Predigt am Sonntag Exaudi über Johannes 14, 15–19, Christoph Fleischer, Werl 2013

Gehalten am Sonntag Exaudi 2013 in der St. Anna-Kapelle in Ense-Niederense

Der Predigttext in der Übersetzung von Jörg Zink Das Neue Testament, übertragen von Jörg Zink, Kreuz Verlag Stuttgart Berlin, 4. Auflage 1968, S. 244)

15 Wenn ihr mich liebt, lebt ihr nach den Weisungen, die ich euch gegeben habe. 16 Wenn ich nun weggehe, will ich den Vater bitten, er möge euch einen Helfer, einen Beistand schicken, der für alle Zeiten bei euch bleibt: 17 den Geist der Wahrheit. Die übrige Menschheit kann ihn nicht empfangen. Sie ist blind für ihn. Sie hat kein Verständnis für ihn. Ihr habt ihn begriffen, denn er ist bei euch und wird bei euch bleiben. 18 Ich lasse euch nicht als Waisen zurück. Ich komme wieder zu euch. 19 In ganz kurzer Zeit werden mich die übrigen Menschen nicht mehr sehen. Ihr dagegen werdet mich weiterhin sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.

 

Liebe Gemeinde,

 

wir haben einen Abschnitt aus Reden gehört, die Jesus vor seinem Leiden in der Überlieferung an die Jünger hält. Diese Worte sind also ausschließlich für die Christinnen und Christen bestimmt, für die Gemeinde. Ich denke, dass es angebracht ist, das auch heute so zu verstehen, obwohl wir ja in einer etwas anderen Rolle sind als die Jünger, da wir Jesus, anders als diese, nicht persönlich gekannt haben. Die Zeit der Erkenntnis durch den Geist, die hier angekündigt wird, nach dem Ende der sichtbaren Gegenwart des Auferstandenen ist ja noch nicht beendet. In einer Woche feiern wir Pfingsten, um damit die Kirche an das erste Ereignis dieser Ankunft des Geistes zu erinnern.

Die Gegenwart Jesu Christi ist, wie es ja auch hier gesagt wurde, damit nicht beendet, ja sie hat gerade erst angefangen. Er ist der Christus, er ist der Messias. Das Reich Gottes ist im Prinzip in dieser Gegenwart angebrochen. In den Zeichen der Gegenwart unter uns Menschen. Das ist die Mitte der christlichen Religion, weshalb sie auch christlich heißt. Es ist doch interessant, wie genau das in der Bibel schon dargestellt worden ist, so dass wir es auch auf die heutige Zeit anwenden können. Oft besteht gerade darin ein Problem. Jörg Zink fühlte sich berufen, die überlieferte Gestalt der deutschen Bibel so zu ändern, dass sie dem Urtext entsprach, aber einfacher und verständlicher für die heutigen Menschen wurde. Sein Ansatz wurde später in mehreren anderen Bibelübersetzungen wiederholt, doch er war sozusagen der Pionier. 1965 erschien sein Neues Testament und wenig später stellte er Texte aus dem Alten Testament bereit.

Er hatte nach dem zweiten Weltkrieg, in dem er als Funker in den Aufklärungsflugzeugen eingesetzt wurde und drei Abstürze überlebte, mit dem Theologiestudium angefangen. Zunächst war er in der Jugendarbeit tätig und leitete die deutsche evangelische Mädchenarbeit. Er gründete auch einen Verlag, dessen Schriften der Jugendarbeit zugutekamen, und erarbeite Schriften zur Fortbildung von Mitarbeiterinnen. In diesem Zusammenhang sah er die Notwendigkeit, die Bibel neu zu übersetzen. Er wurde als christlicher Schriftsteller bekannt und arbeitete später als Öffentlichkeitspfarrer, er moderierte z. B. lange Zeit auch das Wort zum Sonntag. Nach einem Konflikt mit seiner Kirchenleitung legte er das Pfarramt nieder und wirkte als Schriftsteller und auf Kirchentagen weiter. Jörg Zink ist inzwischen 90 Jahre alt und hat seine schriftstellerische Arbeit nach einer gesundheitlichen Krise wieder weitergeführt, sogar in diesem Jahr ein neues Buch über das Abendmahl herausgebracht. In den letzten Jahren widmete er sich darüber hinaus einem Thema, das ihn schon als Funker in der Wehrmacht interessierte, denn dort las er neben unzähligen Gedichten, die er auswendig lernte, die Schriften der Mystiker.

Ich möchte uns heute anhand des Predigttextes an drei kurzen Textbeispielen von und über Jörg Zink Grundelemente der Mystik erklären, so wie sie bis in das heutige Leben hinein verstanden und praktiziert werden können. Mystik ist nämlich nicht nur eine Lehre, sondern eine Form gelebter Religion. Ihre Grundaussage ist die Erfahrung des Göttlichen im menschlichen Leben. (Die Texte sind aus dem Buch: Matthias Morgenroth: Jörg Zink. Eine Biografie, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2013, ISBN 978-3-579-06591-5, wie im Buch werden Originalzitate von Zink kursiv wiedergegeben).

