Demenz und Validation, Stichworte aus einem Vortrag von Bärbel Schenkluhn, Oberhausen.

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Bärbel Schenkluhn ist Trainerin für integrative Validation nach Nicole Richard® und arbeitet im sozialen Dienst eines Seniorenzentrums in Essen-Kettwig. Der Vortrag wurde gehalten im Rahmen einer Demenzwoche des evangelischen Kirchenkreises Soest am 20.3.2013 im Mehrgenerationenhaus, Bad Sassendorf . (Mitschrift: Christoph Fleischer, Werl 2013)

 

Es geht darum, die Frage zu beantworten, wie man einen entsprechenden Rahmen schafft, um den Kontakt bzw. den Umgang mit Menschen mit Demenz wertschätzend und respektvoll zu gestalten. Die Begegnung ist bestimmt durch unterschiedliche Realitätsebenen, einerseits hier und jetzt (der orientierte Mensch) und andererseits in der Vergangenheit (innere Erlebniswelt des Menschen mit Demenz). Diese Diskrepanz löst Verwirrung aus, man kann sagen: Die Welt ist „ver-rückt“ für den Moment der Begegnung. Dies erklärt sich aus dem Krankheitsbild und der Symptomatik der Demenz.

Die Krankheit Demenz ist eine Hirnleistungserkrankung. Die Typen sind vorrangig: Morbus Alzheimer, Vaskuläre Demenz (Folgen eines großen Schlaganfalls und/oder sog. Multiinfarkte) und anderer Demenzformen. Dazu kommen die Mischformen. Die Diagnose kann ermittelt werden durch bildgebende Verfahren und Hirnleistungstests aber auch durch Ausschlussdiagnose (anderer Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik). Frage nach Uhrentest: Testaufgabe: In einen Kreis soll der Patient das Zifferblatt einer Uhr mit allen Zahlen sowie mit Stunden- und Minutenzeiger eine bestimmte vorgegebene Uhrzeit eintragen. Wenn zum Beispiel die Uhrzeiger einer Uhr außerhalb des Kreises gezeichnet werden, ist dieses ein Hinweis auf den Verlust der räumlichen Orientierung und des Abstraktionsvermögens und somit auf schwere kognitive Beeinträchtigung/ fortgeschrittene Demenz.

Im Folgenden werden einige Symptome von Demenz aufgeführt:

Störung des Kurzzeitgedächtnisses (behält im Idealfall Informationen bis zu 24 Stunden), die Alltagskompetenz ist eingeschränkt. Das Problem z. B. beim Einzug in ein Altenheim: Verlust der gewohnten Umgebung, des gewohnten Umfeldes, Verunsicherung durch das neue Umfeld, es fällt dem Erkrankten schwer die neuen Informationen zu speichern, Verunsicherung wird verstärkt. Wertschätzende Begleitung(WB) entsteht durch Erneuerung der Kompetenz durch wachsende Vertrautheit, Aktualisierung des Langzeitgedächtnisses durch bekannte Gegenstände, Bilder, Möbeln und/oder Rituale z.B. im Gottesdienstes mit alten bekannten Texten und Worten.

Störung des Langzeitgedächtnisses – Verlust von Erinnerungen

Desorientiertheit (zur Zeit, zum Ort, zur Situation und zur Person).WB: Orientierungshilfen schaffen

Konzentrationsstörungen. WB: Für Übersichtlichkeit sorgen, Ablenkung vermeiden

Koordinationsstörungen (alte vertraute Sachen).

Abstraktionsvermögen (Banane statt Obst, Messer/Gabel statt Besteck)

Erkennensstörung (Verwechslung).WB: Für Eindeutigkeit sorgen

Handlungsstörung (tut nichts).WB: verbale Aufforderung mit Körpersprache unterstützen

Kontextstörung (etwas in anderen Kontexten).WB: klare,einfache Zusammenhänge schaffen

Eingeschränktes Gesichtsfeld: (Tunnelblick) WB: Blickkontakt, auf Augenhöhe, immer von vorne ansprechen.

