Auserkoren. Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2012

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Zu: Klaas Huizing: Mein Süßkind, Ein Jesus-Roman, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2012, ISBN 978-3-579-06579-3, Preis: 19,99 Euro

Mein Suesskind von Klaas HuizingEin Jesus-Roman, wie es im Untertitel heißt, muss sich zum einen an der Vorlage messen lassen, der Bibel, und zum anderen an den bislang schon geschriebenen Jesus-Büchern der Literatur und Religion. Kein einfaches Unterfangen, was jedoch der geübte Romanautor und  Journalist (Chefredakteur Kulturmagazin OPUS) recht gut meistert. Angeregt durch die späteren Kindheitsevangelien, von deren Inhalt auch der Koran weiß, verlegt er Worte und Taten Jesu, Gesten und Wunder schlicht in seine Kindheit. Vom Vater, dem Gesprenkelten, der nie mit Namen genannt wird, hat er seine weiß gesprenkelte Haut, sonst aber nichts. Er erlernt den Zimmermannsberuf, der ihn aber nicht erfüllt. Stattdessen fühlt er sich zum Rabbi berufen, ja auserkoren.

Von der Geburt Jesu wird nicht viel berichtet. Mirjam heiratet den eigentlich ungeliebten Vater ihres ersten Kindes. Dass dieser vom „Allmächtigen auserkoren“ ist, erfährt sie schon in der Zeit seines Säuglingsalters von einem zufällig erschienenen Boten.

Das inhaltliche Gerüst des Romans bietet Erinnerungen an Ereignisse des Alten Testaments und die Vorstellung des rabbinisch geprägten Judentums mit allen Sitten und Gebräuchen. Jeshua, wie Jesus hier heißt, hat wenig mit seinen sieben jüngeren Geschwistern zu tun, die dennoch namentlich vorkommen. Herausgehoben wird der zweitgeborene Bruder Jakobus, dem Jeshua sein Erstgeburtsrecht ohne Gegenleistung abtritt. Sein gleichaltriger Freund Jonathan ist der Sohn eines Töpfers. Mit ihm zusammen baut er die Arche, Jeshua das Boot aus Holz, Jonathan die Tiere aus Ton. Auch die Vögel, die Jesus später zum Leben erweckt, hatte Jonathan getöpfert.

Aus heutiger Sicht müsste man Jeshua wohl als hoch-begabtes Kind bezeichnen, denn schon früh kann er das hebräische Alphabet auswendig, sowohl vorwärts wie rückwärts.

Am Ende dieses Textes kann die Lektüre der Evangelien anknüpfen. Das ist sinnig, denn nun werden jüdische Gebräuche und soziale Bedingungen der Zeit Jesu transparent. Der Roman über Jesus ist Literatur, die religiöse Tradition ebenfalls. Die Frage, inwieweit die Auserwählung des Menschen Jesus als Sohn Gottes nicht nur exklusiv auf ihn bezogen gemeint ist, sondern inklusiv verstanden werden kann, muss zum Schluss noch offen bleiben. Die Menschlichkeit des Auserkorenen ist ebenso unverkennbar, wie seine ins wundertätige hinein reichenden Fähigkeiten. Religiöser Wunderglaube wird als literarische Phantasie lesbar. Das ist für historisch kritische Leserinnen und Leser keine Überraschung. Auffallend ist die bei allen Situationen durchgehaltene Bescheidenheit Jeshuas, die ihn authentisch wirken lässt, jedoch als literarisches Element der Evangelien in seine Kindheit hinein projiziert wurde. Die literarische Aufarbeitung des neutestamentlichen Textes in die nur durch die Apokryphen bekannten Kindheitsbeschreibungen Jesu führt unweigerlich zur Frage, inwieweit auch Literatur eine religiöse Form und Funktion hat. Umgekehrt ist die Frage nach der Form und Funktion von Literatur in Bezug auf den biblischen Text nicht länger zu ignorieren. Eine banale wie jedoch weitreichende Schlussfolgerung in dieser Hinsicht ist: Jesus ist vom Judentum nicht zu trennen. Das Judentum kann nicht als etwas Fremdes in die Evangelien hinein gelesen werden. Eine Frage an den Roman wäre nun aber auch von daher, ob sich die Gestalt des spätantiken Judentums von dem Jüdischen Krieg, der mit der Zerstörung des Tempels endete, stillschweigend mit der rabbinischen Gestalt gleich gesetzt werden kann. Ist nicht gerade von Paulus her ein eher hellenistisches Judentum mit Verzicht auf Beschneidung und Speisegebote denkbar, dass in Judäa genauso vorauszusetzen ist wie in Syrien. Ein Symptom dafür wäre die Abfassung der Evangelien in griechischer Sprache. Auf den Roman angewandt hieße dies, dass eine literarische Gestalt immer ein Stück Konstruktion ist, die auf der Basis des vom Autors getroffenen Grundentscheidungen existiert. Durch Literatur wird die Person Jesu vielleicht plausibler, aber nicht authentischer, als es die Evangelien bereits überliefern. Die anfangs gestellte Frage, nach dem Vorzug der Jesus-Literatur gegenüber einer bewusst angelegten Evangelienlektüre muss also zuletzt unbeantwortet bleiben. Doch eine gute Predigt in Form eines Buches, aus dem auch einzelne Episoden in der Gemeinde vorgelesen werden können, haben wir mit dem Buch „mein Süßkind“ in die Hand gelegt bekommen. Kurz vor Weihnachten ist es sicher noch schnell als Geschenk geeignet.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

