Gott und das Leben, Erinnerung an eine Rede von Dorothee Sölle, Christoph Fleischer, Werl 2013

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Die 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, die vom 30. Oktober bis zum 8. November dieses Jahres in Busan, Korea, tagt, wcc_xassembl_logoDEU_cmykvsteht unter Überschrift: „Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden.“ Diese Überschrift erinnert vom Anspruch her an das Thema der 6. Vollversammlung 1983 in Vancouver, Kanada, also genau vor 30 Jahren, „Jesus Christus, das Leben der Welt“. Damals hielt die Theologin Dorothee Sölle eine viel beachtete Rede über das „Leben in seiner Fülle“.
Da das Wort Leben in der aktuellen Überschrift erneut auftaucht, ist es vielleicht interessant, hier noch einmal nachzulesen, was Dorothee Sölle über das Leben in Beziehung auf Gott sagte. Das Wort „Leben“ kommt in ihrer Rede mehr als achtzigmal vor, seltener als Verb wie in der Frage: „Wer lebt es denn?“ (S. 11) Doch diese Frage ist sicherlich eine Leitfrage des Artikels. Das „Leben in seiner Fülle“ wird jedoch zumeist in Frage gestellt, entweder durch die Sinnlosigkeit der Leere oder des Elends. Das Leben muss jeweils in seinem gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden.

