In der Kirche bleiben. Zwischenruf. Christoph Fleischer, Werl 2012

Vorbemerkung: Die Fragen dieses kurzen Artikel formulierte ich im konkreten Dialog mit einer Person, die den Kirchenaustritt überlegt. Meine Antwort darauf wollte ich bewusst so halten, dass sie allgemein gelten kann.

Die Frage nach dem Kirchenaustritt stellt sich trotzdem praktisch wie theoretisch. Ich kann diese Entscheidung ein wenig nachfühlen, da ich vor 10 Jahren aus einer politischen Partei ausgetreten bin, der ich mich seit meiner Jugend verbunden fühlte. Es gab Zeiten, da war ich mit der Linie nicht einverstanden, was mich aber dazu antrieb, meine Friedens – und ökologiepolitische Position um so deutlicher zu vertreten. Der Austritt kam später nur daher, dass ich mich persönlich nicht gefragt fühlte, als innerparteiliches Stimmvieh und als Prospekteverteiler in der Fußgängerzone missbraucht. Wahlkampf für Kandidaten, die ich nicht in Wahrheit gewählt habe. Der Konsens ist verloren gegangen. Ich kam im innerparteilichen Streit zwischen die Fronten zweier Ortsvereine. Da entschied ich mich für den Schritt, der mir letztlich politische Freiheit verschaffte. Wäre ein Kirchenaustritt damit vergleichbar, also etwa als ein Schritt in die Freiheit? Es könnte denkbar sein. Es könnte aber auch ein Schritt in die Anonymität und Heimatlosigkeit sein.

Wem hilft der Kirchenaustritt?

Kirchenaustritte haben sicherlich eine lange persönliche Geschichte. Diese Geschichte in und mit der Kirche dürfte zwischen Nähe und Distanz pendeln. Selbst Ausgetretene sind zu einem guten Prozentsatz religiös, was zum Teil auch daher rühren wird, dass man auch austreten muss, um sich einer Freikirche anzuschließen oder zu konvertieren. Austritt ist also nicht mit Atheismus gleichzusetzen. Der Austritt ist ein entschiedener Schritt, der mit einem Gang zum Amtsgericht seinen Abschluss findet. Heute wird sogar eine Gebühr fällig, die sich zwar auch bald amortisiert haben dürfte. Sicherlich könnte ein ähnlich hoher Betrag, wie es die Kirchensteuer ist, auch für andere gemeinnützige Gruppierungen gespendet werden. Die Frage danach, wem der Kirchenaustritt hilft, muss abgelehnt werden oder besser gesagt, sie muss subjektiv beantwortet werden. Jeder Handlung in Bezug auf die Kirche muss eine persönliche Entscheidung vorausgehen. Diese Entscheidung wird zwar nicht vorab gefordert und durch die Kindertaufe und die Konfirmation sogar geradezu umgangen, sie wird aber letztlich immer dann fällig, wenn es gilt, sich zur Kirche zu verhalten und mehr oder weniger teilzunehmen oder eine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen.

Zunächst trifft man mit dem Austritt sich selbst, weil man sich zwingt, seinen Glauben fortan ohne Kirchenmitgliedschaft zu leben oder diese neu oder anders zu organisieren. Das lässt sich oft auch daran ablesen, dass Menschen, die ausgetreten oder konvertiert sind, sich noch auf darauf berufen, dass sie getauft oder konfirmiert sind. Der biografische Kirchenbezug geht durch den Austritt nicht verloren, wird aber sozusagen auf Eis gelegt.

