Die Quellen der Kraft, Andacht eins, Psalm 48, zur Drüggelter Kapelle (Möhnesee), Christoph Fleischer, Werl 2013

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Eingang der Drüggelter Kapelle, Foto: Christoph Fleischer

Seit einiger Zeit gibt es für den Bereich der Gemeinde Möhnesee eine kleine Broschüre mit der Überschrift „Glücksorte und magische Momente“*. In dieser Broschüre steht auch etwas über die Drüggelter Kapelle. Die Kapelle ist im Sommer jeden Tag von 10 bis 17 Uhr geöffnet und kann zum Zweck der Besichtigung oder des meditativen Aufenthalts besucht werden. In dem Gotteshaus ist wie in jeder Kirche die Gegenwart des heiligen Geistes in Zeichen und Symbolen als eine dem Geist entsprechende Energie. Im Gebet hier und anderswo ist die Kraft Gottes persönlich zu erfahren.

20130729-082424.jpgDas Thema dieser Broschüre weist darauf hin, dass heute vielen Menschen nicht bewusst ist, dass die Quelle der Kraft in den Worten der Bibel verkündigt  genau die ist, die Menschen in sich selbst spüren können. Die Gegenwart Gottes ist die Schöpfung als Ganze und daher auch in jedem und jeder Einzelnen als Kraft erfahrbar.

Die Drüggelter Kapelle ist ein ungewöhnliches Bauwerk und in einer Schlichtheit und trotzdem in seiner Symbolsprache zu einer sakralen Kraftquelle geworden.
Wenn man fragt, welche Symbolik die Gegenwart Gottes am besten vermittelt, kommt man wahrscheinlich auf den Tempel in Jerusalem, ja auf die Heilige Stadt überhaupt. Klar ist, dass man heute die Gegenwart Gottes nicht mehr im Sinn der Religion eines antiken Heiligtums sieht. Umso besser ist es möglich, all das, was im Alten und im Neuen Testament gesagt worden ist, auf die Begegnung mit Gott in einer Kirche oder auch ganz persönlich zu übertragen. Dazu ist es vor allem im Mittelalter wichtig gewesen, dass die Kirchen auch in ihren Symbolen oder in äußeren Merkmalen auf die heilige Stadt und auf den Tempel bezogen werden können, auch in der Drüggelter Kapelle. Man muss sich einfach nur vorstellen, dass das, was in den Psalmen über Jerusalem gesagt wird, in dieser Kapelle direkt verständlich übertragen werden kann.
In der Offenbarung des Johannes ist im Kapitel 21 die Rede von einem neuen Jerusalem, das von Gott herabkommt und auf der Erde erscheint. Doch schnell wird aus der Beschreibung klar, dass es sich hierbei um ein Symbol handelt. Dieses neue Jerusalem ist die Kirche Jesu Christi, wie sie allgemein in jedem Gotteshaus nachempfunden werden kann. Übereinstimmungen mit der biblischen Symbolsprache finden sich in einfachen Gestaltungsmerkmalen und Orientierungspunkten. Die Betrachtung solcher Merkmale möchte ich am Beispiel des Psalm 48 zeigen, wobei auch noch andere Psalmen ergänzend herangezogen werden können. Die biblischen Psalmen bieten sich an, weil sie schon früher in den Kirchen gebetet, gesungen oder gelesen wurden.

2 Der HERR ist mächtig! Groß ist der Ruhm unseres Gottes in seiner Stadt und auf seinem heiligen Berg! 3 Prächtig erhebt sich der Zion, eine Freude für die ganze Welt! Er ist der wahre Gottesberg; dort steht die Stadt des großen Königs.

