Predigt über Galater 4, 4-7 am 1. Weihnachtstag, Christoph Fleischer, Werl 2013

Liebe Gemeinde,

kaum ein Fest teilt sich zeitlich so in das Davor und Danach auf, wie das Weihnachtsfest. Das Hauptereignis ist der Heilige Abend und die Heilige Nacht. Auch wenn heute erst der Weihnachtsfeiertag ist, so ist es doch schon der Tag danach. Die Vorbereitung, der Advent ist fast noch wichtiger als das Fest selbst. Aber das Fest ist ein Ereignis: Die Geburt Jesu ist erfolgt. Gott ist Mensch geworden. Vielleicht ist Weihnachten deshalb Feiertag im strengsten Sinn des Wortes, weil es jetzt innezuhalten gilt und zu bedenken, was da mit uns geschehen ist, damals in Bethlehem und immer wieder im Festkalender der Kirche geschieht.
Darüber geht man nicht einfach zur Tagesordnung über, sondern hält inne und feiert. Die Begegnungen in der Familie, die nun kommen werden und die teils schon den Heiligen Abend prägen, sind Teil dieser Feier. Nun gilt es nicht nur das Geschenk auszupacken, sondern es gemeinsam zu bewundern. Wir haben etwas gemeinsam geschenkt bekommen. Gott ist Mensch geworden. In der Erzählung vom Bethlehem wird als Geschenkpapier die Krippe. Aus der Krippe nehmen und bewundern, im Arm halten und herumgeben, dass wollen wir heute am 1. Weihnachtsfeiertag. Das Jesus-Kind ist geboren. Wir wollen gemeinsam Gott auspacken, nehmen und aus der Nähe anschauen.

Weihnachtlich, das ist ein kindliches Gefühl der Freude. Wie Kinder bei der Bescherung, so beschleicht uns heute dieses Gefühl, ein großartiges Geschenk erhalten zu haben, das wir vorsichtig öffnen und dessen Verpackung wir entfalten. Vor Gott sind und bleiben wir staunende Kinder, und wir feiern Weihnachten, um dieses Staunen nicht nur zu erhalten, sondern um es auch dann später mit in den Alltag hinein zu nehmen.
Es wäre schön, wenn uns dieses Gefühl nicht verlassen würde, beschenkte Menschen zu sein. Was folgt daraus für unser Leben? Antworten auf diese Frage wurden als Predigttext für das Weihnachtsfest ausgesucht. Im Galaterbrief ist man fündig geworden:

Verlesung des Textes Galater 4, 4-7:

4 Als aber die Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn.
Der wurde als Mensch geboren und dem Gesetz unterstellt,
5 um alle zu befreien, die unter der Herrschaft des Gesetzes standen.
Durch ihn wollte Gott uns als seine mündigen Söhne und Töchter annehmen.
6 Weil ihr nun Gottes Söhne und Töchter seid, gab Gott euch den Geist seines Sohnes ins Herz.
Der ruft aus uns: »Abba ! Vater!«
7 Du bist also nicht länger Sklave, sondern mündiger Sohn und mündige Tochter,
und wenn du das bist, dann bist du nach Gottes Willen auch Erbe:
Du bekommst, was Gott Abraham versprochen hat.