Mir als dem Pfarrer liegt jedes Kirchenmitglied am Herzen, jenseits aller Gemeindegrenzen und Einsatzgebiete im Pfarrdienst. Es sollten jedem, der sich vor dieser Entscheidung gestellt sieht, ein paar Gedanken zur Rechtfertigung der Kirchenmitgliedschaft einfallen: Das geht jedoch nur, wenn wir dabei den Gedanken an persönlichen Profit, ob materiell oder ideell, ausblenden, denn „Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andre da ist“ (nach Bonhoeffer). Was hat dieser Anspruch wie auch das eigene Bedürfnis nach Zuwendung durch die Kirche oder durch Gott mit der Frage der Kirchenfinanzen zu tun? Hier ist manche Kritik auch berechtigt, wenn der Hauptzweck von Kirche daran nicht ersichtlich ist. Das Hauptproblem ist die Gerechtigkeitsfrage. Nur Steuerzahler zahlen auch Kirchensteuer. Kinder, Arme, Rentnerinnen und Rentner sind außen vor. Zusätzlich subventioniert der Staat die Kirchensteuer durch eine unbegrenzte Absetzbarkeit bei der Steuererklärung. Seit Adolf Hitler wird die Kirchensteuer direkt vom Lohn abgezogen. Dabei erfährt jeder Arbeitgeber die Konfession oder Nicht-Konfession. In einem säkularen Staat ist das möglicherweise verfassungswidrig. Möglicherweise richtet sich manches Unbehagen gegenüber der Kirchensteuer zu Unrecht auf die Kirche selbst, sondern nur auf diese Art der Finanzierung.  Doch diese gesetzliche Frage kann ein Einzelner nicht durch einen Kirchenaustritt lösen. Das Problem liegt eher auf der politischen Ebene. Doch sollten Sie dennoch die Institution Volkskirche verlassen wollen, dann rufen Sie sich auch in Erinnerung: Die Kirche lebt auch ohne Sie/Dich weiter! Die Kirche wird auch Sie/Dich in Zukunft ansprechen oder im Sinn des Glaubens als „Mensch“ vertreten. Sonntags läuten auch für Sie/Dich die Glocken und Du hast arbeitsfrei, ob Du dazugehörst oder nicht. Die Kirche wird den Staat an die Regeln christlicher Ethik, an den Wert des Friedens erinnern und als Partner der Gesundheit, Erziehung und Sozialarbeit den Staat unterstützen (Subsidiaritätsprinzip).

Als Partner für die Klärung innerkirchlicher Spannungen oder Polaritäten dürftest Du nach dem Austritt ausscheiden. Der Kirchenaustritt nützt oder schadet zunächst niemandem. Wenn sich jemand aber nach gründlicher Überlegung dazu entscheidet, dann sollte dieser Schritt auch mit allen Konsequenzen ernst genommen werden. Er muss als Neuorientierung der Lebensplanung angesehen werden. Die Kirchenordnung sieht zu Recht die Bestattung Ausgetretener nur in Ausnahmefällen vor, weil sie eben genau damit argumentiert, dass der Schritt als individuelle Entscheidung zu respektieren ist. Das ist kein Urteil über die Grenzen der Liebe Gottes, die ja wohl grenzenlos ist.

Kann die Beteiligung in einer Gemeinde ein Grund zum Bleiben sein, oder ist diese Perspektive genauso egoistisch? Welches Verhalten ist eigentlich nicht egoistisch?

Diese Frage enthält ein Element der Unterstellung, nämlich die, dass der Kirchenaustritt ein egoistisches Verhalten ist. Da jeder Mensch ein gesundes Maß Egoismus an den Tag legen sollte, um verantwortlich zu leben, sollte das auch kein Problem sein. Wenn der Kirchenaustritt aus Ärger um kirchliche Strukturen oder Amtsträger sprich Pfarrerinnen oder Pfarrer oder Presbyterien erfolgt, sollte man zumindest auch erwägen, dass dieser Ärger auch Anschub zum Engagement sein kann. Geht es um Macht in politischer Hinsicht, auch das gibt es in der Kirche, dann aber muss die Frage nach Gegenmacht erlaubt sein. Dafür gibt es innerkirchliche Gruppierungen wie z. B. die solidarische Kirche, die sich um solche Macht um der Solidarität willen bemühen. Es gibt auch Gewerkschaftsmitglieder in der Kirche. Konflikte innerhalb der Kirche und das Verhalten von Amtsträgern kann auch unter Anrufung innerkirchlicher Gremien wie z. B. unabhängiger Kirchengerichte oder übergeordneter Instanzen angestoßen werden. Ein Brief an die Kirchenleitung kann da  auch in einer Ortsgemeinde manchmal Wunder wirken. Die Kirchenleitungen und Synoden plädieren ohnehin für eine Kultur des Wechsels, wohingegen die Strukturen vor Ort und die Interessen der Amtsträger dies oft nicht gern haben. Wechsel wird als Strafe empfunden und oft auch so behandelt. Da gibt es auch noch kirchenrechtliche Vorgaben, die die Kultur des Wechsels vor Ort verhindern oder schwierig machen. Faktisch ändert das aber nichts daran, dass es innerkirchliche Instanzen auch gegen Machtmissbrauch und Vertrauensbrüche gibt. Dafür muss niemand die Kirche verlassen, auch wenn man nicht immer von dieser Seite sein Recht hundertprozentig durchsetzen kann. Aber keine falsche Scham im Ansprechen der Leitungsebene. Die sind oft geradezu dankbar dafür, auf solche Missstände hingewiesen zu werden. Nach der alten Regel der Interaktion „Störungen haben Vorrang“ dürfte eine ernstgemeinte Beschwerde das Qualitätsmanagement der Kirche langfristigster  eher verbessern. Wer sich also für die Kirche interessiert, sollte nicht aus Gründen eines Ärgers austreten, sondern einen Weg suchen, diesen Ärger in die richtigen Bahnen zu lenken. Man sollte sich auch nicht zwingen lassen, einer bestimmten Gemeinde anzugehören. Es ist doch auch möglich, sich einer Nachbar- oder gar Personalgemeinde anzuschließen. Die Gemeindemitgliedschaft lässt sich frei wählen. Auch darauf kann in einer solchen Situation zurückgegriffen werden. Einmischen ist also besser als sich zu verweigern, und Austritt ist letztlich Verweigerung. Anders natürlich, wenn das nur der letzte Schritt einer längst eingeschlagenen Entwicklung in eine andere religiöse oder gar nichtreligiöse Heimat ist. Dann sollte man aber auch den Ärger nicht vorschieben, sondern ehrlich gestehen: Ich habe meine Einstellung geändert und eine neue religiöse Heimat gesucht (und gefunden –wo?). (Für den Fall, dass die katholische Kirche die Frauenordination einführt, werde ich eventuell katholisch. Aber ob ich das noch erleben werde?)