Die Stadt Jerusalem erhebt sich schon einmal über 800 Meter hoch gegenüber dem Meeresspiegel. Sie verteilt sich dort noch auf verschiedene Berge oder Hügel. Schon in ganz alter Zeit soll der Gott der Bibel auf einem Berg angebetet worden sein, vielleicht auf dem Horeb, wo auch Mose die Gebote empfangen hat. Diese Gegenwart Gottes empfinden Menschen nun besonders auf dem alten Berg Zion, dem Tempelberg, wo heute die Goldene Kuppel des Felsendoms zu sehen ist.
Im Psalm 48 ist mit Berg Zion „nicht nur der engste Tempelbereich, sondern die ganze Hügelkuppe gemeint(…), auf der sich der Tempel erhob.“ (Keel, S. 101f). Die Höhenverhältnisse der einzelnen Gipfel in und um Jerusalem sind zu bedenken: Der alte Zion als Tempelberg ist 743 Meter hoch, was vom salomonischen Teil (der Altstadt) einen Aufstieg von etwa 100 Meter bedeutete. Er wird aber von anderen Berghöhen umgeben: „Er liegt 66 Meter unter demjenigen des Ölbergs, 76 Meter unter dem des Skopus, 33 Meter unter dem des Westhügels, des christlichen Sion, und 53 Meter unter dem des ras el-mekkaber.“ (Keel, S. 102) Wenn er der „wahre Gottesberg“ ist, dann weil dort die „Stadt des großen Königs“ ist, also die Wohnstatt Gottes. Dazu gibt es auch noch ein anderes Psalmwort im Psalm 125, 1+2: „Alle, die dem HERRN vertrauen, sind wie der Zionsberg: für immer unerschütterlich und fest. Ein Schutzwall von Bergen umgibt Jerusalem. So umgibt der HERR sein Volk jetzt und in aller Zukunft.“ Der Tempel und seine Lage wird zum Bild für die Zuwendung Gottes zu dem Gottesvolk. Das heißt auf den Psalm bezogen: Der Berg, der Gipfel selbst ist die Burg, von der hier die Rede ist.
Dazu ist auf dem Tempelberg an erhöhter Stelle ein Fels. Die Kapelle selbst liegt nicht im Tal, sondern auf einer Anhöhe, der auf der einen Seite die höheren Berge des Arnsberger Waldes gegenüber stehen und auf der anderen Seite die etwas höheren Erhebungen des Haarstrangs. Man könnte auch sagen, sie hat eine Burglage.

Der Felsen auf dem Tempelberg wird heute von den Muslimen als heilig verehrt, doch ist er ja ursprünglich der heilige Fels, vielleicht der erste Altar des Zions. In der
Bibel ist vom Felsen sonst wenig die Rede, weil das Allerheiligste wichtiger war. Doch es heißt andererseits, dass „… der heilige Fels des Zion schon früh als kosmischer Schlussstein verstanden (wurde) (Jes 28,16, vgl. Mt. 16,18), der den Gipfel des Weltenberges bildet und die nach oben drängenden Chaoswasser zurückhält.“ (Keel, S. 161) Der Kommentar schreibt: „Weil ’sein heiliger Berg‘, auf dem er residiert, schön und hoch aufragend ist und weil er als ‚Weltberg‘ von dem die Leben gebenden Wasser ausgehen, die ganze Erde stabilisiert, ist diese über ihn glücklich.“ (Zenger, S. 297) Bei der Kapelle ist kein solcher Felsen sichtbar, könnte aber als Fundament gedient haben. Symbolisch gesehen ist jeder Gipfel, jeder Erhöhung in der Landschaft der Ort, an dem der Himmel nahe ist.
Der Fels selbst steht auch für Festigkeit, und sein Gestein erinnert an den Ursprung der Erde. Dadurch wird auch zum Symbol für Schutz und Sicherheit:

4 Gott ist in ihren Mauern, er selbst ist ihr Schutz.

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Drüggelter Kapelle, Altar, Foto: Andreas Blauth

