Der neue Papst, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2014

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Zu: Esther-Marie Merz, Mathilde Schwabeneder: Franziskus, Vom Einwandererkind zum Papst, Mit einem Vorwort von Bischof Erwin Kräutler, Styria Premium in der Verlagsgruppe Styria, Wien, Graz, Klagenfurt 2013, ISBN 978-3-222-13415-9, Preis: 24,99 Euro

20140104-220906.jpgEsther-Marie Merz und Mathilde Schwabeneder verbinden als ORF-Korrespondentinnen die Kenntnisse der Kirche Lateinamerikas und der Situation des Vatikans. Ihr Bericht über „Jorge“, wie der neue Papst Franziskus von seinen Freunden nach wie vor genannt wird, ist von großer Sympathie getragen. Dabei gehen die Autorinnen durchaus akribisch ins Detail und schildern die Facetten des Werdegangs von Jorge Mario Bergoglio vom Literaturlehrer über den Ordensgeistlichen und Bischof in Buenos Aires in Argentinien.

Seine Rolle in der Zeit der Militärdiktatur wird differenziert und unter Einbeziehung der persönlichen Aussage von Franz Jalics untersucht, der sich zusammen mit einem Ordensbruder vier Monate in Haft befand und danach freigelassen wurde. Der jetzige Papst nutzte seine Rolle als Ordens-Bischof der Jesuiten taktisch zu Gunsten des Widerstandes, ohne jedoch sein Amt aufs Spiel zu setzen. Er gehörte nicht zum Widerstand, gab jedoch seine Kontakte dorthin nicht auf. Dabei unterstützte er einzelne Priester im Notfall und hielt die Verbindung zu den Gemeinden in den Elendsvierteln aufrecht. Dieser Kontakt bliebt auch in der Zeit nach der Diktatur und wurde vom Bischof Bergoglio zur Mitarbeit in einer Initiative gegen Menschenhandel und Prostitution genutzt.
In seiner Mitverantwortung für den katholischen Radiosender legte er Wert auf interreligiöse Angebote und Dialoge und scheute nicht davor zurück, einen protestantischen Journalisten als Chefredakteur zu berufen. Diese Kapitel des Buches geben insgesamt einen interessanten Einblick in die Arbeit und Situation der argentinischen Kirche.
Zum Papst wurde Bergoglio gewählt, weil er im Vorkonklave in einer kämpferischen Rede die Reform der römischen Kurie gefordert und einige Vorschläge dazu vorgelegt hat. Seine Botschaft und sein Verhalten zeigen einen Kirchenvertreter, der die Menschlichkeit in den Vordergrund rückt. Dies wird im Buch an einzelnen Entscheidungen, Verlautbarungen, Interviews zum Verhalten des neuen Papstes verdeutlicht.
Das Buch enthält zwei miteinander verzahnte Teile, die Schilderung des Werdegangs Jorge Mario Bergoglios zum Papst einerseits und die Beschreibung der ersten vier Monate seiner Amtszeit andererseits. Hierdurch wird die Kontinuität im Stil und im Inhalt seiner Botschaft deutlich. Die Person Jorge Bergoglio prägt das Amt. So wohnt er im Gästehaus anstelle in der zum Büro umfunktionierten Residenz, um auch beim Frühstück ein wenig mit den anderen Gästen plaudern zu können. Als ein ehemaliges Einwandererkind besuchte er die Flüchtlinge in Lampedusa vor Sizilien und funktionierte ein Fischerboot zum Altar um. Auch beim Weltjugendtag in Rio setzte er einige Akzente.
Die Autorinnen Merz und Schwabeneder zeigen, dass der gestärkte Einfluss der Kirche Lateinamerikas für eine neue Stimmung in der katholischen Kirche sorgt, die man vorsichtig als Aufbruch bezeichnen kann. Eine Predigt vom Glauben, der Anstoß erregt, eine internationale Kommission zur Reform der Kurie, der Abbau des Zentralismus, die Berufung eines „schwulen“ Priesters zum Leiter des Gästehauses Santa Maria (Monsignore Ricca) und die Berufung des noch recht jungen Italieners Pietro Paolin zum leitenden Staatssekretärs des Vatikans dürften für weitere Reformschritte sorgen.
Neuere Zeitungsmeldungen wie die in der ZEIT-Online bemerken im Vatikan einen Konflikt mit einigen Vertretern des Traditionalismus, was von der Schilderung der Biografie her kaum überraschen dürfte. Doch die Basis der neuen Bewegung ist kein Fähnchen im Wind, sondern die bewährte Lebenslinie des lateinamerikanischen jesuitischen Geistlichen Bergoglio, der jetzt Franziskus heißt. „‚Seid Hirten mit dem Geruch der Schafe‘, hat Franziskus bei der Chrisammesse im Petersdom die anwesenden Priester aufgefordert. Geht hinaus ‚in die Randgebiete, wo Leiden und Blutvergießen herrscht, es Gefangene so vieler schlechter Herren gibt‘. Geht hinaus zu den Menschen.“ (S. 223)

Hinweis: DIE ZEIT 50, 2013, Link: http://www.zeit.de/2013/50/papst-franziskus-reform-evangelii-gaudium

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

2 Gedanken zu „Der neue Papst, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2014“

  1. Lieber Niklas,
    Danke für Deinen Kommentar.
    Es ging nicht um Vorschusslorbeeren, sondern um die Vorgeschichte dieses Bischofs aus Argentinien, der jetzt Papst ist.
    Die Sache mit Tebarz in Rom fand ich nicht übel. Franziskus hat sowohl die deutsche Kirche als auch den Bischof von Limburg eine Woche schmoren lassen, um die Sache dann als Personalangelegenheit zu bearbeiten. Damit hat er den „Bischof“ faktisch zum Pfarrer degradiert, ohne ihm den Titel abzuerkennen, was kirchenrechtlich nicht möglich ist.
    Die zweite Botschaft an die deutsche Kirche ist: Klärt eure Konflikte selbst und lasst den Heiligen Stuhl damit in Ruhe. Die deutschen Bistümer sind zwar die reichsten, aber nicht die Eigentümer des Vatikans.

  2. Ich persönlich finde es etwas früh, schon mit einem Rückblick auf Franziskus zu beginnen. Natürlich, er setzt bereits einige Akzente die in die richtige Richtung gehen, Papst Franziskus hat aber auch erkannt, wie wichtig gute PR ist und wie sich Öffentlichkeitsarbeit angehen lässt:
    Tue viel Gutes, sprich aber noch mehr darüber.

    Nicht so toll gelaufene Aktionen, wie z.B. die vatikanische Reaktion zum Limburger Bischofsskandal, bleiben scheinbar kaum an ihm haften – hier hätte er eigentlich die Möglichkeit gehabt, anstelle durch Worte mit Handlungen und Entscheidungen zu beeindrucken. Ich persönlich bin noch sehr skeptisch ob es ihm gelingen wird, die fortschreitende Entfremdung von Kirche und Gesellschaft zu bremsen oder zu stoppen, dafür werden Worte nicht ausreichen. Die medialen Vorschusslorbeeren erinnern mich etwas an den letzten öffentlichen Heilsbringer „Barack Obama“, dem es inzwischen gelungen ist, seinen Friedensnobelpreis vollends ins Lächerliche zu ziehen.

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