Zwischenruf: Gibt es Mystiken oder nur die Mystik und wie wahr ist sie? Christoph Fleischer, Werl 2013

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Gibt es eigentlich verschiedene Mystiken, falls man das Wort einmal so im Plural gebrauchen darf? Klar ist: Mystik ist interreligiös. Buddhismus gehört genauso dazu, wie Yoga. Im Christentum gibt es Mystiken seit dem frühen Mittelalter. Besonders bekannt ist Meister Eckhart (um1260-1328), ein Ordensgeistlicher, der kurz vor seiner Ketzerverurteilung eines natürlichen Todes starb. Gleichwohl landeten seine Schriften auf dem Index. Weiterhin gibt es Mystik auch als modernes Phänomen bei Dichtern wie Rainer Maria Rilke (1875-1926) oder Hermann Hesse (1877-1962), Bildhauern wie Ernst Barlach (1870-1938), aber auch bei manch anderem Filme- oder Theatermacher. Selbst die Musik in Melodie und Text sollte von der Frage nicht ausgenommen werden, ob sie sich als mystisch versteht. Heute verbinden sich mit Mystik auch Namen wie Ken Wilber (geb. 1949, USA) und Eckhart Tolle (geb. 1948 in Deutschland, jetzt Kanada), und die Frage bei allem ist, wozu Mystiken eigentlich da sind.

Würde man diese Frage theologisch beantworten, so würde schon zu Beginn die einseitige Wahl eines rein religiösen Verständnisses getroffen. Dabei würde sich schon das nächste Problem in der Frage der Unterscheidung von Mystik und Spiritualität ergeben. Das andere Problem besteht darin, dass die institutionelle christliche Religion die Mystik nicht recht schätzt und und auch andere Religionen sie als einen Sonderweg betrachten und dulden.

Die säkularen Formen der Mystik sind keine Alternative zur Religion und führen eher an Phänomene wie Coaching oder Wellness heran, wobei sie allerdings gute Dienste leisten und bis in Managerkreise wahrgenommen werden.

In der Situation der Ratlosigkeit, die mich zwischen Faszination und schlichtem Unverständnis pendeln lässt, wähle ich als Lektüre einen Abschnitt aus dem Buch:

„Hjalmar Sunden: Religions-Psychologie, Probleme und Methoden, Calwer Verlag Stuttgart 1982.“ Hjalmar Sunden gehört zu den protestantischen Begründern der Religionspsychologie. Ein Kapitel seines Buches ist überschrieben mit: „Die Probleme der Mystik“ (S. 67-101). Dabei richtet Sunden seine Perspektive auf christliche Mystik, wobei Beispiele aus anderen Religionen hinzugefügt werden. Moderne ästhetische oder philosophische Formen nimmt er nicht in den Blick. Ein entscheidender Faktor ist nicht nur eine Art „Erfahrung“ Gottes oder einer Art von Transzendenz, sondern auch die darin eingeschlossen konkreten Erlebnisse, die diese Erfahrung untermauern. Es gibt schon seit Plotin (3. Jahrhundert) eine mystische Theologie, die inhaltlich dem Neuplatonismus verbunden ist. In Plotins Konzept verbindet sich von Gott ausgehend sein Geist mit der Weltseele, die aus Einzelseelen besteht. Das materielle Leben ist davon dann erst abhängig. Dieses Konzept ist metaphysisch und damit hierarchisch gedacht. Wichtig in unserem Zusammenhang ist die hier festgestellte fest verbundene Kommunikationslinie von Gott über den Geist zur Seele der Menschen. Die dahinter liegenden Vorstellungen stammen aus der Lektüre der frühchristlichen Wüstenmönche und schließen aus der Erfahrung der Seele eine Erfahrung Gottes. Die Seele ist darin der Teil des Menschen, der mit Gottes Gegenwart korrespondiert, der Teil, in dem Gott wirkt. Die Einbeziehung des Erlebnisses in der Religion führt zu einem ganzheitlichen Verständnis des Lebens, weil dabei Religion nicht nur rituell, intellektuell oder gar institutionell verstanden wird. Im Katholizismus des Mittelalters, also vor der Reformation, gehörte die „theistische Mystik“ (Sunden) zur Grundeinstellung der Klosterbewegung. Von einer solchen theistischen Mystik zu unterscheiden wäre eine „Seelenmystik“, die eigentlich eher im Kontext des Buddhismus zu Hause ist und ein monistisches Weltverständnis voraussetzt.

