Die christliche Existenz, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2013

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Zu: Florian Schmitz: „Nachfolge“, Zur Theologie Dietrich Bonhoeffers, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN Print 9783525564042, ISBN E-Book 9783647564043, Preis: 99,99 Euro (Print und E-Book)

Da es sich bei diesem Buch um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, die der Autor als Dissertation vorgelegt hat, ist es klar strukturiert und gegliedert. Jeder Abschnitt endet mit einem längeren Fazit, in dem die jeweiligen Erkenntnisfortschritte festgehalten werden. Das Buch enthält grob gesehen zwei Teile. Während der erste Teil sich mit dem Buch „Nachfolge“ aus dem Jahr 1937 befasst, ist der zweite Teil eine Übersicht über die Zeitabschnitte der Theologie Bonhoeffers in der Perspektive der vom Buch „Nachfolge“ her gewonnenen Erkenntnisse.

Die Untersuchung des Buches von Bonhoeffer hat ebenfalls zwei Teile. Der erste Teil stellt fest, dass der Abschnitt des Buches „Nachfolge“ von Dietrich Bonhoeffer, in dem er der Bergpredigt folgt und ein relativ rigides Verständnis von christlicher Praxis entwickelt, schon unter der Voraussetzung des zweiten Teils gelesen werden muss, in der es um die Rechtfertigung geht. Klar ist, dass sich das Christsein in der Kirche vollzieht, die wie Bonhoeffer schon in seiner ersten Publikation „Sanctorum Communio“ feststellt, Jesus Christus heute repräsentiert. Christus existiert in sozialer Gestalt als Gemeinschaft der Christinnen und Christen. Innerhalb dieser Gemeinschaft ist Nachfolge unabdingbar. Die Nachfolge Christi ist die äußere Gestalt des Glaubens. Sie ist die christliche Existenz. Damit wird das Christentum ganz in der Richtung der dialektischen Theologie nicht auf religiöse Vollzüge beschränkt, sondern als Existenzform gesehen. Schon hier fällt auf, dass Christsein im Sinne Jesu die anderen Menschen im Blick hat. Ja, Christsein ist im Vollzug der Nachfolge Jesu eben nicht auf Jesus fixiert, sondern ist Dasein für Andere, so zeigt es Florian Schmitz in der Zusammenfassung auf. Diese Anderen sind in der damaligen Situation auch die Angehörigen des Jüdischen Volkes, die durch die Politik und Ideologie des NS-Staates in besondere Bedrängnis geraten sind. Dass sich Dasein-für-Andere in Formen des Widerstandes artikulieren könnte, hatte Dietrich Bonhoeffer schon seit seinem Vortrag „Die Christen vor der Judenfrage“ im Blick.
Interessant ist jedoch, dass sowohl im Buch Bonhoeffers als auch hier die politischen Bezüge zwar mitschwingen, jedoch in der religiösen Sprache ausgesprochen werden, also quasi symbolisch kodiert werden. Dazu gehört auch das später von Bonhoeffer noch weiter ausgestaltete Verständnis der Wirklichkeit als einem unteilbar Ganzen. Da sich in einem solchen Wirklichkeitsverständnis Politik nicht ausklammern lässt, sind damit die Konsequenzen des Christseins weit ins Politische hinein ausgedeutet. Die begriffliche Untersuchung des Textes von Bonhoeffer durch Florian Schmitz ist darin gründlich und sachgerecht, den theologischen Zusammenhang zu entfalten.
Im letzten Teil zeigt Florian Schmitz, inwiefern theologische Grundentscheidungen vor und nach der Edition des Buches Nachfolge zusammenhängen. So ist schon die erste Phase seit der Dissertation „Sanctorum Communio“ nicht nur von der Orientierung auf die Kirche geprägt, sondern hinsichtlich Gebot und Ethik scheint eine Situationsorientierung die Bedeutung der Gebote neu zu interpretieren. Die nächste Phase, in der Bonhoeffer auch aktiv in der ökumenischen Bewegung mitarbeitet, ist durch eine Zuspitzung und Radikalisierung der von ihm akzeptierten dialektischen Theologie geprägt. Er versteht sich im Gegensatz zu Barth als Lutheraner, indem er kein Gesetz auf das Evangelium folgen lässt, sondern in der gewonnenen Situationsorientierung die konkrete Predigt als