Keine Angst vor religiöser Rede, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2014

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Zu: Wilhelm Gräb: Predigtlehre, Über religiöse Rede, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-525-62427-2, Preis: 29,99 Euro

20140213-153756.jpgUm die Ausrichtung dieser Homiletik („Predigtlehre“, Titel) von Wilhelm Gräb zu verstehen, ist es am einfachsten, sich die vier Schritte der Predigtvorbereitung sagen zu lassen, vier Anforderungen, die auch den Gliederungsschritten des dritten Teils, der „Durchführung“ (S. 81 – 301) entsprechen:

„Predigen heißt, auf der Basis biblischer Texte die religiösen Lebensfragen der Menschen anzusprechen; ihnen im Lichte der christlichen Botschaft ein Angebot zur Deutung ihres Lebens zu machen und diese Deutung in einer ansprechenden, zur religiösen Selbstdeutung anregenden Form zum Vortrag zu bringen.
Die vier homiletischen Reflexionsperspektiven, die die Predigt erfordert, gehen aus dieser Bestimmung der Predigtaufgabe wie folgt hervor: Es gilt – biblische Texte zu interpretieren, – Menschen in ihren religiösen Sinnfragen zu verstehen, – im Lichte der christlichen Rechtfertigungsbotschaft die Deutung des Lebens auszuarbeiten und – dies in der Form einer ansprechenden, ergreifenden, erbaulichen Rede zu tun.“ (S. 83)

Wer hier noch die traditionelle Form der Predigtvorbereitung heraushört, muss beachten, dass die Predigtlehre nach Friedrich Schleiermacher und Ernst Lange bemüht ist, die Predigt als ansprechende religiöse Rede zu gestalten, die immer gleichzeitig die Hörer und den Prediger/die Predigerin im Blick hat. Wilhelm Gräb schreibt zu Beginn der „Durchführung“ ebenfalls, dass zu den vier Hauptteilen der Vorbereitung die „Selbstreflexion“ der Predigenden hinzugehört, dass diese aber hier im Buch nicht weiter ausgeführt werden sollte. So einleuchtend das im ersten Moment klingen mag, so ist doch andererseits z. B. von der Seelsorge her eine ausgearbeitete und fachlich begründete Darstellung von Selbstreflexion möglich. Es wäre also schon denkbar, wenn die Durchführung der Predigtarbeit noch einmal in einem fünften Schritt unter dem Aspekt der Selbstreflexion behandelt würde. Diese Kritik ist allerdings kein Vorschlag, der darin bestünde, die Predigtlehre von Wilhelm Gräb zurückzuweisen, sondern eher, auf ihrer Grundlage diesen und evtl. noch weitere Schritte zu erledigen.
Das Material für die (Selbst-)Reflexion wird hier ohnehin im zweiten Teil bereitgestellt, der elf unterschiedliche Aspekte der Predigtarbeit nacheinander anspricht. Daraus sollen im Folgenden einige Kernsätze zitiert und erläutert werden.
Um diese Predigtlehre zu verstehen, muss man sozusagen vom letzten Schwerpunkt der „Durchführung“ her daran herangehen, der Rhetorik. Die Predigt ist eine Rede und hat als solche zu überzeugen. Als kirchliche Rede handelt sie von Religion. Doch das meint keine religiöse Informations- oder Bekenntnisrede, sondern die Rede eines Menschen, der von seiner eigenen Überzeugung spricht. Predigt nach Wilhelm Gräb ist kein Kurzreferat und auch keine Kurzbibelarbeit zum Predigttext, sondern eine Rede, die die Hörerinnen und Hörer von der Notwendigkeit überzeugt, religiös zu leben. Hierzu kombiniere ich einmal vier Zitate:

„Die Predigt in der Kirche muss eine Rede für die Religion der Menschen sein. Das kann sie auch, wenn sie nur davon ausgeht, dass Menschen elementare religiöse Sinnbedürfnisse haben und auf eine Kirche warten, die ihnen das Lebensdeutungspotenzial der christlichen Botschaft erschließt. … Die Predigt zielt, sofern sie religiöse Rede ist, auf eine solche den existenziellen Sinn des Wortes »Gott« zur Mitteilung bringende religiöse Selbsterschließungserfahrung. … Dennoch, religiös bewegend ist sie gerade dadurch, dass sie einer persönlichen religiösen Überzeugung Ausdruck verleiht. Darin liegt dann auch die eigentliche rhetorische Herausforderung der Predigt. Sie muss den biblischen Text auslegen. Sie muss ihm die jetzt treffende, religiös erbauliche christliche Botschaft abgewinnen. Sie muss sodann der eigenen religiösen Überzeugung Ausdruck geben und damit auch die eigene Sprache sprechen. … Das Besondere der religiösen Rede ist der Bezug auf die religiöse Subjektivität des Redenden. Wer predigt, redet aus seinem eigenen, existenziellen Bezug zur »Sache«, von der die Rede ist, und er will andere ebenfalls von dieser »Sache« überzeugen.“(S. 35 – 41).

