Predigt am Sonntag Lätare über Johannes 6, 47–51, Christoph Fleischer, Werl 2013

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Verlesung des Textes (Lutherbibel):

47 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:

Wer glaubt, der hat das ewige Leben.

48Ich bin das Brot des Lebens.

49Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben.

50Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe.

51Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist.

Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.

Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

 

Liebe Gemeinde,

vermutlich ist es eine ziemliche Anmaßung, das Wort „Ich“ oder die Aussage „Ich bin“ so zu gebrauchen, wie das hier bei Jesus der Fall ist. Für uns käme das „Ich bin“ eventuell mit unserem Namen in Frage, dazu mit einigen Personalien, wie ich bin verheiratet oder Single, bin Deutscher, bin evangelisch usw. Aber kaum jemand würde dagegen sagen: Ich bin ein Hund, oder ich bin ein Fluss, oder ich bin ein Lebensmittel. Das würde als unpassend empfunden, obwohl man solche Vergleiche anderen Menschen gegenüber schon gebrauchen würde, entweder um sie zu loben oder hervorzuheben, oder manchmal auch, um sie zu beleidigen. Aber Eigenlob gilt als vermessen, und selbst beleidigen würde man sich ja wohl kaum.

In der Bibel dagegen ist „Ich bin“ noch in anderer Hinsicht besonders hervorzuheben, da es mit dem Namen Gottes in Beziehung steht. Der ursprüngliche Gottesname in Israel hieß: Jahwe – „Ich bin der ich bin“ oder „Ich bin, der ich sein werde“. Das heißt: Ich werde dabei sein; ich werde mich zeigen; ich bin da. Jesus wird als Sohn Gottes auch mit diesem „Ich bin“ in Verbindung gebracht, aber nicht so allgemein, sondern bezogen auf sein Leben und seine Botschaft. Das Johannesevangelium überliefert sieben „Ich bin“ Worte von und über Jesus. Hier ist die Besonderheit, dass die Bezeichnungen Jesu auf seine ganze Person und Sendung bezogen werden können. Das Johannesevangelium ist in dieser Hinsicht Erzählung, kein Augenzeugenbericht. Die Rede Jesu ist nicht wörtlich zu verstehen. Sie bietet die religiöse Interpretation des Evangelisten Johannes. In den dort überlieferten Worten Jesu geht es immer auch zugleich um seine Bedeutung, wie das etwa in einer Predigt vorkommen könnte. Das ist der Gemeindebezug des Johannesevangeliums.

Ich möchte daher zunächst diesen kurzen Abschnitt über das Brot des Lebens auf Jesus hin auslegen. Der Evangelist Johannes stellt Jesus heraus als Lebensmittel für das ewige Leben, gegen den Tod und für das Leben der Welt.

Das Wort „Lebensmittel“ klingt angesichts unserer derzeitigen Lebensmittelskandale provokant. Wer mindestens eine Tasse Reis benötigt, ist mit einem guten Wort sicherlich auch nicht zufrieden zu stellen. Der Hunger in der Welt ist nach wie vor ein großer Skandal. Dazu kann man nicht vordergründig eine religiöse Antwort geben, obwohl in einem zweiten Schritt dieses Thema auch wieder ins Bewusstsein gerufen werden sollte. Zunächst ist das, was Jesus hier mit „Ich bin“ bezeichnet rein symbolisch gemeint und auf die Botschaft vom Heil Gottes bezogen. Dabei ist Religion gar nicht unbedingt unpolitisch. Aber sie gibt auf die politischen Fragen keine direkte politische Antwort. Das Brot des Lebens ist noch nicht einmal automatisch das Brot für die Welt. Andererseits ist es durchaus möglich und sinnvoll, mit Jesus zu beten „Unser tägliches Brot gib uns heute“.

Wir sind in unseren Überlegungen ausgegangen von dem ausdrücklichen „Ich bin“ – Wort Jesu und sehen nun in diesem Bibeltext einmal etwas genauer danach, was Jesus mit diesem Ich verbindet. Von den Aussagen über das Brot in Verbindung mit „Ich bin“ fallen drei Ausdrücke besonders ins Auge:

Ich bin das Brot des Lebens.

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist.

