Wie Gott heute lebt – Die dreifache Darstellung des einen Gottes und der Sinn des Lebens – Ein trinitarischer Versuch. Christoph Fleischer, Werl 2013

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Vorbemerkung

Wenn die Rede von Gott und die Frage nach dem Sinn des Lebens etwas miteinander zu tun haben, dann doch so, dass hier nach einer Erfahrungsebene oder Erfahrungsweise gefragt wird. Sicherlich setzt diese Frage nicht nur voraus, dass die Antwort auf diese Frage nur individuell möglich ist, sondern auch, dass die individuelle Antwort etwas zu tun hat mit den Erfahrungen anderer Menschen. Die Erfahrungsebene, die mit der Religion ins Spiel kommt, hat den Vorteil, dass sie nicht nur in der Gegenwart evident ist, sondern in diese Gegenwart einen reichen Erfahrungsschatz vieler Generationen mit hinein nimmt. Zu diesem Erfahrungsschatz gehört auch die Rede von Gott.

 

Ausgangspunkt

Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfessionen und Kulturen auf der ganzen Welt glauben an den dreieinigen Gott, an Vater, Sohn und Heiligen Geist. Eine andere monotheistische Religion fordert dieses Glaubensbekenntnis heraus, der Islam. Muslimische Demonstranten in Köln-Kalk riefen: „Es gibt nur einen Gott“, womit sie das Glaubensbekenntnis des Islam ins Deutsche übersetzten. Dort eskalierte im Jahr 2008 die ausländerfeindliche Stimmung und führte zu Demonstrationen, die Integration einforderten (weitere Infos: http://de.indymedia.org/2008/01/206066.shtml). Die muslimischen Demonstranten riefen den Satz ihres Glaubensbekenntnisses mehrmals hintereinander. Warum riefen sie immer nur diesen einen Satz? Auch die deutsche Koranforschung stellt fest, dass sich die ausdrückliche Betonung der Einheit Gottes im Islam gegen die Vorstellung vom dreieinigen Gott im Christentum richtet. (Hinweis: Angelika Neuwirth, Der Koran als Text der Spätantike, Ein Europäischer Zugang, Verlag der Weltreligionen, Berlin 2010, Tabelle S. 762).

 

Von den Gesichtern des Einen

Ist die Darstellung von den drei Personen in der Dreieinigkeit Gottes in einer Substanz etwa eine Drei-Götter-Lehre? Dieses Missverständnis wurde schon vor dem Islam in der Frühzeit der römischen Kirche ausgeräumt. Die theologische Wissenschaft ist sich im Prinzip darin einig, dass die biblischen Zeugnisse des Christentums zur Gottesoffenbarung unter der Vorgabe damals bekannter antiker philosophischer Fragestellungen wie des Platonismus fast zwanglos zur Überlegung von der dreifachen Gestalt in der Einheit Gottes führten. Die Begegnung zwischen „Jerusalem“ und „Athen“ ist also keine nachträgliche Setzung in der Entwicklung kirchlicher Theologie, sondern gehört zur Ursprungsgeschichte des christlichen Glaubens. Allgemein lässt sich feststellen, dass die oft recht einfachen und klaren biblischen Aussagen aus den Briefen des neuen Testaments unter dem Einfluss philosophischer Überlegungen zu komplizierten Gedankengebäuden führen, so dass man den Eindruck nicht los wird, dass die Einwände der Gegner damals und heute nicht von ungefähr entstanden sind. Muss man erst ein theologisches Grundstudium absolvieren, um den christlichen Glauben sachgerecht ausdrücken zu können? Dabei ist Trinitatis, Dreieinigkeit, immerhin der Name eines gewöhnlichen Sonntags im Kirchenjahr und aller anderen Sonntage danach (Sonntage nach Trinitatis).

 

Die Gegenwart Gottes ist auch heute gegliedert zu deuten

Die Orientierung mittels einfacher schematischer Darstellungen der Dreieinigkeit, angelegt an vorhandenen Denk- und Sprachstrukturen wie der Ordnung der Zeit (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), z. B. für den Religionsunterricht, trägt eher zur Verwirrung bei. Diese Vereinfachung führt im Kern an den Inhalten der Gotteslehre in der Frage der Dreieinigkeit vorbei, weil sich diese Aufteilung eher an einer formalen Dreierstruktur orientiert als an der Frage, wer Gott im Verständnis des Glaubens wirklich ist. (Siehe dazu die Aufsätze von Professor Matthias Haudel hier: http://www.kirchenkreis-soest.de/nachricht.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=3397&cHash=78a97350a1a9c181b934f693cf7f6701).