2 Gedanken zu „Auserkoren. Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2012“

  1. Lieber Gerd,

    verzeih mir, dass ich doch kurz auf Deinen Kommentar eingehe. Ich habe schon bei meiner Rezension des Jesusbuches von Notker Wolf deutlich gemacht, dass jede Lektüre der Evangelien in unserer Vorstellung zur Konstruktion eines Lebens Jesu führt. Dies ist sicherlich bereits durch die Evangelisten beabsichtigt und würde schon geschehen, wenn wir die Evangelien nur einzeln kennen würden. Es gibt kein Jesus-Protokoll! Die Auffüllung der Kindheitsandeutungen der Legenden mit biblischen Anspielungen und konkreter Schilderung isrealitischen Alltagslebens im Roman „Mein Süßkind“ geht deutlich über diese Konstruktion eines religiösen Jesusbildes hinaus in die literarische Phantasie. Hier ist der Übergang von der Religion zur Ästhetik deutlich vollzogen, vom Autor absolut beabsichtigt. In dieser Hinsicht ist es ein wenig vergleichbar mit dem Jesusbuch von Luise Rinser und vielleicht manchen anderen Schriftstellern. Religiös wichtig ist Hiuzings Erzählung in der Betonung des judaistischen Hintergrund der Jesusgeschichte, die letztlich in profunder Bibelkenntnis womöglich in hebräische Schriftsprache gründet. Der Jude Jesus ist uns Christen manchmal ganz schön fremd.

  2. Lieber Christoph,
    ich gehe auf Deine Zusammenfassung ein, ohne bereits das Buch gelesen zu haben. Habe mir auf randomhouse die Zusammenfassung des Autors angehört:
    http://www.randomhouse.de/Buch/Mein-Suesskind-Ein-Jesus-Roman/Klaas-Huizing/e404383.rhd
    Der letzte Abschnitt:

    „Auf den Roman angewandt hieße dies, dass eine literarische Gestalt immer ein Stück Konstruktion ist, die auf der Basis des vom Autors getroffenen Grundentscheidungen existiert. Durch Literatur wird die Person Jesu vielleicht plausibler, aber nicht authentischer, als es die Evangelien bereits überliefern. Die anfangs gestellte Frage, nach dem Vorzug der Jesus-Literatur gegenüber einer bewusst angelegten Evangelienlektüre muss also zuletzt unbeantwortet bleiben.“

    Die Frage beantwortet Klaas Huzing Autor mit Herausgabe des Buches.
    Schreibe Deine eigenen Vorstellungen von einem Leben Jesu, wie Du es Dir vorstellst.

    Gibt es objektiv richtige Jesus- Darstellungen?
    Sind sie nicht alle menschlichen Geistes geprägt?
    Ist das vermeintlich Objektive, das Wissen, das sich erhebt und beurteilt,
    nicht längst Gotteslästerung?
    Wir wissen längst, dass es sogar aus der Physik, nur subjetive Darstellungen gibt.

    Ist es da nicht aufrichtig, ehrlich und sogar humoristisch gewürzt, wenn
    wir uns selbst mit, oder sogar in unseren eigenen Jesusbildern begegnen würden,
    als weiterhin einer vermeintlich ojbektiven Gesamtdarstellung zu vertrauen.
    Wieso schauen wir wir uns nicht selbst an, und sprechen, wie der Autor, – über eigene Jesus-Phantasien?

    Oder wusste Jesus wirklich, was er tat, wie am Schluss gesagt wird, seine Mutter ihn für ein wenig verrückt hält?
    Es ist an der Zeit, dass wir uns unserer eigenen Phantasie hingeben dürfen…ohne uns vor uns selbst fürchten zu müssen.
    Das macht wohl das Buch so einladend wertvoll: es beflügelt die eigene Phantasie. Viele nennen das, das Wirken des Heiligen Geistes. Übringens, die einzige Authenzität, so verstehe ich die Geschichte, immer die, ich ich selbst erlebe.
    Niemals die, die ich in Gedankenformen der Schriften vermute. Sie hindert mich eher, meine eigene zu finden und dieser zu vertrauen.
    Jeder mag, wie der Autor, zu eigenen Grundentscheidungen kommen. Und so, wie der Autor zu seiner Phantasie steht, zu eigenen Phantasien kommen.
    Eigene religiöse Darstellungen boomen gerade bei David Safir, Dieter Nuhr etc.
    Wie war das nochmal mit dem Konstruktivismus? Bei Autor habe ich den Eindruck, dass er sich die Freiheit heraus nimmt und selber Konstruiert. Rund fünfhundert Jahre Früher, nach alledem was wir wissen, wäre er auf dem Scheiterhaufen verendet.

    Ein gutes Buch,- reizt zum Nachahmen, hihi..;-)
    Ciao

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