Hexenverfolgung und Hexenprozesse in Werl. Notizen zu einem Vortrag von Hartmut Hegeler in Werl, Christoph Fleischer, Werl 2013

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Im Rahmen der Veranstaltungs- und Ausstellungsreihe zu den Hexenprozessen in Lippstadt, Soest und Werl referierte der pensionierte Berufsschulpfarrer Hartmut Hegeler aus Unna auf Einladung des Evangelischen Kirchenkreises Soest am 18. November in der VHS Werl. Im zweiten Teil des Vortrags widmete er sich einem protestantischen Vertreter des im 17. Jahrhundert langsam aufkommenden Widerstandes gegen die Hexenprozesse, des in Lippstadt geborenen Pfarrers Anton Praetorius, gestorben am 6. Dezember vor 400 Jahren im Jahr 1613. Es hing sehr stark von der jeweiligen Obrigkeit ab, ob es zu Hexenprozessen kam, oder nicht. Praetorius wirkte zuletzt in der Nähe von Heidelberg, wo laut Hegeler nicht ein Mensch als Hexe oder Hexer verurteilt worden ist. Trotzdem musste er sein in vier Auflagen gedrucktes Buch über Folter und die unmenschlichen Hexenprozesse zunächst anonym verfassen. Die vierte Auflage des Buches erschien posthum und wirkte weiter und rief weitere Kritiker auf den Plan. Doch erst im 18. Jahrhundert endete der Hexenwahn.

Ungeachtet dieser ersten Widerstände kam es gerade in Westfalen in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges zu einer Vielzahl solcher Prozesse, die auf erfundenen Vorwürfen basierten, die durch in der Folter erpresste Geständnisse „bewiesen“ wurden. In Werl gab es mindestens 72 Opfer zwischen 1580 und 1590, 1628 und 1630, 1642 und 1646 und schließlich 1657 und 1668. Treibende Kräfte waren Juristen, Bürgermeister und führende Köpfe der Stadt. Oftmals dienten die Prozesse dazu, Gerichtsbarkeitsrechte der Obrigkeit zu demonstrieren. Denunziationen durch die Bevölkerung waren Auslöser von Verfolgungen. Hinrichtungen wurden öffentlich durchgeführt unter großer Beteiligung der Bevölkerung.
Die Hexenverfolgungen fielen mit einer Zeit von Wetterkatastrophen von 1500-1800 zusammen, eine klimatisch sehr ungünstige Periode mit langen Wintern und regnerischen Sommern, die als „kleine Eiszeit“ bezeichnet wird und zu Missernten, Krankheitsepidemien und Hungersnöten führte. Laut Hegeler war dies einer der auslösenden Faktoren für die Hexenverfolgungen. Der dreißigjährige Krieg trug das Seinige dazu bei. Man suchte Sündenbocke für private und öffentliche Katastrophen.
Die Herausgabe des „Hexenhammers“ (1486) durch den Dominikanermönch Heinrich Kramer (Institoris) als Handbuch für die Durchführung der Prozesse diente zur gerichtlichen Beurteilung der Vorwürfe, da in diesem Buch die erfundenen Delikte wie Teufelsbuhlschaft, Teilnahme am Hexensabbat oder diverse Verwünschungen oder Verhexungen von Mensch und Tier detailliert beschrieben wurden und dadurch den einzelnen Frauen, Männern und Kindern vorgehalten werden konnten.
Pfarrer Hegeler zeigte, dass vielleicht eine unterschiedliche Fassung einer Bibelstelle dazu führte, dass in protestantischen Regionen mehr Frauen als Hexen zu Tode kamen, hieß es in der Lutherbibel doch: „Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen.“ (2. Mose 22,18). Die lateinische Vulgata bevorzugte hier eine maskuline Wiedergabe des hebräischen Texten. Martin Luther und die Calvinisten forderten genau wie die katholische Kirche die Hexenverfolgung.
In Bezug auf die Stadt Werl betonte Hegeler, dass der Rat der Stadt Werl im Jahr 2011 als einer der wenigen Kommunen in Deutschland die Opfer des Hexenprozesse ausdrücklich rehabilitiert hat. Ob es in Werl eine Gedenkstätte für die Opfer der Hexenverfolgung geben soll, wird der weiteren politischen Entscheidungsfindung überlassen. Solches mag insofern auch sinnvoll sein, weil die Hexenverfolgung auch über die Rehabilitation der Opfer hinaus auf ein andauernden Interesse stößt, weil die sozialen Prozesse wie Ausgrenzung und Mobbing, die zu den Anschuldigungen führten, auch in der Gegenwart zum Teil funktionieren. Der Vortrag von Hartmut Hegeler führte zu einer angeregten Diskussion und beinhaltete auch manche Impulse für die Stadt Werl.
Hinweis auf die Homepage von Hartmut Hegeler: http://www.anton-praetorius.de/

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

4 Gedanken zu „Hexenverfolgung und Hexenprozesse in Werl. Notizen zu einem Vortrag von Hartmut Hegeler in Werl, Christoph Fleischer, Werl 2013“

  1. Danke für den sehr informativen und positiven link zur Rehabilitation und dem Arbeitskreis in dem wohl zugestanden wird, dass im Zeitalter der Aufgeklärtheit nicht mehr an das Fliegen auf Besenstielen und anderem Zauber geglaubt werden kann. jedoch der Gesamtkontext zum Frauenbild der Kirche noch relativ unberücksichtigt geblieben ist und dadurch nur ein kleiner Ausschnitt sichtbar wird..