Der ursprüngliche Bau einer Stadt und des Tempels bzw. einer Kirche gehören zusammen. Heute sehen wir eine Kirche immer als einzelnes Haus. Das ist falsch. Wir müssen uns fragen, zu welchem Lebensalltag diese Kirche ursprünglich gehörte. Es heisst, „…dass alle chaotischen Mächte an JHWH scheitern, … (in) der sicheren ‚Stadt auf dem Berge‘, deren ‚Steinhäuser‘ alle feindlichen Angriffe überstanden – weil der Schutzgott dieser Stadt sich an ihr als uneinnehmbarer ‚Bergburg‘ erwiesen hat.“ (Zenger, S. 297).
Ich vermute zuerst einmal aus den Informationen, die ich über die Drüggelter Kapelle habe, dass es hier eine Übernachtungsmöglichkeit für die Reisenden zwischen Soest und Arnsberg gegeben hat. Soest war die Residenz für die Arnsberger Fürsten. Die Drüggelter Kapelle liegt genau auf der Mitte zwischen Soest und Arnsberg. Fußgänger dürften bis hier je einen Tag benötigt haben. Heute stehen nahe der Kapelle einige Höfe. Das wird auch früher nicht viel anders gewesen sein.
Welche Rolle das Brunnen-Wasser spielte, darüber kann man heute nur spekulieren. Heute liegt der Brunnen allerdings einige Meter weit weg. Auch ein Brunnen deutete im Mittelalter symbolisch auf die Verbindung zwischen unserem Alltag und der Schöpfung Gottes hin. Kann man also vermuten, dass das innere Rund auf einen Brunnen zurückgeht, der dann später verlegt wurde? Klar wird auch aus anderen Psalmen deutlich, dass Gott selbst als Schöpfer in dem Element des Wassers gegenwärtig ist. In einer Festung gehört das Wasser zur Sicherung, da bei einem guten Wasservorrat eine Belagerung lange durchgestanden werden kann. Psalm 48 verdeutlicht die Gegenwart Gottes am Beispiel einer Belagerung.

5 Die Könige rotteten sich zusammen und stürmten gemeinsam gegen die Stadt. 6 Doch was sie sahen, ließ sie erstarren, kopflos vor Angst ergriffen sie die Flucht. 7 Das Zittern kam plötzlich über sie, so wie die Wehen über eine Frau, 8 unabwendbar wie der Ostwind, mit dem Gott die größten Schiffe zerbricht.

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Drüggelter Kapelle, Innerer Kreis aus je zwei Säulen und zwei Pfeilern, Foto: Christoph Fleischer

In einer Erzählung wird das vorgenannte verdeutlicht. Die anderen Könige halten die Stadt für uneinnehmbar und schrecken vor einem Angriff zurück. Schon ihre Verteidigung ist faktisch eine Bedrohung, daher zittern sie vor Angst. Wichtig ist, dass hier von Jerusalem selbst keine Aggression ausgeht, sondern lediglich das Sicherheitsgefühl der Stadt Gottes zur Stärke Gottes wird. Zusammenfassend sagt Psalm 48:

9 Das alles hatte man uns seit langem erzählt; nun haben wir es selbst gesehen in der Stadt, die unserem Gott gehört, dem Herrscher der ganzen Welt. Er hat sie für immer fest gegründet.

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Drüggelter Kapelle, Säulenkapitell, Foto: Andreas Blauth

Diese erste Reflexion zeigt, dass die Stadt von Gottes Macht fest gegründet ist. Das Zeitalter, in dem viele Kirchen entstanden sind oder fest ausgebaut wurden, war interessanterweise zugleich das Zeitalter der Kreuzzüge, im 11. und 12. Jahrhundert. Vielleicht hat man in dieser Zeit die Erinnerung an Jerusalem besonders lebendig gehalten. In der Drüggelter Kapelle erinnert daran ein Kreis aus zwölf Säulen, deren Kapitelle alle eine andere Musterung aufweisen. Jede Säule könnte einen anderen Namen tragen, wie die zwölf Stämme des Volkes Israel. Der Psalm spricht nicht von allen Stämmen, bezieht sich aber auch auf das Volk Israel. Von der ganzen Welt ist die Rede und von diesem einen Volk Gottes, hier am Beispiel von Juda.