Haben kirchliche Amtsträger sich von Amt, Stellung, Gehalt, Privilegien, Prestige usw. abhängig gemacht? Wie ginge es anders? Wie funktioniert das Pfarramt überhaupt? Was soll die Vorbildfunktion von Kirche bedeuten und wofür genau sollte sie Vorbild sein?

Wo Kirche draufsteht, da muss auch Kirche drin sein! Dieses Gesetz der ökonomischen Qualität ist so banal, dass es auch für Kirche gilt. Da die Qualität der Kirche durch ihr Personal gestellt wird, gilt die Qualitätsregel zuerst und vor allem für Pfarrerinnen und Pfarrer. Ihre Professionalität stellt sie unter einen besonderen Vorbildsanspruch, denn sie haben als Amtsträger auch einen hohen Vertrauensvorschuss. Doch dieser Stelle gehen die Meinungen schon auseinander. Während die Einen meinen, das kirchliche Personal solle ein Vorbild in Frömmigkeit sein, meinen die meisten Kirchenmitglieder, dass sie ein Vorbild in Menschlichkeit zu sein haben. Einig dürften sie darin sein, dass sie ihre Arbeit richtig zu machen haben. Doch an die Stelle Gottes sollten sie sich nicht setzen müssen. Trotzdem gibt es in der Kirche Unterschiede der Anstellung, der Verantwortung. Für ehrenamtlich leitende Mitglieder wie Presbyterinnen und Presbyter ist der Amtsverzicht manchmal ein Mittel der Machtausübung  („mach deinen Dreck alleine!“).

Gott ist mehr als die Figuren, die ihn repräsentieren. Selbst die Fundamentalisten predigen oft ja geradezu mit Engelszungen einen Abgesang der Amtskirche. Und Pfarrer scheinen sich unglaubwürdig zu machen, wenn sie die Sakramente spenden oder Amtshandlungen vollziehen mit Menschen, deren offensichtlich ungeheucheltes Desinteresse kaum zu übersehen ist, die z. B. während einer Konfirmationspredigt oder des Abendmahls zu einer Zigarettenpause die Kirche verlassen. Bei dem Liedwunsch von Freddy Quinn oder Roy Black zu einer kirchlichen Bestattung wäre ich da schon vorsichtiger. Pfarrer sind in guter Selbstständigkeit dem örtlichen Presbyterium verantwortlich, können aber auch aus Gründen der Ungedeihlichkeit abberufen werden. Machtmissbrauch, Mauschelei oder gar Vorteilsnahme ist im Pfarramt genauso verboten wie anderswo (auch wenn es in Kirchengemeinden manchmal vorkommen mag). Vorbild sollte ein Christ und eine Christin als Amtsträger oder als Laie sein. Meines Erachtens besteht die größte Vorbildfunktion darin, die Bitte des Vater unser nicht nur zu beten, sondern zu praktizieren: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Das Vater Unser predigt keine billige Gnade!

