Predigt über Johannes 21, 15-19, Christoph Fleischer, Werl 2013

Print Friendly, PDF & Email

Die Predigt wird am Sonntag Misericordias Domini in Ense gehalten .

Liebe Gemeinde,

Bevor ich den Predigttext vorlese, möchte ich eine Geschichte erzählen – oder besser gesagt, ich erzähle die Vorgeschichte, den Anfang des Kapitels Johannes 21 in einer Kurzfassung, in meinen eigenen Worten und Vorstellungen. Ich möchte diese Geschichte  nicht so real erzählen, wie sie hier in der Bibel klingt, sondern als Traum, den Traum des Petrus.

Üblicherweise können wir uns im Traum über Grenzen von Ort und Zeit hinwegsetzen. Wenn wir der Schilderung der Apostelgeschichte folgen, gibt es gute Gründe anzunehmen, dass die Jünger und Jüngerinnen im weiteren Sinn  nach der Kreuzigung und Auferstehung weiterhin in Jerusalem geblieben sind. Sie treffen sich zu einer ihrer üblichen Versammlungen, bei denen sie auch schon in der Erinnerung an Jesus das Brot teilen und das Mahl halten. Dabei ergreift Petrus einmal das Wort und sagt: „Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte Euch den Traum erzählen, den ich heute Nacht hatte. Ich befand mich im Traum am See Genezareth, ganz nah an der Stelle, an der Jesus das erste Mal in mein Boot gestiegen ist, um den Menschen am Ufer eine Predigt zu halten. Ich war nicht allein, sondern ihr alle seid auch da gewesen, alle Jünger, die ganze Gemeinde Jesu. Und wir haben das Boot fertig gemacht und sind auf den See gefahren. Da haben wir aber zunächst nichts gefangen, so dass wir alle nichts zu essen hatten. Als wir zurückkamen, sah ich auf einmal einen Hirten am Ufer stehen. Er trug einen weiten Hirtenmantel und einen Hirtenstab und er hatte ein kleines Schäfchen auf der Schulter. Dann  fragte mich der Hirte : „Hast du nichts gefangen?“ Und als ich geantwortet hatte, sagte er zu mir: „Fahrt erneut auf den See und werft eure Netze aus!“ Da erkannte ich den Hirten und merkte, dass es Jesus war. Als wir von diesem Fischfang zurückkamen und die Fische an Land gebracht hatten, zählten wir 153 Fische. Jesus sagte: „Legt ein paar Fische auf ein Feuer und lasst uns essen.“ Und als die Fische fertig gebraten waren, nahm er zuerst das Brot und sprach das Dankgebet und teilte das Brot und gab es uns. Dann segnete er den Kelch und danach aßen wir die Fische. Als das Essen eine Zeit gedauert hatte, wandte sich Jesus direkt an mich und redete mit mir.

Ich verlasse jetzt die Schilderung des Traums von Petrus und lese den Text in der Fassung der Lutherbibel, als Predigttext, so wie wir es gewohnt sind.

Verlesung des Predigttextes Johannes 21, 15– 19

15Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! 16Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! 17Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! 18Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. 19Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Jesus erscheint Petrus im Traum als der Hirte. Schon zu Lebzeiten hatte er seine Kreuzigung mit den Worten angekündigt: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Aber jetzt geht er darüber hinaus und spricht eine wichtige Eigenschaft des Hirtenberufes an: Hüte meine Lämmer; hüte meine Schafe! Ein Psalm in der Bibel ist besonders geeignet, die Vorstellung vom Hirtenberuf auf den eigenen Glauben zu übertragen: der Psalm 23. In diesem Psalm ist es Gott selbst, der Hirte ist; in der Geschichte bei Johannes ist es zuerst Jesus und dann der Jünger Petrus, den er anspricht und zum Hirten macht.

