Ausgelieferte, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2013

Zu: Bruno Preisendörfer: Die Schutzbefohlenen, Psychosozial-Verlag Gießen 2013, ISBN 978-3-8379-2251-6, Preis: 19,90 €

20130813-150807.jpgWenn es doch auch wenig hilfreich ist, die Pointe einer Erzählung oder eines Romans in einer Rezension vorwegzunehmen so ist es umso einfacher und wichtiger, seine inhaltliche Linie auf einen Punkt zu bringen. Die Frage, die Bruno Preisendörfer mit seinem Titel stellt und in Form einer Erzählung erzählerisch beantwortet, lautet: „Wer sind die Schutzbefohlenen? Wofür und wovor werden sie geschützt?“

Die Kinder eines Internats werden zu Ausgelieferten, weil ihr Schutz dem Schutz der Institution untergeordnet wird. Eine fiktive Geschichte über eine Schulzeit in einem katholischen Internat, erzählt aus der Perspektive eines Jungen, wird verbunden mit dem redaktionell angepassten, aber authentischen Tagebuch des Autors aus der eigenen Internatszeit. Die lebensgeschichtliche Spur endet in erneuten Begegnungen der nunmehr erwachsenen Hauptperson mit einem Lehrer und einem ehemaligen Mitschüler. Dieses letzte Zusammentreffen ist zwar nicht befriedigend, aber klärend; auch für die LeserIn. Dabei geht es auch um die Frage, wie offen oder versteckt Vorwürfe eine Rolle spielen, die auch seitens der Schutzbefohlenen aufkommen. Die Frage, welche Verletzungen absichtlich oder unbeabsichtigt von der Institution und ihren Vertretern ausgehen, ist nicht mehr mit den Beteiligten zu besprechen.
In der „Nachschrift“ zeigt der Autor, dass er in seiner eigenen Begegnung mit der Institution Kirche als ein um Aufklärung bemühter Betroffener von Ereignissen sexuellen Missbrauchs in einem katholischen Internat, erfahren musste, dass der Schutz der Institution an erster Stelle steht.
Die Veröffentlichung der am Ende des Buches dokumentierten Kurzgeschichte „Unschuld“ in der Süddeutschen Zeitung hatte im Jahr 2010 zu einem „aufarbeitenden Gespräch“ mit Vertretern der katholischen Kirche geführt. Die Motive der Kurzgeschichte tauchen als Teil der Erzählung zum Teil im Roman wieder auf.
Der Roman selbst leistet jedoch noch mehr als jeder einzelne Bericht, denn er rekonstruiert das Leben der Jungen in einem bestimmten Zeitabschnitt und stellt es in einen biografischen und zeitgeschichtlichen Kontext. Die Frage, ob so etwas wieder passieren wird, kann mit Ja und Nein zugleich beantwortet werden. Nein: Dasselbe wird nicht wieder passieren, da es in einem bestimmten Kontext nur so und nicht anders möglich war. Ja: Das gleiche wird unter anderen geschichtlichen Umständen wieder geschehen und ist geschehen, wenn Schutzbefohlene zu Ausgelieferten und sogar zum Kapital einer Institution der Erziehung wurden. Dann ist das Wohl und Wehe des Einzelnen weniger wichtig als das Interesse an der gesamten Institution.
Alle jedoch, die in etwa gleich alt sind wie der Autor werden in ihre eigene Schulzeit erzählerisch zurückgeführt, was schmerzhafte Erinnerungen anrühren kann, zu denen dann ein Verhältnis hergestellt werden kann. Und es wird deutlich, dass die Frage nach den Ereignissen des sexuellen Missbrauchs im Zusammenhang steht mit der übergeordneten Frage nach der Bedeutung und Anwendung von Macht und es ist die Frage, wo die Ursachen davon zu suchen sind.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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