Die Quellen der Kraft, Andacht zwei. Psalm 90, Ein Gang über den Friedhof, Christoph Fleischer, Werl 2013

Die religiösen Bilder der Psalmen helfen uns, in unserem Leben Quellen der Kraft zu entdecken und zu nutzen. Ein Ort der Kraft muss kein sakraler Raum sein. Auch Erfahrungen wie die eines Spaziergangs, eines guten Essens oder andere Alltagsgewohnheiten können als Quelle der Kraft gesehen werden. Die Religion ist nicht neben dem Leben, sondern inmitten des Lebens, in seinen eigenen Erfahrungen und Gewohnheiten zu finden. Sie ist vielleicht auf eine ungewöhnliche Art und Weise eine Verbindung zum Unbedingten oder Unverfügbaren und damit zu Gott aber dies in der Gestalt einer ganz gewöhnlichen Erfahrung.

Ein Ort, der hier zu bedenken ist, gerade jetzt im Herbst, ist der Friedhof. Ein Friedhofsgärtner aus Iserlohn SAMSUNG CAMERA PICTURESermutigte mich kürzlich gerade dazu, indem er mir von seinen persönlichen Erfahrungen berichtete. Er zeigte mir einen Engel, der von einem ehemaligen Grabmal stammte und irgendwo im Eingangsbereich des Friedhofs Platz gefunden hat (siehe Bild). Obwohl es keinen persönlichen Bezug gibt und er auch keinem bestimmten Platz zugeordnet ist, kommen immer einige Leute dorthin und stellen z. B. eine Kerze dort auf.

Für mich persönlich ist es wichtig, diese Gedanken auch in den Zusammenhang mit der Bibel bringen zu können. Als Text habe ich dazu den 90. Psalm ausgesucht, aus dem ich jeweils einige Verse vorlesen werde. Finde ich dort eine passende Erfahrung, dann nenne ist sie, gibt es im Moment keinen Gedanken dazu, auch gut.

Aber noch eine Sache: Gibt es eine Erfahrung der Trauer, die noch frisch ist, dann bitte ich darum, sie zurückzustellen. Ja es gibt Trauer, und sie gehört zum Leben. Aber der Weg über den Friedhof sollte zunächst von Trauer unberührt gegangen werden. Also denken Sie einmal ruhig an einen Friedhof, auf dem Sie noch keine Beerdigung erlebt haben, der Ihnen vielleicht sogar fremd ist. Gehen sie zum Beispiel im Urlaub über einen völlig fremden Friedhof. Ich wollte vor einiger Zeit in Werl muslimische Gräber suchen, war aber zuvor dort noch nicht auf diesem Friedhof gewesen. Diesen Spaziergang von etwa dreißig Minuten habe ich in Erinnerung, als ich nun die passenden Gedanken zum Psalm 90 gesucht habe.

Psalm 90 (Gute Nachricht Bibel)

1 Ein Gebet von Mose, dem Mann Gottes. Herr, seit Menschengedenken warst du unser Schutz.

Dieser Psalm ist dem Mose gewidmet. Dort, wo man das Grab des Mose vermutet, in Jordanien, auf dem Berg Nebo gegenüber dem tiefen Tal des Toten Meeres, findet man eine uralte christliche Kirche. Das zeigt: Die Frage, wo das Grab eines Menschen ist, scheint die Christenheit immer schon bewegt zu haben. Das Grab Christi wird sogar verehrt, obwohl Jesus nach dem Zeugnis der Bibel dort gar nicht geblieben ist. Egal, die Grabeskirche in Jerusalem ist eine der ältesten Kirche der Welt. Die Katakomben in Rom dagegen sind keine Kirche und dort wurden keine Gottesdienste gefeiert, wie man früher annahm. Vielmehr sind es unterirdische Friedhöfe, ein Phänomen, ein Hochhaus unter Erde. Das Christentum nahm das Grab sehr wichtig, weil es der Ruheplatz vor der Auferstehung war. Doch später kam immer mehr die Erdbestattung in Übung und die Vorstellung von Auferstehung wurde vergeistigt. Doch ein wichtiger Ort für die Ruhe der Toten sind Friedhöfe bis heute geblieben.

Ich frage nun also: Wofür sind Friedhöfe wichtig und warum, sind sie für den Glauben eine Quelle der Kraft?

