Predigt über Römer 9, 14 – 24 am Sonntag Septuagesimae (dritter Sonntag vor der Passionszeit), Christoph Fleischer, Werl 2014

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Verlesung des Textes(Gute Nachricht Bibel):
Folgt daraus, dass Gott ungerecht ist? Keineswegs!
Er sagte ja zu Mose: »Es liegt in meiner freien Entscheidung, wem ich meine Gnade erweise; es ist allein meine Sache, wem ich mein Erbarmen schenke.« Es kommt also nicht auf den Willen und die Anstrengung des Menschen an, sondern einzig auf Gott und sein Erbarmen.

So verfährt er auch mit dem Pharao, dem er seine Gunst entzieht, indem er zu ihm sagt: »Nur deshalb habe ich dich als König eingesetzt, um an dir meine Überlegenheit zu beweisen und meinen Namen in der ganzen Welt bekannt zu machen.« Gott verfährt also ganz nach seinem freien Willen: Mit den einen hat er Erbarmen, die andern macht er starrsinnig, sodass sie ins Verderben laufen.
Vielleicht wird mir jemand entgegenhalten: »Warum zieht uns dann Gott für unser Tun zur Rechenschaft? Wenn er bestimmt, dann kann doch niemand dagegen ankommen!« Du Mensch, vergiss nicht, wer du bist! Du kannst dir doch nicht herausnehmen, Gott zu kritisieren!
Sagt vielleicht ein Gebilde aus Ton zu seinem Bildner: »Warum hast du mich so gemacht?« Und hat ein Töpfer nicht das Recht, aus einem Tonklumpen zwei ganz verschiedene Gefäße zu machen: eines, das auf der Festtafel zu Ehren kommt, und ein anderes als Behälter für den Abfall?
Du kannst also Gott nicht anklagen, wenn er an den Gefäßen seines Zorns sein Gericht vollstrecken und seine Macht erweisen will; aber selbst sie, die zum Untergang bestimmt waren, hat er mit großer Geduld ertragen. So handelt er, damit er an den Gefäßen seines Erbarmens zeigen kann, wie unerschöpflich reich seine Herrlichkeit ist – an ihnen, die er im Voraus zum Leben in seiner Herrlichkeit bestimmt hat.
Das sind wir, die er berufen hat – nicht nur aus dem jüdischen Volk, sondern auch aus den anderen Völkern.

