Predigt über Offenbarung 3, 7 – 13 zum 2. Advent, Christoph Fleischer, Werl 2013

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An die Gemeinde in Philadelphia
7 »Schreibe an den Engel der Gemeinde in Philadelphia:
So spricht Er, der heilig ist und Treue hält,
Er, der den Schlüssel Davids hat –
wo Er öffnet, kann niemand zuschließen, und wo Er zuschließt, kann niemand öffnen –,
Er lässt euch sagen: 8 Ich kenne euer Tun.
Ich habe euch eine Tür geöffnet, die niemand zuschließen kann.
Eure Kraft ist nur klein.
Trotzdem habt ihr euch nach meinem Wort gerichtet
und das Bekenntnis zu mir nicht widerrufen.
9 Hört zu! Ich werde Menschen zu euch schicken, die zur Synagoge des Satans gehören.
Sie behaupten, dass sie zum Volk Gottes zählen; das stimmt aber nicht, sie lügen.
Ich werde dafür sorgen, dass sie sich vor euch niederwerfen
und anerkennen, dass ich euch erwählt habe und liebe.
10 Ihr habt mein Wort beherzigt, mit dem ich euch zum Durchhalten aufrief.
Darum werde ich euch in der Zeit der Versuchung bewahren,
die demnächst über die ganze Erde kommen
und alle Menschen auf die Probe stellen wird.
11 Ich komme bald! Haltet fest, was ihr habt,
damit euch niemand den Siegeskranz streitig macht!
12 Alle, die durchhalten und den Sieg erringen,
werde ich zu einer Säule im Tempel meines Gottes machen,
und sie werden immer darin bleiben.
Ich werde den Namen meines Gottes auf sie schreiben
und den Namen der Stadt meines Gottes.
Diese Stadt ist das neue Jerusalem,
das von meinem Gott aus dem Himmel herabkommen wird.
Ich werde auch meinen eigenen neuen Namen auf sie schreiben.
13 Wer Ohren hat, soll hören, was der Geist den Gemeinden sagt!«

Liebe Gemeinde,

die Offenbarung ist die Ankündigung eines zukünftigen Geschehens. Wir warten im Advent auf Weihnachten. Ist ursprünglich eine weit vorausliegende Zukunft gemeint, wird die Ankündigung nun auf die nahe und wiederkehrende Zukunft des Weihnachtsfestes gedeutet. Hier heißt es: Wartet auf den zukünftigen Retter; dort heißt es: Wartet aufs Christkind.

Wenn man diese beiden Erwartungen miteinander kombiniert, dann muss man sagen, dass die Erwartung des zukünftigen Retters erfüllt ist.
Weihnachten ist alljährlich die Erfüllung der Erwartung im Advent. Gibt es sonst nichts mehr zu erwarten? Nun diese Frage muss verneint werden. Die Erwartung hört Weihnachten ja gar nicht auf. Es gibt noch sehr viel zu erwarten, im Kleinen, wie im Großen. Wir hören gar nicht auf, Gottes Rettung zu erwarten. Wir leben so gesehen in einer ständigen Erwartung. Der Glaube hat niemals eine Sicherheit, sondern bleibt immer auf die Zukunft hin ausgerichtet. Die christliche Religion ist von der jüdischen her immer zukunftsorientiert.
Wir leben nicht in den Tag hinein, sondern machen uns Gedanken über die Zukunft. Uns interessiert die Zukunft der Erde und der Menschheit. Und die eigene Zukunft über den Tod hinaus.
Aber auch die Zusage gilt: Alles ist in Gott aufgehoben. Die Erwartung ist schon erfüllt. Jesus ist schon gekommen. Das was kommt kann nur die Bestätigung dessen sein, was schon geschehen ist.
Das Licht von Weihnachten und von Ostern scheint in die Gegenwart und bestimmt auch unsere Erwartung. Wenn es in der Bibel heißt, dass unser Herr kommt, dann erfreut uns dies.