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ (Psalm 23,1)

Versorgung ist also die erste Aufgabe eines Hirten. Der Hirte muss sich um diejenigen kümmern, die ihm anvertraut sind. Der Hirtenberuf ist also einer Mutter ganz ähnlich. Die Mutter versorgt die Kinder mit allem, was sie zum täglichen Leben brauchen, mit Nahrung, mit Kleidung, mit Bildung und mit Erziehung. Hirte zu sein heißt, für anvertraute Menschen Verantwortung zu tragen, sie zu versorgen. Jesus meint die Gemeinde, die Menschen, die zu ihm gehören. Sie werden vom Hirten mit dem versorgt, was sie für ihren Glauben brauchen, mit der Zuwendung in Wort und Tat, mit Gottes Segen und Hilfe.

„Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“ (Psalm 23,2)

Die Fülle der Natur stellt uns der Schöpfer zur Verfügung. Gott ist unser Hirte, weil er der Schöpfer ist. Das, was wir zum Leben brauchen, entnehmen wir der Natur. Was für Schafe die grüne Wiese und das frische Wasser ist, – das Beides von einem Hirten am Rand der Wüste immer neu gesucht werden  muss –, ist für uns das, was uns die Erde zum Leben gibt, das tägliche Brot, für das wir arbeiten müssen. Jesus ist auch unser Hirte, nicht als Schöpfer, sondern als der, der uns die Nähe Gottes vermittelt. Gott ist in allem, in der ganzen Natur, aber er kommt uns dadurch auch manchmal so weit und unerkennbar vor. Jesus zeigt uns Gott in seiner Nähe und Zuwendung. Er zeigt uns das, was für uns auf jeden Fall grüne Aue und frisches Wasser ist, die Nähe und die Zuwendung, die guten Worte, die er uns sagt und die wir auch an andere weitergeben können. Dazu habe ich mir mal einen Spruch gemerkt von Eva von Thiele-Winkler: „Das will ich mir schreiben in Herz und Sinn, dass ich nicht für mich auf Erden bin, sondern dass ich die Liebe, von der ich leb, liebend an andere weiter geb.“ Uns so könnten wir jetzt dem Psalm 23 weiter folgen und nachspüren, inwiefern Jesus unser Hirte ist.

„Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (Psalm 23, 3+4)

Bis hierhin bleibt der Psalm ganz im Bild des Hirten, bis er dann zum Motiv des Gastgebers und zum Bild des Hauses wechselt.

„Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ (Psalm 23, 6).

Der Weg wird zum Ziel. Jesus erquickt unsere Seele. Mit der rechten Straße spielt der Psalm auf die Zehn Gebote an, die von Jesus erneuert und mit dem Gebot der Nächstenliebe ergänzt werden. Was aber jetzt, im Traum des Petrus, noch einmal ganz wichtig wird, ist der Weg durch das finstere Tal. Man möchte ja meinen, dass uns die Religion als Erfolgsrezept für ein gelingendes Leben und für Glück und Zufriedenheit gepriesen würde. Doch das ist nicht der Fall. Religion ist keine Glücksversicherung, sondern der Tiefgang des Lebens, also Verzicht auf Oberflächlichkeit. Not und Leiden sind nicht auszuschließen, ja können sogar auch als Folgen des Glaubens eintreten, wie bei manchen Märtyrern. Da die Predigt sich ja nicht am Psalm 23, sondern am Beispiel des Petrus orientiert, möchte ich dazu kurz eine Episode erzählen, die manchen vielleicht bekannt ist. Sie stammt aus dem Buch „Quo vadis“ und ist eine Legende.
Petrus kommt am Ende seines Lebens nach Rom. Nachdem er dort einige Zeit gelebt und auch in der entstandenen Gemeinde gepredigt hat, werden eines Tages die Christen verfolgt. Ihnen wird gemeinsam mit den Juden die Schuld am Brand Roms gegeben, der in den engen Gassen der antiken Stadt ausgebrochen ist. Heute wissen wir, dass sich der Brand durch eine Art Selbstentzündung entfacht und verbreitet hat, also auf fehlenden Brandschutz zurückgeht. Damals hat man aber einen Schuldigen gesucht –  da war es leicht zu sagen: Die Christen und die Juden waren schuld. Als die Verfolgung der Christen begann, setzte verständlicherweise eine Fluchtwelle ein. Viele versteckten sich auch und überlebten das Massaker. Die Legende erzählt, dass Petrus die Stadt verlassen wollte. Als er an den Toren angekommen war, begegnete ihm ein Mensch, der ein Kreuz trug. Als er genau hinsah, bemerkte er, dass er den Kreuzbalken nicht oben hatte, sondern unten. Er fragte ihn und bemerkte dabei, dass es Jesus war: „Warum trägst du das Kreuz hier nach Rom hinein,?“ Jesus sagte: „Ich gehe in die Stadt, um mich ein zweites Mal kreuzigen zu lassen.“ Daraufhin kehrte Petrus um und ließ sich kreuzigen. Die Geschichte ist zwar Legende, aber sie hat wohl den wahren Kern darin, dass Petrus in Rom den Tod eines Märtyrers gestorben ist. Dieser Tod, dieses Leiden wird in unserem Predigttext angekündigt: „Wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.“ Ich muss zugeben, dass mir bei diesem Satz manche Bilder aus den Altenheimen ins Bewusstsein gekommen sind, obwohl das ja hier gar nicht gemeint ist. Hier ist gemeint, dass der der Glaube keine Glücksversicherung ist, sondern auch zu Problemen führen kann. Das soll aber nicht heißen, dass der Glaube mit Gewalt verbreitet werden soll, wie das später auch geschehen ist.

