Religion – eine Quelle der Kraft, Christoph Fleischer, Werl 2014

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Zu diesem Text gibt es einen Vorlauf, eine Kommunikation, die später veröffentlicht werden soll. Diese Kommunikation stellt zwei Begriffe in den Fokus, die wohl aus der Regeltechnik kommen und konfrontiert sie mit der Begrifflichkeit des „schwachen Glaubens“. Dabei wird der Ansatz des schwachen Glaubens, der von der Notwendigkeit des schwachen Denkens in der Postmoderne abgeleitet wurde (nach Gianni Vattimo) neu definiert, konkretisiert und hier beispielhaft mit der Vorstellung der Quellen von Kraft in der Religion (religiöse Resilienz) in Verbindung gebracht.

Es gibt offensichtlich zwei Grundformen in der Art und Weise, Entscheidungen zu treffen und damit eventuell Herausforderungen und Krisen des Lebens zu meistern, die in Aufnahme des Bildes aus der Regeltechnik mit Steuern und Regeln bezeichnet werden (können). Zugegebenermaßen ist es daher notwendig, zwischen diesen Grundformen der Gedankenführung zu unterscheiden, besonders dann, wenn sie auf die Bewegung und Reflexion des Lebens übertragen wird. Dieses Bild kann sodann in der Begrifflichkeit des Starken oder Schwachen Glaubens ausgedrückt werden.
Es wird dadurch deutlich, dass der Schwache Glaube ein Recht hat, wie der Starke Glaube auch, ja, dass es gewissermaßen das Hauptmerkmal des Schwachen Glaubens ist, die Stärken der anderen Alternative zu sehen und zu nutzen. Die Einstellung des Starken Glaubens hingegen scheint seine Inhalte in Abgrenzung gegen andere Konzepte zu sehen, als sei es geradezu eine Bedrohung der eigenen Position, in anderen Alternativen zu denken.
Es ist ja klar, dass ich im Folgenden die Position des Schwachen Glaubens verdeutliche und verstärke, da ich meine Homepage der-schwache-glaube.de genannt habe. Diese Position ist offen: Ein jeder hat sein Recht. Alle Wege führen irgendwie nach Rom oder heißt es viele Wege? Doch wo ist der Unterschied zwischen allen und vielen Wegen, wenn sie doch nach Rom führen?
Wenn man die Entscheidungen des Lebens aus einer starken Position angehen zu müssen meint, ist man mit dem Segeln bei starkem Wind zu vergleichen, bei dem es kaum Alternativen gibt und Navigation fast ausschließlich darin besteht, das erreichbare Ziel anzusteuern. Das Tempo ist gewiss gut. Aber wenn dein Ziel woanders liegt, kannst du den Wind nicht nutzen. Bei schwachem Wind ist ein Segelschiff wendiger und kann durch das Ausnutzen fast aller Winkel beinahe jedes Ziel erreichen. So ist es notwendig, den schwachen Wind als Quelle der Kraft zu entdecken. Auch die Flaute ist als erzwungene Pause notwendig und gibt Zeit, das Schiff zu reinigen oder Karten zu spielen, einen Brief zu schreiben oder Ähnliches.
Das heißt auch, dass der Schwache Glaube auf die Gegenwart bezogen ist und fragt: Wie ist heute der Wind? Jeder Tag ist anders. So wird man danach seinen Plan ausrichten, um im Bild zu bleiben. (Vermutlich nennt man so etwas auch Pragmatismus.)
Hierzu könnte man mal wieder einen der bekanntesten Sätze von Dietrich Bonhoeffer heranziehen, die einfach immer nur mit dem Wort „Ich glaube“ beginnen. Einige bezeichnen diese Sätze als Glaubensbekenntnis, wogegen ich meine, dass es eine Beschreibung des Glaubens als Lebensprinzip ist und nicht als Bekenntnissatz. Ein Abschnitt dieser Aufzählung von Glaubenssätzen lautet:
„Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müßte alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“ (Quelle: Dietrich Bonhoeffer: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Vollständige Taschenbuchausgabe, Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 8, Seite 30)

