Dietrich Bonhoeffers politische Theologie, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2014

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Zu: Kirsten Busch Nielsen, Ralf K. Wüstenberg, Jens Zimmermann (Hrsg.): Dem Rad in die Speichen fallen/ A Spoke in the Wheel, Das Politische in der Theologie Dietrich Bonhoeffers, The Political in the Theology of Dietrich Bonhoeffer, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2013, ISBN 978-3-579-08168-7, 464 Seiten, Preis: 58,00 Euro

In Sigtuna, einer der ältesten Städte Schwedens inmitten der Schärenlandschaft nördlich von Stockholm, befindet sich seit 1917 eine kirchliche Tagungs- und Begegnungsstätte, gegründet und geleitet von einer Stiftung, deren Ziel es war und ist, gläubig-religiöse Menschen und säkulare Christinnen und Christen miteinander ins Gespräch zu bringen. Da heute dieses Kongresszentrum nur wenige Autominuten vom Stockholmer Flughafen entfernt ist, war dieser historische Ort der Biographie Dietrich Bonhoeffers ein idealer Treffpunkt des XI. Internationalen Bonhoeffer Kongresses. Die in diesem Band dokumentierten Vorträge sind in englischer oder deutscher Sprache abgefasst, wobei jeder Aufsatz eine englische Zusammenfassung enthält.

