Harmonie und Gegenwärtigkeit heilt bei Humanie, Rezension von Gerd Kracht, Recklinghausen 2013

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Zu: Steve Taylor „Verrückte Welt – zurück zu Harmonie und mentaler Gesundheit“
280 Seiten, Broschur, Kamphausen Verlag Bielefeld 2013, ISBN, Preis: EUR 18.95 | CHF 27.50

Taylor geht in seinem Buch wie ein psychiatrischer Arzt schrittweise vor: Erst stellt der Arzt die Störung fest, weil er mit Ursprung und Wirkweise der Krankheit vertraut ist und schlägt anschließend zur Heilung geeignete Medizin vor.
Im ersten Teil dreht der Autor die Perspektive gesellschaftlicher Betrachtungsweise unserer Kultur um: Er zitiert Menschen, die aus indigener Perspektive unsere westliche Kultur auf Befragung hin einschätzen. Die Antworten der indigenen Erdenbewohner, die Grundlage des ersten Teils des Buches sind, führt der Autor als Zitate an: Der Schweizer Psycho- Analytiker Carl Gustav Jung, bat den Indianer – Häuptling Mountain Lake um eine Einschätzung der Invasoren. Der Indianer gab Jung im Jahre 1938 zur Antwort: “Die Weißen wollen immer etwas. Sie sind unruhig und rastlos. Wir wissen nicht, was sie wollen. Wir verstehen sie nicht. Wir denken, dass sie verrückt sind.“ Den Grund dafür fasst die erste Überschrift zusammen: „Die Verrücktheit ist, dass wir außerhalb unserer selbst leben,“ Die Unruhe, die hinter der Wahrnehmungs- und Verstehensweise der Weißen spürbar ist, beruht auf hierarchischen Denk- und Verhaltensweisen und beutet in diesem Gefälle Mit-Menschen, Tiere und Umwelt seit vielen Jahrhunderten bis in die Gegenwart hinein aus. Und nicht nur der einzelne erlebt „Ego – Abgetrenntsein“, es ist eine koloniale Verrücktheit, die auch heute noch zur „…Eroberung, Dezimierung und kultureller Zerstörung der indigenen Stämme durch die westlichen Gesellschaften führt.
Was ist die Wurzel dieses Wahnsinns? Die vollkommene Identifikation mit Gedanken, mit dem Ego also.
Steve Taylor nennt diese grundsätzliche Störung des menschlichen Geistes „Humanie.“

Unter Humanie versteht er die Funktionsweise des Geistes. Wir generieren ständig die Vorstellung einer vom Beobachter unabhängigen objektiven Realität. Wir konstruierten uns ein Ego, eine Art „Selbst – System“ mit Vergangenheit und Zukunft, das uns selbst durch die Annahme, abgetrennt zu sein, immer mehr zur Belastung wird. Nach dem internationalen diagnostischen Handbuch DSM bringen wir es immer weiter mit „…einem signifikant gesteigerten Leidensrisiko.“
Solange wir aber nicht verstehen, dass dieses, durch ein reines Konstrukt aufgebaute fiktive „Ich“ nichts mit unserem wahren Selbst zu tun hat, werden Menschen ihr fiktives Ich, für alle möglichen Dinge aufzuwerten versuchen. Wie bei pubertierenden Jugendlichen besteht eine Suche Hunger nach Gruppenidentität und damit nach Ausgrenzung und Konflikt. Ein Beispiel des Ursprungs der Humanie sieht er unter anderem in religiösen Glaubensvorstellungen: „Ich halte die Vorstellung von Gott als anthropomorphes, allmächtiges Wesen, das die gesamte Welt überblickt und unsere Geschicke lenkt, für eine weitere Folge unserer Humanie – insbesondere für eine Reaktion auf das Gefühl der Ego – Abtrennung und Unvollständigkeit.“ Die Krankheit ist nicht, dass wir unseren Verstand gebrauchen, sondern dass er uns gebraucht. Wie bei den meisten Krankheiten tut es weh wenn es zum Heilungsprozess kommt, wenn gewohnte gedankliche Konstrukte selbst beobachtet und aufgegeben werden können. Die religiöse Komponente ist nur ein Teil von Verrücktheiten, die sich wiederholen in unablässigem Wünschen, im Anderswosein innerhalb einer kollektiven Verwirrung. 
Der zweite Teil der Buches, der mit “Zurück zu Harmonie und Gesundheit“ überschrieben ist, besteht aus Heilungsmaßnahmen wie bewusste Achtsamkeit, Meditation, Sport, Retraits und speziellen Therapien. Voraussetzung für die Heilung von Humanie ist, zu erkennen, dass diese Krankheit in uns, in unserer Gesellschaft existiert. “Es ist schwierig, sie (die Humanie) als Problem zu begreifen, weil wir sie sind.“, schreibt Taylor im zweiten Teil. Diese Einsicht und die angegeben Übungsvorschlägen wirken auf den inneren und zugleich äußeren Frieden in der Welt. So lässt er am Schluss des Buches den Lakota Indianer Black Elk erklären: „Der erste Friede, welcher der wichtigste ist, ist der, in der die Seele der Menschen einzieht, wenn sie ihre Verbundenheit, ihr Einssein mit dem Universum und allen seinen Kräften begreifen und wissen, dass im Mittelpunkt des Universums der Große Geist lebt und dass dieser Mittelpunkt in Wirklichkeit überall ist, in uns allen. (Black Elk 2011)“ 
Als sachliche Kritik ist anzumerken, dass Ureinwohner, native people in Nordamerika, in Australien, in allen Teilen der Erde sakramentale Substanzen der Natur zeremoniell benutzt haben, um eine tiefe, heilige Verbindung mit Mit-Mensch und Umwelt herzustellen. Abgesehen von dieser Kritik, ein lesenswertes Buch, das einlädt, die fundamentale Verwirrung unserer Gesellschaft zu begreifen, in sich selbst anzuerkennen, darüber hinauszugehen und das Leiden aufzugeben.

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Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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