Wichtiger finde ich dann schon die Frage danach, ob das Verhalten der Verantwortlichen vor Ort, die sich oft im Verfolgen eigener Interessen übertreffen, dem Zweck der Kirche im Sinne Jesu die Gegenwart und Nähe Gottes allen Menschen zu verkündigen, noch entspricht. Die vielgerühmte Kirchenmusik kann da gerade ein Beispiel von Eitelkeit und Dünkel sein. Das allseits bekannte Kulturpublikum findet man im Weihnachtsoratorium oder ähnlichen Events. Doch auch sie sind die geliebten Kinder Gottes. Wenn alles sich selber trägt, ist dagegen nichts einzuwenden. Hier hat kirchliches Fundraising eine wichtige Funktion. Die kleine Schar der Gottesdienstbesucher kann allerdings auch nicht gut gegen ein gut besuchtes Kirchenkonzert ausgespielt werden. Beides hat sein Recht. Unstimmigkeiten oder fehlende Glaubwürdigkeit von Gremien oder Personen kann auch durch Einflussnahme ausgelöst werden, die nicht öffentlich wird. Umso wichtiger sind die oben genannten Möglichkeiten kirchenrechtlicher Einflussnahme.

Was steckt hinter der Strukturkrise, nur der Rückgang der Zahlen, eine Glaubenskrise, Veränderung der Gesellschaft oder was sonst? Wie funktioniert Gottvertrauen und was hat die Kirche damit zu tun? Wer ist Gott für uns heute?

Die Krise, die im Moment in der evangelischen Kirche zu erleben ist, hat vermutlich mehrere Ursachen. Verglichen mit anderen Kirchen in ärmeren Ländern ist es wahrscheinlich insgesamt nur Jammern auf hohem Niveau. Die Pfarrergehälter können noch gezahlt werden, wenn bereits gegengesteuert wird und die Zahl der Stellen zurückgeht. Gemessen wird die Pfarrstelle immer an der Zahl der Gemeindeglieder. Das ist in Rücksicht auf die Amtshandlungen auch in Ordnung. Die Zahl der Gottesdienste aber könnte deutlich gesenkt werden. Wenn man bedenkt, wie viele alte Kirchen im 19. Jahrhundert abgerissen worden sind, geht es uns heute noch gut. Nach dem 2.Weltkireg Krieg setzte der Bauboom ein und Kirchen, Gemeindehäuser und Kindergärten wurden gebaut. Dass besonders im Ruhrgebiet jetzt davon einige abgerissen oder umgenutzt wurden, ist nur konsequent. In meiner ehemaligen Gemeinde gehört eine Kirche jetzt einem Bestattungsinstitut. Das Jugendheim gibt es nicht mehr und das Pfarrhaus mit kleinem Gemeindehaus, in dem ich wohnte, ist in Privatbesitz übergegangen. Die Gemeinde hatte früher vier Pfarrstellen, jetzt nur noch zwei. Doch seit wann definiert sich die evangelische Kirche eigentlich über das Gemeindeleben? Selbst die älteste Gemeindegruppe, die Frauenhilfe ist kaum älter als 100 Jahre. Das Kirchenbild hat sich also in den letzten 100 bis 150 Jahren von einer Gottesdienstkirche zu einer Dienstleistungs- und Gemeindekirche geändert. Wir sollten uns alle, Gemeindeglieder und Pfarrer, damit abfinden, dass das nicht so bleiben wird. Kirche bleibt in einem ständigen Änderungs- und Reformationsprozess. Und sie bleibt sich andererseits doch treu. Im Kirchenkreis, in dem ich zur Zeit arbeite, finden keine richtigen Wahlen zum Presbyterium statt, denn meist gibt es maximal genau so viel Kandidaten wie hineingewählt werden. Die Wahl erfolgt über zehn Unterschriften auf der Vorschlagsliste. Die Kirche wird eine Pfarrerinnen- und Pfarrerkirche bleiben, denn die Obliegenheit sind darauf einfach zugeschnitten. Doch das geht nicht ohne die Gläubigen.