Ich gehe auf vier Begriffe ein, die der Predigttext vorgibt: Die Welt, der Geist der Wahrheit, die Jünger als die Gemeinde und die Einheit von Gott und Jesus.

Der Ausdruck „die Welt“ kommt bei Jörg Zink so nicht vor, sondern wird mit „die übrige Menschheit“ oder „die übrigen Menschen“ wiedergegeben. So wird eigentlich sehr deutlich gezeigt, dass es sich hierbei um eine Unterscheidung handelt. Die Christen sind anders als die übrigen Menschen, sie unterscheiden sich. Im Prinzip gilt das, was von der Welt gesagt wird, aber auch für sie selbst, denn sie sind ebenso Menschen wie sie. Die Unterscheidung ist also keine Kampfansage an die Anderen, wie das oft verstanden wurde, sondern eher eine Erfahrung. Diese Erfahrung wird in der Mystik durch die Stufen der Meditation ermöglicht. Jörg Zink schreibt:

Die spirituelle Tradition sagt: Lass dein Ich hinter dir. […] Unser Weg von uns selbst ist aber ein Suchen nach der Gestalt, die unser Leben annehmen soll.“ (S. 83) Das, was im Text auf die Welt, die übrigen Menschheit bezogen wird, ist der Teil unseres Selbst, der wie die übrige Menschheit funktioniert. Die spirituelle Tradition unterscheidet daher das Ich und das Selbst. Das Ich wird zurückgelassen, um das Selbst zu finden. Im Selbst ist Gottes Geist, im Ich nicht. Das Ich ist der geschöpfliche Mensch, das Selbst ist der erlöste Mensch. Jörg Zink geht nun weiter auf die Methode im christlichen Verständnis von Meditation ein, die sich von anderen Angeboten der Spiritualität bewusst unterscheidet: „Christliche Meditation setzt ein, wenn es um dreierlei geht: Erstens um das Wort, das Jesus Christus gesprochen hat oder das über ihn gesagt wurde. Zweitens um die Gestalt dieses Mannes. Drittens um den Weg, den er gegangen ist. Und das Ziel ist wiederum dreierlei: ‚Dass erstens der Meditierende selbst zu einem Wort, zu einer Stimme wird. Zweitens, das die Gestalt dieses Jesus Christus ihn prägt, und drittens, dass er, indem er jenen Weg betrachtet, seinen eigenen Weg findet.‘“ (S. 83f).

Wir sehen schon bei Jörg Zink, dass dieses eben auch zu dem Predigttext passt, dass die Unterscheidung zwischen Glauben und Welt nicht allgemein ist, sondern in der Situation geschieht, in der mir als Hörer, als Meditierendem Christus begegnet und mir etwas klar wird. Das sollte z. B. in einer Predigt geschehen.

Im Predigttext ist hierfür der Begriff „Der Geist der Wahrheit“ benutzt worden. Der Geist ist Helfer, ist Beistand ist Tröster und tritt an die Stelle der menschlichen Begegnung mit dem gegenwärtigen Jesus. Der Geist ist also, anders gesagt, Jesus in geistiger Gestalt. Dabei ist es ganz auch im Sinn der christlichen Mystik, diesen Geist als Gegenwart des Auferstandenen in sich selbst zu erfahren. Der Glaube ist der Weg dazu, denn der Geist ist in uns und bleibt bei uns. Die Gegenwart des Auferstandenen und die Gegenwart des Geistes bei den Jüngern verschwimmen etwas und ergänzen sich wohl auch.

Wichtig ist immer gewesen, diese Begegnung mit Christus durch den Geist als Erfahrung anzusehen. Das ist in der Kirche immer etwas umstritten gewesen, da diese Erfahrung auch unabhängig von Kirche möglich ist. Die Kirchen wollten immer ein wenig versuchen, das unmöglich zu machen. Andererseits war klar, dass die christliche Religion ohne diese persönliche Erfahrung nicht funktionieren kann.

Jörg Zink erklärt, dass in der spätmodernen Gesellschaft die Notwendigkeit im Moment wiederentdeckt wird, diese seelischen Erfahrungen neu zu erschließen . Wir sind technisch geprägt und müssen lernen, die Erfahrungen wieder zu entdecken. Jörg Zink schreibt selbst: „Heute stellen wir fest, dass wir Abendländer mit erschreckender Einseitigkeit unseren Verstand entwickelt haben, so sehr, dass wir nun in einer Welt leben, die aus dem besteht, was der Verstand zu erkennen vermag. […] Das Hören des Leisen, das Sehen des Verborgenen, das Einvernehmen mit dem Fremdartigen, vor allem auch die Ehrfurcht vor dem, das sich uns entzieht, haben viele unter uns verloren. […] Wir können durchaus schauen, was wir nicht sehen. Wahrnehmen, was eine verborgene Wahrheit für uns bereit hat.“ (S. 81).

