Konfessionsverbindender Gesang, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2013

Zu: Deutscher Kirchengesang in der Neuzeit, Eine Gesangsbuchanthologie, Hrsg. von Gustav Adolf Krieg, Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag Berlin 2013, ISBN 978-3-458-70040-1, Preis: 54,00 Euro

70040Dem vielleicht zunächst abschreckenden Preis von 54 Euro stehen 984 eng auf dünnem und solidem Gesangbuchpapier gedruckte Seiten gegenüber, so dass hier ein kompaktes Handbuch entstanden ist. Mehr als die Hälfte dieses Buches geht auf das Konto einer Liedsammlung mit und ohne Noten. Die Herkunftszeit der Lieder reicht von der Entstehung des deutschen Kirchenlieds in der Reformationszeit bis hin zum 19. Jahrhundert (Neuzeit). Die Zeit von etwa 1900 bis heute ist also ausgespart und könnte das Material für einen zweiten Band liefern. Die Lieder sind nach den Quellen der Liedsammlungen geordnet, in denen sie erstmalig gedruckt worden sind. Die Auswahl der Lieder ist exemplarisch. Gegenüber den in den Gesangbüchern „Gotteslob“ und „eg“ enthaltenen Liedern hat diese Ausgabe den Vorteil, dass trotz des angepassten Drucks die ursprünglichen Textfassungen erkennbar sind, so wie sie zum Teil in eine zeitgemäße Fassung auch nicht hineinpassen würden, wie z. B. der Satz zeigt: „…und steu´r des Papst´s und Türken Mord…“ (aus: „Erhalt uns Herr bei deinem Wort“, Martin Luther, S. 46). Das Ergebnis dieser Liedsammlung wird in einem Kommentar der Gesangbuchausgaben erläutert, dem zweiten Teil, der immerhin auch fast 250 Seiten umfasst. Im dritten Teil wird jedes einzelne Lied kurz erläutert. Abkürzung- und Literaturverzeichnis, sowie das Verzeichnis der Liedanfänge runden das Werk ab.
Die katholischen und evangelischen Kirchen in Deutschland finden trotz der Konfessionstrennung im Gesangbuchlied ihre verbindende Mitte. Da sind einerseits Lieder eines Friedrich von Spee, des Jesuiten („O Heiland, reiß die Himmel auf“, Nr. 109) und des zum Katholizismus konvertierten schlesischen Arztes Johann Scheffler (Angelus Silesius) („Liebe, die du mich zum Bilde“, Nr.132), die schon recht bald auch in evangelischen Gemeinden gesungen wurden, wie andererseits nach der Entstehung des deutschen Kirchenliedes in den evangelischen Landeskirchen trotz konfessioneller Differenzen einige Lieder in die katholische Kirche eingewandert sind und/oder umgedichtet wurden („Bei deiner Kirch erhalt uns Herr“, Nr. 86, nach „Erhalt uns Herr“, Melodie von Martin Luther). Lieder, die bei den Gemeinden und der Pfarrerschaft oder den Kantoren ankamen, wurden wechselseitig adaptiert. Die Entstehung des deutschen Kirchenlieds, oft angelehnt an das Volkslied, ist ohne Zweifel eine Errungenschaft der Reformation, die in die katholischen Gemeinde über die Wallfahrtsgesänge eingewandert ist.
Wenn man sich etwa die weltweite Bekanntheit deutscher Weihnachtslieder vor Augen führt, kann man die globale Auswirkung des Kirchenliedes deutscher Sprache nicht zu gering schätzen, auch wenn sie heute in den Schatten des Gospel tritt. Die oft schlichten und gerade nicht anspruchsvoll dichterisch gestalteten Texte, sowie deren volksliedhafte oft sogar am Gebrauch für Kinder orientierte Melodien, ließen sich leicht umgestalten und den Erfordernissen der jeweiligen Zeiten anpassen. Nicht zu unterschätzen ist der Wert des Lieder für die Entwicklung der Schulen und des kirchlichen Unterrichts, zumal die Kantoren oft auch Lehrer waren.
Das Liedgut beider Kirchen zeigt sich in ökumenischer Gemeinsamkeit eingebunden in die kulturelle Bearbeitung der Kantaten und Orgelwerke.
Diese Dokumentation der Gemeinsamkeiten im Liedgut der Konfessionen ist eine wertvolle Anregung zu erneuter Aufnahme manch fast vergessener Lieder in den Gemeindegesang, oder im Sinn der Entwicklung auch deren sprachlicher oder musikalischer Neubearbeitung. Die Frage ist nur, ob der Besuch der Gottesdienste sowie die veränderten Ziele des Unterrichts diesen Grundbestand älterer Lieder lebendig erhalten werden. Am Ende des Kommentars steht die Meinung des Autors im verhaltenen Optimismus: „Es (das Alte Kirchenlied) wirkt nach als exercitium spirituale (Igor Strawinsky), Erinnerung an die Ursprünge christlicher Weltsicht (Artur Honegger), Signierung konfessioneller Identität im interkonfessionellen und interreligiösen Dialog (Alfred Schnittke), Symbol von Grenzerfahrung des Leidens (Hans Werner Henze), der Todes (Alban Berg). Mit einem Optimismus, der an Realismus grenzt, ließe sich folgern, dass es einen gesellschaftlichen Platz behält.“ (S. 826) Das Buch von Gustav Adolf Krieg, Kirchenmusiker und außerplanmäßiger Professor in Bonn, gehört somit zum Handwerkszeug evangelischer und katholischer Theolog_innen und Kantor_innen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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