Schüsse im Gefängnishof, tödlicher Widerstand und ein „Bunkerknacker“ – Menschen und Schicksale hinter unscheinbaren Gedenktafeln (Einblicke in die Gedenklandschaft Münsters)

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Münster. Sie prägen das Stadtbild. Täglich sehen und übersehen wir sie – Denkmäler und Ehrenmale. Über 100 Objekte erinnern an Straßen, Gebäuden, in Parks und auf Friedhöfen an Opfer von Krieg und Gewalt. Ausgewählte Beispiele für die reiche Gedenklandschaft Münsters stellen wir in einer Serie vor. Heute: Menschen und Schicksale hinter unscheinbaren Gedenktafeln. Die kleine Bronzetafel auf einer zugemauerten Türöffnung des Gefängnisses an der Gartenstraße legt seit 1986 Zeugnis ab von einer Gräueltat, die nur sechs Wochen vor der Kapitulation der deutschen Nationalsozialisten 17 russischen Zwangsarbeitern das Leben kostete. 16 Männer und eine Frau wurden am 29. März 1945 im Hof des Zuchthauses von der Gestapo kaltblütig erschossen.
Die Fremdarbeiter fristeten ihr überwachtes Leben im Russenlager Maikotten. Nach Alarmplänen des Reichssicherheitshauptamtes waren die zwangsrekrutierten Arbeiter unter den Generalverdacht geraten, Aufständische zu sein. Die Gestapo hatte bei Einlieferung der 17 Todgeweihten am 28. März an der Gartenstraße angeordnet, dass diese Menschen nicht eingeschrieben oder verpflegt werden müssten, da sie am anderen Morgen weiter transportiert werden sollten. Sie wurden nie abgeholt.

Gegen Mittag waren auf dem Hof der Strafanstalt zwischen den Flügeln B und C Schüsse zu hören. Fünf Beamte der Staatspolizei hatten ihre Opfer durch Genickschuss hingerichtet und dann in einem Bombentrichter verscharrt. Dies dokumentiert die Zeugenaussage eines Polizeimeisters.

Die sterblichen Überreste der Ermordeten ruhen heute fern ihrer Heimat auf dem städtischen Friedhof Lauheide.

Überzeugter Gegner des Nationalsozialismus

Die Erinnerung an einen überzeugten Gegner der Nationalsozialisten hält eine Gedenktafel an der Außenwand der Kapelle auf dem katholischen Friedhof St. Josef in Kinderhaus wach. Anton Hemesath (1906 – 1934) stellte sich gegen die Nazi-Ideologie und trat in der „katholischen Liga“ für die Kirche und seinen Glauben ein. So entfernte er mit anderen Ligisten im April 1932 Nazi-Parolen von der Kinderhauser Pfarrkirche St. Josef.

Zwei Wochen später lauerte ihm ein SA-Trupp auf und verletzte ihn mit einer Eisenstange schwer am Kopf. Der 26-Jährige überlebt den Anschlag zwar. Doch es bleiben ständige, heftige Kopfschmerzen und ein durch gesundheitliche Probleme stark eingeschränktes Leben.

Hemesath heiratet im Juli 1933 seine Verlobte Bernhardine. Das Paar bekommt zwei Kinder. Die Geburt seines Sohnes Anton aber wird er nicht mehr erleben. Am 21. November 1934 stirbt der Kinderhauser an den Spätfolgen seiner schweren Kopfverletzungen im jungen Alter von 28 Jahren.

Zuvor vertraut er den Namen des Haupttäters seiner Frau an. Diese weigert sich jedoch nach Ende des NS-Regimes ihn preiszugeben. Der Mann habe Kinder, denen wolle sie den Vater nicht nehmen. 1956 erhält sie vom Regierungspräsidenten die lang erkämpfte Anerkennung ihres Mannes als politisch Verfolgter und Opfer des NS-Regimes.

Tod im Bunker

Der im Zweiten Weltkrieg mit etwa 4000 Sprengbomben größte Angriff auf Münster forderte am 18. November 1944 seinen Tribut auch an der Hammer Straße. 68 Menschen starben unter den Trümmermassen, nachdem eine neuartige Bombe in die 1,40 Meter dicke Betondecke im Ostteil des Schützenhofbunkers an der Wörthstraße / Ecke Straßburger Weg eingeschlagen war. Der „Bunkerknacker“, so nannte ihn der Volksmund, drang etwa 60 Zentimeter tief ein, detonierte und riss zwei Geschossdecken mit sich in die Tiefe. Die Bombe zerstörte nicht nur Leben sondern auch das Vertrauen in die Sicherheit und die damit verbundene Hoffnung auf Schutz der Menschen im Südviertel. Viele verließen die Stadt. Die Bürger des Südviertels erinnern heute mit einer Metalltafel an der Westseite des Bunkers an die zivilen Kriegsopfer. Eine bleibende Mahnung zum Frieden.

Info: In der Dokumentation „Erinnern im öffentlichen Raum“ gibt das Stadtarchiv Münster auf 100 Seiten einen Überblick über die Denkmallandschaft Münsters. Die reich bebilderte Broschüre ist im Stadtarchiv und im Stadtmuseum erhältlich (7,50 Euro).

Fotos:

Die kleine Bronzetafel auf einer zugemauerten Türöffnung des Gefängnisses dokumentiert eine Gräueltat kurz vor Kriegsende: 17 russische Zwangsarbeiter wurden dort von der Gestapo erschossen. Foto: Fritz von Poblotzki. Veröffentlichung mit dieser Pressemitteilung honorarfrei.
Anton Hemesath stellte sich gegen die Nazi-Ideologie und trat für seinen Glauben ein. Foto: Fritz von Poblotzki. Veröffentlichung mit dieser Pressemitteilung honorarfrei.
Die Bürger des Südviertels erinnern mit einer Metalltafel an der Westseite des Schützenhofbunkers an die zivilen Kriegsopfer in ihrem Quartier. Fritz von Poblotzki. Veröffentlichung mit dieser Pressemitteilung honorarfrei.

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Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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