Zwischendurch sollte also schon einmal die Frage festgehalten werden, ob die christliche Religion eigentlich trotz ihrer offensichtlich dualistischen Tendenz im Grundsatz einer monistischen Einstellung widerspricht bzw. diese ausschließt, wie man andererseits dem Buddhismus die Frage stellen sollte, ob er nicht trotz des Verzichts auf die Gottesvorstellung wie im Christentum oder im Islam eine Metaphysik beinhaltet.

Monistisch ist modern gesprochen schlicht ganzheitlich. Da ganzheitliches Denken heute überwiegt, ja wie man sagt, zur Existenzsicherung des Planeten gehört, wäre die christliche Religion auch von daher aufgefordert, ihre Tradition auf monistische Grundanliegen hin zu befragen. Eine Verbindung zwischen der Seelenmystik und der theistischen Mystik gibt es in der offiziellen Tradition der christlichen Kirchen nicht, wenn sich auch die Texte Meister Eckharts auf diese Weise verstehen lassen. Doch, wie schon gesagt, galt dessen Lehre nicht als offizielle Lehrmeinung. Auch die lutherische Kirche hat sich vehement gegen die Mystik ausgesprochen, wodurch Johann Scheffler (1624-1677), genannt Angelus Silesius, sich gezwungen sah zu konvertieren, um die Publikation der Mystischen Tradition in Versform im „Cherubinischen Wandersmann“ zu ermöglichen. Bezeichnenderweise hatte sich im 17. Jahrhundert die katholische Kirche den Gedanken der Mystik gegenüber offener gezeigt als das Luthertum. Im Grunde leiten Schefflers Verse schon zu einer eher literarischen Betrachtung der Mystik über, die schon mehr und mehr eine philosophische Qualität erhält. Umso weniger ist von einem konkreten Erleben die Rede, worauf der Text Hjalmar Sundens allerdings vorrangig eingeht. Scheffler dagegen war philosophisch gebildeter Arzt und ließ sich kurz vor seinem recht frühen Tod zum katholischen Priester weihen. Wichtig ist bei ihm auch die Verbindung zwischen Menschenbild und Gottesvorstellung, die auch Sunden beobachtet. Pantheismus und die Vorstellung einer Ganzheit der Welt führt letztlich zu einer Verknüpfung aus persönlichen und überpersönlichen Elementen der Gottesidee: Gott ist alles. Auch der Nihilismus, der in der Philosophie erst von Friedrich Nietzsche (1844-1900) stärker ausgearbeitet wurde, ist in dieser Gottesvorstellung bereits enthalten. Widersprüche bleiben erhalten und werden nicht aufgelöst oder harmonisiert.

