Keine Zeit zum Abschied, das Gefecht hat Vorrang.
Einsamer Tod. Er reicht die Hand, ich muss laden und schießen.
Täglich geht es weiter, wer ist der nächste?
Er ist Kamerad nicht mehr nur in diesem Leben, sondern im ewigen Leben. Wie ist man im ewigen Leben Kamerad? Beten Sie für uns, die von uns gegangen sind?

Das Lied ist international verbreitet. Es wurde in viele Sprachen übersetzt. Sogar in Frankreich wird es am Helden-Gedenktag gespielt. Im Lied fehlt jede nationale Anspielung. Es schildert die Angst des Soldaten um sein Leben, auf welcher Seite er auch kämpft. Die Soldaten haben das gespürt und haben mit zusätzlichen Texten das Lied ergänzt, um so etwa an das Vaterland oder die Heimat zu denken. Sogar SS Opfer haben das Lied einmal angestimmt, um gegen Naziterror zu protestieren. Später gab es auch eine Antikriegsdichtung des Liedes, unter dem Eindruck des fast verlorenen Krieges.
Es handelt vom guten Kamerad, nicht von blinder Kameradschaft: „Man ist nicht mehr Herr über sich selbst. ‚Stur heil‘ tappt man so mit. Gefühllos, ohne zu denken.“ So schilderte es ein Soldat in einem Interview.

Das Lied vom guten Kameraden ist zurecht ein Trauerlied und erinnert an das ewige Leben. Wie bleiben wir einander gute Kameraden?
Indem wir uns dafür einsetzen, das ist kein Krieg mehr gibt.

Quellen: Rezension: „Kritisches zur Kameradschaft, Thomas Kühne analysiert die Soldaten des nationalsozialistischen Krieges, Von Torsten Mergen. http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=10414&ausgabe=200703 und:

„Die heimliche deutsche Hymne“, Von Kurt Oesterle (1998)
http://www.bdzv.de/preistraeger-preisverleihung/preisverleihung-weitere-jahre/preisverleihung-1998/kurt-oesterle/

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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