Um Kraft beten, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2014

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Zu: Alfons Gerhardt, Dorothee Sandherr-Klemp: Du gibst mir neue Kraft, Gebete für Tage der Krankheit, Butzon & Bercker, Kevelaer 2013, ISBN 978-3-7666-1724-8, Preis: 9,95 Euro
Alfons Gerhardt, Dorothee Sandherr-Klemp: Halte mich in deiner Hand, Bildmotiv und Ausschnitte von Jörgen Habedank „Himmlische Inspiration“, Butzon & Bercker, Kevelaer 2014, ISBN 978-3-7666-1834-4, Preis: 2,95 Euro

Du gibst mir neue KraftDie Gebete im illustrierten Heft „Halte mich in deiner Hand“, das als Handreichung für den Besuch bei Kranken geeignet ist, stammen aus der Hand des verstorbenen Pfarrers und Krankenhausseelsorgers Alfons Gerhardt (1948 – 2012), welche die Journalistin und Chefredakteurin der Zeitschrift „GLAUBENleben“ herausgegeben und im Buch „Du gibst mir neue Kraft“ gesammelt hat. Während das Heft gut als Geschenk für Krankenbesuche geeignet ist, ist das Buch schon eher für die Hand des Seelsorgers/der Seelsorgerin im praktischen Taschenformat, aber fest gebunden. Die Gebete sind seit 1996 in diversen Büchern von Alfons Gerhardt erschienen, wovon ein Literaturverzeichnis am Ende des Bandes zeugt.

Sicherlich kann man sich schon allgemein vorstellen, wozu ein Gebet in den Tagen der Krankheit da ist, schon allein vom Gedanken her: Not lehrt beten. Das existenzielle Krisengebet greift das Buch in den kurzen „Stoßseufzern zu Gott“ auf (S. 45 – 47), in denen der Schmerz und die Verzweiflung in Worte gefasst und mit den Gedanken des Vertrauens verbunden wird, wie im Satz: „Herr, rette mich und stärke mein Vertrauen!“ (S. 45).
Es ist nicht leicht zu akzeptieren, dass zum Sinn des Lebens auch „das Schwere, das Dunkle, der Zweifel, die Ohnmacht, die Last“ gehören (S. 14). Daher tritt ein Gebet ausdrücklich dafür ein, „mit sich selbst barmherzig“ zu sein (S. 16). Die Tage der Krankheit können insofern schon einen Sinn haben, dass sie uns ins Gedächtnis rufen, dass der Mensch eigentlich vom Vertrauen lebt und nicht von „Reichtum und Macht“ (S. 18). Krankheit ist so gesehen eine Botschaft Gottes, die Menschen, die in einer Krise sind, auf die Kraft des Vertrauens hinweist.
Halte mich in deiner HandEin Gebet des Buches stellt ein Kind als Urbild und Vorbild des Vertrauens in die Mitte. Schon darin, dass Gebete die Katastrophe in Worte fassen, beginnen sie den Schock der ersten Sprachlosigkeit zu überwinden. Wer „fremd im eigenen Leib“ geworden ist (S. 28) findet neue Kraft aus der Gegenwart eines Sinns, den man sich nicht erkaufen kann. Der Sinn des Lebens als Kraft von Gott verstanden ist ein Geschenk (S. 29).
Andere Gebete, auch für Gottesdienste und Andachten im Krankenhaus, greifen die Tageszeiten auf oder gehen auf unterschiedliche Themen des Kirchenjahres ein. Gott hat einen Ort. Es gibt „offene Fragen“ in Not und Leid (S. 52f). Gott ist „nicht Lähmung, sondern Zuversicht“ (S. 55) und ist die Kraft, „standzuhalten“ (S. 53). Auch Jesus wurde nicht von Leiden und Tod verschont, und so gilt das Vertrauen auf Gott in allen Lebenslagen: „Was immer auch kommen mag, ob ich stark bin oder schwach, ob voll Zweifel oder Hoffnung, ob mit Mut oder Angst: Gott ist stets an meiner Seite und geht nicht mehr fort, weil er selbst Mensch geworden, Mensch in Freude und Leid.“ (S. 84)
Die Gebete sehen Gott als Erfahrung zwar eher auf der Seite von Licht oder Kraft, doch es findet sich auch Sinn in der Krankheit selbst darin, dass die Besinnung auf die Grenzen des Lebens zur Erkenntnis führt, dass unser Leben und alles Heil nur Geschenk ist oder Geschenk sein kann. Hinter dieser Unverfügbarkeit steht der Wille zum Leben und das Leben selbst. Gott ist zwar Gegenüber im Gebet, aber die Worte über Gott zeigen ihn aber eher als Erfahrung und nicht als Machtperson, denn Ohnmacht und Leid sind für Gott kein Fremdwort. Zusammenfassend könnte man sagen: Es gibt Sinn im Leid und es führt ein Weg hindurch. Dazu brauchen Menschen das innere Gespräch des Gebets. Gott selbst ist Adressat in diesem Gespräch, aber nicht im Sinn einer Festlegung auf bestimmte Rollen oder theologische Aussagen. So lassen sich durchaus unterschiedliche Gottesvorstellungen mit den Formulierungen einzelner Gebete verbinden, wohl wissend, dass es sich insgesamt um Inhalte des christlichen Glaubens handelt.

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Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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