Predigt über Micha 6, 6 – 8, Christoph Fleischer, Werl 2013

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Die Predigt wird am 22. Sonntag nach Trinitatis in Bad Sassendorf-Neuengeseke und in Möhnesee-Völlinghausen gehalten.
Verlesung des Textes aus der Gute Nachricht Bibel:
6 Ihr fragt: »Womit soll ich vor den HERRN treten, diesen großen und erhabenen Gott? Was soll ich ihm bringen, wenn ich mich vor ihm niederwerfe?
Soll ich einjährige Rinder als Opfer auf seinem Altar verbrennen?
7 Kann ich ihn damit erfreuen, dass ich ihm Tausende von Schafböcken und Ströme von Olivenöl bringe?
Soll ich meinen erstgeborenen Sohn opfern, damit er mir meine Schuld vergibt?«
8 Der HERR hat dich wissen lassen, Mensch, was gut ist und was er von dir erwartet: Halte dich an das Recht,
sei menschlich zu deinen Mitmenschen
und lebe in steter Verbindung mit deinem Gott!

Liebe Gemeinde,

Alles läuft zu auf diesen letzten Vers der Auswahl, den ich noch einmal in der Übersetzung der Lutherbibel wiederhole, in der er uns auch verschiedentlich im Gottesdienst begegnet:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert.
Nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

