Dorothee Sölle – aktueller denn je, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2013

Zu: Renate Wind: Grenzenlos glücklich – absolut furchtlos – immer in Schwierigkeiten Dorothee Sölle, Mit Audio CD, ISBN 978-3-579-08155-7, Preis 14,99 Euro

Wind_RGrenzenlos_gluecklich_SoelleCD_135602Die CD dieses Medienpakets enthält Texte von Dorothee Sölle, interpretiert und gelesen von der Autorin Renate Wind, dazu englischsprachige Kirchenlieder, zum Teil instrumental gespielt,  zum Teil ebenso gesungen vom Duo „clerica beauties“ (Hans-Martin Gutmann und Michael Schirmer). Im Buch abgedruckt sind davon „What a friend we have in Jesus“ und „Abide with me“. Diese Lieder repräsentieren die „fromme“ Seite der Theologin Dorothee Sölle, die am 27.4. vor 10 Jahren im Alter von 73 Jahren starb  (2003) und zu deren Andenken dies Buch erschienen ist. Dorothee Sölle war einer der herausragenden Gestalten des Protestantismus im 20. Jahrhundert, bekannt vor allem wegen ihres politischen Einsatzes in der Friedens-, Umwelt- und Frauenbewegung. Dabei ließ sie sich allerdings nicht von einer bestimmten Richtung vereinnahmen, abgesehen von einem allgemeinen Einsatz für Sozialismus. Ihre wissenschaftlich- theologische Arbeit war ebenfalls in der Literaturwissenschaft beheimatet, da sie ursprünglich Lehrerin für Deutsch und Religion war. Die Kurzbiografie des Buches zeigt ihre persönlichen und theologischen Stationen auf. Zwölf Jahre lang pendelte sie zwischen Hamburg, wo sie mit Fulbert Steffensky lebte, und New York hin und her, da sie zwischen 1975 und 1987 Professorin am Union Theological Seminary war. Schon ihre frühen theologischen Titel provozierten die kirchliche Öffentlichkeit: „Stellvertretung. Ein Kapitel nach dem Tode Gottes“, „Atheistisch an Gott glauben“, „Leiden“. Leisere Töne, weil auf eine eher mystische Theologie verweisend, schlug sie an in „Die Hinreise“ und „Mystik und Widerstand“. Dorothee Sölle erreichte ihre Wirkung hauptsächlich als Publizistin. Und traf ihr Lesepublikum auf den Kirchentagen. Noch immer werden ihre Texte zahlreich gelesen.

Renate Wind arbeitete sofort nach ihrem Tod an einer Biografie und legte sie auch schon vor: „Dorothee Sölle – Rebellin und Mystikerin. Eine Biografie“. Hier wird ganz deutlich: Der Tod eröffnet ein neues Leben. , Weil nun ihre Publikationen nicht mehr in der jeweiligen Zeitepoche gelesen werden, sondern einander ergänzen und sich gegenseitig interpretieren, wirken die Texte nach dem Tod der Autorin umso intensiver, zum Teil sogar ganz neu  Dorothee Sölle ist immer noch sehr präsent . Jetzt eröffnen sich folgende Fragen: Waren nicht schon in ihren politischen Texten und Gedichten mystische Gedanken enthalten? War nicht schon Ernesto Cardenal aus Nicaragua, Priester, Dichter und Minister, mit dem sie befreundet war, ein Mystiker wie sie, so politisch sie beide geprägt waren? Was heißt es, dass Dorothee Sölle immer als gleichzeitig radikal und fromm galt? Renate Wind geht in diesem Buch den Spuren der Mystik Sölles und der praktischen Gotteserfahrung nach und macht sie für heute lesbar. Die Stichworte der Überschriften sind geeignet, die Perspektive kurz zu umreißen: „Gotteshunger, Sehnsucht, Traum, Verbundenheit, Zersplitterung, Liebe, Stellvertretung, Hingabe, Jesus, Passion, Gotteskampf, Gegenseitigkeit und Umarmung“. Ja war nicht schon die politische Theologie an Gottesdienstgestaltung orientiert und nicht denkbar, ohne die Vorbereitungsgruppe des „politischen Nachtgebets“ in Köln? Deuteten nicht schon ihre Gedichte und Gebete auf die Erfahrungsebene des christlichen Glaubens hin, mit dem ja gerade die Distanz überbrückt werden sollte, die die Zeitgenossen zwischen der Gegenwart und den religiösen Traditionen des Christentums empfanden? War nicht Dorothee Sölle geradezu Brückenbauerin zwischen Tradition und Gegenwart,   genauso wie zwischen Religion und Politik? Richtig, sie verstand es klar und deutlich zu formulieren. Doch steckte darin nicht immer wieder die Bestrebung, die Theologie möge quasi aus dem Himmel der kirchlichen Phrasen herabsteigen und Fleisch und Blut annehmen, so konkret wie es eben geht ausgesprochen und möglichst sogar praktiziert? Wessen Themen boten sich da nicht besser an als diejenigen des Jesus von Nazareth, der schon  bekanntlich den heiligen Franziskus zur Nachahmung bewegte? Renate Wind zitiert nicht nur Sölle, sondern interpretiert sie auch, indem sie sie darstellt. Sie betont die Erfahrung als Hauptthema Dorothee Sölles  . Vielleicht sollte man sagen, dass kein religiöser Satz wahr ist, wenn er nicht durch eine Erfahrung belegt werden kann. Auferstehung heißt nicht, an eine Welt jenseits über den Wolken zu glauben, sondern ganz irdisch, im Leben und im Alltag konkret zu zeigen, dass sich Menschen im Glauben nicht mit dem Tod, in welcher Form auch immer, abfinden, dass sie statt dessen  neue Wege gehen in ihrem Zeugnis für das Leben der Welt, die den Namen Gottes trägt, des Schöpfers. Auch dieser Name ist keine Welterklärung, sondern ein Anreiz, das, was uns auf dieser Erde gegeben ist, als gottgemäß zu schützen und zu würdigen. Dorothee Sölle war eine Prophetin des Lebens,– und ihre Schriften sind heute immer noch in diesem Sinne zu verstehen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

2 Gedanken zu „Dorothee Sölle – aktueller denn je, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2013“

  1. Es ist falsch, an einen allmächtigen Gott zu glauben. Aber man sollte auch kein Ungläubiger sein. Man sollte an religiöse Dinge glauben, die nicht allmächtig sind. Es gibt heute orthodoxe Wissenschaftler, die behaupten, dass der Mensch alles in der Natur erklären kann. Dem muss man widersprechen. Mehr dazu auf meinem Blog.

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