Liebe Gemeinde,

„Folgt daraus, dass Gott ungerecht ist? Keineswegs.“ So in den Raum gestellt ist dieser Satz unverständlich, weil wir nicht wissen, auf welche Meinung er sich bezieht. Trotzdem elektrisiert dieser Satz. Ist Gott eventuell ungerecht. In welchem Sinn ist er vielleicht ungerecht? Haben wir das vielleicht auch schon einmal gedacht? Ein Kind, das an Leukämie stirbt. Eine Tsunamiwelle oder ein Erdbeben, das Tausende tötet, sind das Zeichen eines ungerechten Gottes? Oder haben solche Ereignisse nichts mit Gott zu tun? Oder ist Gott ungerecht, wenn er mit Jesus Mensch geworden ist, um eine uralte Verheißung noch einmal neu auszusprechen? Ist er ungerecht, wenn er die Verheißungen, die er einmal gegeben hat, jetzt anders versteht und auch uns zuspricht, die wir zu keinem auserwählten Volk gehören?
Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, das an diesen Sonntag als Evangelium gelesen worden ist, endet quasi mit einer offenen Frage der Tagelöhner: Ist Gott ungerecht, wenn er allen den gleichen Lohn gibt, den Tageslohn, das tägliche Brot? Einige haben geschuftet bis zum Umfallen, und andere haben sich den ganzen Tag über auf dem Marktplatz herumgetrieben, bis sie dann noch für eine Stunde hinzukamen.
„Folgt daraus, dass Gott ungerecht ist? Keineswegs.“ Setzt auch Paulus hier eine solche Diskussion voraus, denn der letzte Vers lautet: „Das sind wir, die er berufen hat – nicht nur aus dem jüdischen Volk, sondern auch aus den anderen Völkern.“?
Und wer sind wir, für die Paulus hier ein gutes Wort einlegt? Wir sind es, die den ganzen Tag noch auf dem Marktplatz waren. Das sind wir, die nur eine Stunde für Gott gearbeitet haben, die gar nicht offiziell zum jüdischen Volk gehören. Das sind wir, Christen und Menschen aller Völker.
Dieses Thema hat die damalige Gemeinde seit der Verkündigung Jesu an Zöllner und Sünder, an Samaritaner und an Griechen bewegt. Das zeigen sowohl das Erstaunen der anderen Weinberg-Arbeiter als auch dieser Predigttext aus dem Römerbrief.
Paulus stellt fest: Die Anbetung Gottes hat sich verändert, weil sich die Offenbarung Gottes verändert hat. Gott gibt sich neu zu erkennen, wie damals dem Mose am brennenden Dornbusch, aber wieder anders, wieder völlig neu. Und eine Frage durchzieht heimlich die Religionsgeschichte seitdem: Und was wäre, wenn sich Gott wieder neu offenbarte?
Was wäre, wenn Gott auch auch uns, dem Christentum zeigen würde, dass er die Menschen und die Erde ganz anders liebt, als wir es verstanden haben?
Was wäre, wenn diese Frage schon ganz überholt ist durch das Erstaunen des Paulus, des Juden Paulus, der auf die Idee einer doppelten Erwählung kommt. Er stellt fest, dass die alte Erwählung genauso gültig ist wie die neue. Im Bild unserer Straßenbaugesellschaft könnte man vielleicht sagen, dass auf der Trasse einer alten Bundesstraße eine neue Autobahn entstanden ist. Wenn das schon für eine einzige Straße gilt, die sich in zweifacher Gestalt darstellen kann, was bedeutet dann das Sprichwort der Pilger: „Viele Wege führen nach Rom“? Was ist, wenn viele religiöse Wege zum gleichen Ziel führen, zum Respekt vor dem Leben?
Wie kleinkariert muss man sein, so frage ich mit Paulus, wenn man anderen Menschen die Zuwendung Gottes nicht gönnt, anstelle anzuerkennen, dass sie als Geschöpfe Gottes das Leben erhalten haben und dafür dankbar sind? Was macht man wohl mit dem Glauben, wenn man ihn als so Privateigentum betrachtet und andere ausgrenzt? Wann verstehen wir endlich, dass Gott völlig frei ist, sich Menschen zuzuwenden, die als Geschöpfe Gottes existieren? Oder glauben wir etwa immer noch, es gäbe Geschöpfe erster und zweiter Klasse?
Das Töpfergleichnis scheint die alten Trennungen zunächst zu bestätigen, denn hier wird klar unterschieden. Der Töpfer macht Essgeschirr und andererseits Toilettentöpfe. Das sind also nun die Gefäße des Zorns und die Gefäße zum ehrenvollen Gebrauch. Keine sehr schmeichelhafte Einteilung. Da sind schon einige Ausleger hergekommen und meinen, hier wieder die alten Trennungen zu erkennen in gute und böse Menschen oder Völker.
Doch hatte Paulus nicht einige Kapitel zuvor im Römerbrief gesagt, dass wir aus der Betrachtung Gottes gesehen alle Sünder sind und eben darin völlig gleich, dass wir auf die Hilfe und Rettung Gottes angewiesen ist, dass es keinen Vorzug der Juden vor den Heiden gibt, oder aktueller gesagt, keinen Vorzug gibt der Christen gegen über den Atheisten und allen anderen.
Der Pharao steht hier als ein Gefäß des Zorns. Gott hat zweifelsohne dieses Gefäß genauso nötig wie das der Juden, die zuletzt das gelobte Land erreichen. Was wäre eine Befreiungsgeschichte ohne den Unterdrücker, das stellt Paulus hier fest? Das ist gleichwohl eine gewagte These, weil auch dem Unrecht ein Sinn zugesprochen wird. Genauso wie Pontius Pilatus namentlich im Glaubensbekenntnis genannt wird, wird das Land Ägypten in den Zehn Geboten genannt. Gott hat, so sagt Paulus, den Pharao geschaffen, um durch die Rettung des Volkes Israel aus seiner Macht zu zeigen, dass die Macht Gottes noch umfassender und größer ist als die Macht dieses großen Landesfürsten, der Pyramiden bauen lässt und Menschen zu seinem Dienst versklaven kann.
Doch letztlich kann es nicht um die Größe und Gewalt Gottes gehen, sondern um seine Zuwendung. Paulus geht nämlich einen Schritt weiter und sagt, dass es eben nicht um Macht geht, sondern um Geduld, nicht um Säbelrasseln, sondern um wahre Größe. Die Frage vieler Psalmen, warum es den Frevlern so gut geht und den Frommen schlecht, wird hier galant beantwortet: Es ist Gottes Geduld, hat er doch nach der Landung der Arche versprochen, die Erde nicht mehr wegen der Bosheit der Menschen zu zerstören.