Allgemeine Verlangsamung WB: langsam mitgehen, Tempo anpassen.

Körpergrenzen Wahrnehmung gestört (an sich selbst Suchen und Nesteln).KG-Wahrnehmung unterstützen: Bequeme Sitz/Liegeposition, Füße hoch, zudecken, Basale Stimulation.

Zu Beginn der Demenz nehmen die Betroffenen die Veränderungen an sich selbst wahr, sind dadurch und durch das korrigierende / konfrontierende Verhalten anderer verunsichert. Dies geht einher mit einem Gefühlskarussell aus Angst, Unsicherheit, Scham, Peinlichkeit aber auch Ärger und Ungeduld.

MmD entwickeln vielfältige (Bewältigungs-) Strategien um ihre Würde zu wahren: Humor, Ausreden, Zettel, Leugnen… (WB: Nicht entlarven, keine Vorwürfe). Rückzug aus der Gesellschaft (ebenfalls Strategie), um die Konfrontation zu vermeiden. Auch von Seiten der Begleitung ist die Konfrontation nicht sinnvoll. Rückzug in die Vergangenheit weil:

– früher war alles besser; gute alte Zeit, Anerkennung, vertraute Menschen, suche nach der „Mutter“ oder nach Zuwendung (hier besteht die Chance, durch die wertschätzende Begleitung positiv auszugleichen)

Validierende, wertschätzende Begleitung

Methode der integrativen Validation setzt bei den verbleibenden Ressourcen an:

Die Gefühle bleiben (Gefühle als Kompass, Ausdrucksmittel, spontan, Achterbahn, momentane Situation).

Weiterhin präsent sind die Antriebe (pünktlich, fleißig, Glaube, Ordnung, rechtschaffen, mitteilsam, vorsichtig, Fürsorge, großzügig).

Validation heißt Gefühle und Antriebe aufnehmen und verbal bestätigen. Begegnen Sie dem Dementen auf seiner Ebene. Geben Sie ein persönliches Echo. Wirkung beim MmD: Da sagt mir jemand genau das was mir wichtig ist (Antrieb) und wie ich fühle! Mensch mit Demenz fühlt sich verstanden, dies verstärkt Wohlbefinden, gibt Sicherheit, schafft Vertrautheit. Die individuelle Bestätigung kann durch ein entsprechendes Sprichwort u/o. eine Redewendung allgemein bestätigt werden.

Fazit: Kontakt vor Funktion, d. h. erst auf die Ebene des Menschen mit Demenz einsteigen, beobachten – den Blickwinkel von dem Was die Person tut – auf das Wie sich die Person fühlt. Dies durch kurzen Satz bestätigen, wertschätzen, ggf. durch Sprichwort verstärken. Oft gelingt dann die gewünschte/ erforderliche Funktion leichter (z. B. aufstehen, essen, anziehen usw.)

Weitergehende Information auf: www.integrative-validation.de

Literaturhinweise:

– Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, Hanser München 2011

– Inga Tönnies: Abschied zu Lebzeiten, Wie Angehörige mit Demenzkranken leben, Psychiatrie – Verlag, 4. Auflage 2011

– Hanna Kappus: Das Leben ist ein großes, Alzheimer – ein langer Abschied, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2012

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

2 Gedanken zu „Demenz und Validation, Stichworte aus einem Vortrag von Bärbel Schenkluhn, Oberhausen.“

  1. Wunderbarer Artikel. Alles stimmt so, wie es aufgeschrieben wurde. Das Thema Demenz ist aber umfassend und deshalb sollte man sich die Bücher von Arno Geiger, Inga Tönnies und Hannah Kappus holen, wenn man wirklich detaillierter über die Demenz informiert werden möchte.

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