Nachkoloniales Schriftverständnis, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2013

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Zu: Rike Felka: Eingefaltete Zeit, Derridas Philosophie der Schrift, Institut für Buchkunst, Leipzig 2013, ISBN 978-3-932865-73-2, Preis: 8,00 Euro

„Mit der Schrift lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas, geben wir etwas bekannt, veröffentlichen wir etwas, das deshalb auch schnell überholt ist. […] Die der Schrift eigentümliche Lautlosigkeit ist es, die vom Weiß des Papiers ausgeht. Derrida spricht von der ‚Strenge‘ des Papiers, es lässt uns zunächst ‚ohne Antwort‘ (Anmerkung: Derrida, Jacques: Das Papier oder ich, wissen sie… in … Maschinen Papier, Passagen Verlag Wien 2006).“ (S. 31).
20131106-074958.jpgDiese im Institut für Buchkunst herausgegebene Schrift will mehr sein, als nur das Wort und die Bilder, die sie enthält. Schon die vierzehn Abbildungen zeigen, dass der Begriff Schrift nicht auf die Buchstaben beschränkt werden darf, dass auch das Papier, „120 g Munken Pure“, der Satz, „Korpus Kiss“, die Bindung und Edition zur Erarbeitung eines Buches hinzugehören (Vgl. Impressum).
Da das Buch im Institut für Buchkunst erstellt wird, steht hier auch der Name der Editorin: „Für den Druck eingerichtet von Dona Abboud.“ (Ebd.). Wer die Buchanzeige im Internet nachschaut, findet darüber hinaus die Information, dass das 40-seitige Heft 145 x 233 mm groß ist, einfarbig, 8,00 Euro kostet, im Offset-Druck hergestellt wurde, mit Kantenbroschur und Fadenheftung.
Dass dieser Aufwand geradezu zum Wesen der Schrift gehört, zeigt folgendes Zitat: „Die(se) doppelte und widersprüchliche Auffassung der Schrift zwischen Wertbezogenheit und Wertlosigkeit hängt damit zusammen, dass Papier und Aufzeichnung in den Bereich des Wunsches oder Anspruchs fallen, einerseits etwas aufzuheben und gerade deshalb auch vergessen zu können oder zu dürfen. Etwas wird verlagert, an einen anderen Ort gebracht, ein Archiv wird gebildet, sei es vorübergehend, sei es für einen langen Zeitraum.“ (S. 30) Der hier dokumentierte Vortrag der Literaturwissenschaftlerin Rike Felka über das Schriftverständnis Jacques Derridas stellt also genau so den Ortsbezug zu einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Schrift als ganzer her, die nicht nur den Inhalt meint, sondern auch dessen Form. Derrida erweitert ein zu enges Schriftverständnis, das nämlich zur kolonialen Machtausübung missbraucht wurde, zu einem Begriff, der nicht-technische Strukturen der Kommunikation einschließt, die aber dennoch Informationsaustausch zu Schrift werde lassen. Beispielhaft zeigt dies die Autorin an einem Ausschnitt aus der Erzählung „Stimmen aus Marrakesch“ von Elias Canetti, der anhand des orientalischen Marktes die jeweilige Notwendigkeit der schriftlichen Aufzeichnung und der mündlichen Weitergabe sorgfältig schildert. Derrida kritisiert die Untersuchung des Indianervolkes der Nambikware im brasilianischen Urwald durch Claude Levi-Strauss und zeigt, dass dessen Abwertung der angeblichen Schriftlosigkeit dieses Indianervolks zu einem Einbruch der Gewalt geführt hat, die letztlich sogar einige Strukturen zerstörte, mit denen sich dieses Volk eine Art von Schrift aus „Ritualen, Kulten, Tänzen,…“ (S. 18) erstellt hatte. Derrida, so referiert es Rike Felka, zeigt am Beispiel des chinesischen Buchstaben wen auf, dass dieser ein Wort und zugleich die Form -eine Menge von Strichen- darstelle und so in der Bedeutungsbreite sowohl an den Rücken einer Schildkröte als auch an Figuren des Sternenhimmels erinnern kann. Die Entscheidung, welche Bedeutung diese Struktur eines Buchstabens annimmt, ist diesem selbst nur bedingt zu entnehmen, sondern ebenso dem Verständnis des Kontextes, ja der Beurteilung des Lesenden selbst. Zum Schriftverständnis Derridas gehört also ebenso das Unbezeichnete, das schon Erinnerte, wie die Zeichen selbst. „Schrift ist Erinnerung, es ist das, was von der Erinnerung bleibt.“ (S. 14).
Warum das Relativpronomen in diesem Satz, das eigentlich feminin sein müsste, im Neutrum steht, gehört sicherlich auch zu der Veranschaulichung dessen, was Schrift ausmacht, dass auch faktische Ungenauigkeiten oder Verschiebungen in das Schriftverständnis integriert werden. Schrift kann das, was sie erinnert oder zur Sprache bringt, in verschiedenen Bereichen der Kultur bis hin zur Religion zur Sprache bringen oder verbergen. Diese Schrift kann machtvoll agieren oder sogar verletzen, was am Beispiel der Ethnologie gezeigt wurde. Doch dass zur Würdigung dessen, was sie transportiert, die Aneignung gehört, dass sie zur Aufbewahrung geeignet sein sollte und vieles mehr, macht sie vielseitig und für Kultur unverzichtbar. Hier wird auch das Printmedium seine Rolle behalten, weil es vermutlich das Abwesende länger und sicherer bewahrt, als von Elektrizität oder Elektronik abhängige Medien. Doch was Schrift ist, lässt sich nicht allein vom Träger der Information oder seiner Zeichenstruktur bestimmen. Rike Felka stellt fest: „Zur ‚Schrift‘ gehören Vorgaben, komplexe Regeln, die ein bestimmtes Niveau gewährleisten sollen. Und nicht nur die Bearbeitungszeiten des schriftlichen Sich-Äußerns sind länger und gewundener.“ (S. 33). Vielleicht kann man das zusammenfassen mit dem Gedanken, dass Schrift immer etwas Besonderes darstellt, weil sie das Bemühen der Menschen unterstützt, einen Gedanken oder eine Erfahrung dem Fluss der Zeit zu entreißen. Schrift ist ein Wert, der sich auch in der Gestaltung des Äußeren widerspiegelt.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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