Lebenskunst als Sinnstiftung, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2013

Zu: Wilhelm Schmid: Dem Leben Sinn geben, Suhrkamp Verlag Berlin 2013, ISBN 978-3-518-42373-8, Preis: 22,95 Euro

20130909-211600.jpgWilhelm Schmid, der sich mit der „Philosophie der Lebenskunst“ (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft Frankfurt/Main 1998) einen Namen gemacht hat, stellt in seinem Buch „Dem Leben Sinn geben“ einen praktischen Entwurf vor. Man kann vielleicht zu Recht sagen, dass die Sinnfrage die Verbindung zwischen der allgemeinen Philosophie und den praktischen Lebensfragen ist. Eine Reflexion über den Sinnbegriff sucht man im Buch allerdings zunächst vergeblich. Diese findet sich dann im letzten Kapitel „Von der Liebe zum Leben und darüber hinaus“. Auffällig ist schon vom Inhaltsverzeichnis her, dass stattdessen der Begriff „Liebe“ das ausschließliche Thema des Buches darstellt. Diese Vorgehensweise wird im Vorwort erklärt und auf den kurzen Nenner gebracht: „Ein sinnerfülltes Leben ist ein Leben in Beziehung.“ (S. 10).

Von hier aus wird nun pragmatisch ein Konzept der Ethik entworfen, das zunächst von Partnerschaft und Familie, dann von Freundschaft, von Feindesliebe und von der Liebe zur Lebenswelt handelt. Schon der Begriff „Feindesliebe“ lässt aufhorchen, wenn nicht auch sogar die Betonung des Wortes „Liebe“ allgemein, und fragen, wieviel Christentum in dieser Ethik der Sinnstiftung enthalten ist. Schildert der Autor etwa im Fokus auf die Sinnfrage das Hauptanliegen des Christentums, das darin liegt, von der Liebe von und zu Gott zur Liebe zu Anderen zu kommen?
In der Tat ist das letzte Kapitel auch ein Beitrag zur Religionsphilosophie, da Schmid hier vom Tod über die Transzendenz zur Gottesfrage überleitet. Hier steht die Sinnfrage nun auch begrifflich im Vordergrund: Warum Sinn nötig ist und worin er besteht, mag die Situation der Trauer und der Trostbedürftigkeit zeigen. Das Todesereignis riefe sonst immer nur folgende Gedanken hervor: „Es kann keinen Trost geben in der grenzenlosen Leere, die der Verlust eines geliebten Menschen hinterlässt. Es hat keinen Sinn mehr weiterzuleben. Im unvorstellbaren untröstlichen Schmerz ist ein Mensch irgendwelchen Gedanken und wohlmeinenden Worten, die ihn trösten sollen, nicht mehr zugänglich. Das Leben steht still, es gibt keine Zukunft mehr.“ (S. 427). Ein paar Seiten zuvor geht Wilhelm Schmid kurz auf die Philosophiegeschichte ein, in der sich im Prozess der Moderne ein ähnlicher Sinnverlust ereignet hat, wie hier im Bezug auf die Trauer geschildert, nämlich als die traditionelle Metaphysik des Christentums als philosophische Konstruktion entlarvt wurde. Schon Friedrich Nietzsche war klar, dass es Sinn geben musste, und er versuchte sich in alternativen Sinnkonstruktionen. Gelungen ist dies allerdings erst Viktor Frankl, der als jüdischer Arzt und Wiener Psychiater den Aufenthalt im KZ Auschwitz überlebt hat. Frankl hat den Sinn als Lebensaufgabe beschrieben und fragte: „‚Was erwartet das Leben von uns?'“ (S. 387), das heißt: Welche Aufgabe stellt das Leben selbst? Von dieser Behandlung der Sinnfrage her unterscheidet Schmid verschiedene Ebenen der Sinnerfahrung, wobei er bezeichnenderweise mit der Sinnlichkeit beginnt:
– ein erfüllt gefühltes Leben durch sinnliche Erfahrungen,
– der seelische Sinn, ein Leben in Beziehung,
– der geistige Sinn: Zusammenhänge herstellen, über Leben nachdenken,
– der teleologische Sinn: dieser Sinn fragt nach dem Ziel und Zweck des Lebens: ‚Wofür lebe ich?‘,
– der Sinn über das Leben hinaus: Einbettung des Endlichen im Unendlichen,
– das Warum und Wozu des Lebens allgemein.

Das Fazit ist also: „Der Sinn des Lebens ist die Entfaltung des Lebens.“ (S. 394)
Die Lektüre des Buches ist auch aus religiöser Sicht unbedingt zu empfehlen, um die Religion in ihrem Sinnangebot nicht auf der teleologischen Ebene der Sinnerfahrung zu isolieren.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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