Dieses Brot ist das Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

Wir sehen allein an diesen Sätzen drei klare Aussagen über das Lebensmittel „Brot“, das Jesus für die Hörerinnen und Hörer, ja für alle Christen darstellt. Das Brot wird zuerst bezeichnet. Das ist auch bei jedem anderen Brot üblich. Es ist kein Roggenbrot, kein Weizenbrot, sondern ein Brot des Lebens. Dann geht Jesus auf die Herkunft dieses Brotes ein, wodurch vollends klar ist, das der Begriff Brot hier symbolisch gebraucht wird. Es ist das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Das lebendige Brot, damit ist also Jesus als Person gemeint, zugleich aber auch seine Bedeutung und sein Wirken, als das Wort, das vom Himmel gekommen ist. Das dritte ist das, was das Brot bewirken soll, wozu es da ist, welchen Zweck, welche Aufgabe dieses Brot hat. Es ist das Fleisch für das Leben der Welt. Für unsere Ohren klingt das Wort Fleisch in diesem Zusammenhang ein wenig komisch, dass hier Brot auf einmal zum Fleisch wird. Ist eine Lebensmittel-Verwechslung? Keineswegs. In der Bibel steht Fleisch immer im Gegensatz zum Wort und zum Geist. Wenn wir diesen Gegensatz mitdenken, schließt das Wort Fleisch, das uns hier irritiert, den Sinn des Textes geradezu auf, denn vorher musste vom Wort die Rede sein, das nun praktisch angewandt wird. Fleisch heißt hier also im Gegensatz zum Geist und zum Wort: Praxis, Handlung, Vollzug des Glaubens im Alltag.

Ich ergänze also zunächst aus dem Zusammenhang des Textes einige Ausführungen, in denen indirekt vom Wort und vom Geist die Rede ist, und zwar durch das Ich Jesu. Jesus ist das Wort. Wer das bezweifelt, sollte sich den Anfang des Johannesevangeliums ins Gedächtnis rufen. Es heißt nicht nur „Am Anfang war das Wort“, sondern auch „das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“. Viele Geschichten und Ausführungen dieses Evangeliums sind also nun kaum etwas anderes als die Erklärung dieser Aussage, mit denen das Johannesevangelium die Bedeutung Jesu schon vom ersten Kapitel an erklärt.

Immer müsste man also den Begriff Wort zu dem Namen Jesus hinzudenken:

Jesus gibt – als Wort – das ewige Leben.

Jesus ist – als Wort – das Brot des Lebens.

Jesus ist – als Wort – vom Himmel gekommen, um den Tod zu überwinden.

Jesus ist – als Wort – eine Person, die sich für das Leben der Welt hingibt und einsetzt.

Jesus ist – als Wort – eine Erklärung für den Sinn des Lebens.

Doch wie kommt dieses alles bei den Menschen an, wenn hier nicht wirklich Brot verteilt wird oder wenn, dann eher symbolisch? Was soll dieses Wort bewirken, wenn es denn so wichtig ist für das Leben, wenn es den Tod überwindet, sich für das Leben der Welt einsetzt und den Sinn des Lebens vermittelt? Ganz klar ist hier die Rede von der Religion, die durch Jesus in die Welt gekommen ist. Es ist eine Religion, die auf dem Fundament des Judentums entstanden ist. Viele Begriffe haben ihre Erklärung im Alten Testament. Aber die Bedeutung Jesu geht nun doch darüber hinaus, indem er Menschen nicht aus dem Bund mit Gott ausschließt, sondern geradezu das Leben der ganze Welt einlädt in diesen Bund.

Ich möchte zur dieser Erklärung Jesu als das Wort und die Botschaft ein Gebet von Wilhelm Willms zitieren. Da es ein Abendmahlsgebet ist, wird auch ausdrücklich aufs Brot Bezug genommen:

 

wir danken dir gott

um jesu willen

der als ein licht

in unsere welt eintrat

 

wir danken dir um jesu willen

der im hunger dieser welt

zum brot wurde

und im durst dieser welt

zum trank

 

wir danken dir um jesu willen

der unter uns mensch wurde

der unter uns mensch war

der unter uns mensch blieb

bis zuletzt

 

wir danken dir gott

um jesu willen

der für uns brot war

der für uns mensch war

der für uns die hoffnung geworden ist

der ein könig war

der ein könig blieb

der für uns zum himmel auf erden

wurde

 

wir danken dir um jesu willen

der von dir sprach

wie nie einer zuvor

der dich bezeugte

glaubwürdig

bis aufs blut

bis in den tod

und der darum für uns lebt

unauslöschlich lebt

als unser herr

als unser könig

 

wilhelm Willms, roter faden glück, lichtblicke. © Butzon & Bercker, Kevelaer

5. Auflage 1988

 

Ausgehend von diesem Gebet komme ich nun zur Frage, wie „Wir“, die Hörerinnen und Hörer hier, in diesem Abschnitt aus dem Johannesevangelium vorkommen. Dabei sollten wir uns, ruhig an die Stelle der Hörerinnen und Hörer des ursprünglichen Textes, ja vielleicht sogar der originalen Rede Jesu selbst setzen. Wir können nämlich feststellen, dass Jesus die Hörerinnen und Hörer direkt anspricht. Hier fallen mir vier Sätze ins Auge:

– Eure Väter in der Wüste … sind gestorben.

– Wer von diesem Brot isst … wird leben.

– Dieses Brot … ist gegeben … für das Leben der Welt.

– Der erste Satz lautet: Wer glaubt, der hat das ewige Leben.