Der Psalm sagt: „Herr, seit Menschengedenken warst du unser Schutz.“ Das eben wird auf dem Friedhof schon einmal deutlich. Hier sind Gräber von Menschen, die nicht nur vor uns gestorben sind, sondern auch vor uns gelebt haben. Wir hören es dann noch später im Psalm: Wir sind nicht allein auf der Welt. Es waren schon Menschen vor uns da. Ihr Glaube ist für uns eine Bestärkung. Sie haben uns den Glauben vermittelt; sie haben ihn praktiziert und in die nächste Generation hineingegeben, nun schon fast 2000 Jahre lang. Auch wenn sie nicht mehr leben, sind die Verstorbenen schon allein durch ihr Leben mit dem Glauben ein Trost. Es geht auch indirekt darin um die Erfahrung der Zeit. Die Zeit ist eine Quelle der Kraft, denn sie ist so voll von Erfahrungen, die mit dem Tod von Menschen nicht einfach verschwunden sind. Menschen vor uns haben Großartiges geleistet und erfahren, geglaubt und gelebt, was uns auch zugutekommt. Menschliche Erfahrung ist eine Quelle der Kraft.

2 Du, Gott, warst schon, bevor die Berge geboren wurden und die Erde unter Wehen entstand, und du bleibst in alle Ewigkeit.

Was erinnert auf einem Friedhof an die Berge und Felsen, die für die Psalmen Zeichen des Lebensalters der Erde sind. Auf den Friedhöfen ist die Verwendung von Stein gerade in unserer Gegend nicht zu übersehen. Nicht nur Grabsteine und Denkmäler, auch die Umfassung der Gräber und manchmal sogar kleine Bauwerke erinnern an Stein und Fels.

Was ist daran eine Quelle der Kraft? Ich denke, dass es eine Erholung darstellt, wenn unsere Probleme mal etwas kleiner werden. Vor dem Alter unserer Erde ist unsere Lebenszeit bescheiden kurz. Gottes Wirken ist für uns letztlich auch deshalb unverfügbar, weil es Generationen von Menschen umfasst und weil wir das göttliche Wirken auch in der ganzen Natur sehen. Das ist keine naturwissenschaftliche Erklärung, sondern ein symbolischer Umgang mit der Natur. Aber der ist eine Quelle der Kraft.

3 Du sagst zum Menschen: »Werde wieder Staub!« So bringst du ihn dorthin zurück, woher er gekommen ist.

In unseren Breiten ist der Friedhof eine Parkanlage. Die Erde bringt Leben hervor und ruft es wieder zurück im Lauf des Jahreszeiten. Jeder Besuch des Friedhofs kann nicht absehen von den Zeichen der Jahreszeiten in der Natur der Friedhofsbepflanzung. Osterglocken und Forsythien im Frühjahr, grüner Rasen und frisches Laub im Sommer, buntes Herbstlaub im Herbst und immergrüne Bepflanzung im Winter, vielleicht sogar Schnee und Eis. Wir leben nicht nur auf der Erde, wir leben von der Erde und zuletzt gehen wir zur Erde zurück. Die Erde ist eine Quelle der Kraft, denn sie ist unser Lebensraum.

4 Für dich sind tausend Jahre wie ein Tag, so wie gestern – im Nu vergangen, so kurz wie ein paar Nachtstunden.

Ist das eine Quelle der Kraft, die Zeit als vergänglich zu erleben? Gemessen an dem, was wir uns aufbauen, ist hier von Verlust die Rede. Doch auf dem Friedhof, da können wir es zulassen, dass die Zeit fließt, denn wir spüren, dass der Fluss im Einklang mit der Natur geschieht. Wollen wir uns also unserer Natur entgegenstellen oder wollen der Zeit ihren Fluss lassen?

 

5 Du scheuchst die Menschen fort, sie verschwinden wie ein Traum. Sie sind vergänglich wie das Gras: 6 Morgens noch grünt und blüht es, am Abend schon ist es verwelkt.

Namen auf den Grabsteinen regen doch auch unsere Phantasie an. Wer mag das gewesen sein? Wo und wann hat er oder sie gelebt? In einer Familie oder allein? Es geht hierbei nicht nur um das Vergehen, sondern es geht auch um die einzelnen Lebensbilder. So ist jedes Leben anders, wie sich jede Blume von anderen unterscheidet. Das Grab ist noch so ein letztes Symbol für den Sinn, den ein Mensch seinem Leben gegeben hat. Und: Niemand steigt zweimal in den gleichen Fluss? Es gibt Situationen, in denen Veränderung auch ein Trost ist.

7 Weil du zornig bist und dich gegen uns stellst, sind wir verloren und müssen vergehen.

8 Denn du siehst die geheimsten Fehler; alle unsere Vergehen deckst du auf. 9 Dein Zorn liegt schwer auf unserem Leben, darum ist es so flüchtig wie ein Seufzer.