Was bedeutet eigentlich, ein Leben im Glauben an Gott zu führen? Ist das Vorbild für ein solches Leben vielleicht etwa ein für seine vorbildliche Frömmigkeit bezahlter Mitarbeiter? Das kann es doch ernstlich nicht sein. Eine persönliche Gottesbeziehung, wie man das auch immer versteht, ist so, wie jeder und jede das nun auch persönlich auffasst und lebt. Es gibt da keine Experten, ausdrücklich nicht. Ich selbst bin Pfarrer, aber ich betone, dass ich das Wort Gottes verkündige, wie ich es in der Auslegung der Heiligen Schrift verstehe, aber dass ich nicht die Aufgabe habe, Menschen vorzuschreiben, wie sie zu glauben haben. Ein Priestertum aller Gläubigen, wie es Luther vorschwebte, ist vollständig und endgültig in die Tat umzusetzen. Wenn das ein Ergebnis der Krise ist, dann ist es gut. Die Gesellschaft ändert sich, und die Kirche ändert sich mit der Gesellschaft. Der Glaube an Gott ist der Glaube an die Mitte des Lebens, an den Sinn des Leben, der das Leben als Geschenk versteht, der daraus Nächstenliebe ableitet und Respekt vor der Natur, zu der wir alle gehören. Soweit meine Kurzfassung vom christlichen Glauben.

In einer Schulklasse haben wir nach einer Beschäftigung mit den kritischen Fragen der Kirche Kriterien für eine Kirche der Zukunft herausgearbeitet: Die Kennzeichen der Kirche sind Präsenz, Freiwilligkeit, Aktualität, Toleranz, Gegenwartsbezug, Individualität, Gleichbehandlung, Vermenschlichung und Entscheidungsfreiheit. Aus dieser Kriterien kann jeder und jede die Frage, wer Gott für uns heute ist, persönlich beantworten und findet zugleich Wege, diesem Glauben auch einen gemeinsamen Ausdruck zu leben. So ist etwa das Abendmahl die beste Symbolhandlung für Solidarität, die ich kenne, wie die Taufe die Symbolhandlung für das Geschenk des Lebens ist. Die Predigt ist eher der Bildung verbunden als der religiösen Handlung. Die Ordnungen der Gottesdienste haben oft zu wenig Raum für Stille und Meditation, denn alles ist so steril durchorganisiert. Da kann man durchaus von den Evangelikalen besonders in den USA lernen, wo Laien zu Wort kommen. Problematisch erschien der heute so hoch gehaltene politische Einsatz der Kirche. Es darf von keiner Richtung her zu einer politischen Bevormundung kommen. Sicherlich müssen mutige Einzelaktionen wie ein Kirchenasyl oder ein Sitzstreik gegen ein Atomwaffenlager weiterhin möglich sein. Aber Kirche darf nicht mit einem politischen Verein verwechselt werden. Und es ist auch keine Schande Frömmigkeitsstile anderer religiöser Prägung wie z. B. Yoga und Meditation in einem christlichen Gemeindehaus anzubieten. Im Rahmen der Erwachsenenbildung geschieht das längst. Die Kirche von morgen ist interreligiös offen und anderen Religionen gegen über nicht abgrenzend, sondern einladend, ohne auf das eigene Profil zu verzichten. Im Prinzip ist die Struktur unserer Volkskirche freiwillig, da es im Land der Religionsfreiheit möglich ist, aus der Kirche auszutreten. Man wird jedoch abwarten, ob sich abgesehen vom Bereich des Katholizismus die Kirchen weiter vom Staat lösen müssen, wie dies sogar kürzlich vom Papst Benedikt ins Gespräch gebracht wurde. Ob jetzt genügend Argumente zum Bleiben in der Kirche aufgezählt worden sind? Ich meine doch. Aber entscheiden, muss das jede und jeder selbst.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Ein Gedanke zu „In der Kirche bleiben. Zwischenruf. Christoph Fleischer, Werl 2012“

  1. Als Freund mittelalterlichen Mystiker in Ost und West könnte vielleicht sogar ein Wort des in Spanien geborenen Ibn ́Arabi (1165–1240) als Motto über diesem die Religionen verbindenden Buch stehen:
    „Mein Herz ist fähig geworden,
    alle Bilder und Formen aufzunehmen,
    denn mein Herz wurde eine Weide für die Gazellen,
    ein Kloster für die Mönche, ein Tempel für die Götterbilder,
    eine Kaaba für die Umkreisung , Mein Herz:
    die Tafeln der Tora und Buchseiten des Korans.
    Auf ihrer Karawanenstraße wandere ich.
    Ich gehöre der Religion der Liebe an.
    denn Liebe ist mein Bekenntnis und mein Glaube“

    Ibn ‘Arabi: L’interprète des désirs . Présentation et traduction de Maurice Gloton. Avant-propos de Pierre Lory. Paris: A. Michel 1996, S. 117f – Übersetzung aus dem Französischen: Dr. Reinhard Kirste

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