Die Frage ist natürlich nun, wie bestimmte Elemente einer Lebenspraxis Erfahrungen mystischen Erlebens ermöglichen, wobei dies in einer nicht-theistischen Mystik auch nicht zwangsläufig ein Gotteserlebnis ist, sondern eher eine Erfahrung der Ganzheit. Hier führt Sunden verschiedene Techniken an, die mehr oder weniger bis heute verbreitet sind. Die Praxis der Entsagung etwa führt zur Aufhebung der Kommunikation. Die Erfahrung der Meditation, die Sunden als Entautomatisierung bezeichnet, führt unter der besonderen Beachtung des Atmens zur Verbindung der Seele mit der Ganzheit allen Lebens (Ist christlich gesagt, nicht auch Gott die Ganzheit allen Lebens?). In diesem Zusammenhang setzt sich Sunden mit dem Begriff des Bewusstseins auseinander, da er diesen in diesem Zusammenhang nicht für treffend hält. Erfahrungen der Ruhe und der Entspannung stehen ganz anderen Techniken gegenüber, die Sunden Automatisierung nennt. Es handelt sich dabei in fast allen Religionen um eine Arbeit mit der religiösen Tradition, seien es lange oder kurze Texte. Sunden nennt als Beispiel aus dem Buddhismus den Text: „Die Form des Berges,/ das Geräusch vom Tale/ ist Buddhas Gestalt, ist Buddhas Stimme“ (S. 83). Auch die Rezitation der Suren des Koran auf Arabisch gehört zu dieser Kategorie. Religionspsychologisch betrachtet führen diese automatisierten Formen der Mystik zu Visionen oder Auditionen. Gelesenes gewinnt Gestalt und wird „wahr“. Man sollte diese psychologische Analyse nicht als Destruktion auffassen, sondern als einen Blick hinter den Vorhang der gleichwohl faszinierenden Wirkungsweise mystischer Erlebnisse. In diesem Zusammenhang wird Mystik ja gerade nicht als Vorspiegelung der eigenen Phantasie verstanden, sondern als ernst zu nehmende Erfahrung. Dies verdeutlicht Sunden am Beispiel der Theresa von Avila (1515-1582), die sich in die Christusfigur versenkt. Erfahrung der Mystik ist ein Widerfahrnis mit der eigenen Interaktion. Dabei ist die Kontemplation von der Meditation zu unterscheiden, die im Gegensatz dazu eine Aktion des Menschen ist. Nur Kontemplation bezeichnet die Beheimatung Gottes im Menschen. Eine andere Erfahrung ist die Ekstase, in der letztlich die Sinne punktuell ausgeschaltet werden. Sie steht damit Traumerfahrungen nahe, die auch zu den mystischen Erlebnissen gerechnet werden können. Doch Sunden erinnert in diesem Zusammenhang an Sigmund Freud, der einst konstatierte, dass dem bildhaften Traumerleben die Worte des Tageserlebens entsprechen. So kommt Sunden zuletzt zu einer fast säkular anmutenden Erklärung mystischer Erfahrung: „Mit großer Wahrscheinlichkeit können verschiedene, zweifellos sehr rätselhafte Erlebnisse als eine Art Reproduktionsphänomen erklärt werden, bei dem der Mystiker in Anschauung umsetzt, was er gelesen oder gehört hat.“ (S. 92).