Wir haben gehört, dass das im Johannesevangelium völlig selbstverständlich ist und zu der Grunderfahrung der christlichen Religion gehört, den gekreuzigten und verstorbenen Jesus als den Christus zu glauben und zu erleben oder erkennen. Das bedeutet ganz wie damals bei den Jüngern, ihn sich erscheinen und später durch den Geist sich seine unsichtbare Gegenwart glaubend zu erfahren.

Diese Erfahrung gilt im neuen Testament zuerst für die Jüngerschaft und dann für die jeweilige Gemeinde. Die Jünger lieben Christus und warten auf seine Rückkehr. Der Geist bestimmt die Gegenwart. Die Christen sehen Christus, weil sie leben. Christus ist im Leben selbst gegenwärtig. Christus zu sehen ist wohl dasselbe, wie die Zeichen des Lebendigen wahrzunehmen. Christus eröffnet das Gespür für das Lebendige. Das ist vom vorher Gesagten klar, dass das Lebendige gerade eben nicht so rational erklärbar ist, wie wir das heute annehmen. Es hat auch etwas von einem Geheimnis. Ich vermute, dass selbst Vertreter der modernen Theologie, zu denen ja auch Menschen wie Jörg Zink und Dorothee Sölle gehören, zuerst sehr rational eingestellt waren, bis sie die Mystik neu entdecken und erfahren konnten. Im Zitat ausgedrückt: „Wir sind an einer religiösen Zeitenwende angelangt, sagt Jörg Zink. Die bisherigen Weltbilder, auch die religiösen, werden nicht überdauern. … Wollen wir künftig sagen, was wir glauben, so werden wir über alles, was wir gelernt haben, hinaus auf unsere eigenen Erfahrungen hören müssen. Wir werden nicht Autoritäten oder Lehrämter fragen, was denn wahr sei, sondern werden unmittelbar und selbständig leben müssen, auch in den religiösen Dingen. […] Der Weg zur Erfahrung und zur Mystik führt bei Jörg Zink nicht ins Unnennbare, ins Nirwana […], im Gegenteil, sein Weg zur Mystik führt zugleich zurück auf denjenigen, der dem Christentum seinen Namen gegeben hat. Denn Jesus hat unmittelbar zu Gott gelebt.“ (S. 58).

Anders gesagt, eher im Sinn des Predigttextes: Glaube kommt nicht aus einem Lehrgebäude, aus dem etwas geglaubt wird, sondern aus den Erfahrungen des Lebens, aus der Frage, wie geglaubt wird. Glaube ist Vertrauen in das Leben. Gott und die Einheit des Lebens sind gleich.

Damit kommen wir zum Anlass dieser Predigt zurück, auf die Gemeinschaft zwischen Gott und Jesus, wie sie in den Symbolen der Himmelfahrt und der Ausgießung des Geistes dargestellt werden. Gott und Jesus gehören zusammen als Vater und Sohn, als Ursprung und die Erfahrung des Ursprungs. Jünger und Welt werden Unterschiede. Christus ist das Leben der Welt, aber die Welt trennt sich vom Leben. Die Zeichen der Gegenwart Jesu wie die Zeichen der Gegenwart Gottes sind die Zeichen des Lebens.

Wenn aber das nicht nur eine leere Formel bleiben soll, wenn das Leben selbst in seiner ganzen Fülle zum Glauben gehört, dann gibt es keinen statischen und feststehenden Glauben, dann ist Glaube und Religion immer auch wandelbar in Geschichte und Menschheit. Jörg Zink schreibt in einem Zitat, was das für unser Verständnis von Gott bedeutet: „Die Bilder, die uns die Religionen vor Augen stellen, wandeln sich. Sie wechseln. Aber wandelt sich damit Gott? Wohl kaum. Was Menschen sich erdenken oder was ihnen gezeigt wird, was sie erfahren und in ihren Bildern verdeutlichen, formt sich zu einer Religion […] Das kann nicht bedeuten, dass irgendein Mensch, irgendeine Zeit oder Kultur, die auf primitive oder auf reflektierte Weise Gott anrufen, nicht den wirklichen Gott erreichen. Der wirkliche Gott, der universelle, der nahe, der ferne, der offenbare, der verborgene, der mächtige, der zugleich der leidende ist, ist ihnen nah, unabhängig von den Bildern, die sie sich von ihm machen, oder von den Namen, die sie ihm geben.“ (S. 66)

Das lässt sich leicht zusammenfassen: Gott ist die Einheit des Lebens in seiner Wirklichkeit, und in seinen Eigenschaften und Gestalten ist er zugleich die Vielfalt des Lebens. Gott ist Vater und Ursprung, und wir sind die Kinder. Diese Erfahrung Gottes hat Jesus eröffnet und gibt sie immer wieder durch die Gegenwart des Geistes. Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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