Im Zusammenhang mit der Trinitätslehre besteht also die doppelte Gefahr der Vereinfachung oder der Verkomplizierung. Über interreligiöse Anfragen hinaus tauchen in der Diskussion der Trinitätslehre in der heutigen säkularen Gesellschaft alle Fragen wieder auf, die entweder an das christliche Wunder- und Glaubensverständnis oder an den christlichen Gottesbegriff allgemein gerichtet werden.

 

Glaubensbekenntnis und Alltagssprache fallen auseinander

Manchmal sind es wohl auch bestimmte Glaubensinhalte oder Formulierungen alter Glaubensbekenntnisse, die darüber hinaus heute nicht recht einleuchten wollen. Dabei liegt es oft gar nicht daran, dass sie dem spätmodernen Weltbild oder Lebensgefühl nicht mehr entsprechen, sondern eher daran, dass sie auch sprachlich einfach kaum nachzuvollziehen sind.

Ich frage also gerade vor dem Hintergrund der möglichen Beschäftigung im Religionsunterricht, wie in moderner und zeitgenössischer Sprache Grundsachverhalte der christlichen Religion angemessen erklärt werden können. Orientiert man sich dabei etwa an Glaubensbekenntnissen in moderner sprachlicher und inhaltlicher Form, wie den Texten von Dorothee Sölle oder Jörg Zink (Beispiele: http://www.der-schwache-glaube.de/?p=834), so bemühen sich diese, sowohl Gott, als auch Christus sowie den Heiligen Geist zu erklären, versäumen es jedoch zumeist, auf die Einheit dieser dreifachen Gliederung des Gottesbegriffs hinzuweisen. Die Unschärfe, die dabei durch die traditionellen Begriffe hineinkommt, ist kaum zu vermeiden. Dogmatiker weisen heute oft darauf hin, dass der Begriff „Person“ eher im Sinn von „Rolle“ als von Subjekt zu verstehen ist. Es geht eher um die Aussagegestalt einer Vorstellung von Gott, als um die evtl. davon zu unterscheidene Wirklichkeit. Es genügt, dieses Denken von Gott auf der Erfahrungsebene anzusiedeln.

Beziehungsgestalt des christlichen Gottesbildes

Im spätantiken apostolischen Glaubensbekenntnis, das noch heute in der Kirche präsent ist, werden jedoch auch die Bezüge zwischen den Artikeln in einzelnen Begriffen deutlich, die jeweils mehrfach vorkommen oder sich aufeinander beziehen. Der Aussageform „Vater“ entspricht im zweiten Glaubensartikel der „eingeborene Sohn“ (dieses Vaters), der später auch „zur Rechten Gottes, des Vaters“ sitzt und diesen beiden, die Grenzen der Gottheit öffnend, „die Gemeinschaft der Heiligen“. Auch der „Heilige Geist“ ist nicht nur Gegenstand des dritten Artikels, sondern dient auch zur Bezeichnung der Herkunft Christi aus Gott, „empfangen durch den Heiligen Geist“. In der Dreieinigkeit kommt so verstanden ein Selbstbezug „Gottes“ zur Sprache, und zwar als eine Glaubensaussage und als eine Begründung des Glaubens. Sie hätte damit zugleich die Funktion der Selbstvergewisserung des Christentums in Abgrenzung zum Judentum, das den Messias immer noch erwartet. In dieser Hinsicht könnte man auf die Idee kommen, dass die Dreieinigkeit die theologische und metaphysisch-philosophische Begründung und Rechtfertigung der Tatsache der Menschwerdung Gottes ist.

An dieser Stelle kommen jedoch die modernen Verkündigung- und Bekenntnisaussagen wieder in den Blick, denen es um nichts weniger geht, als die Verdeutlichung der gegenwärtigen Aktualität der Menschwerdung Gottes. Doch schon diese Entdeckung der Vergegenwärtigung der christlichen Glaubensaussage machten schon in der Spätantike die Väter der Glaubensbekenntnisse.