10 Im Innern deines Tempels, Gott,
erinnern wir uns an deine Güte.
11 In der ganzen Welt wirst du gepriesen,
bis in die fernsten Winkel reicht dein Ruhm.
Sieg und Rettung sind in deiner Hand;
12 deswegen herrscht Freude auf dem Zion!
Du hast für unser Recht gesorgt;
darum jubeln alle Städte in Juda!

Hier wird das, was vorher über die Stadt gesagt wurde, auf den Tempel bezogen. Hier wird deutlich, „…dass der im Tempel auf dem Zion gegenwärtige Gott seine Huld und Güte dadurch erweist, dass er mit seiner Rechten die umfassende Welt- und Heilsordnung als königlicher Richter weltweit ‚bis an die Enden der Erde‘ durchsetzt.“ (Zenger, S. 298) Der Psalm wendet sich nun an die Pilger in Israel, die den Tempelberg besuchen:

13 Umschreitet den Zion, geht rund um die Stadt, zählt ihre starken Türme,
14 bewundert ihren breiten Wall, betrachtet ihre mächtige Burg! Dann könnt ihr’s euren Kindern weitersagen:
15 »Seht doch, so mächtig ist Gott! Er ist unser Gott für alle Zeiten und wird uns immer führen.«

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Drüggelter Kapelle, Foto: Andreas Blauth

Hier hören wir noch einmal eine Begründung für den Bau des Tempels. Die unterschiedlichen Berge Jerusalems stehen wie Götter miteinander in Konkurrenz. Der kleinste von ihnen setzt sich durch, da er der Tempelberg wird. Der dortige Felsen ist ein Zeichen der Gegenwart des Ursprungs. Die Gihon-Quelle muss aber auch mitgedacht werden, da in Gott die schöpferische Kraft des Lebens erfahrbar ist. Es muss um mehr gehen als nur um Schutz und Sicherheit, die von den Türmen, Mauern und Steinhäusern dargestellt wird. Das Gottesbild wandelt sich von einer Natur- und Schutzgottheit zu einer weltumspannenden Gottesvorstellung der alles Leben umfassenden Macht. Diesen Gott können selbst andere Völker als ihren erfahren, da er sich letztlich nicht nur in Jerusalem, sondern überall auf der Welt zu erkennen gibt.
Die Lage Jerusalems und des Tempels kann in Bezug auf die Drüggelter Kapelle zeigen, dass man die Position des Hügels mit der Lage des Tempelberges verglich, dass man Schutz und Sicherheit für die Reisenden garantierte, umso mehr für den Landesherren und seine Gesandten. Spielt das für das Gefühl einer spirituellen Energie heute immer noch eine Rolle? Ich denke, das geht nicht von selbst, aber sicherlich dann, wenn man durch Lesungen und Lieder Informationen über den Tempel hat und auf die hiesigen Verhältnisse übertragen kann. Immerhin wussten die Leute eines schon damals durch die Psalmen, die in vielen Aussagen auf Gottes Wirken in der Natur hinweisen:
Wir haben nur eine Welt und eine Gegenwart Gottes in dieser Welt, sowohl bei den Menschen wie auch in der Natur.

Möhnesee, Glücksorte und Magische Momente, Wege zu den Plätzen der Kraft, hrsg. von der Gäste-Information Möhnesee 2013, www.moehnesee.de
Othmar Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament, Zürich, 1972 (Keel)
Frank-Lothar Hossfeld/Erich Zenger, Die Psalmen I – III, Echter Verlag, hier:_Die Psalmen I, Psalm 1 – 50, Echter Verlag Würzburg 1993

Weitere Fotos von Andreas Blauth hier: http://andreas-blauth.blogspot.de/

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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