Schwarzbuch mit Augenzwinkern, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2013

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Zu: Bernd Kramer: Erleuchtung gefällig? Ein esoterischer Selbstversuch, Christoph Links Verlag Berlin 2013, ISBN 978-3-86153-717-5, Preis 16,90 Euro

717-Erleuchtung US (1)Bernd Kramer ist gelernter und praktizierender Journalist. Was liegt es also näher, als einmal die Königsdisziplin zu erproben, die durch Günter Wallraff populär wurde, die verdeckte Recherche oder Undercover-Ermittlung? Hierzu bedarf es eines abgegrenzten Feldes der Beobachtung und eines konkreten Verdachts. Das Gebiet ist der esoterische Markt und der Verdacht soll wohl der sein, dass Wahrsagerei und esoterisches Coaching Betrug am Kunden sei, da deren Wirkung und Begründung die wissenschaftliche Bestätigung fehle. Zweifellos ist dort manches recht schräg, was ja auch schon durch andere Schwarzbücher aufgezeigt worden ist.

Das Buch von Bernd Kramer liefert jedoch kein staubtrockenes besserwisserisches Schwarzbuch, sondern eine selbst erlebte Geschichte, in der sich der Autor aufmacht, esoterische Techniken zu lernen, ohne an sie zu glauben, was ihm recht gut gelingt, wenn er sich gar mit einem Rückenkratzer und einem silbernen Christbaumzapfen erfolgreich auf eine Esoterik-Messe begibt, um an einem eigenen Stand sogenannte Aura-Reinigung zu praktizieren. _Allen Klientinnen (ja, Männer fehlten darunter) geht es anschließend subjektiv gefühlt besser und sie geben ihm Geld, obwohl er selbst kein Honorar verlangt hat. Doch für dieses Engagement auf der Messe musste Bernd Kramer zuvor eine Ausbildung als esoterischer Berater machen, wobei er das Channeling, den direkten Kontakt zur geistigen Ebene zu seinem Schwerpunkt machte. Die Erfahrung der späteren Beratung zeigt, dass viele Anruferinnen bewusst danach fragen, was die geistige Ebene auf ihr Anliegen als Antwort geben kann. Daraufhin konnte er sich als Berater bei einer Hotline anmelden, hat aber damit bei einem durchaus wachsenden Kundenkreis kaum mehr als 20 Euro verdient, einen geringeren Anteil als die Betreiberfirma der Hotline.

Das Buch legt über die praktische Recherche eine zweite, historische Schicht der inhaltlichen Recherche zum Thema Wahrsagen und Okkultismus von Cicero über Immanuel Kant bis Thomas Mann. Was es letztlich beweist, ist, dass man, wie der Autor selbst, esoterische Methoden anwenden kann, ohne daran zu glauben. Doch dem eigentlichen Phänomen der geistigen Unterstützung zur Selbstheilung kommt er darum weniger auf die Spur, vielleicht weil er sich bewusst auf die Beraterperspektive konzentriert. Die Menschen fühlen sich nach solchen Beratungen besser, obwohl, wie gezeigt, objektiv im Sinn naturwissenschaftlicher Kriterien nichts dran ist. Warum also fragen sich Menschen heute: „Wie bekommt man das Denken aus dem Kopf?“ (S. 117) Ist Esoterik also doch nichts anderes als eine Form säkularer Religion und liegt nicht darin schon die Antwort, wenn mit den Worten einer Seminarleiterin heißt: „Je mehr Lebenserfahrung wir haben, desto stärker decken sich die Botschaften der geistigen Welt mit unserem gelebten Selbst.“ (S. 117)? Was wäre, wenn sowohl Klient_innen als auch Berater_innen eben genau darum wüssten, dass sie eine (quasi religiös-) symbolische Sprache gebrauchen und Inhalte einer geglaubten Erfahrung kommunizieren? Was ist zuletzt schlimm daran, dass Heilungserfahrungen in esoterischen Behandlungen mit dem Plazeboeffekt verglichen werden können? Symbolisiert die geistige Welt nicht zuletzt die Ebene des Gefühls, das in der rationalen Marktgesellschaft auf der Strecke bleibt? Und was hat es damit auf sich, dass Beraterinnen und Berater um alles in der Welt versuchen, keine Verantwortung für die Probleme der Klient_innen zu übernehmen, sondern sie zur Übernahme von Selbstverantwortung ermutigen und, wenn es gut geht, auch ermächtigen? Was ist schlimm daran, wenn die Botschaft einer Beratung zuletzt schlicht lautet: „Du kannst das!“? Um es auf den Punkt zu bringen: Der Autor zeigt im Grunde am Beispiel der eigenen Rolle im esoterischen Sprachspiel, dass hier der Erfolg auf einem Muster von Vertrauen und Kommunikation beruht, wofür die esoterische Technik das Medium ist. Die gemeinsame Vertrauensbasis der Berater- und Klientenseite besteht darin, an die „geistige Welt“ im Moment der Beratung zu glauben. Insofern ist der kritische Text diese Buches der Nachweis dafür, dass sich solches Vertrauen missbrauchen lässt und, dass es ggf. missbraucht wird.

Diese Kritik soll nicht vergessen machen, dass das Buch von Bernd Kramer insgesamt gut zu lesen und informativ ist, auch wenn er sich in der Auswahl der Texte auf die Seite der Esoterik-Kritiker geschlagen hat. Die Pro-Argumente kommen zuletzt ein wenig zu kurz. Klassiker wie Rainer Maria Rilke, Annette von Droste-Hülshoff oder Johann Wolfgang von Goethe werden nicht erwähnt. Es ist wohl schwierig, im Bereich der Esoterik Zustimmung und Kritik in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Das Thema Esoterik wie auch das Thema Religion scheinen auf ähnliche Art polarisieren. Fragen offen zu lassen, hat noch keinem Buch geschadet. Die journalistische Arbeit ist gelungen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

2 Gedanken zu „Schwarzbuch mit Augenzwinkern, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2013“

  1. Dazu möchte ich gleich ins Plenum fragen: Was ist denn Esoterik überhaupt? Wie grenzt man sie ab zur Nicht-Esoterik?
    Hat nicht jede Religion esoterische Elemente? Und was ist mit Kunst? Wenn man wollte, könnte man doch auch KünstlerInnen als EsoterikerInnen sehen: Sie arbeiten mit Ideen, die weder zu überprüfen noch messbar sind, erschaffen Zusammenhänge neu, holen fast Vergessenes in die Gegenwart, geben den Rezipienten Impulse mit etc. – und tragen etwas auf den Markt, was in Wirklichkeit nur ein bisschen Farbe auf einem Malgrund ist oder ein irgendwie geformter Klumpen Metall. Was ist Kunst? Verkäufliche Illusion und damit ein esoterisches Täuschungsmanöver? Oder Anteil an Lebensqualität?
    Und da schließt sich der Kreis zur Religion: Auch sie trägt zur Qualität des Lebens bei. Muss nicht alles, was dem menschlichen Leben Tiefe verleiht und über das alltägliche „Funktionierenmüssen“ hinausweist, irgendwie auch esoterische Aspekte haben?
    Und wer will da verbindlich sagen, was gut und nützlich, was schlecht oder gefährlich ist? Übrigens: Sogar Essen kann sich zur Sucht oder jedenfalls ungut entwickeln, gesundheitsschädlich und teuer werden. Aber auch da sind die Grenzen fließend – und die Ansichten ziemlich unterschiedlich.

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