Vielleicht sollte man sogar sagen, dass die Erlebnisebene letztlich nicht sehr ergiebig ist. Es sind vielleicht gar nicht die Erlebnisse und Erfahrungen im Detail, sondern allein die Tatsache selbst, dass sich die Gegenwart Gottes neben der abstrakten Worterfahrung im Menschen selbst als Erleben zur Sprache kommt. Die Gegenwart Gottes kann nicht auf die Erfahrungsebene der Sprache reduziert werden, die uns von außen begegnet. Sie ist von dort her genauso als Erlebnis oder als Bildvorstellung in der eigenen Vorstellung erlebbar, die mehr ist, als ein Reflex auf Worte, sondern darin auch eine persönlich geprägte gedankliche oder emotionale Verarbeitung. Diese Ganzheitlichkeit ist nicht nur exklusiv, sondern sie ist auch inklusiv, sie ist vom Menschen her gedacht miteinander vergleichbar, ohne dass Gott immer auf eine bestimmte Vorstellung festgelegt werden muss. Die Erfahrung der Mystik sprengt mit diesem konsequenten Subjektivismus die Grenze zwischen wahr und falsch und legt zugleich die Konstruktion der eher theistisch ausgerichteten Bekenntnisaussagen im kirchlichen oder religiösen Institutionsinteresse frei und zeigt ihre ideologische Funktion. Um es kurz zu sagen: Viele Vertreter der Mystik sehen Jesus als Mystiker und nicht als Theologen. Es gibt allerdings auch gute Gründe, in der Bewegung, die er schuf, auch Anfänge der Institution Kirche zu entdecken. Woraus folgt, dass Mystik und Kirche nur dann ein Gegensatz sind, wenn der Institution das Gefühl für die Freiheit der religiösen Erfahrung abhanden gekommen ist. Das ist der Grund, wieso einerseits Luthers (1483-1546) Lektüre der Mystik Taulers (1300-1361) zur Reformation führte, und wieso andererseits  in Entsprechung zum eben Gesagten, die lutherische Kirche sich von den Mystikern distanziert, im Interesse des theologischen Lehrgebäudes. Festzustellen ist zuletzt: Eine exklusive religiöse Wahrheit gibt es nicht, nicht in der Kirche, aber auch nicht in der Lehre einer modernen Mystik. Jedes Mal, wenn hier das Wort Wahrheit fällt, verlässt dieser oder jener den Konsens der subjektiven Eigenständigkeit und Vergleichbarkeit jeder Erfahrung, sofern sie denn kommunizierbar ist. Um auf die Anfangsfrage zurückzukommen: Es gibt so viele Mystiken, wie es Erfahrungen mit der Dimension der Ganzheit oder des Göttlichen gibt, und in dieser Vielfalt der individuellen Erfahrungen lässt es sich auch von einer Mystik sprechen, der Einheit der Ganzheit in der Vielfalt. Menschen, die ein klares ideologisches Gerüst brauchen, werden an einer solchen Erfahrung verzweifeln, während andere die Luft der Freiheit wittern. Im Zeitalter der Globalisierung ist diese Mystik der Vielfalt Herausforderung und Stein des Anstoßes zugleich, sie erinnert allerdings die Menschheit daran, dass sie nur gemeinsam überleben wird.

Beitrag zu Angelus Silesius: http://www.der-schwache-glaube.de/?p=1216#more-1216

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

8 Gedanken zu „Zwischenruf: Gibt es Mystiken oder nur die Mystik und wie wahr ist sie? Christoph Fleischer, Werl 2013“

  1. Wenn Wissen nur individuell ist, können wir die Kommunikation einstellen. Žižek kann Religion von außen betrachten, philosophisch reflektiert. Die Religion sollte, so individuell sie ist, ihre eigene Denkstrukturen nicht ignorieren. Niemand hat in allem recht. Integration hat eine größere Bedeutung als Abgrenzung. Es gibt faktisch keine exklusive Christologie. Gott ist Mensch wie wir und bleibt uns trotzdem fremd. Den Rest lasse ich jetzt offen. Erfahrung und Wissen haben etwas miteinander zu tun und sind doch nicht identisch. Und ich lasse mir von niemandem das Denken verbieten. Das sollte für jeden anderen auch gelten.

  2. …vergessen wird so schnell, das was Christoph Fleischer in seinem Schluss-Satz herausgestell hat:
    Wir sitzen alle im gleichen Boot.

  3. Der Reihe nach:
    Zu Schleiermachers Auffassung von Religion:
    „Die Wurzel des Religiösen im Menschen ist der Sinn und Geschmack für das Unendliche.“
    Meiner Auffassung nach liegen Glaube und Wissen beim Einzelnen selbst. Der Einzelne selbst kann für sich sagen, was Glaube und Wissen für ihn selbst ist. Gibt es für einen selbst einen Vertreter, auch wenn er Kierkegaard heißt? Führt nicht der Weg der Weg eigenen Erfahrung, incl. allen Fehlern und Verirrungen zum Wissen, zum eigentlichen Wissen?

    Zum Ausdruck Buddhanatur.
    Ein Zen-Meister sagte zu seinem Schüler: «Wenn du dem Buddha begegnest, töte ihn!» Er meinte damit, daß der Schüler den Begriff «Buddha» töten müsse, damit er den wirklichen Buddha direkt erfahren könne. Ich nenne das Christus-Natur, jenseits von Wissen und „begreifbaren“ Begriffen.