Der Heilsplan Gottes, den Paulus in diesem Kapitel skizziert, ist ein immer neuer Weg, von Gottes Freiheit gelenkt. Man kann sagen: Gott nimmt seine Zusagen nicht zurück, bleibt aber gleichwohl der Schöpfer aller Menschen.
Die Botschaft von der freien Gnade Gottes wird hier zu einer Botschaft der göttlichen Geduld. Fakt ist aber, dass Paulus zeigen will, wie schon im Gleichnis vom Weinberg, dass es keinen Unterschied in der Gegenwart gibt zwischen den Gefäßen des Zorns und den Gefäßen der Ehre.
Das Gottesbild des Paulus ist das eines Königs, dessen Untertanen alle andere Könige und Völker sind. Wie ein Herrscher ist Gott völlig frei in seiner Entscheidung. Gott ist völlig souverän und unberechenbar. Aber Gott ist nicht ungerecht, denn er offenbart nun allen auf unterschiedliche Art und Weise schlicht dasselbe: sein Erbarmen. Dieses Gottesbild verändert sich dadurch auch: Beides gehört unbedingt zusammen: Gott ist erkennbar und verborgen. Gott ist groß und macht sich selbst klein. Gott erwählt Gefäße der Ehre, um anschließend an allen anderen Gefäßen noch seine Geduld zu erweisen. Gott gibt uns diese Erde zum Leben und nimmt sie uns nicht wieder weg.
Gott nimmt seine Erwählung nicht dadurch zurück, dass er einfach noch einmal neue und andere Menschen hinzunimmt. Gott, der sich dieses eine Volk Israel erwählt hat, ist der Schöpfer der Erde und will das Heil der ganzen Welt. Gott ist ohne Widerspruch zu denken. Aussagen über Gott können paradox klingen. Gott ist gleichzeitig frei und legt sich gleichzeitig fest. Gott ist gerecht und erbarmt sich gleichzeitig. Ich gebe zu, dass man aus diesem Gottesbild nicht auf den ersten Blick eine gute Erziehungsperson ableiten kann, wie man es früher mit dem autoritären Gottesbild gemacht hat.
Aber dieser Gott ist der Gott Jesu. Es ist der Gott, der mit den Zöllnern am Tisch sitzt, der die Verlorenen in sein Reich einlädt und der sich zuletzt mit Jesus ans Kreuz schlagen lässt. Gott gewinnt, indem er verliert.
Die wunderschöne Christrose, die jetzt noch blüht von Anfang Dezember an, verschwindet im Sommer völlig in der Erde und wächst danach erneut aus der Wurzel. Und genau deshalb heißt sie Christrose. Sie ist einmal völlig verschwunden und ein anderen Mal in Kraft und Blüte. Und so ist Gott. Er ist einmal ganz fern und ein anderes Mal nah und in voller Blüte. Aber eines soll sicher sein, dass er uns das Leben als ein Geschenk gegeben hat, wie den Tagelöhner ihren Tageslohn. Zuletzt kommt es nicht mehr darauf an, wozu wir geschaffen worden sind, ob als Gefäß der Unehre oder als Gefäß der Ehre, weil das nur Äußerlichkeiten sind.
Wichtig ist nur, dass Gott nicht ungerecht darin ist, dass er alle Mensch zu sich berufen hat, dass er seine Tür weit aufmacht und nicht wieder verschließt. Gott macht keine Unterschiede.
Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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