Internet-Seelsorge, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2014

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Zu: Birgit Knatz, Handbuch Internet Seelsorge, Grundlagen Formen Praxis, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2013, ISBN 978-3-579-07402-3, Preis: 29,99 Euro

20140201-230438.jpgEs ist ein Kennzeichen systemischer Seelsorge, dass es keinen einheitlich passenden Ansatz für alle möglichen Situationen und Arbeitsbereiche gibt. Wichtig ist zusätzlich, auf die Genese des jeweiligen Seelsorge-Segments zu schauen. Der Bereich Internetseelsorge liegt schon von der Nutzung technischer Medien her der Telefonseelsorge nahe. So verwundert es nicht, dass die Leiterin der Telefonseelsorge Hagen (Westfalen) das „Handbuch Internet Seelsorge“ geschrieben hat.

Der Aufbau des Buches erinnert an die Grundfragen der Seelsorgeausbildung, so dass anzunehmen ist, dass neben der einfachen Lektüre auch die Möglichkeit besteht, das Buch als Lehrbuch für die Aus- und Weiterbildung zu verwenden. Dafür spricht auch der hohe Anteil dokumentierter Chats und Mails, was sich insofern schon vom Medium Internet her nahelegt, weil dessen schriftliche Kommunikation abgespeichert werden kann, hier selbstverständlich anonymisiert. Auch die kollegiale Beratung wird dadurch erleichtert, dass solche Gesprächsprotokolle vorliegen.
Allerdings fragt man sich bei der Lektüre schon manchmal, ob die Dokumentation eines einzigen Falls wie beim Thema „ethische Kompetenz“ in einem derartigen Umfang wirklich nötig war wie hier (41 Seiten, Dialog mit Clara).
Zum Aufbau und zum Ziel des Buches schreibt die Autorin: „Dieses Buch ist aus der Praxis entstanden und versteht sich als Praxishilfe für Internetseelsorgerinnen und -seelsorger. Es möchte zur Kompetenzgewinnung und Sicherheit in diesem wunderbaren Dienst beitragen. Dazu stellt es viel Wissenswertes zur Internetseelsorge zur Verfügung, vermittelt Beobachtungen hinsichtlich besonderer Eigenheit der Userinnen und User, ihrer Erwartungen und ihrer Sprache und stellt dar, was zu einer positiven Wirkung der schriftbasierten Webseelsorge nötig ist. Er verschafft einen Überblick über die Rahmenbedingungen der Internetseelsorge wie etwa zu Technik, Datenschutz, Datensicherheit und rechtlichen Grundlagen. Und anhand von konkreten Beispielen, Ideen, Hinweisen und Methoden bietet es ein breites Spektrum an Informationen zur persönlichen Kompetenzerweiterung an.“ (S. 21)
Die klare und einsichtige Gliederung erleichtert die Arbeit mit dem Handbuch. Für die schnelle Lektüre enthält jeder Abschnitt am Schluss eine kurze Zusammenfassung, meist fett gedruckt.
Am Beginn jeder seelsorgerlichen Aktivität steht die Klärung des Selbstverständnisses. So wird Seelsorge hier verstanden als eine „Verbindung zum Quell des Lebens“ (S. 23), was für die einzelnen Berater_innen bedeutet, „im Gespräch wirklich da zu sein“ (S. 23). Die „Lebenshilfe“ der Seelsorge setzt keine religiöse Haltung voraus, sondern wendet sich an Menschen allgemein. Über die allgemein schriftliche Ausdrucksfähigkeit hinaus ist es notwendig, die besonderen Kennzeichen und Kürzel der Online und Chatkommunikation zu erlernen. Als Anrede betont die Autorin eher Distanz in der Anrede „Sie“, die ansonsten auch in der Seelsorge üblich ist, wohl wissend, dass das vertrauliche „Du“ zur üblichen Online-Anrede geworden ist. Die Internetseelsorge zeigt im Gebrauch der hier eher ungewöhnlichen Anrede „Sie“, dass sie sich im Sinn von Professionalität vom üblichen Jargon abheben will. Ob dies immer durchzuhalten ist, muss bezweifelt werden.
Dass das Medium selbst hier zu bedenken ist, zeigt die Reflexion zu der Frage von „Nähe“ und „Distanz“, die zu jeder Gestalt von Seelsorge gehört, sich aber hier im besonderen Maße stellt: „Beim Mailen und Chatten entsteht eine scheinbar paradoxe Situation einer Nähe durch Distanz.“ (S. 62) Dabei werden auch ohne Kenntnis der Person des Gegenübers mitunter sehr persönliche Gedanken angesprochen.
Die einzelnen Themen, die die Kommunikanten einbringen, werden in Kapitel 4 ausführlich erläutert, auch anhand von Chat-Beispielen. Es sind überwiegend wie auch in der Telefonseelsorge Fragen aus dem persönlichen Umfeld. Trotzdem: Seelsorge im Internet unterscheidet sich von der sonst üblichen Mündlichkeit, da sie die Kompetenz des Lesen- und Schreiben-Könnens voraussetzt und auch gebraucht und entwickelt. Weitere Kompetenzen sind: Empathie, Selbsterfahrung, Beziehungsgestaltung, Auftragsklärung, Feldkompetenz (hier: PC und Internet) und ethische Kompetenz (siehe Inhaltsverzeichnis, Kapitel 2.1).
Internetseelsorge ist aber auch deutlich in das allgemeine Seelsorgeverständnis integriert. „Der Gegenstand von Seelsorge ist die seelische Wirklichkeit.“ (S. 125). Diese wird in der seelsorglichen Kommunikation konkret und auf spezifische Art und Weise erfahren. Dennoch spielen auch allgemeine Kategorien wie „verstehendes Zuhören“ und die Regeln der Kommunikation nach Watzlawick und Schulz von Thun eine ebenso wichtige Rolle, wie bei anderen Gebieten der Seelsorge. So ist das Ziel auch ganz unabhängig vom Medium Internet zu formulieren. Die Autorin Birgit Knatz fasst dies so zusammen: „Weiter wünsche ich mir, dass eine offensive und qualifizierte Internetseelsorge Menschen helfen kann, mit ihrem Innersten, ihrer Seele in Berührung zu kommen.“ (S. 328)

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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