 

Gottes gegenwärtige Aktualität

Es geht eben nicht um eine Frage von Dogmen und „richtigem“ Glauben, sondern um eine Frage von christlicher Glaubenserfahrung in ihrer Eigensprachlichkeit, die das ernst nimmt, was im Kanon des Neuen Testaments und von dort aus im Bezug auf das Alte Testament als Glaube dokumentiert ist. Die Glaubensprobleme fangen bei den meisten Zeitgenossen schon beim Begriff des Schöpfers an, weil sie die Evolutionstheorie als Gegensatz dazu auffassen. Wer allerdings schon einzelne Aussagen des Glaubensbekenntnisses in Frage stellt, wird dann kaum bei einer Vorstellung der Trinität landen können. Wenn in der säkularisierten Moderne der christliche Gottesglaube nicht mehr im Sinne Kants als Vernunftglaube vermittelbar ist, dann ist es die Trinität erst recht nicht. Dabei wird allerdings gleich auch die wichtige Verstehenshilfe geopfert, die diese Lehre auch gerade heute nicht allein für philosophisch interessierte Zeitgenossen bietet.

Wichtig, um die Trinitätslehre grundsätzlich zu verstehen, ist zum einen der Bezug auf Jesus, dessen Glaube von Gott und vom Menschen her zu deuten ist. Sodann ist die Einheit Gottes in seinem universellen Wesen als Grundlage alles Lebendigen vorzustellen. Um sich zunächst auf diese beiden Elemente der Trinität zu konzentrieren, ist zunächst ihre Vielfalt festzustellen.

 

Die Trinität Gottes eröffnet den Zugang zur Vielfalt des Lebens

In dieser Hinsicht ist ausgerechnet der Koran eine interessante Verstehenshilfe. Sein Missverständnis besteht wohl darin, dass er meint, die vermeintliche Drei-Götter-Lehre der Bibel würde die Rede von der Vielfalt Gottes ausblenden. Der Koran verweist auf 99 verschiedene Namen und damit auf Eigenschaften Gottes. (Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/99_Namen_Allahs.) Hat das Christentum demgegenüber nur drei Namen Gottes? Ohne hier ins Detail zu gehen, möchte ich behaupten, dass sich beinahe alle 99 Namen ebenso in der Bibel finden lassen. Das Christentum kennt eine Vielfalt von Gottes Wirkungen und Darstellungsformen, sowohl in ethisch-moralischer Hinsicht, als auch in den Formen der religiösen Anbetung und Verehrung, sowie der Anhaltspunkte für Hoffnung und Überwindung des Leidens. Die Lehre von der Trinität, von der Dreifaltigkeit Gottes bezieht sich auf die gesamte lebendige Gottesidee der christlichen Bibel in ihren unterschiedlichen Wirkungen, Formen und Gestalten. Damit ist dem Christentum die Vielfalt des lebendigen Gottes eigen. Seine Vielfalt ist so umfassend, dass es neben ihm keinen anderen Gott gibt. In diesem Sinn übernimmt das Christentum die jüdische Tradition, die Gültigkeit des AT, wobei es allerdings den Schöpfergott über den Bundesgott stellt, bzw. den Bundesgott vom Schöpfergott her versteht. Der Gott im Bund mit dem Volk ist also einer neben anderen Göttern („Du sollst keine anderen Götter neben mir haben…“ 2. Mose, Vers …), während der Gott der Schöpfung der eine Gott der allumfassenden Vielfalt der Schöpfung ist.

 

Der gegenwärtige Glaube ist die Gegenwart des Geglaubten.

Alle Teile des Glaubensbekenntnisses stellen Elemente der göttlichen Vielfalt heraus, sicherlich im Bewusstsein, hierbei eine Auswahl getroffen zu haben. So erwähnt der erste Glaubensartikel nicht, dass Gott als der Richter geglaubt wird, der die Taten und das Wesen der Menschen beurteilt, um dieses Bekenntnis in der Beschreibung der Person Christi nachzuholen und dem entsprechend die zeitlichen Faktoren dieses Endgerichts wiederum in die Erwartung seiner Wiederkunft einzuordnen. Gott ist Vater und als Schöpfer der Ursprung, und in Jesus das Bild eines bestimmten Menschen, der die Bestimmung hat, das Bild Gottes vollkommen darzustellen. Der Sinn beider Elemente erschließt sich jeweils in der Gegenwärtigkeit des Geglaubten. Die Wirkung der Schöpfung ist die Existenz. Die Wirkung der Menschwerdung Gottes in Christus ist die Vorstellung von der Achtung der Menschenwürde. Der Heilige Geist steht als die Ermächtigung Gottes, dieses alles in der Gegenwart erfahren zu können. Hier gibt sich Gott selbst und wird gegenwärtig. Das christliche Gottesbild ist nur in der Relation Vater-Sohn zu haben. Die Betonung liegt hierbei auf der Relation und nicht auf dem einen oder dem anderen Pol. Angewandt auf die Ebene der Schöpfung ist Christus der vollkommene Mensch und zugleich, wie alle Menschen, das Bild Gottes. Der Geist Gottes ist dazu spiegelbildlich zu deuten: Christus geht aus dem Heiligen Geist hervor, er ist vom Geist getauft und insofern ist der Geist Gottes das Element, das seine Sendung und Vollmacht erst einleuchtend macht. Unklar ist von heutiger Sicht her, inwiefern die Seele als der Sitz Gottes z. B. in der Tradition der Kirchenväter zugleich als psychisch im modernen Verständnis angesehen werden kann. Ist dann nicht sogar der Heilige Geist die psychische Instanz des Vaters zuerst im Sohn und dann in allen, die an Jesus Christus glauben? (Anmerkung: Siehe dazu die Artikel im Buch Patristik und Resilienz, Frühchristliche Einsichten in die Seelenkraft, Hg. Von Clemens Sedmack, Malgozata Bogaczyk-Vormayr. Akademie Verlag Berlin 2012).

