Gründe. Oder das Verhältnis zu mir selbst. Christoph Fleischer, Werl 2014

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Ich bin ständig damit beschäftigt, über mich selbst nachzudenken. Sicherlich gibt es viele Situationen, in denen ich über etwas anderes nachdenke als über mich selbst. In diesem Fall wird das Nachdenken über mich selbst an die Seite gestellt, ohne es auszuschalten, da es in dieser Zeit jedoch weiterdenkt.
Der Unterschied zwischen der Form des Regelns oder Steuerns in der Gestaltung von Entscheidungen, kann mit einem starken oder schwachen Denken oder Glauben verglichen werden. In diesen Entscheidungen wird alles Gedachte sprachlich ausgedrückt, wie in der Form von Fragen:
Warum hast du das getan? Oder nicht getan? Oder nicht anders gemacht? Ich sage etwas zu mir. Ich entgegne mir.

So bin ich immer die selbst handelnde Person. Es wäre mir unangenehm, mich fremdbestimmt zu erleben. Ich möchte mein Leben als das erleben, was ich selbst so gewollt habe, und möchte damit einverstanden sein, wie es im Moment ist.
Es gibt viele Dinge, die ich nicht steuern oder regeln kann, und zwar nicht nur in der äußeren, sondern auch in der inneren Welt. Der Körper ist selbsttätig und erhält mein Leben. Er stellt mir diesbezüglich aber auch einige Anforderungen wie: Geh aufs Klo! Trink etwas! Das andere kann er eigenständig – wie Atmung und Blutkreislauf zu erhalten. Den Körper kann ich aber auch auf andere Weise fühlen, wahrnehmen oder mir bewusst machen (z. B. macht man sich bei der Meditation die Atmung). Ich stehe bewusst und unbewusst in ständigem Kontakt mit meinem Körper.
Doch das Nachdenken über mich selbst, das Verhältnis zu mir selbst und das Gespräch mit mir selbst hat über den Körper hinaus eine geistige Ebene. Diese Ebene ist in mir, aber sie gehört mir nicht richtig. Ich meine auch, es wäre die Ebene der Verbundenheit. Hier haben auch die Beziehungen ihren Ort. Menschen sind in mir, auch wenn sie nicht (oder nicht mehr) da sind. Dazu gehört auch Gott als der Grund des Lebens. So ist das innere Selbst gar keine Einheit, sondern eine Vielfalt von Stimmen. Man kann es auch das „Innere Team“ nennen (das stammt von Friedemann Schulz von Thun).
Du siehst, dass ich hier im inneren Selbst nicht ohne Bezüge auskomme. Texte, Worte, Gedanken unterschiedlicher Quellen sind in mir präsent. Ich denke, dass mein unbewusstes Selbst eigenständig denkt und mir gar nicht immer sagt, welchen Bissen es mir gerade auf den Teller legt.
Ich kann über Gründe nachdenken, verstehe sie aber oft nicht.
Doch andererseits frage ich mich, ob es wohl in mir irgendetwas gibt, das keine Gründe hat. Und wenn das so ist, stehen dann nicht alle Gründe, die es nicht gibt, vernetzt mit dem letzten Grund, dem Grund des Lebens in Beziehung? Diesen letzten Grund auszusprechen, die Basis der Lebendigkeit auszusprechen, die ich Gott nenne, das ist eine Quelle der Kraft.
Lebendigkeit ist immer eine Quelle, da sie selbsttätig ist: „Ich bin Leben, inmitten von Leben, das leben will.“ (Albert Schweitzer). Dies und andere sind solche Worte, die sich mir aufdrängen.
Es geht nicht darum, sich beisst zu erinnern oder erinnern zu wollen. Diese Worte und Sätzen melden sich von selbst, sie steigen aus dem unbewussten auf in das Bewusstsein.
Es ist dann schön, dass sie da sind. Sind andere Menschen besser oder schlechter, bloß weil sie andere Worte haben? Ich denke, dass der Schatz der Worte bei jedem anders ist. Und doch dürfte sich die Melodie, der Klang der Worte gleichen, soweit sie begründet sind vom Grund des Lebens. Das kommt von der Mitteilung. Es ist doch schön, sich einander mitzuteilen. Wir sprechen nicht oft über Religion. Aber wir wissen doch, dass wir diese Rück-ver-bindung brauchen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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