Wir wissen um die Rettung. Die Welt ist in Gottes Hand.
Man sollte eigentlich die Offenbarung im Ganzen lesen. Es gibt da ganz preiswert ein Hörbuch – in einer Stunde kann man diesen Text dann hintereinander hören.
Sicherlich verstehen wir dann nicht jedes Detail und können nicht jedes Bild deuten. Aber wir hören die Geschichte, die in der Vision erzählt wird vom Ende her. Gott bleibt Herr der Geschichte, denn zuletzt erscheint der ganzen Menschheit das neue Jerusalem als Stadt, die aus dem Himmel herabkommt. In der es nicht einmal mehr einen Tempel geben muss. Denn wir alle sind durch Christus zum Tempel geworden. Gott wohnt in uns selbst, nicht an einem Ort. Das neue Jerusalem ist überall, wo Gott Tränen abwischt und den Schmerz und das Leid lindert und beendet.
„Der Tod wird nicht mehr sein noch Leid und Geschrei wird mehr sein, denn das Alte ist vergangen.“ (Offenbarung 21, 4) Gott heilt alle Not.
Wie die Welt ist, das kennt die Offenbarung ebenfalls. Das Wesen der Welt wird mit einem gefährlichen Tier verglichen. Zuletzt wird dieses Tier in einen Keller gesperrt und der Deckel wird verschlossen. Auch das gehört zum Glauben: das Böse ist eine Erfindung der Welt. Und es hat keine Macht mehr im Geist Gottes.
Und so kommen wir zurück in die Gegenwart. Die Welt ist und bleibt in Gottes Hand. Die Offenbarung des Johannes ist keine Wettervorhersage des Schicksals, sondern eine bildliche Form der Verkündung. Vieles, was man nicht direkt aussprechen kann, wie die Kritik am römischen Kaiser und seiner Macht, wird in der Vision bildlich ausgedrückt und in die Zukunft verlegt.
Der Glaube sagt: Gott lässt uns nicht los in dieser Welt, die uns Angst machen kann. Glaube ist keine Lebensversicherung, kein Bankkonto und keine definitive Sicherheit. Glaube ist Zuversicht und Ansporn in einem. Glaube ist nie ganz erfüllt und nie ganz ohne Hoffnung.
Bevor sich dem Seher Johannes das umfassende Weltendrama eröffnet, vernimmt er konkrete Botschaften an die Engel von sieben Gemeinden. Die Engel im Himmel stehen für die Empfänger dieser Botschaften in den Orten, von denen hier die Rede ist. Auch hier ist schon das Prinzip zu erkennen, dass alles, was im Himmel ist, seine Entsprechung auf der Erde hat.
Wir sollten nicht mit unserer Vorstellung von Gemeinde, an diese Worte herangehen. Gemeinde ist einfach die Versammlung derer, die auf den Messias getauft sind. Weitere Strukturen des Aufbaus einer Gemeinde bis ihn zu einer Kirche gibt es noch nicht.
Und: Gemeinde ist ein Teil des Judentums. Das ist wichtig, auch wenn und weil von Juden die Rede ist. Dass sind wir selbst im übergeordneten Sinn. Vernünftig übersetzen müsste man das also für uns mit den Worten: Sie tun so als seien sie Juden oder Christen, aber sind es nicht.
Ihr Christentum ist Fassade, ist Vorwand. Ein Wolf im Schafspelz also.
Das könnte also eine kriminelle Gruppe sein, die sich die offene Gemeinde zu Nutzen macht. Es könnten aber auch Spitzel sein, die zum Schein vorgeben, jüdisch oder christlich zu sein. Der ganze Text stellt uns vor die Frage der Echtheit. Und er zeigt, worin für diese damalige jüdisch-christliche Gemeinde die Echtheit bestand.
Ich nenne einzelne Bilder und erkläre sie für uns: Die Bilder sagen zuerst, dass die Sprüche Botschaften von Gott sind, der „heilig ist und Treue hält“.