 

Die Übersteigerung der Realität gehört zur Wirklichkeit

Andererseits wird Jesus ja in den Evangelien nicht deshalb als Wundertäter geschildert, um einen antiken Uri Geller zu präsentieren, einen Zauberer, sondern um die Gegenwart Gottes als eine die Welt übersteigende Wirklichkeit darzustellen. Das Übersteigen der realen Welt durch geistig-phantastische Erfahrungen stört jedoch unser spätmodernes Wirklichkeitsempfinden, so weit es nicht in die Gattung der Phantasie-Ästhetik in Literatur, Film und Videospiel eingeordnet wird, was gegenüber der kirchlichen Verkündigung als nicht ernsthaft genug empfunden wird. Es gibt nur eine Wirklichkeit. Oder, in den Worten des Konstruktivismus ausgedrückt, Wirklichkeit ist immer das, was ein bestimmter Mensch als Wirklichkeit erlebt. Was aber ist in dieser Welt der Vielfalt der Sinn des Daseins?

Müsste man nicht in einem Satz sagen können, inwiefern der dreieinige Gott die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens ist? Welcher Anspruch steckt dahinter? Wozu wäre das gut und hilfreich? Dazu wurde in der traditionellen Lehre unterschieden zwischen der „immanenten“ Trinität, die Beziehungen der drei Gestalten untereinander betreffend, und der „ökonomischen“ Trinität, den jeweiligen Wirkungen entsprechend. Meines Erachtens geht es dabei auf der Erfahrungsebene um die Frage von Vielfalt und Einheit in der Beschreibung der Gottesbegegnung. Alle Bereiche der dreifaltigen Gestalt Gottes sind daraufhin auf die Wirkung für das Menschsein zu befragen, da der christliche Gott kein unabhängig vom Menschen existierender Gott ist. Diese Aussage untermauert auch die Lehre von Jesus Christus, in der die Menschlichkeit Gottes in Worten der Glaubenslehre ausgedrückt wird.

 

Die Vielfalt Gottes im Glauben und die Auswirkungen der Weltkrise

Die Vielfalt der Erlebnisgestalten Gottes in den Glaubenserfahrungen lässt sich weder auf drei noch auf neunundneunzig beschränken. Vielfalt ist eine prinzipiell offene Größe. Sie ist zeitlich offen und auf eine lebendige Veränderung auf Zukunft hin angelegt. In der Moderne hat man die christliche Eschatologie evolutionär ausgelegt, als sei das Reich Gottes im Grunde genommen nichts anderes als die Vollendung der menschlichen Gemeinschaft in der religiösen Gestalt einer Utopie, so etwa z. B. Paul Tillich (Systematische Theologie, Band 3). Von solchen Utopien sind wir heute in der Zeit der Weltkrise jedoch weit entfernt. Dennoch ist die Lebendigkeit des Lebens so evident, wie die Lebendigkeit Gottes im Glauben an das Leben.

Im Prinzip wird im christlichen Glauben die Vorstellung der Erwählung Israels und seines Bundes mit Gott auf die gesamte Menschheit ausgedehnt, die schon in der Erzählung von Adam und Eva angelegt ist. Um diese möglich zu machen, erscheint der Endzeit-König Israels, der Messias, Christus, in der Gegenwart der Menschen und eröffnet ihnen im Leben und Sterben über seinen Tod hinaus die Verbindung mit Gott, dem Schöpfer – als sein Vater und als persönlicher Ursprung aller. Eine auf eine bestimmte soziale Größe hin angelegte Glaubensstruktur passt als Modell auf die vom Menschen aus gesehene Welt.

