Die Frage nach Gott und das Leiden, Notiz zu einer Äußerung von Dorothee Sölle, Christoph Fleischer, Werl 2012

Dorothee Sölle schreibt im Buch „Leiden“ über die Veränderung des Gottesbildes angesichts erlebten Leidens. Die Lebenserfahrung kann zu einer bewussten Entscheidung für den Atheismus führen, wenn das alte Gottesbild nicht mehr tragfähig ist und keine neue tragfähige Vorstellung zur Verfügung steht.

„Der Prozeß, der zu dem Ergebnis führt: ‚Gott gibt es nicht‘, kann fast als eine normale Entwicklung angesehen werden. Wo immer Menschen mit dem sinnlosen Leiden konfrontiert werden, da muß der Glaube an einen Gott, der gleichzeitig Allmacht und Liebe verkörpert, ins Wanken geraten oder zerstört werden. Aufrechterhalten werden kann dieser Glaube dann nur, indem die Allmacht, die Unbegreiflichkeit, die finstere Freude Gottes über die Liebe triumphiert. ein solcher Glaube kann nicht mehr Übereinstimmung mit dem Vater sein, er wird die bloße Unterwerfung unter den Stärkeren.

Konsequenter ist die andere Antwort auf diesen Gott, die darin besteht, daß man ihn los wird. Brecht erzählt von einer Frau, die mitansehen muß, wie ihre sehr fromme Großmutter viele Tage lang einen qualvollen Tod stirbt. Im Fieber ‚versuchte sie ununterbrochen zu beten, hatte aber die Worte des Vaterunsers vergessen, was sie sehr quälte. Dieser Tod brachte mich um den Rest meines Glaubens an Gott.‘ (Zitat aus: Bertold Brecht, Meti, gesammelte Werke Frankfürt 1967, Band 12, S. 514). Diese Erfahrung ist allgemein, sie bleibt kaum jemandem erspart; ihr Effekt ist der bewußtgewordene Atheismus, die Überzeugung davon, daß es kein gütiges himmlisches Wesen gibt, das noch über dem Schicksal thront und alles lenkt. Brecht erzählt diese Geschichte nicht als eine private Anekdote, sondern als lapidarte Darstellung dessen, was Menschen auf dem Weg in die moderne Welt erfahren.
Der Atheismus entsteht am menschlichen Leiden; ein Gott, der eine Frau, die ihr Leben ihm gewidmet hat, im Tode derart sinnlos quält, kann nicht sein. Der Glaube allerdings, der in dieser Erfahrung aufgelöst wird, ist ein Theismus, der mit Christus kaum etwas zu tun hat; Geschichten dieserart handeln von Gott, niemals von Jesus. Offenbar übermittelt die christliche Verkündigung und Erziehung nach wie vor nichts anderes als den allmächtigen Pharao. Eine Umfrage in verschiedenen Schulklassen, was denn das Wichtigste am Christentum sein, ergab Hinweise auf Gott, auf die Unsterblichkeit der Seele und auf moralische, vor allem sexuelle Vorschriften. Christus erschien nicht, eine Erklärung des Namens ‚christlich‘ wurde nicht gegeben Christus ist unbekannt: der Leidmacher und Leidaufheber werden als Gott bekanntgemacht, nicht der Leidende. Gott ist nach wie vor der allmächtige Lenker, der zum Leiden nur in den Beziehungen des Verursachens oder Schickens und des Aufhebens steht. Gemessen an diesem Gottesglauben ist der wachsende Atheismus der Massen trotz seiner Banalität ein Fortschritt.
Die Banalität dieses Atheismus besteht in der Annahme, daß die Fragen, die der große Pharao so unzureichend beantwortete, mit seiner Absetzung auch schon beantwortet seien. Ein bloßer Rückzug aus dem Problem menschlichen Leidens, eine bloße Aufgabe der Frage der Theodizee ist keine Lösung. Es ist nichts damit getan, wenn man das Leiden zu einer unlösbaren Frage erklärt und sie als solche beiseite läßt.“ (Dorothee Sölle, Leiden, Taschenbuchausgabe Herder Verlag Freiburg/Breisgau 1993, S. 175-177).

Interessant ist an diesem Text die Verwendung des Wortes „Pharao“ für das autoritär statische Gottesbild, das angesichts des Leidens in die Krise kommt. Falls dieses Wort nicht nur symbolisch gemeint ist, müssten tatsächlich die absolutistischen Herrschaftsverhältnisse in irgendeiner Form als Gedankenbild für die Gottesvorstellung fungieren. Das hierzu auch das Gegenbild gegen weltlcieh Herrschaft, das des Messias einzubeziehen ist, hat Gerbern Oegema festgestellt. Hierzu sind zwei Zitate stellvertretend anzufügen:

„Wenn nun die Hypothese, die besagt, dass Messias-Konzeptionen in einer Analogie zu und als Umdeutung der „negativen“ Vorbilder der politisch-religiösen Machtverhältnisse konzipiert werden können, richtig ist, dann müsste dies auch in anderen Schriften nachweisbar sein. “

„Die bestehenden Machtverhältnisse scheinen meistens, als das negative, gelegentlich aber auch als das positive Modell fungiert zu haben, mit dem die messianischen Erwartungen konzipiert worden sind und werden konnten. Wenn also die Machtverhältnisse sich ändern, mussten sich die messianischen Erwartungen zwangsläufig auch ändern. Dabei liefern die biblischen und die der hellenistisch römischen Zeit entstammenden Traditionen das „Rohmaterial“, und der Sitz im Leben zusammen mit der sozial-religiösen Lage initiieren zwar die Messianisierung dieses Materials, die politischen Machtverhältnisse scheinen aber den wichtigsten Faktor bei der Entstehung der Messiaskonzepte darzustellen.“ (Gerbern S. Oegema: Der Gesalbte und sein Volk. Untersuchungen zum Konzeptualisierungsprozeß der messianischen Erwartungen von den Makabäern bis Bar Koziba. Göttingen 1994. S. 73 und 102)

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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