Im Gegensatz zu dem, was wir zuvor gesehen haben, nehmen wir hier das Unrecht wahr, mit dem der Tod eingreift. Wo ist der Friedhof ein Bild dafür, dass sich Gott auch gegen uns stellt? Das Aufdecken unserer Vergehen, nicht öffentlich, sondern vor Gott, vor uns selbst. Kann es sein, dass uns in der Meditation über den Tod ein Licht aufgeht, dass wir unsere Fehler, ja auch unsere Schuld erkennen? Wenn das so ist, dann ist das eine Quelle der Kraft, denn wer einen Fehler erkennt, macht ihn nicht so schnell noch einmal.

 

10 Siebzig Jahre sind uns zugemessen, wenn es hoch kommt, achtzig – doch selbst die besten davon sind Mühe und Last! Wie schnell ist alles vorbei und wir sind nicht mehr! 11 Doch wer begreift schon, wie furchtbar dein Zorn ist, und wer nimmt ihn sich zu Herzen? 12 Lass uns erkennen, wie kurz unser Leben ist, damit wir zur Einsicht kommen!

Der Gang über den Friedhof neigt sich dem Ende. Ach ja, ein Spaziergang, ein Weg über den Friedhof ist eine Quelle der Kraft, ja sozusagen eine symbolische Reise ins Totenreich, die damit endet, dass man wieder zu den Lebenden zurückkehrt. Würden Verstorbene zu den Lebenden zurückkehren, welche Botschaft würden sie überbringen?

13 HERR, wie lange zürnst du uns noch? Hab doch Erbarmen mit uns und wende dich uns wieder zu!

Vielleicht haben wir geweint und Gefühle erlebt, ist das schlimm? Sind Tränen nicht sogar heilsam, weil sie uns unsere Gefühle spüren lassen. Wir sind doch die allermeiste Zeit nicht im Kontakt mit unseren Gefühlen. Das ist schade, denn die Gefühle haben Botschaften für uns. Eine Botschaft empfangen oder heraushören heißt, dass Gott sich zuwendet, dass Sinn aufscheint und Bedeutung deutlich wird. Wir gehen auf das Friedhofstor zu. Das Leben wartet auf uns.

14 Lass uns jeden Morgen spüren, dass du zu uns hältst, dann sind unsere Tage erfüllt von Jubel und Dank.

Der Gang über den Friedhof ließ uns an die Erfahrung der Zeit denken. Jeden Tag ein immer neues Geschenk, so ist die Zeit für uns. „Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag.“ So heißt es in einem neuen Lied.

15 Viele Jahre hast du Unglück über uns gebracht; gib uns nun ebenso viele Freudenjahre! 16 Lass uns noch erleben, dass du eingreifst, zeig unseren Kindern deine große Macht!

Auch wenn uns der einseitig liebende Gott hier etwas verloren geht, so ist doch auch dieses Gottesbild durchaus modern. Gott ist böse und gut gleichzeitig, weil das Leben nicht anders sein kann. Gott ist die Stimme des Lebens. Der Tod gehört auch zum Leben und kann nicht anders gedeutet werden als das Leben selbst. Ein Spaziergang über den

Friedhof endet im Leben. Und das Leben ist gut und böse, ist Freude und Trauern. Alles hat seine Zeit.

17 Herr, unser Gott, sei freundlich zu uns! Lass unsere Arbeit nicht vergeblich sein! Ja, Herr, lass gelingen, was wir tun!

Auf dem Friedhof ist auch Arbeit gegenwärtig. Schreiner und Gärtner sind tätig,  ein Friedhof muss verwaltet werden – und natürlich werden Verstorbene bestattet, was bedeutet, dass nicht zuletzt die Pastoren auf dem Friedhof arbeiten. Vielleicht haben wir eine Gärtnerin bei der Pflege eines Grabes beobachtet oder einen Steinmetz gesehen, der einen Stein aufgestellt hat. Und die Arbeit gehört auch zu unserem Leben. Ist Arbeit eine Quelle der Kraft? Ja. Der Friedhof würde nicht so schön gepflegt wirken, wenn niemand dort arbeiten würde. Wir leben in der Natur Gottes, aber wir überlassen die nicht sich selbst.

Ich habe gehört, dass jemand sagte, dass es heute selten nur noch so ruhig und friedlich ist, wie auf einem Friedhof. Man hört woanders kaum noch die Vögel zwitschern außer dort. Die Stille und der Gesang der Vögel zeigt doch schon äußerlich, dass der Friedhof eine wichtige Erfahrungsquelle ist, die man durchaus auch hin und wieder für einen Spaziergang nutzen sollte. Da man muss keine falsche Scheu haben. Hier kann man wirklich Ruhe finden, wenn wir sie brauchen, auch zum Nachdenken. Das Ruhefinden und Nachdenken und Kraftsammeln wäre z. B. so etwas wie der Gegensatz zum Burn out… die Gedanken sprießen wieder…

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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