So macht Wilhelm Gräb ernst mit dem Anspruch Ernst Langes, mit den Hörern über deren (und das eigene) Leben zu sprechen. Hier wird zweierlei notwendig. Das erste ist die Tatsache, dass die Notwendigkeit der religiösen Praxis vorausgesetzt und, auch in deren kirchlicher Gestalt, als notwendig erachtet wird. Es gibt allerdings im Buch nur wenig Sätze, die dies auf bestimmte spirituelle Vollzüge hin ausdeuten, sondern es geht Wilhelm Gräb in diesem Zusammenhang immer um die Deutung des Lebens. Damit geht es zum einen immer um einen Situationsbezug, was die folgenden Zitate beispielhaft verdeutlichen:

„Die Aufmerksamkeit auf die Lebenssituationen, in denen Menschen sich die religiöse Frage stellt, ist für die Predigt von entscheidender Bedeutung. … Wer predigt, sollte sich deshalb immer um ein Verständnis dafür bemühen, wo die Bereitschaft zur religiösen Deutung der Lebenswirklichkeit in dieser selbst aufbricht, wo Menschen auf die religiöse Deutungsbedürftigkeit ihrer Existenz ansprechbar sind. … Der Situationsbezug der Predigt ist so zu fassen: Aufgabe der Predigt ist es, dieses Leben, das Predigende und Hörende gleichermaßen selbst sind, im Lichte der durch den Text erschlossenen christlichen Botschaft in eine religiös tiefere Verständigung über sich hineinzuführen.“ (S. 44 – 50)

Zweitens ist es der christliche Aspekt, der die von der biblischen Tradition und vom christlichen Glauben her vorgegebene religiöse Praxis, die der jeweilige Predigttext meint, widerspiegelt. Die Auslegung des Predigttextes hat als Lebensdeutung zu geschehen, so wie ja jeder Predigttext selbst religiöse Lebensdeutung ist. Insofern hat nach Wilhelm Gräb jede Predigt auch einen hermeneutischen Anspruch:

„Predigende werden am Leitfaden des Deutungsparadigmas dazu angehalten, die biblischen Texte, denen die jetzt anzusagende und zuzusagende christliche Botschaft immer wieder neu abzugewinnen ist, als Ausdruck deutenden Sich-Verhaltens der biblischen Menschen zu den religiösen Grunderfahrungen des Lebens zu lesen. … Die biblischen Texte religiös zu interpretieren heißt, sie als symbolische Artikulation religiöser Erfahrung auszulegen. … Nur wenn ich etwas – im wahrsten Sinne des Wortes – anfangen kann mit dem, worum es in einem Text geht, bringt mich dieser Text auch weiter, kann er mein Vorverständnis von der Sache, um die es ihm geht, verändern. Ich verstehe, worum es ihm geht, dann anders und besser, zugleich aber auch mich selbst, da ja ich es bin, dem sich die Sache des Textes, vom eigenen Vorverständnis herkommend, nun in dieser Weise erschlossen hat. … Ob die Auslegung des biblischen Textes für die Predigt Gewinn bringt, entscheidet sich daran, inwieweit die Lebensdeutung, die der Text zeigt, zu einem überzeugenden Lebensdeutungsangebot für mich selbst und für heutige Predigthörer und -hörerinnen werden kann. … Was uns mit den biblischen Texten verbindet, ist natürlich die menschliche Grundsituation, auf die sie sich beziehen. Aber sie tun dies eben in der Sprache und mit den Vorstellungsgehalten ihrer Zeit. Wir können schlechterdings nicht einfach davon ausgehen, dass ihre Sprache und ihre Vorstellungswelt auch uns Heutigen unmittelbar verständlich sind.“ (S. 53 – 60)

Interessant ist die Frage, inwiefern die Aufgabe der Deutung der Lebensfragen eine Rolle spielt und woher sich dieser Auftrag herleitet. Formal gesehen bringt er damit zwar lediglich das Thema der als religiös aufgefassten Rede ins Spiel. Vor dem Kontext kirchlicher oder pastoraltheologischer Aufgaben ergibt sich dieses Thema aber auch von der Kasual-Seelsorge her. Dabei kommt Wilhelm Gräb von der Aufgabe der Kasualien zum Sonntagsgottesdienst. Es ist demnach die Aufgabe jeder Predigt, vom Predigttext her nach einem Kasus zu fragen, in den hinein die Aussage der religiösen Lebensdeutung passt. Insofern hat er tatsächlich die alte Frage nach dem Anknüpfungspunkt mit einem klaren Ja beantwortet, wohl wissend, dass die Übertragbarkeit nicht unmittelbar gegeben ist.
Es ist allerdings überhaupt kein Makel, dass die Frage nach der religiösen Lebensdeutung nicht direkt, sondern symbolisch beantwortet wird, wobei er auf Paul Tillich verweist. Der Charme des Predigtansatzes von Wilhelm Gräb besteht darin, dass er die Linie des Ansatzes von Paul Tillich sowohl vom Gedanken der Verwendung von symbolischen Begriffen als auch vor dem praktischen Hintergrund der Korrelation herleitet. Unter dem Stichwort „Die materiale Entfaltung der Glaubenslehre“ (S. 254 – 264) zeigt Wilhelm Gräb beispielhaft, wie die Rede von Gott mit den Begriffen der Trinitätslehre praktisch ausgedrückt werden kann. Wer nicht sagt, wie er oder sie als Prediger Gott versteht, hat ja auch noch nicht von der eigenen Religion gesprochen. Wenn die Rede von der eigenen Religion für Predigerinnen und Prediger eine Sache der Diskretion ist, dann ist die Predigtaufgabe nach Gräb nicht verstanden, dabei dient es ebenso der Vermittlung religiöser Inhalte, in dieser Frage auch eine Portion Ehrlichkeit an den Tag zu legen. Es ist zu hoffen, dass die Lektüre der Predigtlehre von Wilhelm Gräb die wichtige Aufgabe der Predigt neu belebt. Zur inhaltlichen Weiterarbeit lädt das ausführliche Literaturverzeichnis ein. Ein
Stichwortverzeichnis fehlt zwar, ist aber nicht unbedingt nötig und wäre beim eBook ohnehin überflüssig.

 

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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