  2. Sehr geehrter Herr Hegeler,
    herzlichen Dank für ihre Stellungnahme zum Kommentar. Fern der Absicht hier durch einseitige Polarisierung neue Gräben aufzureißen, sondern im Gegenteil, im Bemühen einer Aussöhnung und des Brückenschlages zwischen leidvoller Vergangenheit der Frau in Kirche und Gesellschaft und einem erhofften zukünftigem Miteinander auf Augenhöhe, sehe ich es doch als eine Notwendigkeit, die Dinge klar zu benennen und sich ihrem geschichtlichen Wirken zu stellen. Nicht der Hexenhammer an sich kann als isoliertes Phänomen betrachtet werden, vielmehr ist er als Spitze des Eisberges, als die absolut pervertierteste Ausdruckform eines Unterdrückungsfeldzuges gegen die Frau und ihres gnostischen Zuganges zur Weisheitserkenntnis zu sehen. (Die Macht-und Tiefenpsychologie diese Geschlechterkrieges hier auszuführen, würde, obwohl ursächlich, hier doch zu weit führen.) Dies zeigt sich als roter Faden ja seit der Ablöse des matriarchalen Primates und der Umdeutung von Mythen, Märchen und Geschichte, sowie im Wandel des Gottesbildes der großen Mutter zum allmächtigen Vater einer hoministischen, also androkratischen Theokratie. Die historischen Fakten in Philosophie ( Eberz) Antropologie (Göttner, Abendroth ), Archäologie (Catal Hüyük) und Ethnologie mühsam wiederendeckt und rekonstruiert liefern genug Anschauungsmaterial zu diesem Thema, das dadurch auch für die neue feministische Theologie sinngebend war.
    Von den Anfängen des verfälschten Paradiesmythos, der sich ja schon in viel älteren Deutungen findet, in dem die Frau zur Ursache der Erbsünde, als die große Schuldige, Sünderin und Hure verteufelt wird, über eine frauenfeindliche paulinische Theosophie, eines Kirchenlehrers wie Tertullian, der die Frau als das Tor zur Hölle zeichnet, ist ihre Leidensgeschichte der Unterdrückung, der Minderwertigkeit, als Eigentum und Dienerin des Mannes samt Besitzanspruch auf das Eigentum an seiner Rippe, durch Reduktion auf ein „Brutgefäß des männlichen Samens“, ihm weitere, natürlich vorzugsweise männliche, Nachkommen zu schaffen, bis zum Höhepunkt der Hexenverfolgungen eine gerade Linie. Direkt in das reale Fegefeuer aus der „Gnade“, die große Läuterung von ihren Sünden gnädig gewährt zu bekommen. Dem sich, nach reformatorischer Spaltung, ähnlich seinem Antisemitismus auch die Frauenfeindlichkeit eines Luther anschließt, durch Hinweis auf 2. Mose 22,18.
    Somit geht es aber nicht um Verknüpfungen mit Eiszeiten in einem zugegeben dunklen Zeitalter und der Ursächlichmachung von Wetterkapriolen und Missernten, auch nicht um Prozentzahlen von Hebammen, (die oft alleinig für 2-3 Dörfer zuständig, immer in geringer Zahl gewirkt haben), ja auch nicht um, in diesem Klima der Inquisition im Netz hängende unbequeme Händler, Adelige, Postmeister oder Gastwirte, die gingen in diesem Klima des Machtanspruches kirchlicher, und auch staatlicher Ausschließlichkeitsansprüche sozusagen in einem Aufwischen gleich mit. Getreu dem Wahlspruch „Ein Gott, ein König, ein Vaterland!“ sind ja monotheistisch patriarchale Religionen immer auch zu Staatsreligionen mutiert, die dann leicht das Ausrufen von „Gerechten, gottgewollten Kriegen“, (G.Bush ) zwar im Wiederspruch zur Jesus — Aussage, aber doch für die vollmundig proklamierte „gute Sache“……das Töten zu rechtfertigen. Von wegen andere Backe….!!
    So hätte ich mir abschließend gewünscht, ganz klar in einem Bekenntnis von kirchlicher Seite, als hauptsächliche Verursacherin des geistigen Überbaues und nicht allein durch bloße Duldung dieses ungerechten Wahnsinnes, sondern vielmehr durch forciertes Betreiben desselbigen ihr mea culpa auszusprechen, als Grundlage des Verzeihens und eines Neuanfanges den ich auf evangelischer Seite ja schon mehr verwirklicht sehe, im Hereinnehmen der Frau im priesterlichen Dienste. So zu tun als wäre alles halt etwas unglücklich gelaufen, die Ursachen zu verwischen und keine klare Schuldbekenntnisse zu machen, hier war die Kirche nämlich alles andere als Unfehlbar, tut der Aufarbeitung dieses Kapitels keinen guten Dienst.