Das nächste Bild ist das der Tür, hiervon direkt abgeleitet: „die Schlüssel Davids“. Gott selbst bestimmt, wer zum Bund Davids gehört. Diese Tür ist geöffnet für die, denen Gott durch Christus die Tür öffnet.
Im Johannesevangelium heißt es: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Johannes 14, 6)
Damit ist die prinzipielle Offenheit des Christentums schon vorbereitet. Die Tür ist prinzipiell für jeden geöffnet. Der Schlüssel liegt bei Gott. Die Verbindung zu Gott besteht, auch wenn die Kraft der Menschen nur klein ist. Doch trotz dieser kleinen geringen Kraft bleiben diese Christen beim Wort Gottes und beim Bekenntnis zum lebendigen Gott.
Auch das weist auf die prinzipielle Offenheit hin. Jeder, der das Wort Gottes hören kann und sich im Alltag danach richtet, gehört zum Bund mit Gott hinzu. Der universelle Gott spricht prinzipiell zu allen Menschen und nicht nur zu bestimmten.
Das wird sogar die Menschen überzeugen, die von der falschen Versammlung kommen. Das wird sie überzeugen, weil sie das Wirken Gottes darin wieder erkennen. Der Glaube an Gott wird auch von außen erkennbar sein, weil die Taten dieser Gemeinde den Worten Gottes entsprechen.
Mit dem nächsten Satz kommt die ganze universelle Geschichte der Offenbarung ins Spiel: Ohne das im einzelnen darzustellen ist klar, dass alles, was sich auf der ganzen Erde abspielt, ein nicht von Gott losgelöstes Geschehen ist. Der Glaube an den universellen Gott kann ja auch nicht auf ein Land oder eine bestimmte Zeit begrenzt werden.
Daraus entwickelt sich später der Gedanke der Weltgeschichte. Für uns bedeutet das: Gott ist nah in allem, was geschieht. Wir leben nicht im Paradies. Es gibt gute und schlechte Zeiten.
In Jesus ist Gott nah. Das Heil wird kommen. Jedes Leben wird so zum Durchhalten auch unter schlechten Bedingungen ermutigt. Es gibt keine Zeit ohne Gott, auch nicht in Krankheit, Not und Leid.
Aber Gott lenkt die Geschicke hier nicht, er führt sie aber zum guten Ziel durch den Einfluss seines Geistes. Die Gemeinde und alle, die zu ihr gehören, werden zu einer Säule im Tempel Gottes. Dieser Tempel ist nicht mehr aus Steinen errichtet; er ist hier schon eine symbolische Größe.
Ich wage nicht an die Weltkirche zu denken, aber letztlich ist das möglich. Das neue Jerusalem, der neue Tempel all dies kommt aus dem Himmel herab. Auf die Menschen des Geistes Gottes ist der Name Gottes des Lebendigen geschrieben. Sie tragen den Geist in ihre Zeit und in die Welt hinein. Das ist Advent. „Wer Ohren hat soll hören, was der Geist den Gemeinden sagt.“
Was weist in diesem Text auf Advent hin? Das Bild von den offenen Türen mag einen evangelischen Pfarrer im 19. Jahrhundert auf den Adventskalender gebracht haben. Hinter jeder offenen Tür verbarg sich damals keine Schokolade, sondern ein Bibelzitat. Die größte Tür bleibt Weihnachten vorbehalten. Das ist die gute Botschaft, die allem Volk widerfahren wird.
Der Advent zeigt schon im Vorhinein die Verbindung zwischen Welt und Gott auf. Das Christentum ist keine Religion des sakralen Heiligtums, sondern des säkularen Geistes, in dem sich die Worte Gottes wiederfinden lassen. Wo diese Worte zur Tat werden, kommt Gott zur Welt, ist die Einheit zwischen dem Vater und den Söhnen und Töchtern verwirklicht. Das hat Jesus Christus verkündigt und vorgelebt bis zum Kreuz. Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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