    DIe Begegnung des Buddhismus mit „Zen, Nationalismus und Krieg, Eine unheimlich Allianz,“ beruht auf das Werk des Zen-Priesters Brian Daizen A. Victoria, einem neuseeländischen Zen-Priester, der den japanischen Zen-Buddhismus in der Zeit von 1868 – 1945 und die „Vergangenheitsbewältigung“ des Zen nach dem 2. Weltkrieg beschreibt. Theseus -Verlag, Berlin 1999, engl. Originalausgabe Zen At War 1997 New York.
    Brian Victoria stellt sich als Zen-Priester des japanischen Buddhismus die Frage, ob diese unheimliche Allianz von Zen, Nationalismus und Krieg mit buddhistischem Denken zu vereinbaren ist, oder gar dessen Pervertierung darstellt. Victoria stellt diese Frage in seinem Werk von innen heraus, als betroffener Zen-Priester.
    Anders dagegen Slavoj Zizek, der selber nicht mal im Christentum zu Hause ist, meint, von außen oder oberhalb der eigenen Erfahrung argumentieren zu können. Deshalb werden er und seine philosophischen Beiträge als populärwissenschaftlich bezeichnet und sein Auftreten als eine Art Philosophie-Entertainer angesehen. Er tritt auf wie ein Sektenbeauftragter, der vorgibt, Experte zu sein, aber mit Buddhismus und Christentum selbst keine Erfahrung hat.
    B. Victoria hinterfragt aufrichtig seinen eigenen religiösen Werdegang. Welcher Weg „objektiv“ besser oder schlechter ist, sieht aus wie ein Vergleich zwischen Äpfel und Birnen…

  4. Auf die Frage „Gibt es eine offizielle Religion?“ antworte ich:
    Wer hat das behauptet?
    Schleiermacher erfindet auch keine neue Religion, sondern er wählt eine andere als die positive oder klerikale Sprache für die unterschiedlichen Formen von Religion. Dass er dabei der Religion die Ebene des Gefühls zuweist, ist ein philosophisch gekonnter Zug, denn er vermeidet dadurch den Kategorienfehler der Verwechslung von Glaube und Wissen, auf den einige Zeit später noch einmal Sören Kierkegaard vehement hinweisen wird. Ich beobachte immer wieder diese Verwechslung zwischen Glauben und Wissen bei Vertretern unterschiedlicher Richtungen, nicht nur bei Fundamentalisten, sondern auch bei kirchlich-theologisch orientierten, manchmal sogar bei mystisch orientierten.
    Die Kategorie der Erfahrung, an die hier zu Recht mit Schleiermacher erinnert wird, darf dennoch nur als Kategorie des Glaubens und nicht als eine des Wissens angesehen werden.
    Der humanistische Atheismus kann damit nichts anfangen. Da er selbst auf der Ebene des Wissens argumentiert, kann er nur einen Glauben akzeptieren, der sich ebenfalls wissensorientiert gibt. Gerhard Kracht hat mich schon dahingehend richtig verstanden, dass eine säkular gelebte Religion gleichwohl möglich ist, wenn sie die Ganzheitlichkeit sowohl auf das eigene Dasein als auch auf die Welt und ihre Zukunft anwendet.
    Der Ausdruck Buddha-Natur ist hier jedoch gänzlich fehl am Platz. Der Buddhismus ist Formen des Militarismus und der Abspaltung des Religiösen genau so offen gegenüber wie das Christentum, wie eine Untersuchung von Slavoj Zizek in „Die Puppe und der Zwerg“, Frankfurt/Main 2003, zeigt.
    Aus ernsthaft argumentierend buddhistischer Sicht wird man in den geschilderten Phänomenen der kriegerischen Gewaltbereitschaft vor allem im Kontext des Zweiten Weltkriegs in Japan ein Missbrauch der Religion sehen. Dies zeigt aber dann wenigstens, dass auch diese Form von Religion, so ganzheitlich sie im Ansatz erscheinen mag, ebenso den Gefahren des Missbrauchs ausgesetzt ist, wie es das Christentum lange Zeit war.
    Welche Religion sich als zukunftsfähig herausstellen wird, kann nur die Zukunft zeigen. Der buddhistische Weg ist nicht besser als der christliche. Die Religion der Zukunft wird individuell und ganzheitlich orientiert sein. Daran erinnerte schon die Mystik. Sie ist eine wichtige Quelle zukunftsfähiger religiöser Erkenntnis, die mit der Kategorie der Erfahrung zeigt, dass Religion im Prinzip nichts anderes ist als gelebtes Leben.