  3. Zur Rehabilitation der Opfer der Hexenprozesse:
    http://www.anton-praetorius.de/arbeitskreis/arbeitskreis_01.htm#Rehabilitation

    Zur Vernichtung der gnostisch gynäkokratischen Frauenspiritualität folgende Hinweise von Wissenschaftlern:
    Franz Irsigler: Hebammen, Heilerinnen und Hexen
    „Es sei in keiner Weise bestritten, dass zu den Opfern des Hexenwahns auch eine signifikante Zahl von ‚weisen Frauen‘ gehörte, das heißt von heilkundigen, meist aber doch mit recht einfachen medizinischen Praktiken an Mensch und Tier vertrauten Personen.“
    „Soweit es die überlieferten Berufsangaben in den Hexenprozessakten erkennen lassen, waren Hebammen unter den Prozessopfern nur in marginaler Zahl vertreten; ihr Anteil lag im kleinen Promillebereich; unter den 60.000 Menschen, die vom 15. bis zum 18. Jahrhundert als vermeintliche Hexen und Hexenmeister hingerichtet worden sind, waren vermutlich nicht mehr als 200 Hebammen, eher weniger.“
    http://www.dhm.de/ausstellungen/hexenwahn/aufsaetze/10.htm

    Hexenverfolgung – Was sind Mythen, was historische Wahrheiten?
    Nicht nur Frauen waren Opfer
    Es traf keine bestimmten Berufsgruppen
    „Die Verfolgung traf Menschen unterschiedlichster Herkunft und Berufe und zwar oft völlig unerwartet. Von einem strategischem Vorgehen gegen bestimmte Berufsstände wie zum Beispiel Hebammen oder Heilerinnen kann nicht die Rede sein. Die fragwürdige These der Bremer Soziologen Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, die Hexenverfolger hätten „weise Frauen“ wie zum Beispiel Hebammen systematisch vernichten wollen, um deren Kenntnisse über Empfängnisverhütung und Abtreibung zu verdrängen und die Bevölkerungsentwicklung zugunsten von Staat und Kirche positiv zu beeinflussen, gilt unter Historikern als widerlegt. Der Trierer Historiker Franz Irsigler hat zum Beispiel für das 16. und 17. Jahrhundert im Trierer Raum rund 800 weibliche Prozessopfer belegen können, darunter lediglich drei Hebammen. Die Gründe für die Verfolgung lagen nämlich weniger in der Person der Betroffenen, als vielmehr in den Motiven der Verfolger. Auch Adlige, Richter, Bischöfe, Theologen, Gastwirte, Postmeister, ja selbst Leiterinnen von Klöstern kamen vor Gericht.
    Wenn es bestimmte Schwerpunkte unter den Opfergruppen gab, dann die überwiegend verarmte, entwurzelte Menschen vom Land, die „unterbäuerliche“ Schicht. Doch auch sie wurde nicht gezielt verfolgt, sondern ihre Verfolgung ergab sich aus den Lebensumständen. Die Verfolgung nahm häufig im zeitlichen Zusammenhang mit Hungersnöten zu. Sie spiegeln auch die Verunsicherung der Menschen am Beginn der Neuzeit.“
    http://www.luther2017.de/22563/hexenverfolgung-%E2%80%93-was-sind-mythen-was-historische-wahrheiten

  4. Ich denke nicht dass eine unterschiedliche Bibelstelle mehr Frauen als Männer zu Tode kommen ließ, sondern dass es in erster Linie gegen sie gegangen ist. Wie ja allgemein bekannt und von Otfried Eberz in seinem religionsphilosophischen mehrbändigem Werk in aller Deutlichkeit ausgeführt, und von vielen feministischen Autorinnen aufgegriffen wurde, ist dies als ein weiterer Ausdruck des Vernichtungswillen der gnostisch gynäkokratischen Frauenspiritualität zu werten. Dies ist nicht irrtümlich „passiert“, durch Missverständnisse, sondern hatte System in einer androkratischen Theologie und ihrer Urangst vor dem Wiedererwachen einer weiblichen Spiritualität. Bis heute!!! Aus gutem Grund wohl, ist doch der Mann auch im spirituellen Werden ein von der Frau Zweimalgeborener. Dies galt es in einer vom männlichen Herrschafts -und Machtanspruch dominierten Kirche, in der die Frau nie das Sagen haben durfte, als großes Schreckgespenst unbedingt zu vermeiden. Bevor dies nicht zugestanden wird und zu einer, wenn auch nur symbolischen Wiedergutmachung und Entschuldung an der Frau führt, ist das Aufstellen einer Gedenkstätte wohl absolut sinnlos. Möglicherweise war es ja auch dieses unchristliche Wüten, welches dadurch zu Eiszeiten und Missernten erst führte…..

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