Predigt am 2. Sonntag der Passionszeit Reminiszere über Hebräer 11, 8-10, Christoph Fleischer, Werl 2014

In solchem Vertrauen gehorchte Abraham, als Gott ihn rief. Er brach auf in das Land, das er als Erbbesitz bekommen sollte, und verließ seine Heimat, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Und in solchem Vertrauen lebte er in dem Land, das Gott ihm zugesagt hatte, als ein Fremder und in Zelten, zusammen mit Isaak und Jakob, die dieselbe Zusage bekommen hatten. Denn er wartete auf die Stadt mit festen Grundmauern, die Gott selbst entworfen und gebaut hat.

Liebe Gemeinde,

diese kleine Bibelstelle nimmt Bezug auf die Geschichte von Abraham. Abraham wird heute als Glaubensvater der drei abrahamitischen Religionen verstanden. Die drei Religionen Judentum, Islam und Christentum haben also verschiedene Mütter, aber einen Vater, um im Bild zu bleiben. Die Frage nach Abraham ist die Frage danach, was diese Religionen verbindet, und das ist schon einfach zu sagen: Es ist der Glaube an den einen Gott.

Dabei steht heute weniger die Gottesfrage im Vordergrund als die Frage nach dem Glauben.

Dazu möchte ich uns zunächst eine andere Geschichte erzählen, die mir in zwei Varianten vorliegt. Die erste Variante ist die neuere. Die Geschichte kann man ziemlich einfach frei erzählen:
Es ist in einer kleinen Stadt. Auf einer Wiese vor der Stadt kampiert regelmäßig ein Zirkus. Wenn der Zirkus in der Stadt ist, dann treten die Schausteller schon mal mit einigen Kostproben auf dem Marktplatz auf, um für den Zirkus zu werben. So verwundert es nicht, dass eines Tages ein sorgfältig geschminkter Clown auf die Bildfläche des Marktplatzes tritt und laut rufend mit seinen riesigen Clownsschuhen umher schreitet und ruft: „Der Zirkus brennt, der Zirkus brennt.“ Er ist wirklich glaubwürdig und alle sind fasziniert von seinem Auftritt. Sie halten es für den Anfang einer witzigen Szene. Indessen ist der Zirkus tatsächlich in Brand geraten, jedoch niemand aus dem Dorf verständig die Feuerwehr. Der Clown strengt sich immer mehr an und schreit immer lauter, was bei den Leuten nur noch größeres Gelächter auslöst.
(Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, S. 33f, zitiert von Reinhard Marx: glaube! Kösel Verlag München 2013, S. 8.)
Wozu wird diese Geschichte erzählt? Extrem wäre es vielleicht, den Clown mit Christus zu vergleichen und zu sagen, dass alle Menschen diese Botschaft hören, aber keiner ihm so recht glaubt. Besser ist, dass man allgemein von der Weitergabe des Glaubens ausgeht, die von der Rolle des Boten abhängt. Dies würde man allgemein wohl als Glaubwürdigkeit bezeichnen. Im Fall der Geschichte ist die Verkleidung des Clowns das Hindernis, weil man das ernste Thema, den Brand anzusagen, so einfach nicht hinter der Botschaft eines Schaustellers vermutet.
Das Wort Glaube hat tatsächlich verschiedene Facetten. Manche meinen zumeist, in der Kirche ginge es darum, etwas zu glauben, vielleicht sogar etwas, was man für ziemlich unmöglich hält. Andererseits kann man auch sagen, dass es allgemein darum geht, an Gott zu glauben, Gott also als ein Gegenüber zu haben, mit dem ich im Gebet sprechen kann. Dann geht es weniger um Glaubenstatsachen als um eine Glaubensbeziehung. Das gilt sicherlich auch für Abraham, auch wenn das in diesem Text nicht erwähnt wird. Der Glaube an Gott muss ja irgendwann angefangen sein.

