Religiös kompetent werden, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2014

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Zu: Ortswechsel, Spiegelungen, Evangelisches Religionsbuch für Gymnasien 11, Claudius Verlag München 2013, zugelassen für Bayern, Zulassungsnummer: ZN 53/13-G, ISBN 978-3-532-70016-7, 22,80 Euro, http://www.claudius.de/verlag/programm/gesamt/schule/index.php#5

20140207-143159.jpgZum Konzept der Religionsbuchreihe Ortswechsel gehört die inzwischen in den Lehrplänen eingegangene Kompetenzorientierung. Zur Methodenkompetenz gehört es, dass Schülerinnen und Schüler mit den ihnen gegebenen Materialien selbstständig arbeiten. Da zu diesem Arbeiten inzwischen auch die weitgehende Mediennutzung gehört, kann einem Religionsbuch keine Monopolstellung mehr im Religionsunterricht zugestanden werden.
Trotzdem ist gerade ein Buch immer noch das geeignetste Medium, auf das man im Verband einer Religionsgruppe oder Klasse zurückgreifen kann und das die Schülerinnen und Schüler dazu auch zum Selbststudium ermutigt.

Hierzu bietet dieses Lehrbuch im letzten Kapitel Übungen zur Abiturvorbereitung an. Unter dem Begriff Operatorentraining werden die dazu notwendigen Kompetenzen erläutert, die in den darauf folgenden Übungen zu den jeweiligen Unterrichtsthemen benötigt werden. Ein schneller Überblick zeigt jedoch, dass nun doch fast genauso wie im Stil der alten gymnasialen Textlastigkeit die hermeneutischen Kompetenzen überwiegen. Es ist schon klar, dass in der Form der Abi-Prüfung diese Kompetenzen vorrangig abgefragt werden. Dieser Materialteil ermutigt also zum selbstständigen Lernen oder zur Klausurvorbereitung in der Unterrichtsgruppe. Bausteine und Beispielaufgaben beziehen sich auf die Kapitel dieses Buches. „Ortswechsel, Spiegelungen“.
Das Symbol des Spiegels ist das hermeneutische Leitmotiv, das auf unterschiedliche Fragestellungen angewandt werden kann. Zunächst: Wie entspricht die Wirklichkeit unserer Wahrnehmung – ein eher philosophisches Kapitel? Inwiefern ist Gott ein Spiegel unserer menschlichen Sinnfragen? Wie erfahren Menschen ihre Identität? Und wie richten sie ihr Leben auf ein ideales Spiegelbild aus wie z. B. in der Vorstellung von Gesundheit oder einer idealen körperlichen Erscheinung? Zweifelsohne ist, wie schon in den Lehrplänen des Faches Religion, eine Anknüpfung an entwicklungspsychologische Voraussetzungen fast schon der Einstieg in religiöse Themen. Ist etwa das Jugendalter die eigentliche Quelle religionsphilosophischer Gedanken wie Atheismus, vielleicht im Zusammenhang mit unverarbeitet Ödipuskomplexen, die auf Gott als Vater projiziert werden?
Im Religionsunterricht steht Religion nicht vorrangig im Institutionenbezug der Kirche, sondern im Lebensbezug und muss, schon aus Gründen der Motivation, auf die Fragen der jungen Generation ausgerichtet werden. Doch kann man Religion wirklich lernen? Gibt es wirklich eine religiöse Kompetenz, oder erscheinen die darunter als einzelne Kompetenzen aufgeführten Ideale nicht als ein grundsätzlich alltagsphilosophisches Fragenpotential? Doch andererseits muss man natürlich auch zurückfragen, ob Religion jemals etwas anderes war als Lebensbewältigung?
Als Beispiel dazu sei das Kapitel „Wer bin ich?“ vorgestellt. Die erste Doppelseite ist wie immer im Buch der Reihe Ortswechsel eine Zuordnung von Bildern und Texten als Impuls (S. 78/79). Drei Bilder: Ein verzerrtes Portrait von Arnulf Rainer, eine nackter Mann sitzend mit Hut von hinten (Selbstbildnis von Olaf Gulbransson) und als vielleicht provokantestes Motiv ein Bild eines Dosen- und Flaschenregals, vor dem man erst nach längeren Hinsehen einen Menschen stehen sieht. Ist der Mensch also in seiner Struktur nichts anderes als eine besondere Gestalt seiner Umwelt? Die fünf Kurztexte fangen fast alle mit „Ich“ an und zeigen jeweils ein Beispiel von Selbstreflexion.