Doch ich frage: inwiefern gibt Gott die Bedeutung oder die Frage nach der Bedeutung in diesem Kontext? Das Alte und Neue Testament dienen als Blickwinkel, von dem aus die gesellschaftliche Situation Leben entweder ermöglicht oder verhindert wird.
Nun frage ich: Inwiefern ist für Dorothee Sölle der „Gott des Lebens“ der Schlüssel ihres Verständnisses. Hier ist zuerst die Rede vom „Glauben an das Leben der Welt, das (ihr) in dem armen Mann aus Nazareth begegnet ist, der weder Reichtum noch Waffen besaß. Dieser arme Mann stellt das Leben der Welt vor unsere Augen und weist uns auf den Grund des Lebens hin, auf Gott. Christus ist die Exegese Gottes, die Auslegung, die uns verstehen macht, wer Gott ist (Johannes 1,18).“ (S. 11). Die Leere und Sinnlosigkeit des Lebens ist religiös gesprochen der Mangel der Präsenz Gottes, als Grund des Lebens, der sich aber zugleich im gesellschaftlichen Verhalten niederschlägt. Auf dieser Ebene argumentiert Dorothee Sölle in einem schlichten Dualismus: „Wir sind beteiligt an den Projekten der Ausplünderung oder der Fülle von Leben. Wir partizipieren entweder an der Sendung Christi, oder an dem, was der Dieb mit der Welt vorhat.“ (S. 13). Das Leben ohne Gott ist zugleich ein „Leben ohne Seele“, weil es „als selbsterarbeitet angesehen wird und nicht als Geschenk des Schöpfers“ (S. 13).
Sieht man beide Formulierungen in einem Zusammenhang, dann ist die Rede von Gott immer konkret, der Sinn eine konkrete Bedeutung und bewusste Praxis, die aber andererseits in einer Position des Empfanges wurzelt. Sein Leben in Gott begründet zu sehen, muss bedeuten, es eben nicht als erarbeitet oder verdient anzusehen. Der Sinn des Lebens ist zuerst Gabe und erst danach und dadurch Anspruch und Aufgabe.
Dorothee Sölle verdeutlicht dies am Bild der Geschichte vom reichen Jüngling, illustriert durch einen Brief eines jungen Mannes, den sie erhalten hat von jemandem, der meint, sein Leben sei leer. Vor diesem Hintergrund ist das ewige Leben, von dem in der Geschichte Jesu die Rede ist, ein Leben mit Sinn und Bedeutung (Markus 10,21). Bezogen auf den Reichtum heißt das rhetorisch ausgedrückt: „Überflüssige Dinge machen das Leben überflüssig.“ (S. 15).
Um die Vorstellung von Gott als den Grund des Lebens zu verdeutlichen, verbindet sie diesen Gedanken mit der Gabe des Lebensatem aus der Schöpfungsgeschichte (Genesis 2,7). Reichtum verhindert, so führt sie weiter aus, die Berührung durch Gott. Der Wunsch, das Leben zu sichern und zu schützen zerstört die Fülle und den Sinn des Lebens gleichermaßen.
So tritt die Gegenwart Gottes in unserem Leben als Erfahrung auf, die zwar gegeben und geschenkt ist, aber jedoch auch verweigert oder verhindert werden kann. Es ist also nicht nur die Frage, wie Gott lebt, sondern wie wir Gottes Gabe des Lebens annehmen. Das Leben Gottes und unsere eigene Existenz sind nicht voneinander zu trennen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist nicht allein theoretisch zu beantworten. Gott wird zum Sinn des Lebens, indem er geglaubt wird und wir unser Leben entsprechen praktizieren. Der Sinn des Lebens in Gott ist keine metaphysische Gegebenheit, sondern der Vollzug von Existenz.
Die Bedeutung Christi ist demnach eine Frage, die an uns gestellt ist. So gesehen ist der Sinn eben nicht allein eine Aussage, sondern ebenso gut auch eine Frage: „Wie lange werden wir noch in der Ausbeutungs- und Unterdrückungsordnung dieser Welt mitmachen?“ (S. 17). Es gibt keine Fülle des Lebens ohne die Liebe. So sagt Dorothee Sölle im Sinn von Dietrich Bonhoeffer: „Der Reichtum des Menschen liegt in seinen Beziehungen zu anderen, in seinem Dasein-für-andere.“ (S. 17) Der Reichtum des Lebens wird mit den Worten eines Propheten in Symbolen der Befreiung beschrieben (siehe Jesaja 58, 6 – 12).
Die Gegenwart Gottes, der Sinn des Lebens, erwächst aus der Erfahrung von Befreiung. Der Sinn des Lebens in Gott ist also zuletzt ein Prozess der Vollendung. Die Frage nach dem Ewigen ist nicht die Frage nach der Zeit, sondern nach der Erfahrung dieser Vollendung. Zuletzt sei dazu ein kurzer Abschnitt aus dem Schlusswort zu zitieren: „… ich werde einen Namen haben, ich werde Antwort bekommen, ich werde nicht mehr ein hilfloses, ängstliches Wesen sein, vielmehr wird die Wahrheit der Welt, der Sinn des Lebens offen zutage liegen. ‚Siehe, hier bin ich‘, sagt Gott in diesem Text, nicht weit fort, nicht später einmal oder früher bei glücklicheren Völkern, sondern hier ist der Sinn des Ganzen: Entzieh dich nicht deinen Brüdern, dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte. Das Christentum sagt nichts, was nicht auch an anderen Stellen der Welt zu hören wäre. ‚Wenn du aus deiner Mitte entfernst die Unterdrückung…‘ Nur formuliert es zugleich ein endliches Versprechen: Nichts ist sinnlos. Teresa von Aquila sagte: ‚Der ganze Weg zum Himmel ist Himmel.‘ An keiner Station dieses Weges, er mag in noch so große Dunkelheit führen, bist du allein. Wenn Du dich auf die Bewegung der Liebe einlässt, wird deine Kraft gestärkt. Dein Reichtum wächst, je mehr Du teilst. Wo immer du dich auf die Bewegung der Liebe einlässt, da ist die Liebe bei dir, die Fülle des Lebens.“ (S. 18) In den Worten Dorothee Sölles ist Gott also eine Aussage über den Sinn des Lebens und eine Erfahrung. Die Bedeutung des Lebens, die Fülle des Lebens liegt darin, wie das Leben beseelt ist. Auch diese ökumenische Versammlung wird an der Theologie Dorothee Sölles nicht vorbeigehen können.

Zitiert aus: Dorothee Sölle: Leben in seiner Fülle, in: Junge Kirche, Zeitschrift europäischer Christinnen und Christen, 3/2003

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Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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