Das Wort des Glaubens ist im Gegensatz zum Notruf des Clowns zuerst eine Zusage, eine Vertrauenstatsache. Die Frage wäre vielleicht, was die passende Umgebung für die Botschaft wäre. Religiös gesagt: Gott ist nicht der Clown, der Botschaften vermittelt, die nicht ankommen, sondern kommt als Mensch auf die Welt. In dieser Menschlichkeit Gottes liegt die Wahrheit des Glaubens.
Es kommt für uns als Kirche darauf an, wie die Botschaft geartet ist, damit sie auch geglaubt werden kann. Gott lässt die Botschaft des Glaubens durch Christus verkündigen und vorleben.
Ich möchte nun dieses Gleichnis noch einmal in anderer Weise erzählen. Da ich gelesen habe, dass die Geschichte auf Sören Kierkegaard zurückgeht, habe ich einmal den Originaltext gesucht. Dieser Text unterscheidet sich an einer entscheidende Stelle von der Clowngeschichte: Die Szene ist aber ähnlich gedacht. Ich lese einmal diesen kurzen Text:
„Es geschah in einem Theater, dass in den Kulissen Feuer ausbrach. Der Spaßmacher trat hervor, um das Publikum zu unterrichten. Man hielt es für einen Scherz und applaudierte. Er wiederholte es: man jubelte noch lauter. Ebenso denke ich, wird die Welt zugrunde gehen: Unter allgemeinem Jubel von witzigen Köpfen, die glauben, es sei ‚ein Witz‘.“(Anm.: Hier: Physikalische Blätter 12/10, Wiley-VCH Verlag Weihnheim 1956, S. 480, Link: onlinelibrara.wiley.com/. Das Zitat von Sören Kierkegaard stammt aus: Entweder/Oder, Band 1, Originaltext S. 15)
Ich habe einige Zeit gebraucht, um den entscheidenden Unterschied zwischen diesen beiden Geschichten herauszufinden, die beide auf ihre Art tragisch sind, und zugleich, weil von Clown oder Spaßmacher die Rede ist, auch grotesk und satirisch. Auf dem Marktplatz hört man die Botschaft von einem Zirkus, der am Rand der Stadt brennt. Hier stellt sich also die Frage, warum denken die Menschen nicht an die Opfer? Warum denken die Zuhörer, dass es irgendwie nur witzig ist und rufen nicht die Feuerwehr, was ja wohl beabsichtigt war?
Die Frage nach dem unverstandenen Alarm trifft auf die andere Geschichte auch zu. Zugleich aber ist dieser Text in einem Punkt entschieden anders. Die Zuschauer sind zugleich Beteiligte, sie sind die potentiellen Opfer. Der Aufruf des Spaßmachers sollte mitnichten Beifall auslösen, sondern sie zur Flucht auffordern, oder zumindest deutlich machen, dass die Vorstellung wegen des Brandes abgebrochen wird.
Diese Geschichte hat einen Hintergrund, der darin liegt, dass es tatsächlich immer mal wieder zu schrecklichen Bränden von voll besetzten Theatergebäuden wie heute von Diskotheken gekommen ist. Wenn die Flucht nicht schnell genug gelingt, werden die Menschen den Brand nicht überleben. Der Ruf des Clowns gilt ihnen selbst und ihn nicht zu verstehen ist tragisch, weil die wichtigen Sekunden der geordneten Flucht ungenutzt verstreichen.
Auch hier geht es darum, dem Boten zu glauben und die Konsequenzen aus seiner Botschaft zu ziehen. Dies jedoch nicht aus Gefälligkeit oder Barmherzigkeit anderen gegenüber, sondernd darum, weil man selbst betroffen ist. (Kierkegaard redet nicht umsonst vom Untergang der Welt und ahnt nicht, dass sein Text etwa 100 Jahre später in einer Zeitschrift über Atomenergie aufgegriffen werden würde. Dazu: Physikalische Blätter 12/10, Wiley-VCH Verlag Weinhaiem 1956, S. 480, dokumentiert im Internet onlinelibrary.wiley.com).