Die Ursache der Widerstandskraft muss irgendwo herkommen. Das kann doch nur bedeuten: Eine Quelle der Kraft wird sich auftun.
In der Tat findet sich beim Nachdenken über die Quellen der Kraft auch die Verbindung von Religion und Weisheit oder anders gesagt Philosophie und Theologie. Es geht in beiden Bereichen um die Grundbegriffe des Lebens. Was in der Theologie Gott genannt wird, heißt in der Philosophie z. B. der Grund des Lebens oder das Absolute. Die Sprache wird dazu benötigt, Bilder, Symbole, Metaphern, Vergleiche und Reflexionen dazu zu nutzen, den eigenen Weg zu reflektieren, zu beschreiben und zu hinterfragen.
Dabei wird aus dem inneren Dialog, der dabei eine Rolle spielt, manchmal ein Kontakt mit dem Grund des Lebens, mit Gott. Dazu sollte man sich einmal eine Übung mit Martin Weiss (www.coach-your-self.) ansehen oder anhören. Diese Übungen laufen darauf hinaus, dass jemand ein Gegenüber in sich selbst als eine liebevolle Stimme entdeckt, die zum Partner im inneren Dialog wird, aber auch seinerseits eine Stimme des Vertrauens darstellt. Wenn jemand diese Stimme im Selbst entdeckt hat, kann er/sie ein Gespräch damit beginnen, sich in Kontakt bringen mit dieser inneren Stimme und die eigene Fragen und Probleme in einem inneren Dialog bearbeiten.
In der Religion wird dieser Gesprächspartner Gott genannt. Oder man kann auch sagen, dass es eine Möglichkeit ist, eine Beziehung zu Gott nicht allein religiös zu beschreiben. Ist Gott eine innere Stimme, dann kann diese innere Stimme als schweigend, als anwesend im Raum, als liebevoll zustimmend oder als ablehnend empfunden werden, wenn sie sich leer anfühlt. Als Grundgefühl ist sie aber ein Grundvertrauen, dass als liebevolle Stimme erlebt wird. Wenn sie sich leer anfühlt, heißt das nur, dass der Kontakt damit nicht gelingt.
In der Bibel oder in religiösen Liedern und Texten wird dieses liebevolle Gefühl im Kontakt mit Gott in Worte gefasst. Es sind meist Bilder und Symbole, die aber mit einem selbst in Verbindung stehen, einem Subjekt, das ein Gefühl ausdrückt. Dieses Gefühl kann überschwänglich klingen wie in „Großer Gott, wir loben dich“ oder vertrauensvoll wie in „Der Herr ist mein Hirte“. Der Gedanke des Bildes wird mit dem Ich/Wir in Beziehung gesetzt und so wird die Aussage in ein Gefühl verwandelt. Darin drückt sich eine Quelle der Kraft in der Religion. Gott kann allerdings auch eine Art Furcht oder Respekt darstellen, dem das „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“ entspricht (so Friedrich Schleiermacher). Doch diese Furcht darf nicht so gedacht werden, dass sie das Gefühl verdeckt, in Gott eine Quelle der Kraft zu erkennen.
Wozu benötigt man Quellen der Kraft? Selbst in der Wirtschaft steuert man zur Zeit „Auf Sicht“, wie es die Kanzlerin einmal in der Finanzkrise um Griechenland sagte. Der Starke Glaube mag ein Recht haben, ist jedoch unzeitgemäß. Der Schwache Glaube geht davon aus, dass jeder Tag ein neues Geschenk ist. Es genügt, zu leben und aus der inneren Kraft die notwendigen Schritte zu gehen. Dabei ist der Egoismus ohnehin dadurch ausgeschlossen, dass die geschenkte Zeit, dass jeder Tag in den Beziehungen gelebt wird, die wir haben. diese Beziehungen sind ebenso wie die Worte und Bilder in uns selbst präsent und werden dadurch zu Quellen der Kraft, dass sie sich indirekt oder direkt zu Wort melden.
Die Beziehungen zur uns umgebenden Natur dürften ebenso wichtig sein, da wir selbst Teil der Natur sind. Die Naturebene im Menschen lässt sich in der Stille erfahren, für die es gute Übungen gibt.
Bücher sind ebenso eine Quelle der Kraft, weil sie zu Stimmen werden und Gedanken platzieren, aus denen Orientierung und Klarheit erwachsen. Musik und Kunst legen eine Verbindung zwischen Intellekt und Gefühl und stellen so die Verbindung zum Grund des Lebens her. Das Schöpferische der Kunst ist nach Wilhelm Morgner eine göttliche Eigenschaft.
Die Religion ist ebenso eine Quelle der Kraft (wie oben beschrieben), indem sie das Grundvertrauen bewusst macht und die Beziehung zur Welt ins Spiel bringt, den Kontakt zum Grund des Lebens als gegeben voraussetzt, findet und weiter entwickelt.

Anmerkungen: Es gibt von diesem Text her eine gute Möglichkeit, verschiedene Begriffe in Rezensionen oder Artikeln des Blogs nachzuschlagen, wie z. B. „Stärk in mir den schwachen Glauben“, Resilienz, Dietrich Bonhoeffer, Wilhelm Morgner, Pragmatismus, Quellen der Kraft, usw. Daher habe ich auf einzelne Anmerkungen verzichtet.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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