Die Quellen der Kraft, Andacht sechs, Psalm 73, Nähe und Beziehung, Christoph Fleischer, Werl 2014

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Zunächst möchte ich nur eine Beobachtung mitteilen, die ich bei der Vorbereitung einer kirchlichen Trauung gemacht habe.
Aus einer Spruchsammlung suchte sich ein Paar als Trauspruch das Wort aus Psalm 73 aus: „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.“ Bis zu diesem Zeitpunkt war dieser Psalm für mich der ideale Text für die Sterbebegleitung, aber nicht für eine Trauung. Da ging ich aus von dem Inhalt des Wortes „Dennoch“, das den Willen betont, zu Gott zu gehören auch in extremen Lagen.
Und nun kommt dieses Brautpaar her und nimmt das Wort als eine Bild für eine ideale Beziehung. Und aus dieser Perspektive des Paares entdeckte ich, dass in diesem Vers, ja und zuletzt im gesamten Psalm, von einer Beziehung die Rede ist. Auch in einer Beziehung kommt es zu einem Dennoch, einer Situation, die die Beziehung in eine Krise bringt.
Doch dazu wird nun das Dreifache bekräftigt: ich bleibe an dir, denn du hältst mich an der Hand fest, dich kann ich alles fragen und du akzeptierst mich so, wie ich bin.
Ist hier dann noch von Gott die Rede, wenn ich in den Worten das Bild der Beziehung herausarbeite? Ja, das ist es. Gott ist Teil einer Beziehung, so verborgen und unbekannt die Gottheit sein mag. Dies bekräftigt auch der letzte Vers Jahreslosung 2014: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“
Nähe, Glück, Beziehung – das sind Quellen der Kraft.
Nehmen wir doch einfach uns mal den Mut heraus und sprechen an der Stelle des Wortes Gott den Namen eines lieben Menschen.
Was ist der Hauptirrtum, von dem der Psalmbeter spricht? Er richtet seine Aufmerksamkeit auf die vermeintlichen Gegner und beneidet sie. Erst nachdem er sich zu sehr darauf eingestellt hat, merkte er, dass dadurch alles leidet und nichts gewonnen wird. Die Gefühle von Neid, Konkurrenz und Hass sind das Gegenteil von Quellen der Kraft, sind Ursachen von Kraftlosigkeit. Auch der nächste Versuch, der Anfechtung zu widerstehen und das Herz rein zu halten, bringt nichts, weil diese Betulichkeit letztlich dazu führt, im Prinzip der Konkurrenz gefangen zu bleiben.
Erst danach passierte der Umschwung, geschieht die neue Einsicht in die Kraft der Beziehung. „Bis ich eintrat ins Heiligtum Gottes.“ Nun wird die Verbitterung offengelegt. Der verborgene Schmerz wird nun bewusst gemacht. Die Konzentration auf die Konkurrenz der Gegner raubt den Menschen alle Kraft.
Das Heiligtum ist ein Haus der Nähe. Hier wird ausschließlich Nähe empfunden, Nähe Gottes und der Menschen. Allein die Nähe, die Beziehung und die Kraft aus Gott werden die betende Person und ihr Denken und Fühlen gleichermaßen bestimmen.
Die Nähe zu Gott bleibt auch dann vorhanden, wenn sie nicht bewusst erlebt wird. Sie ist unter der Oberfläche präsent. Gott muss nicht herbei gebetet werden, sondern ist als Grund des Lebens ohnehin immer da. Die Nähe Gottes und die Nähe von Menschen, das ist kein Widerspruch. Gott ist uns immer in den Menschen nah. Aber Gott ist mehr, als der Grund des Lebens. Gott ist die Quelle der Kraft, die uns zuletzt niemand anders geben kann und die durch die Begegnung mit allen anderen hindurchfließt.
So ist die Jahreslosung ein guter Leitgedanke: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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