Doch so ernst sie auch ist, kann Religion nicht in einer Angstmache bestehen. Auch nicht in einer Angst vor dem Leben nach dem Tod, wofür man diesen Text vielleicht verwenden kann. Auffallend ist jedoch, dass von hier aus Abraham als Vorbild des Glaubens verstanden werden kann, so wie es uns der Hebräerbrief vorzeichnet.
Ganz ähnlich wie der kurze Text von Sören Kierkegaard ist dieser Abschnitt aus dem Hebräerbrief sehr konzentriert und enthält schon in seinen einzelnen Begriffen wichtige Aussagen. Die Person Abraham wird ja als ein Modell, als ein Glaubensvorbild geschildert. Es kommt ja wohl darauf an, diese Verkündigung auf das eigene Leben anzuwenden. Die Frage, wie es dazu kommen kann, den Glauben an Gott anzunehmen, steht dabei nicht im Vordergrund. Die Antwort jedoch ergibt sich einfach es den Argumenten. Es wird einfach klar, wann von Abraham, dem Glaubenden die Rede ist, wann von Gott, dem Gegenüber, dem es zu glauben gilt und der Botschaft, die dabei vermittelt und geglaubt wird.
Am einfachsten ist es, wenn man dabei den Worten folgt, die von Gott reden.
Die Begegnung mit Gott wird als Ruf erfahren, der für Abraham die Änderung seiner Lebensverhältnisse zur Folge hatte. Er wanderte mit seiner Familie in ein neues Land. Er brach auf. Das heißt: Zu Glauben bedeutet, den Ruf Gottes ernst zu nehmen.
Dann ist die Rede von der Zusage Gottes, die wie ein Versprechen dafür sorgte, dass er das auch wirklich wollte, die ihn motivierte und nicht gleichgültig sein ließ. Abraham kam in das neue Land und lebte darin als ein Fremder. Dies weitet der Hebräerbrief auch auf Isaak und Jakob aus. Es bestimmte auch die ganze Vorgeschichte Israels. Glaube heißt, die Zusage Gottes zu hören.
Und diese Haltung wird dann übergeleitet in ein Warten auf die von Gott selbst zu bauende und zu errichtende Stadt. Hier ist Gott also weniger ein Redender als ein Handelnder. Ich vermute, dass die Fremde zur Heimat wird, sich also umwandelt und zur festen Stadt wird. Dieser letzte Abschnitt ist nicht unwichtig, weil sich damit die Rede von Gott aus einer Vorstellung umwandelt in konkrete Lebenserfahrung. Glaube heißt, Leben als Gotteserfahrung zu deuten.
Von Abraham ist also die Rede, darin sind die drei monotheistischen Religionen, wie man sagt, ja einig, dann sollte man hierbei auch auf die Unterschiede sehen. Der Abrahamsbezug ist nämlich unterschiedlich im Akzent. Für die christlichen Autoren des Neuen Testaments ist Abraham weder der erste Monotheist noch der Begründer eines auserwählten Volkes, sondern schlicht ein Glaubensvorbild für jeden und jede.