An dieser Stelle ist es noch einmal wichtig zu erwähnen, dass wir im Prinzip immer über den Text in der jeweiligen Urfassung predigen, auch wenn das nicht immer direkt zitiert wird. Daher sollen die verschiedenen Übersetzungen nicht verwirren, sondern den Urtext verdeutlichen, dessen Übertragung in Deutsche einer gewissen Bandbreite unterliegt.
Diesen Vers 8 habe ich mir darum einmal genauer angesehen und muss nun sagen, dass uns der Text der Lutherbibel an einigen Stellen auf eine falsche Fährte führt. Er ist nicht falsch, aber er lässt Assoziationen aufkommen, die so nicht in diesem Bibeltext stehen und auch gar nicht gemeint sein können.
Dazu gehört schon das Wörtchen „gut“, das wir sofort mit der Alternative gut und böse verbinden. Doch das Wort im Hebräischen heißt TOV, das kennen wir aus dem umgangssprachlichen Massel-Tov, das aus dem Jiddischen kommt und also bedeutet: Viel Glück. Das Gute ist also nicht etwas Moralisches im Gegensatz zum Bösen, sondern das, was uns zugutekommt. „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist.“ Es ist hier tatsächlich offen, wer es gesagt hat, was gut ist. Wir möchten hier wie die Übersetzung der Gute Nachricht Bibel die Bezeichnung Gott oder der Herr ergänzen. Das Gute selbst ist aber hier ein Zweites, das zu unserem Leben gehört. Meine Phantasie geht hier zur Schöpfungsgeschichte, an die auch das Wort ADAM, Mensch, erinnert, Name des ersten Menschen und der Gattung zugleich. Umschrieben lautet es dann wohl so: Es ist dir gesagt Mensch, was du Gutes empfangen hast und, so geht es weiter, was der Herr, Gott, Jahwe, bei dir sucht. Hier ist die Gute Nachricht auf der richtigen Fährte, indem sie übersetzt: „Was der Herr von dir erwartet.“ Aber im Original heißt es Suchen und nicht Fordern oder Erwarten. Das Gute ist das, was wir von Gott erhalten haben, um es im Leben weiterzugeben, zu verbreiten und zu verwenden.
Dazu passt der Spruch von Eva von Thiele Winkler, der endet mit den Worten, „ …dass ich die Liebe von der ich leb, liebend an andere weitergeb.“
Die Moral würde uns hier auf die falsche Fährte führen, weil sie ein Ordnungssystem von Werten und Geboten ist, und folglich dazu führt, von sich selbst und anderen etwas zu erwarten und zu fordern.
Die Ordnung, die es zweifelsohne gibt, ist nicht der Sinn des Lebens. Man könnte sagen, der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Ich frage also besser nach der Aufgabe, insofern nach dem Sinn und der Bedeutung des Lebens, und antworte auf diese Frage mit dem Hinweis auf das Leben, wie ich es vorfinde und als Geschenk erhalten habe. Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist…, heißt, das Leben als Geschenk aufzufassen.
Von daher ist die Frage nach Gott erlaubt, der in diesem Versteil einen Namen hat, Jahwe heißt und der Herr genannt wird. Jahwe hat Israel aus der Knechtschaft in Ägypten befreit. Gott ist auf dem Weg, so wie er es schon war, als die Israeliten noch als Halbnomaden in der Wüste unterwegs waren. Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist. Wer will, mag dabei an den Psalm 23 denken.
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele…“
Man könnte sagen: Der Weg ist das Ziel, aber nicht weil er der Weg ist, sondern weil er schon alles enthält, worum es geht. Das Ziel ist nur noch die Vollendung dessen. Fazit ist: Es geht um das Leben in diesem einen Vers. Gott gibt das Leben, das gilt so wie es in der Taufe bekannt und gefeiert wird. Die Religion ist kein Selbstzweck, sondern ist um des Lebens willen da.
Der zweite Teil dieses Verses baut auf dem ersten auf, ist aber ganz anders gegliedert. Während der erste, fast wie überall im Hebräischen üblich, aus zwei einander erklärenden Gliedern besteht, ist dieser Teil dreigliedrig, und zeigt verschiedene Aspekte des Themas. Diese drei Abschnitte ergänzen sich.
In der Lutherbibel heißt es hier ziemlich prägnant:
„Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Die konkrete Zusammenfassung des biblischen Kommentars lautet hier anders: „Praktizierte Rechtlichkeit, persönliche Freundlichkeit und wachsame Frömmigkeit.“ Das heißt in der Interpretation wurde aus der Rechtlichkeit der Anspruch, Gottes Wort zu halten, statt Freundlichkeit heißt es Liebe üben und statt Frömmigkeit ist vom Demütigsein die Rede.
Praktisch gesehen kann man diese drei Begriffe auch gut auf die Bereiche aufteilen, in der die Menschen leben. Dann ist mit Rechtlichkeit die Gesellschaft gemeint, mit Liebe das Leben in der Familie und im engeren Umfeld und mit Frömmigkeit die Religion. Interessant sind hier im Original wieder die Umschreibungen.
Der erste Satz lautet wörtlich: „Nichts anderes als Recht üben.“ Die Rechtsordnung Gottes und die Gerechtigkeit gehören zusammen. Was Gott gibt und erwartet, ist hier das Ausüben von Recht und die Orientierung am Recht. Die Gesellschaft der Bibel ist quasi demokratisch durch die freie Rechtsausübung geregelt, die den Ältesten oblag. Zur Rechtsordnung gehörte auch das Wesen der Religion, wie es in der Anweisung ausgedrückt wird, den Sabbattag zu heiligen. Aber die anderen Bestimmungen sind nichts als pure Menschlichkeit.
Die zweite Bestimmung lautet: „Liebe üben.“ In Wahrheit ist es eine Doppelung und lässt sich daher schlecht übersetzen. Liebe freundlich, in Güte. Diese Doppelung ist eine Verstärkung. Bei Paulus heißt es entsprechend: „Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.“ (1. Korinther 16,14) Die berühmten Worte aus 1. Korinther 13 stehen hier ebenfalls zur Debatte: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Korinther 13,13)
Die dritte Bestimmung lautet: „Gehe aufmerksam mit deinem Gott.“ Gott ist gegenwärtig, er geht mit. Dieses Mitgehen Gottes wird nun auf der anderen Seite zum Wunsch, dass auch wir Gott folgen mögen. Das ist eine Aufforderung: Frage in deinem Leben nach dem Willen Gottes und folge ihm nach!