Es geht um den Hirtenberuf und den Auftrag, der sich daraus herleitet. Hirte zu sein heißt, Verantwortung zu übernehmen.

Zuerst ist der Dialog mit Jesus etwas eigenartig. Jesus fragt dreimal: Hast du mich lieb oder hast du mich lieber als die anderen. An dieser Wiederholung erkenne ich, dass die ganze Geschichte einen Traum schildert. In einer normalen Beziehung würde eine solche Wiederholung der Frage „Hast du mich lieb?“ eher auf eine Krise deuten. Muss eine Frau ihren Mann oder Freund dreimal fragen, ob er sie liebt? Wohl kaum. Aber ich denke, hier ist gemeint, dass die Beziehung zu Jesus an der ersten Stelle steht. Glaube ist Liebe zu Jesus. Diese Beschreibung befreit den Glauben von allem Druck sowohl des Tun-Müssens als auch des Glauben-Müssens von etwas. Es kommt demnach Gott nicht darauf an, was wir alles für Jesus oder für die Menschen tun können oder tun wollen, es kommt auch nicht darauf an, was wir alles von Gott wissen wollen oder können, sondern es kommt darauf an, wie groß unser Vertrauen ist. Die dreimalige Frage „Hast du mich lieb“ mündet in die dreimalige Berufung: „Weide meine Lämmer“ oder „Weide meine Schafe“.

Und damit wechselt der Hirtenstab schon zum zweiten Mal den Besitzer. Erst wird er von Gott, dem Schöpfer auf Jesus, den Menschen Gottes übertragen, der uns die wahre Menschlichkeit zeigt. Jesus übertragt den Hirtenstab an Petrus und damit stellvertretend an uns alle. Christen sollen Hirten sein, nicht Schafe. Das ist, als würde man ein Kind danach fragen: Was möchtest du einmal werden. Es würde doch eher antworten „Ich möchte ein Hirte werden“ als dass es antwortet: „ich möchte ein Schaf werden.“

Gott bleibt unser Hirte, denn er hat die grüne Aue und das frische Wasser geschaffen und gibt uns alles, was wir zum Leben brauchen. Jesus bleibt unser Hirte, denn er gibt uns die Worte, aus denen wir Vertrauen und den Sinn des Lebens erfahren. Aber auch wir können und sollen Hirten werden und Verantwortung übernehmen. Sicherlich bleiben wir, um im Bild zu bleiben, dabei auch immer die Schafe, so wie wir auch als Erwachsene Kinder unserer Eltern bleiben. Aber wir sind berufen, an Gottes Wahrheit mitzuarbeiten und Gottes Reich mit Jesu Wort auszubreiten. Der Friede kommt nicht von selbst, sondern nur dadurch, dass er gewollt und getan wird.

Wir alle müssen Hirten werden. Das ist unser aller Auftrag als Christen. Amen.

Gedicht von Marlies Blauth mit Gedanken aus dieser Predigt

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Kommentar verfassen