Es sind vier Worte, die damit auf uns Bezug nehmen:

  1. Sterben
  2. Essen
  3. Leben
  4. Glauben

1. Die Bezugnahme auf das Sterben ist zugegebenermaßen etwas eigenartig. Die „Väter haben in der Wüste Manna gegessen und sind gestorben“, so heißt es. Das ist ja zunächst verwunderlich, weil das Volk Israel unter den Bedingungen der Wüstenwanderung von diesem Wunder erst einmal insofern profitiert hat, dass sie weiterleben konnten. Dass sie dann irgendwann trotzdem gestorben sind, natürlicherweise, konnte durch das Manna nicht verhindert werden. Sie sollten nur eben nicht in der Wüste jämmerlich verhungern. Was hier wirklich gemeint ist, wird mit dem Wort „ewiges Leben“ angedeutet. An anderer Stelle sagt Jesus „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“. Die Frage ist, warum braucht die jüdische Gemeinde einen anderen Umgang mit dem Tod als zur Zeit der Wüstenwanderung? Warum brauchen wir einen anderen Umgang mit dem Tod und was bedeutet dieses Weiterleben nach dem Tod für uns? Häufig wird angenommen, dass das Leben nach dem Tod für etwas entschädigt, das man im Leben nicht oder nicht genug gehabt hat. Die Rede vom Paradies geht wohl in diese Richtung. Manchmal hört man dabei so etwas wie ein Punktesystem, mit dem alle Glaubenspunkte und alle guten Taten nach dem Tod vergolten werden. Ist so etwas wirklich gemeint? Außerdem geht es in diesem Zusammenhang um das Brot, um ein Mittel zum Leben. Der Tod macht Leben zunichte. Das Wort Gottes dagegen überdauert den Tod, wenn es weitergetragen und weiter gelebt wird. Die Auferstehung ist eine geistige, keine materielle Realität für die kommenden Generationen. Es geht nicht um die Frage: Wozu brauche ich das ewige Leben? sondern um die Frage: Welches Verhalten schaltet den Tod aus, der als Machtmittel den Menschen Angst macht und womit Macht ausgeübt wird?

2. Wer von diesem Brot isst, wird leben. Es ist zuvor klar geworden, dass hier eher eine geistige Realität gemeint ist als eine reale. Doch das, was hier geistig genannt werden muss, ist für das Reale eine Voraussetzung, von hier her wird die Realität gestaltet oder besser gesagt, umgestaltet. Wenn es heißt, „dass, wer von diesem Brot isst leben wird in Ewigkeit“, dann ist da wohl nicht ein zukünftiges Paradies nach dem Tod gemeint, sondern ein Leben, das die gerechten Verhältnisse im Hier und Jetzt einschließt. In Ewigkeit, das muss auch ein wenig politisch verstanden werden und lautet dann: Die Menschen werden nicht mehr von den mehr oder weniger zufälligen Momenten des materiellen Wohlstands abhängig sein, abhängig von den Mächten, die in der Welt über Wohlstand und Hunger entscheiden. Es geht Jesus gerade nicht um den materiellen oder geistigen Profit, sondern um das wirkliche Leben.

3. Das Brot des Lebens ist gegeben für das Leben der Welt. Das geschieht auch so, dass Jesus selbst verdeutlicht, wie er das versteht. Das Brot zu teilen und sich selbst hinzugeben, das ist für ihn das Gleiche. Das Kreuz war von den einen als Machtinstrument gedacht, mit dem man Völker beherrscht. Für die Christen wird das Kreuz Jesu zum Zeichen des Teilens und einer Welt, in der das Brot gerecht verteilt (2x Teilen) wird und ewiges Leben herrscht. Diese Vorstellung des Ewigen hat nicht mit Zeitlosigkeit zu tun, sondern mit dem Wort göttlich, oder himmlisch.

4. „Wer glaubt, hat das ewige Leben.“ Die Frage, auf die dieser Satz antwortet, ist die Frage nach dem Sinn des Lebens. Dort, wo das Leben nicht auf Berechnung beruht, sondern auf Vertrauen, dort beginnt das ewige Leben. Gewalt und Liebe schließen sich aus. Die Kirche ist keine Macht-Institution, und wo sie eine solche war ist, wird sie sich verändern müssen. Sie ist allein Kirche des Wortes, ohne äußere Gewalt. Sie kann nichts mit Macht durchsetzen, sondern vertraut allein darauf, dass sie das Wort von selbst durchsetzt. Das ewige Leben ist das geteilte Brot, das das Leben und die Hingabe Jesu immer neu in die Gegenwart holt. Das Vertrauen überwindet den Tod, weil es durch den Tod nicht beendet wird, weil es eine Erfahrung ist, die sich immer weiter verbreitet, die keine Mauern und Grenzen aufrichtet, sondern solche öffnet, wo sie bestehen. Der Tod ist das Bild der Grenze, die überwunden wird. Das Brot ist das Bild der Gerechtigkeit, die alle Menschen erreicht.

Wir leben heute in einer Zeit, in der all dies zur Bedingung des Überlebens für den ganzen Planeten geworden ist. „Wer glaubt, der hat das ewige Leben.“

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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