Im Ganzen Gott sehen und begegnen, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2013,

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Zu: Rudolf Hubert: Im Geheimnis leben, Zum Wagnis des Glaubens in der Spur Karl Rahners ermutigen, Mit einem Nachwort von Roman Siebenrock, Echter Verlag Würzburg 2013, ISBN 978-3-429-03602-7, Preis: 49,00 Euro

„Unser gesamtes Sein – mit allem, was dazugehört – ist die Anrede Gottes an uns.“ (S. 249)
Mit diesen und anderen Worten fasst Rudolf Hubert, katholischer Theologe und Geschäftsführer eines Caritasverbandes, die Gottesvorstellung von Karl Rahner zusammen. Das Konzept der Bearbeitung dieser Zitate Karl Rahners stammt aus der Erwachsenenbildung, in der es von vornherein um Verständlichkeit und Umsetzbarkeit geht.

Die Biografie des Autors ist von der Zeit in der DDR geprägt. Dort hat er die Verkündigungsgestalt Rahner als besonders konstruktiv wie kritisch erlebt. Karl Rahners Theologie, insbesondere seine mehr geistlichen Texte, wie z. B. das Buch „Von der Not und dem Segen des Gebetes“, aber auch sein pastoraltheologisches Werk „Sendung und Gnade“ oder sein „Großes Kirchenjahr“ haben ihm in der DDR-Zeit sehr geholfen, die Schwächen und völlig überzogenen Ansprüche der Staatsdoktrin des Marxismus-Leninismus zu erkennen. Karl Rahner hat ihm einen Zugang in „intellektueller Redlichkeit“ zum Glauben ermöglicht – gerade in einer Zeit, in der dieser lächerlich gemacht wurde. Rahner galt als der Konzilstheologe und hat sicherlich in dieser Zeit all diejenigen geprägt, die um das Verständnis des Glaubens vor dem Hintergrund der Moderne bemüht waren. In den Worten des Autors: „.Karl Rahners Spiritualität des Alltags ist tatsächlich ‚geerdet‘, sie ist wirkliche Lebenshilfe. Außerdem kennt Karl Rahner die kirchliche Dogmatik in außergewöhnlicher Tiefe, die es ihm gestattet, deren ‚innere Kraft‘ durch eine zeitgemäße Begrifflichkeit aufzuschließen. Dazu gehören solche Begriffe wie Gnade als ‚vergebende und freie Selbstmitteilung Gottes‘, oder ‚Gott als heiliges Geheimnis‘ und Jesus als ‚absolutes, irreversibles, endgültiges Zusagewort Gottes‘“. (Persönliche Mitteilung in einer E-Mail.)

Das Buch arbeitet mit kurzen Zitaten aus dem umfangreichen Werk des katholischen Theologen, der bis Ende der Sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Münster lehrte. Alle Textzitate aus Rahners Schriften werden mit dem gleichen Modus bearbeitet, einem Dreischritt: 1.“Kurze Interpretation“, 2. „Entfaltung auf die heutige Erfahrung hin“ und 3. „Zu welcher Bekehrung möchte Rahner mit diesem Text bewegen?“ Gerade diese didaktisch gedachte Verbindung zwischen dogmatischer Theologie und religiöser Praxis macht deutlich, dass es eben Karl Rahner genau darum gegangen ist, die Zeitgenossen der Moderne zu erreichen und zur religiösen Praxis zu ermutigen. Die Anlehnung an Seinsbegriffe Heideggers lässt seine Theologie manchmal auch sogar etwas säkular wirken. Rudolf Hubert unterstreicht, dass es Rahner eben nicht um „Anpassung an den Zeitgeist“ ging, sondern um die „Konzentration auf die eigentliche Substanz des Glaubens“ (S. 245) Dabei umfasst der Begriff des „Geheimnisses“ (vgl. Titel) das, was von der philosophischen Ontologie das Nichterkennbare genannt wird. Gott ist der Name für das „unbegreifbare Geheimnis“ (S. 249).
Fast protestantisch mutet bei Rahner, so wie Hubert ihn darstellt, die Umkehrung der Erwartungshaltung an. Im Gegensatz zum modernen Menschenbild, in dem der Mensch sich selbst und seine Welt interpretiert, heißt es jetzt: „Nicht wir ergreifen Gott, auch nicht in unserem Denken.“ (S. 248). Aus dieser, wie man sagt, negativen Theologie folgt keine Ratlosigkeit und kein Agnostizismus im Stile Spinozas, sondern die Erfahrung Gottes im Ganzen der Lebenserfahrung des Menschen. Es scheint, als sei es an der Zeit, ontologische Grundaussagen neu zu durchdenken, um sie nicht auf modern-säkulare Weise verstehen zu müssen.
Die acht Kapitel des Buches von Rudolf Hubert widmen sich grundlegenden theologischen Themen. Zwei Aufsätze über Karl Rahner vom Autor und von Roman Siebenrock (Innsbruck) und ein ausführliches Literaturverzeichnis runden das Buch ab. In nicht weniger als 518 Anmerkungen erläutert der Autor seine Beobachtungen und Rückschlüsse. Seine eigene Einschätzung, das Buch sei kein „wissenschaftliches Werk“ zur „theologischen Auseinandersetzung“ (S. 11), kann sich der Rezensent nicht anschließen. Im Gegenteil: Der Autor ermutigt die Leser_innen, die Texte Karl Rahners in die Hand zu nehmen und so zu lesen, als seien sie für heute geschrieben. Theologisches Nachdenken kann und soll Spaß machen, wenn Alltagsbezüge und verständliche Inhalte gegeben sind, was in diesen Texten der Fall ist.

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Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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