  5. Gibt es eine offizielle Religion?
    „Denn Religion ist im Menschen angelegt und gehört einer eigenen „Provinz im Gemüthe“ an.[18] Darum ist sie im Grunde etwas Anderes, als sich die Gebildeten darunter vorstellen[19]: „Die Furcht vor einem ewigen Wesen und das Rechnen auf eine andere Welt, das, meint Ihr, seien die Angel aller Religion, und das ist Euch im Allgemeinen zuwider (sic!).“[18] Schleiermacher bestärkt seine Leser in dieser Ablehnung, denn Religion ist im Kern von dieser Auffassung sehr verschieden. Er will aufdecken, was Religion ihrem Wesen nach ist und fordert dabei „daß Ihr von allem, was sonst Religion genannt wird, absehend Euer Augenmerk nur auf diese einzelne Andeutungen und Stimmungen richtet, die Ihr in allen Äußerungen und edlen Thaten gottbegeisterter Menschen finden werdet.“[20]

    Schleiermacher schreibt, dass er den Untergang der Religion nicht fürchtet, obwohl er eine zunehmende Säkularisierung in der Gesellschaft beobachtet.“
    aus:
    http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_die_Religion._Reden_an_die_Gebildeten_unter_ihren_Ver%C3%A4chtern

    Es findet eine Rückbesinnung auf „Provinz im Gemüthe“ statt. Je mehr die MEME religiöser Verstellungen schwinden, desto mehr kommt es zur Rückbesinnung auf die eigene Provinz im Gemüte.
    Menschen betonen das unterschiedlich:
    Einsichtig werden z. B. des eigenen inneren Christus,
    der Buddhanatur gewahr werden, simul iustus et peccator = bewusst – unbewusst zugleich, also GANZ, so nennen es heute viele Protestanten, die keine Angst vor Säkularisation haben.
    Vergl hier Schleiermacher-Fan Michael Schmidt Salomon:

    http://www.srf.ch/player/video?id=801d260c-d293-4c2a-8cfd-4d91607b531e%3BDCSext.zugang%3Dvideoportal_aehnlichevideos

  6. …und unter uns, lieber Christoph, gibt es objektiv eine Mystik?
    Vorschlag, einfach umdrehen:
    Der Mystiker ist nicht ein besonderer Mensch,
    sondern jeder Mensch ist ein besonderer Mystiker.
    Du ich, wir alle fühlenden Wesen
    Das ist meine feste Überzeugung.
    Mein Bekenntnis,
    woran ich glaube.

  7. Lieber Christoph,
    danke für beeindruckenden Artikel.
    Gelungen und treffend formulierst du auch die Zusammenfassung:
    Wir sitzen in einem Boot.

    Wir sitzen im gleichen Boot
    Wir sind Subjekt. Subjekt sind wir.
    Ich sehe dich. Ich sehe uns jetzt, wie wir alle im gleichen Boot sitzen.

    Wir hören auf, eine Gottesvorstellung an die Wand zu malen,
    wo drauf steht:
    Er sieht mich.
    Er sieht uns, hilft uns, ist für uns, etc.

    Das selbstkonstruierte Subjekt, was wir immer Gott nannten, wird aufgegeben.

    Die vermeintlich göttliche Hierarchie wird als Eigenkonstruktion erkannt.

    Geben wir die Selbstkonstruktion auf,
    nehmen wir uns selbst auch wieder wahr.

    Ich erscheine automatisch selbst als das Subjekt:

    „Ich bin und sitze jetzt mit allem im gleichen Boot.“

    Wir sind als Subjekte im Boot verantwortlich,
    für die Richtung, in die wir rudern.

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