Liebe Gemeinde,

diesem kurzen Abschnitt aus dem Galaterbrief des Paulus wenden wir uns zuerst zu. Wir blenden dabei bewusst jeden Zusammenhang im Paulusbrief aus, weil wir uns diesen Zusammenhang mit dem Fest zu Weihnachten widmen. Dazu passen hier genau zwei Stichwörter, die sozusagen über das Glaubensbekenntnis hinweg eine Brücke schlagen zu dem, was für uns Weihnachten bedeutet. Dieser Zusammenhang ist konstruiert, weil Paulus Weihnachten ja so noch gar nicht kannte. Er feierte Ostern als das wichtigste Fest der Kirche, darüber hinaus alle anderen jüdischen Feste aus der Gewohnheit heraus. Zum Teil sind sie ja auch geblieben und umgewidmet, nicht nur Ostern als Passahfest und Pfingsten als Fest des Geistes Gottes.
Die zwei Stichwörter zum Thema „Weihnachten“ sind gleich am Anfang des Textes genannt: „Als die Zeit gekommen war“ und „als Mensch geboren“. Damit sind die Gemeinsamkeiten auch schon erschöpft. Doch vielleicht ist der Text gerade darum interessant, weil er auch eine theologische Spannung herstellt zum Weihnachtsfest und zur Krippe.
Zum ersten ist festzuhalten, dass die Rede vom Sohn Gottes keine biologische Vorstellung ist, sondern eine mythologische. Die Mythologie spricht von der Verbindung von Göttern und Menschen. Die Kritik an der Mythologie im Christentum z. B. vom Islam müssen wir schon aushalten können. Die Mythologie lässt sich in folgenden Worten beschreiben: Gott hat einen Sohn, und zwar nicht erst in Bethlehem oder Nazareth, sondern schon immer. Dieser Sohn ist bei Gott im Himmel, das ist ja klar. Und zu einem bestimmten Zeitpunkt, den Gott selbst bestimmt, schickt er diesen Sohn auf die Erde. Man kann vielleicht vereinfacht sagen und so das Glaubensbekenntnis vom Schluss her lesen, dass dieser Sohn die Verkörperung des Heiligen Geistes ist. Doch dieser Geist ist keine Idee, sondern lebendiger Mensch. Das geschieht dadurch, dass er von einer Frau geboren wird. Ob diese Frau Jungfrau ist oder nicht, ist dieser mythologischen Geschichte ziemlich egal, Hauptsache ist, dass der Sohn Gottes auf die Erde kommt.
Doch die Geburt Jesu, des Erlösers, macht diese religiöse Idee ja gerade spannend und interessant. Obwohl einerseits ein Rückschritt in der Religionsgeschichte geschieht und Gedanken der Mythologie und Götterfamilien hier wieder auftauchen, wie wir sie von Zeus und Jupiter kennen, ermöglicht diese Geburt des Gottessohnes erstaunliche Gedanken. Gott ist ja als Einheit zu denken und deshalb sendet er nicht nur seinen Sohn, sondern wird in seinem Sohn selbst ganz Mensch. Die Geburt wird hier zur Menschwerdung, weil sie die Menschwerdung des Gottessohnes ist. Auch wenn später von Adoption die Rede ist, so wird hier der Gottes Sohn nicht wie ein Prophet berufen, obwohl die Taufe durch Johannes dies wohl andeuten soll, sondern die Geburt Jesu ist die Menschwerdung Gottes überhaupt. Theologisch muss man wohl von einer Zweigleisigkeit ausgehen, dass Gott Gott ist und zugleich Mensch wird, so wie es später an Christus in der Zwei-Naturen-Lehre ausgedrückt ist: Wahrer Mensch und wahrer Gott. Doch aus einer Perspektive von Unten verschiebt sich das zur Vermenschlichung Gottes.

Und so werden die Worte des Paulus also zusammenzufassen sein:
In Jesus geschieht die Sendung des Sohnes, die von der Menschwerdung unterschieden wird. Damit kann die Sohnschaft Christi nicht als biologische Zeugung verstanden werden. Es ist auch nicht die Geburt gemeint, sondern die Sendung Jesu überhaupt, die in Kreuz und Auferstehung beglaubigt wird. Menschwerdung ist mehr als geboren zu werden. Es ist wohl eine dauerde Aufgabe, für Gott und für uns.
Das Weihnachtsfest ist so gesehen ein theologisches Fest. Hier werden die unterschiedlichen Vorstellungen über Christus geboren und in die Welt gesetzt, die sich in den Evangelien übrigens als Titel wiederfinden lassen: Sohn Davids, Sohn Gottes, Menschensohn, Messias usw.
Kreuz und Auferstehung dürfen hier nicht nur nicht ausgeblendet, sondern müssen geradezu einbezogen werden: Gott wird Mensch und stirbt am Kreuz als Sohn Gottes.
Sonst wäre das Kreuz ja nicht so ein Skandal. Die Menschen schlagen Gott ans Kreuz, weil sie ihn als solchen nicht erkannt haben. Doch das ist nicht sein Fehler. Sein einziger Fehler ist seine Menschlichkeit.
Wir verwechseln sozusagen immer die Verpackung mit dem Geschenk. Gott wäre ansonsten nur das Goldpapier, aber nicht das Geschenk selbst. Dieses Geschenk ist der Geist Gottes in Windeln gewickelt, nicht in Glanz und Gloria, geboren in einem Stall und auf Heu und auf Stroh gelegt. Viele Künstler zeigen die Stütze der kleinen Holzkrippe als kleines Kreuz. Gott wird nicht nur geboren, als Mensch, sondern er wird als Mensch auch wieder beseitigt.
Hier wird die Geschichte der Verbindung Gottes mit Israel zugespitzt auf einen einzigen Menschen. Vorher war in der Bibel oft vom Sohn Gottes die Rede, wenn das Volk Israels als Ganzes gemeint war. Doch dieser Sohn ist jetzt ein Mensch und die Menschlichkeit Gottes durchdringt alles. Allein von dieser Menschlichkeit geht der Friede allein aus.
Die Menschwerdung ist die neue Qualität Gottes, eine neue Verbindung, die aus einem Bund mit Israel den globalen Menschheitsbund macht. Wichtig ist auch, dass der Bund nicht ideologisch markiert wird durch die Glaubensannahme, sondern in einem (neuen) Geist als Befreiung und als Geschenk verstanden wird.
Schon die Geburt als Mensch ist das Zeichen der Versöhnung Gottes mit der Welt. Das Zeichen der Versöhnung überhaupt. Versöhnung ist danach die Hauptbotschaft des Glaubens. Das hat zum Beispiel Nelson Mandela verstanden und in der Arbeit zum Prinzip des Neuanfangs in Südafrika gemacht.
Weihnachten heißt also: Die Menschwerdung Gottes ist eine Zeitenwende. Von hier aus lassen sich unterschiedliche Konsequenzen ziehen, die allesamt gravierend sind und die Menschheitsgeschichte bis heute bestimmen. Daher ist wohl die Geburt Jesu der Beginn unserer Zeitrechnung.
Als Beispiel der Resonanz, die von diesem Ereignis der Menschwerdung Gottes ausgeht lese ich ein Gedicht von Rudolf Otto Wiemer:

Gute Nachrichten,
aus: Werkbuch Weihnachten, Hrsg. Von Uwe Seidel und Wilhelm Willms, Jugenddienst-Verlag Wuppertal 1972, S. 128

Die Zeitungen rufen gute Nachrichten aus.
Der Unterhändler weigert sich, den Krieg zu erklären.
Nicht krümmt sich der Finger am Abzug des Gewehrs.
Die zornige Hand findet das Messer nicht.
Zu explodieren verlernen die Bomben.
Die Generale haben sich zum Golfspielen entschlossen.
Das verleumderische Wort bleibt hinter die Lippen gepresst.
Diktatoren öffnen die Straflager.
Andersdenkende werden geachtet.
Die Rasse ist nichts als ein Unterschied in der Farbe der Haut.
In den Folterkammern wird Brot gebacken.
Galgen und Henkerbeil ziehen sich zurück ins Museum.
Gespräche über den Frieden haben Aussicht auf Erfolg.
Die Grenzen werden geöffnet.
Versuche, den Streit zu schlichten, gibt man nicht auf.
Man fängt an, die Wahrheit zu sagen.
Man lässt den Gegner zu Wort kommen.
Man schließt Kompromisse.
Man lächelt über sich.
Man fängt an.

Ich fasse das bisher Gesagte zusammen: Wir haben an die Bescherung gedacht, an den Weihnachtsabend. Und jetzt sind wir dabei, dieses größte Geschenk auszuwickeln und zu entfalten. Dabei fallen uns die unterschiedlichen Seiten dieses Geschenks auf. Gott ist Mensch geworden in Jesus Christus. Das ist die wichtigste Konsequenz aus dem Weihnachtsfest. Von Gottes Sohn ist die Rede und von einem geborenen Kind. Doch dabei bleibt der Galaterbrief nun nicht stehen, sondern wendet sich in Gedanken der Gemeinde zu.
Mit Jesu Geburt als der Geburt Gottes geschieht zweierlei, die Anerkennung der Menschen allgemein und besonders der Glaubenden in Gemeinschaft mit Jesu also Kinder Gottes, als Söhne und Töchter Gottes. Wenn man so will, kann man das als Adoption bezeichnen. Wir sind adoptierte Kinder Gottes, weil Gott in Jesus Mensch wurde. Und wenn das so ist, sagt Paulus, und zieht einen Rückschluss, dann sind wir auch Erben, zumindest vom Anspruch und von der Erwartung her. Wir können wie Kinder zu Gott „Vater“ sagen.
Hier kommt also das Bild einer Familie zum Tragen, aber nicht nur mit ihren abstammungsmäßigen Beziehungen, sondern eben auch mit den rechtlichen Konsequenzen. Das Geschenk der Geburt des Gottessohnes als Mensch, macht uns zu Kindern Gottes. Und aus dieser Kindschaft ergibt sich, wie auch bei Jesus selbst, dass wir die Erben der Menschlichkeit Gottes sind.
Das was hier über eine Familie gesagt wird, fragt ja gerade nicht allein nach Mutter und Vater und nach den Kindern, sondern es fragt nach der Bedeutung der Beziehungen. Darauf kommt es bei einer Familie an. Im Moment ist in der Evangelischen Kirche eine Diskussion über die Familie im Gange, weil sich die Familien heute aufteilen in ganz verschieden gestaltete Formen von Partnerschaften und Adoptionen. Und gerade hier kommt Paulus ausgehend von der Menschwerdung Gottes zu ganz ähnlichen Gedanken. Familie heißt, Verantwortung zu übernehmen. Gott adoptiert uns als Söhne und Töchter und übernimmt für uns Verantwortung, und macht uns dabei zugleich zu seinen Erben. Das Reich Gottes, die neue Welt Gottes wird zu unserer Sache, zu unserem Anliegen und wenn man so will zu unserem Besitz.
Doch das alles wird nicht zu einer Weltbeherrschungsformel. Die Hauptsache ist doch, dass wir die Kindschaft empfangen. wir werden sozusagen wieder zu Kindern gemacht, indem wir so beschenkt werden. Die Kindschaft ist unser Geschenk zu Weihnachten. Jesus ist als Sohn Gottes Mensch geworden und wir sind als Menschen zu Kindern Gottes geworden. Das ist Grund zu feiern. Wir empfangen das Leben neu und sehen es jetzt aus dieser Perspektive. Wir sind als Kinder Gottes angenommen. Wir verhalten uns auf dieser Welt als Kinder Gottes. Das wird nirgendwo deutlicher als im Kind in der Krippe. Nun stehen wir doch wie die Kinder vor Gottes Gaben, die sich nicht verbrauchen, spüren seine Liebe, die bei uns bleibt, und gehen im Vertrauen auf ihn unseren Weg.

Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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