Die Geschichten des Alten Testaments werden auf den Typ Abraham hin ausgelegt. Der Abschnitt ist dazu geschickt ausgesucht, denn er umfasst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der entscheidende Schritt liegt in der Vergangenheit. Abraham bricht auf in die Fremde, er macht sich auf den Weg. Und obwohl er dann ja auch irgendwo ankommt, bleibt doch dieser Anfang bis zum Ende bestehen. Wir Christinnen und Christen sind und bleiben Wandernde und Menschen, die immer ein wenig unterwegs sind. Der Blick auf die Gegenwart ist von dort her geprägt. In dem Land, in dem Abraham dann ankommt, lebt er mit seinen Angehörigen in der Fremde. Das ist ein interessanter Zug der später auch die Theologie bestimmt. Wir sind hier auf der Welt immer ein wenig zu Gast. Wir haben keine bleibende Statt. Wir sind und bleiben Fremdlinge und haben gerade von dort her auch zu Fremden und Flüchtlingen eine Beziehung. Wir leben an einem Ort, aber unsere Heimat ist im Himmel. Um nur einige biblische Beispiele anzuführen. Doch dieser Weg hat ein Ziel. Wir sind auf eine Zukunft ausgerichtet, auf die wir warten und die wir auch ein Stückweit selbst mit herbeiführen wollen, das Reich Gottes. Wie im Vater Unser, vorgesprochen von Jesus, beten wir für das Reich Gottes und wünschen uns, dass Gottes Wille hier geschieht. Wir warten wie Abraham auf die Stadt mit festen Grundmauern, und doch bedeutet Glaube zugleich auch so zu leben, dass diese Stadt errichtet wird. Die Kirche wandelt sich zu dieser Stadt um und bleibt zugleich ein wanderndes Gottesvolk. Wir bleiben Fremde auf dieser Erde und sind doch schon bei Gott zu Hause. Der Geist Gottes mobilisiert unsere Kraft und hilft uns, so in der Gegenwart zu leben, dass die Zukunft schon erfahrbar wird. Wir glauben an die Rettung der Welt in all ihren Bezügen und wir erfahren die Wirkung des Geistes Gottes, der sich uns jetzt schon seine Gegenwart zuwendet in Jesus Christus.
Daher will ich zu Schluss noch einmal den Begriff des Glaubens ein wenig umschreiben.
Glaube ist die Erfahrung einer Grenze. Wir erfahren uns immer wieder als fremd, als schwach, als angewiesen und sterblich. Wir wissen um Anfang und Ende. Glaube heißt, diese Begrenztheit zu respektieren, auszuhalten und zugleich auch deren Überwindung zu spüren.
Gott ist anders. Wir können uns von Gott nur Bilder machen, die immer ein wenig falsch sind. Gottesvorstellungen verändern sich, schon in der Bibel selbst. Aber Gott begegnet uns. Gott kommt uns nahe. Wir machen Erfahrungen, die wir als Glaubenserfahrungen deuten können. Der Glaube bestätigt sich selbst.
Es kommt weniger auf das Bekenntnis an, auf das Was des Glaubens, als auf das Wem. Glaube ist eine Beziehung zu Gott in Jesus, dem Menschen. Wir glauben Jesus und wir glauben Gott. Wir nehmen ihm Gott ab. Glaube heißt in Beziehung zu Gott sein und nicht ideologisch eingenormt zu sein.
Glaube ist keine absolute Sicherheit. Zu Glaube ist immer Vertrauen nötig, Glaube ist Vertrauen. Glaube ist allenfalls Gewissheit, aber keine Sicherheit.
Gottes Nähe, Gottes Gegenüber, Gottes Begleitung auf dem Weg, den wir selbst gehen und verantworten, das ist das Leben in Beziehung mit Gott. Keine Entscheidung nimmt Gott uns ab. Wir leben ganz in der Gegenwart. Aber wir wissen uns darin getragen.
Gottes Wort wird uns gesagt, aus der Bibel, aber auch in der Gegenwart. Gott gibt uns Orientierung und Trost. Der Geist Gottes ist nicht umsonst die dritte Person, die dritte Gestalt Gottes. Gott geht in diesem Geist ganz in uns ein und nimmt die Gestalt unseres Denken an. Wenn wir ganz still werden, und nur in uns hinein hören, werden wir doch zu Hörenden und empfangen Gottes Stimme auch aus uns selbst und dem, was Gott an Worten und Bildern in uns hineingelegt hat. Abraham hat gespürt, dass man für die Begegnung mit Gott keine Götterfiguren braucht. Gott muss nicht abgebildet werden, sondern ist überall erfahrbar, weil er in den Menschen hineingeht. In Jesus wird Gott letztlich ganz Mensch und gibt uns durch ihn Anteil an seinem Geist. Doch so neu dies auch ist, so entdecken die Autoren der Bibel zugleich in den alten Schriften, dass in einer Gestalt wie Abraham dies alles schon erzählt ist. Es gibt nur einen Gott, den Vater aller Menschen, den allgegenwärtig wirkenden, den Vater Jesu, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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