Auf der nächsten Doppelseite wird neues Material zu den Stichworten „Lebens-Erzählung“ und „Selbstportrait“ geliefert, wobei der Arbeitsbereich auch auf die vorangegangene Doppelseite Bezug nimmt, z. B. mit der Aufgabe: „Formulieren Sie einen der Ich-bin-Texte für einen anderen Kontext um!“ (S. 80). Das Cover eines SPIEGEL-Magazins erinnert grafisch noch einmal an das Spiegel-Thema und thematisiert „Neue Erkenntnisse der Bewusstseinsforschung“. Der Text von Christina Ernst stammt (laut Quellenverzeichnis) aus einem Buch über kommunikationswissenschaftliche Analyse des Web 2.0, und ist so gesehen für Schülerinnen und Schüler direkt nachvollziehbar.
Die nächste Doppelseite stellt anthropologische Theorien vor und geht exemplarisch ausführlicher auf „Eriksons Modell der Identitätsentwicklung“ ein. Zu diesen eher soziologischen und psychologischen Texten folgt danach eine ausdrücklich philosophische Seite zur Anthropologie im Kontrast zu einem Text aus dem Film „A. I. – Artifical Intelligence“ S. 84/85).
Immer wieder unterbrechen Bilder oder kleine Comics die Textblöcke und laden zu einer eher visuell-ästhetischen Auseinandersetzung mit dem Thema ein.
Nun bekommt im folgenden die religiöse und theologische Auseinandersetzung ausdrücklich ihren Ort. Es ist also so, als müsse und könne Religion erst dann zur Sprache kommen, wenn die Fragen des eigenen Selbstverständnisses kommunikativ oder humanwissenschaftlich bearbeitet worden sind. Die Themen lauten nun: Was heißt „Seele“ in der Bibel? (S. 86) und „Der Mensch als Geschöpf Gottes“ (S. 87/88). Nach der erneuten Beschäftigung mit der Schöpfungsgeschichte folgt eine Auseinandersetzung mit den weiteren Kapiteln der Genesis und darauf aufbauend die Frage der Entfremdung des Menschen (Paul Tillich) von seiner ursprünglichen Bestimmung der Gottebenbildlichkeit. Als „Gerechtfertigter und Sünder“ nach der Vorstellung von Martin Luther und Philipp Melanchthon (S. 92f) gibt es vier Seiten über das religiöse Freiheitsverständnis. Eine Doppelseite zum Thema der Ich-Du-Beziehung und der „Ethik des Anderen“ nach Emmanuel Levinas greift auf die anfängliche philosophische Auseinandersetzung zurück. Es ist wirklich interessant, in welcher Form aktuelle philosophische Themen mit Texten religiöser Tradition und religiösen Fragen verknüpft sind. Die letzte Seite bietet wie immer einen abschließenden Impuls.
Meines Erachtens ist dieses Buch zwar redaktionell in einen Zusammenhang komponiert, jedoch in der praktischen Unterrichtsarbeit auch exemplarisch zu nutzen, indem z. B. einzelne Seiten in einer arbeitsteiligen Gruppenarbeit für Kurzreferate bearbeitet werden können. Die Aufgabenblöcke deuten die vielfältigsten Möglichkeiten der Unterrichtsumsetzung an und stellen Auswahl und Anregung zur Weiterarbeit dar.
Ist die Kompetenzorientierung der Beginn des lebenslangen Lernens, das in einer aktiven Einstellung zum Selbstlernen besteht, dann ist mit diesem Lehrbuch dafür eine gute Voraussetzung gegeben. Es zeigt, dass Religion nicht allein eine Auseinandersetzung mit Themen der religiösen Tradition ist, sondern dass eigentlich jeder Mensch religiös ist, der sich selbst und die Fragen seiner Existenz reflektiert. Diese Erkenntnis muss zuletzt im Bewusstsein geschehen, dass die dadurch ausgelösten Prozesse nicht bis ins letzte operationalisierbar sind.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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