 

Der Sinn des Lebens von Gott her gedeutet.

Der heilige Geist ist die Gestalt der der Beziehung zwischen Gott und Mensch, die in Jesus exemplarisch so ausgestaltet wird, dass sie sich später in der Kirche, im Leben der Menschen und im Glauben verwirklichen lässt. Gott ist so weder Heilsbesitz noch Gott im polytheistischen Sinn. Es gibt neben Gott wirklich keinen anderen Gott. Gerade die Trinitätslehre macht es möglich, in all dem keinen exklusiven weltanschaulich festgelegten Glaubensbesitz darstellen zu müssen.

Die Wirksamkeit des lebendigen Gottes verkörpert sich exemplarisch in Taufe und Abendmahl, Gestalt und Sendung Jesu Christi vermittelnd. In der Öffnung der Einheit Gottes auf den Sohn und den Heiligen Geist hin ist die Welt der Menschen gemeint. In der Trinitätslehre erfindet das Christentum quasi die Welt, indem sie den Glauben an den einen, lebendigen und auf Vielfalt angelegten Gott so darstellt, dass sich das Handeln und Erleben der Menschen darunter umfassend deuten lässt.

Der Sinn des Lebens wäre von Gott her also folgendermaßen zu beschreiben: Es gibt Hoffnung und Verzweiflung, oder umgekehrt, erst Verzweiflung, dann Hoffnung. Es gibt Liebe und den Glauben des Vertrauens an die eigenen Gefühle und die der anderen Menschen. Aus dem Urvertrauens des Glaubens folgt die Ethik der Nächsten- und Feindesliebe.

Die Statik eines Einheitsglaubens ist in der Lehre von der Dreieinigkeit obsolet. Der Glaube an den dreifaltigen Gott erzwingt kein einheitliches Denken, sondern integriert unterschiedliche religiöse und philosophische Denkwelten, wie er andererseits auch Denkmöglichkeiten ablehnt. So ist es z. B. von der Trinitätslehre her unmöglich, allein in der jeweiligen Gegenwart und ihrer freien Glaubenserfahrung die Gegenwart Gottes zu sehen, ohne dass diese mit dem Zeugnis der Bibel in Verbindung steht (Schriftprinzip). Das gleiche gilt umgekehrt für einen strengen Traditionalismus, der sich damit automatisch der Gegenwart des Geistes verschließen würde. Die Trinitätslehre als Glaubensmodell gibt der Liebe und ihren Glaubensformen eine strukturiert begründete und reflektierte Gestalt, die sowohl traditionsbezogen als auch zukunftsoffen ist. Der Trinitätsglaube lässt Unschärfen zu, um einen Boden der Gemeinschaft unterschiedlicher Menschen zu bereiten. Einheit in der Vielfalt, dafür steht die Grundstruktur des Drei in eins.

 

Respekt vor dem Geheimnis des Lebens bewahren

Welche Vorstellung vom Sinn des Lebens folgt aus dem christlichen Glauben? – so lautete die anfangs gestellte Frage. Ist der Grund allen Seins ein Geheimnis, dann besteht der Sinn des Lebens darin, die Menschen auf die unterschiedlichen Erfahrungen hinzuweisen, die sie in dieser Welt machen, wobei der Glaube an Gott im Gegenüber und in seiner Nähe verdeutlicht, dass keine dieser Erfahrungen sinnlos ist. Jede Erfahrung des Lebens ist eine Botschaft an uns und andere. Das Leben ist nicht zufällig, sondern vom Anspruch seiner Sinnhaftigkeit her zu deuten. Damit enthält der Glaube zugleich einen Imperativ: Alle Erfahrungen sind dazu da, uns selbst aufzufordern, uns im Sinne des Friedens, der Liebe und der Bewahrung des Lebens zu verändern. Gott ist das gestaltete Symbol einer Vorstellung vom Sinn des Lebens. Die Trinitätslehre ist keine theoretische Formel, sondern sie bezeugt Gottes Liebe, die darin besteht, dass Gott und die Menschen dasselbe Geheimnis teilen, nämlich die Beziehungsgestalt des Lebens zu kennen. Gott eröffnet Vielfalt und Lebendigkeit aller Erfahrung, nicht ohne Konflikt und Widerspruch, aber mit dem Wunsch, die Menschheit möge insofern Gottes Bild sein, dass sie das Leben der Welt schützt und bewahrt.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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