So müsste es ausführlicher heißen: Die Gottheit begegnet dir in deinem Leben, nimm sie wahr. Frömmigkeit ist das Mitgehen mit Gott in allen Bezügen des Lebens.
Dieser Spruch macht die Ganzheitlichkeit der Religion deutlich. Religion und Leben sind praktisch identisch. Religion ist die Lehre des Lebens und das Leben in Recht und Liebe in der Gegenwart Gottes ist die praktizierte Religion. Leben und Religion lassen sich nicht trennen.
Wer oder was ist darin Gott?
Hier ist immer von der Stimme und vom Wort Gottes die Rede. Das ist der Sinn des ganz Prophetischen: Gott redet zu den Menschen. Die Worte des Propheten sind aufgeteilt in Gottesrede, da spricht Gott in der Ich-Rolle, und in die darauf antwortende Lehr-Rede, da spricht der Prophet in der Ich-Form und von Gott ist in der dritten Person die Rede. Das Buch des Propheten Micha lässt sich nicht auf eine Zeitperiode festlegen. Aber alle Worte, die hier überliefert sind, passen sich der ursprünglichen Form der prophetischen Rede an. In unserem Abschnitt haben wir die Antwort auf die Gottesrede. Daher beginnt der erste Satz von Vers 6: „Womit soll ich mich vorwagen zu Jahwe?“ Oder anders gesagt: „Womit soll ich Jahwe entgegentreten?“
Diese Frage suggeriert einen Abstand zwischen dem Beter und Gott, der von unserer Seite aus unüberbrückbar zu sein scheint. Was bedeutet es zu sagen, „Gott kann nur durch Gott erkannt werden“? Wozu soll diese negative Theologie zu gebrauchen sein als zum Beweis der Unmöglichkeit, von Gott zu reden?
Nein, hier beginnt eine Reflektion. Die Frage „Womit“ betont keinesfalls den Abstand zwischen Gott und Mensch, sondern zeigt das ernsthafte Bemühen, den Ort der Begegnung mit Gott zu suchen und zu finden. Dieser Ort ist nach den Worten des Propheten eben erstaunlicherweise nicht der Kult. Die Kultreligion spricht zwar von Gott, wird seiner Gegenwart aber nicht gerecht.
Was kann es heute heißen vom Gott in der Höhe zu reden? Wenn es darum geht die Autorität der Mächtigen indirekt durch die Größe Gottes zu rechtfertigen, also eine Art Hühnerleiter, bei der Gott am Höchsten steht, darunter die Könige, darunter die Priester und so weiter, so ist das von nun an nicht mehr möglich. Gottes Gegenwart zeigt die Dimension des Unbedingten. Hier geht es um den Grund des Seins und nicht um irgendeine Möglichkeit des Kuhhandels mit Gott.
Der Sinn der religiösen Handlung vom Niederwerfen bis zum Opfern Zehntausender wird im ganzen Text in Frage gestellt. Was heißt das heute? Es ist verfehlt, zu sagen, dass diese Form von Religion uns fremd ist. Wer die Religion in irgendeiner Art als Lebensversicherung missbraucht, versucht einen solchen Kuhhandel. Dabei ist es meines Erachtens egal, ob man durch die Religion das irdische Leben verbessern will oder ob man eine Platzreservierung für die erste Reihe im Himmel nach dem Tod buchen will. Was kann heute ein „Kuhhandel“ mit Gott sein und welches Interesse steht dahinter? Gott lässt sich für unsere selbstgewählten Zwecke nicht missbrauchen, insofern ist er hoch. Es geht also immer wieder um die Alternative, ob die Religion nennen dem Leben und quasi eine Funktion hat wie ein Fortbewegungsmittel zum Himmel, oder ob die Religion immer zugleich das ganze Leben und das Leben im Ganzen meint. Dieses Prophetenwort legt Wert auf die Feststellung, dass sich die Beziehung zu Gott im Alltag ereignet und nicht in den Kult eingesperrt werden darf oder kann.
Bezeichnend ist doch, dass der Prophet hier Zahlen nennt. Das muss uns doch unweigerlich an die Millionen erinnern, die für die Religion ausgegeben werden. Sponsoring für die Religion ist gut, wenn es der Sache dient. Wer sich dabei meint, ein gutes Zeugnis auszustellen, macht es falsch. Der Prophetentext spielt in der Zeit des Exils eine neue Rolle und zeigt: Gott ist nicht im Tempel, wenn er der Schöpfer der Welt ist. Gott ist im Leben und ist jedem Menschen nah.
Das krasseste Beispiel ist hier im Prophetenwort das Menschenopfer, das Gottseidank in Israel selbst nicht ausgeübt wurde. Aber es zeigt eben als Extrembeispiel, dass es nicht darum geht, Gott etwas zu geben, um ihn zu besänftigen. So wird Gott zum Objekt unseres Denkens und wird eingeordnet in unsere Nützlichkeitserwägungen.
Vers 8 sagt es demgegenüber ganz klar: Gott ist im Leben selbst. Dort geht Gott mit, und wir gehen mit ihm. Was uns Gott gibt, unser Leben und unsere Beziehungen, das haben wir praktisch zu bewähren. Der Sinn des Lebens liegt im Leben selbst. Gott ist der Sinn, die Gestaltung unsres Lebens. Gott gibt unserem Leben Bedeutung. Wir empfangen den Sinn und geben ihn auch weiter.
Noch einmal: Was können wir der Gegenwart Gottes entgegnen? Sind wir wirklich so vermessen, mit Gott handeln zu wollen (Hiob) mit Geld, mit Riten, mit Ordnungen, mit Leistungen, mit Glaubensformeln? Religion ist Leben und Leben ist Religion. Gott geht mit uns und wir mit ihm.

Ich wiederhole den Text in der Übersetzung des biblischen Kommentars:

Womit soll ich mich vorwagen zu JAHWE,
Mich niederbeugen vor dem Gott der Höhe?
Soll ich mich zu ihm vorwagen mit Brandopfern,
Mit einjährigen Kälbern?
Findet JAHWE Gefallen an Tausenden von Widdern,
An Zehntausenden von Ölbächen?
Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Aufsässigkeit hingeben,
Mein eigenes Kind für mein verfehltes Leben?
Es ist dir mitgeteilt, Mensch, was gut ist
Und was JAHWE bei Dir sucht:
Nichts anderes als Recht üben,
Freundlichkeit lieben und
aufmerksam mitgehen mit deinem Gott.*
*Übersetzung von Hans Walter Wolff, Dodekapropheton 4, Micha, Neukirchener Verlag 1982, S. 136f.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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