schließlich die konkrete Gegenwart Christi sieht. Die Frage, inwieweit hier eine Rezeption der Mystik vorliegt, bleibt jedoch offen, wie überhaupt der Autor mehr Bonhoeffer referiert als seine Begrifflichkeit auf ihre geistigen Quellen hin untersucht. Indem Bonhoeffer das Bekenntnis der Kirche als Gestalt Christi in der Welt sieht, mit allen Konsequenzen bis hin zum Widerstand, bereitet er schon faktisch eine an eine bewusste Entscheidung gebundene Bekenntnisorientierung vor, die dann in der Bekennenden Kirche auch realisiert wurde. In seinem Konzept könnte sie nicht in Konflikt mit einem ganzheitlichen Verständnis der Welt geraten und keine spirituelle Spaltung konstruieren, da die Kirche Christi Gestalt in der Welt ist. Die Nachfolge der Einzelnen ist also zugleich immer die Nachfolge der Kirche und daran gebunden.
Ob hier Bonhoeffer faktische eine politische Theologie in religiöser Gestalt darstellt, ist vielleicht die immer in der Beschäftigung mit ihm virulente Frage. Die „Nachfolge“ gibt darauf so keine Antwort, da sie auch spirituell individualistisch verstanden werden kann. Aber es gibt so gesehen keine politische Kirche, wie es es jedoch sehr wohl einen politischen Glauben gibt. So schreibt Florian Schmitz: „Von jener Phase (1933, der Rezensent) die ihren wirksamsten Ausdruck in der „Nachfolge“ findet, führt Bonhoeffers Weg in den politischen Widerstand des Einzelnen in der konkreten theologischen Gestalt der individuellen Verantwortung.“ (S. 326)
Florian Schmitz zeigt detailliert, dass Bonhoeffer das Verhältnis Staat – Kirche vom Begriff des Reiches Gottes her neu entfaltet, das er darin als gegenwärtig ansieht. Die Bedeutung des Wortes „Nachfolge“ für die Kirche als ganzen wird deutlich, indem die Geschichte der Bekennenden Kirche einbezogen wird. Der adikalerer Dahlemer Flügel, zu dem Bonhoeffer gehörte, wollte keine Kompromisshaltung in Fragen der Beziehung zum ideologischen Staat Hitlers dulden. Wenn nach dem Krieg aus dem Buch Bonhoeffers eine unpolitische Bekenntnisbewegung gemacht wurde, wurde damit Bonhoeffers Anliegen wohl geradezu konterkariert. Kirche selbst muss in ihrer Lehre und Praxis Christus repräsentieren. Ihr „Gehorsam“ ist kein blindes persönliches Folgen, sondern die Entsprechung der kirchlichen Praxis zu den Vorgaben der Christologie in Heiligung und Rechtfertigung. Florian Schmitz zeigt dies deutlich, allerdings ohne darauf einzugehen, wie unglücklich und fatal der Begriff „Gehorsam“ in diesem Zusammenhang eigentlich ist. Diese Auseinandersetzung mit Bonhoeffer steht wohl noch aus und kann erst dann gelingen, wenn man auch Bonhoeffer gegenüber die Haltung einer kritischen Solidarität findet.
Als Fazit bleibt jedoch der Nachfolgebegriff, der immer das Subjekt der Kirche meint und erst von daher die Einzelnen einbezieht: „Nachfolge ist darum bestimmt als die eigentliche, substantielle Existenzform der glaubenden und gehorsamen Kirche Jesu Christi.“ (S. 363)
Offen bleibt zum Ende hin die Frage, ob sich diese Schrift eher kirchenhistorisch als systematisch versteht. Da der Ort der Promotion im Bereich der Erziehungswissenschaften der Universität Kassel ist, ist zudem eine praktische Frage noch eher leitend: Was kann und will uns Bonhoeffer heute sagen? Sowohl in Beantwortung dieser Frage, als auch inhaltlich von Bonhoeffer selbst ist wohl die Antwort: was Christsein heute ist, lässt sich nur vom jeweiligen Kontext her beantworten. Theologie ist immer zugleich an Inhalt und an Situation orientiert, ist aber dabei immer Gestalt Christi und Kirche für andere.
Mit der Höhe des Preises wird eine weitere Verbreitung dieses Buches leider noch verhindert. Vielleicht wird es es eines Tages eine Fassung für einen breiteren Interessentenkreis geben.

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Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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