Die 30 Aufsätze/Vorträge sind geordnet nach den Kapitelüberschriften „1. Politischer Widerstand“, „2. Christliche Anthropologie und das Politische“ und „3. „Kirche und Zivilgesellschaft“. Betrachtet werden hier die ersten vier Artikel zum Einstieg in die Thematik dieser Kongress-Dokumentation.
Im Fokus der Tagung stand die Begegnung Bonhoeffers mit dem englischen Bischof George Bell in Sigtuna im Jahr 1942, die er hier als Agent der Abwehr durchführte, um über Bell die englische Regierung von den Plänen des Widerstands und einer möglichen Regierung nach Hitler zu informieren, zumal man damals mit einem möglichen Kriegsende nach einem vollzogenen Attentat rechnete. Die Vorträge dieses Bandes beschäftigen sich mit der Frage, ob Dietrich Bonhoeffer, der als Pastor in einen staatlichen Auftrag wechselte und konspirativ tätig war, dies aufgrund einer politischen Theologie als christlichen Auftrag verstand.
Wolfgang Huber stellt in seinem Vortrag Indizien für ein politisches Selbstverständnis Bonhoeffers heraus z. B. in den Fragmenten der „Ethik“ (1942) in dem dort enthaltenen Schuldbekenntnis der Kirche. Bonhoeffer macht keinen Hehl aus seiner Auffassung, dass eine nur für sich selbst handelnde Kirche möglicherweise ihren Auftrag verfehle, woraus quasi positiv ein politischer Auftrag zu folgern wäre. Diese war zwischen 1933 und 1945 zwangsläufig eine Widerstandstheologie, die sich bereits im Radiovortrag 1933 „Die Kirche vor der Judenfrage“ äußerte. Bonhoeffer zeigte darin einige politische Aufgaben der Kirche auf und stellte fest, die Kirche sollte den Staat an seine Aufgaben erinnern, den Opfern helfen und, wenn nötig, dazu beitragen, ein Unrechtssystem zu beenden. Es gab wohl zu der Zeit in der Bekennenden Kirche nur wenige, die dieses Anliegen schon so früh und so deutlich aussprachen wie Dietrich Bonhoeffer. Der in den Fragmenten z. T. ausgearbeitete Widerstand stelle, so Huber, eine Konkretion seiner Verantwortungsethik dar, die die Akzeptanz möglicher Schuldgefühle einschließt, die durch die Beteiligung an gewaltsamen Widerstandshandlungen ausgelöst würden.
Interessant ist die Frage, wie man den äußeren Widerstand zusammen denken kann mit innerer „Resistenz“, wofür der katholische Theologe Josef Außermair Bonhoeffers Arbeit in Finkenwalde für wichtig hält. Bezeichnend dafür sind wohl eine Art Wiederentdeckung des Schweigens für den christlichen Glauben und die dadurch auch geförderte Konzentration auf das Wesentliche, die Bonhoeffer in seiner Schrift „Gemeinsames Leben“ als Zeugnis aus Finkenwalde näher erläutert.
In einem nächsten Vortrag von Sven-Erik Brodd wird Bonhoeffers Reise nach Sigtuna im Jahr 1942 betrachtet. Bonhoeffer hatte schon seit seiner Mitarbeit in der Ökumene Kontakte in Schweden. Die Hauptthese seiner Dissertation „sanctorum communio“ wurde parallel in der schwedischen Kirche in einer neuen Diskussion um die Kirche aufgenommen, wobei besonders der spätere Präsident des lutherischen Weltbundes Anders Nygren zu nennen ist, der in einem Aufsatz „corpus christi“ die Kirche selbst als den Leib Christi bezeichnete.
Die Verbindung Bonhoeffers zu Schweden wird in einem weiteren Aufsatz von Björn Ryman weiter entfaltet. Er schildert sehr ausführlich die Exkursion, die das Predigerseminar Finkenwalde im Jahr 1936 nach Schweden unternommen hat. In einer Eisenbahnreise folgten sie den Stationen Kopenhagen, Lund, Uppsala, Stockholm und Sigtuna. In Lund traf die Gruppe auf Andres Nygren, in Uppsala auf die Witwe des verstorbenen Bischofs Nathan Söderblom. Bonhoeffer hielt dort einen Vortrag über die „Sichtbare und unsichtbare Kirche“, der aber nicht wörtlich erhalten ist. Die Exkursion des Predigerseminars endete in Sigtuna, wohin Bonhoeffer dann im Mai 1942 erneute reiste. Im April des Jahres 1942 war Bonhoeffer mit James Graf von Moltke zufällig im gleichen Schiff gemeinsam nach Norwegen unterwegs. Außerdem hatten sie zuvor Gelegenheit zu Gesprächen auf einem Spaziergang, als sie eine witterungsbedingte Wartezeit auf der Insel Rügen verbrachten, da die Fähre nicht auslaufen konnte. Es gab Differenzen zwischen Moltke und Bonhoeffer hinsichtlich der Frage des Tyrannenmords, den Moltke aus eher politischen Gründen ablehnte, um nicht aus Hitler einen Märtyrer zu machen bzw. einer „Dolchstoßlegende“ Anstoß zu geben. In der Bewertung der politischen Lage hingegen werden sie sich einig gewesen sein. Ein paar Wochen später begegnete Dietrich Bonhoeffer in Sigtuna George Bell, dem Bischof aus London, der für die Kontakte der Kirche zur britischen Regierung zuständig war. Bell hatte dort auch ein Gespräch mit Hans Schönfeld, der ihm von den Gesprächen des Kreisauer Kreises berichtete. Bonhoeffers Aufgabe bestand wohl darin, Personen des Widerstands namentlich zu benennen, Namen die dann im Juli 1944 nach dem Stauffenberg-Attentat wieder ein Rolle spielten, wie Bell in einer persönlichen Niederschrift später notierte.
Bonhoeffers Einbeziehung in politisches Handeln in der Zeit des Widerstands ist evident.
Die Aufsätze dieses Bandes beziehen sich immer wieder auf diesen Widerstand und zeigen Linien von und zu anderen Lebensstationen und Zeugnissen Bonhoeffers auf. Zuletzt wird man sagen können und müssen, dass das Element des Politischen aus Bonhoeffers Theologie nicht wegzudiskutieren ist, auch wenn manchmal eher kirchliche oder religiöse Themen im Vordergrund stehen. Doch sind diese eben mit der Ebene der politischen Wirklichkeit untrennbar verbunden, da sich die Kirche in der Welt befindet und das Christuszeugnis so ausdrückt und wiedergibt, dass es auch als Antwort auf politische Frage verstanden werden kann. Es gibt also im strengen Sinn keine politische Theologie, die von anderen Theologien zu unterschieden wäre, weil es keine unpolitische Theologie geben kann. Ob dieses vorläufige Resümee auch durch die vollständige Lektüre des Buches gedeckt ist, muss hier offen bleiben. Das Thema allerdings passt sehr gut zum derzeitigen Jahresthema des Reformationsgedenkens „Kirche und Politik“.

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Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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