Fukushima – Mahnung und Auftrag, Gedenken und Mahnwache in Werl am 15. März 2014 (Christoph Fleischer, aus Pressematerial von Konstanze Kubath zusammengestellt und ergänzt)

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Werl. Am 11.März 2011 traf nach einem schweren Erdbeben eine Tsunamiwelle und ein Erdbeben Fukushima und das Kernkraftwerk der Stadt – mit verheerenden Folgen für Mensch und Natur.
28 Jahre nach Tschernobyl und drei Jahre nach Fukushima engagieren sich viele Initiativen und zivilgesellschaftliche Organisationen aus neun Ländern im Rahmen der Europäischen Aktionswochen:  „Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“. So haben auch die Werler Grünen eine Mahnwache am Samstag den 15.März durchgeführt. Es haben etwa 30 Menschen aus Werl und Umgebung an der Mahnwache teilgenommen. Gemeinsam setzten sie und andere sich für eine lebendige Erinnerungskultur ein, die Tschernobyl und Fukushima nicht ausklammert, sondern die Lehren aus den Katastrophen bei der Gestaltung von Zukunft berücksichtigt.

Vor allem lösten erneut die hohen Zahlen der Opfer des Erdbebens Betroffenheit aus. Im Atomkraftwerk Fukushima war infolge eines Erdbebens und eines Tsunamis Mitte März 2011 das Kühlsystem ausgefallen, woraufhin es in mehreren Reaktoren eine Kernschmelze gab. Die Reaktorkatastrophe  war das folgenschwerste Atomunglück seit dem Unfall im ukrainischen Tschernobyl im Jahr 1986. In Folge des Erdbebens und Tsunamis kamen 2011 in Japan 15.884 Menschen ums Leben, 2636 weitere gelten noch als vermisst. Hinzu kommen weitere fast 3000 Menschen, die an den gesundheitlichen Folgen der Katastrophe starben. Auch drei Jahre nach der Dreifachkatastrophe, Erdbeben, Tsunami und Atomenergieunfall leben weiterhin etwa 267.000 Menschen in containerähnlichen Behelfsgebäuden oder anderen vorübergehenden Unterkünften. Eine große Mehrheit der Betroffenen in der Katastrophenregion beklagt laut einer Umfrage der Zeitung „Tokyo Shimbun“, dass der Wiederaufbau nicht vorankomme. Aus Angst vor der radioaktiven Verseuchung kehrten Zehntausende Menschen bislang nicht in das rund 400 Kilometer nordöstlich von Tokio gelegene Fukushima zurück. Viele, die im Umkreis der Anlage gewohnt hatten, dürfen ihre Häuser oder Wohnungen noch nicht wieder beziehen.
Eine andere Pressemeldung stellt diesem eine vergleichsweise schwache Wirkung des Atomunfalls vor Augen:
STANFORD dapd: Durch die Atomkatastrophe von Fukushima könnten im Extremfall weltweit bis zu 1.300 Menschen mehr an Krebs sterben. Bis zu 2.500 weitere könnten neu an Krebs erkranken – die meisten von ihnen in Japan. Das zeigt ein Computermodell, mit dem US-amerikanische Forscher erstmals errechnet haben, welche globalen gesundheitlichen Folgen das nukleare Desaster vom 11. März 2011 nach sich ziehen wird.
Die nun errechneten Werte hätten zwar enorme Spannbreiten, sie stünden aber in klarem Widerspruch zu Aussagen beispielsweise des UN Science Committee on the Effects of Atomic Radiation (UNSCEAR), berichten die Forscher im Fachmagazin „Energy and Environmental Science“. „Es gibt einige Gruppen, die gesagt haben, es würde keine globalen Effekte geben“, erklärt Studienleiter Mark Jacobson von der kalifornischen Stanford University. Auch das UN-Komitee habe vorausgesagt, es werde keine ernsthaften Gesundheitsfolgen durch die freigesetzte Strahlung geben. Die jetzt ermittelte Rate von zukünftigen Toten und Krebskranken sei zwar außerhalb Japans tatsächlich sehr niedrig, aber nicht null. Als beste Näherung kamen die Forscher auf rund zusätzliche 130 Krebstote weltweit. Die Spanne reicht dabei von 15 bis 1.300 Todesfällen, wie die Wissenschaftler berichten. Diese kämen noch zu den rund 600 Menschen dazu, die bereits im Rahmen der Evakuierung und der Notfallmaßnahmen im Atomkraftwerk gestorben seien.

Doch anders sieht es aus, wenn man Fukushima im globalen und historischen Horizont sieht. Ein Beitrag im Internet dokumentiert den Artikel einer physikalischen Zeitschrift aus dem Jahr 1956. In dieser Zeitschrift wird auch angesichts der Gefahr durch atomare Waffen davor gewarnt, die zivile Nutzung der Kernenergie zu verharmlosen oder gar nur den Wissenschaftlern zu überlassen.
So lautet die betreffende Passage des Textes:
„Etwas näher scheint den Zeitgenossen die Gefahr unangenehmer‘ Nebenwirkungen der friedlichen Ausnutzung der Kernenergie zu liegen. Mit Befriedigung erfährt man, daß sich Politiker für den Kredit der Wissenschaft einsetzen und ihren Mitbürgern erklären,
daß man derlei Dinge getrost den Wissenschaftlern überlassen könne. Allein wir geben vor, in einer Demokratie zu leben, in der bekanntlich die Verantwortung bis zum letzten Staatsbürger reicht. Und da nun dieser ersichtlich in Lethargie verweilt, wäre es
wohl besser, ihn an diesen Dingen etwas zu beteiligen. Wenn der Staats-Sekretär Guthsmuths aus dem Bayerischen Wirtschaftsministerium meint, daß ‚die Entscheidung darüber, ob und wie ein Reaktor gebaut werden soll, einer Bürgerversammlung zu überlassen‘, ungefähr genau so wäre, wie wenn er am Stachus die Vorübergehenden fragen wurde, ob morgen die Raucherkarte wieder eingeführt werden solle, so hat er mit dem ‚Wie‘ zwar recht. Das ‚Ob‘ gleichfalls der Wissenschaft zu übertragen, ist kein gutes Beispiel demokratischer Erziehung. Auch irrt der Ismaninger Bürgermeister, daß die Meinung der Leute hierüber nicht entscheidend sein könne. Es ist nicht recht, daß beide den Wissenschaftlern allein Entscheidung und Verantwortung überlassen wollen.“
(Quelle: Physikalische Blätter 12/10, Wiley-VCH Verlag Weinheim 1956, S. 480, Link zum Bezug des Textes: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/phbl.19560121012/abstract).
Der Text muss heute ein wenig kommentiert werden. Die Wieder-Einführung der Raucherkarte wäre auf dem belebten Münchener Platz wohl mit einem klaren Nein beantwortet worden. Das gleiche Ergebnis wäre wohl das Votum einer Bürgerversammlun über den Bau eines Kernreaktors. Da die Politik jedoch diese Kraftwerke unbedingt wollte, unterließ sie die Bürgerbefragung und stellte die Entscheidung den Wissenschaftlern anheim.
Der gleiche Text beginnt mit dem Zitat einer Stelle aus dem Buch von Sören Kierkegaard „Entweder/Oder“:
„Es geschah in einem Theater, daß in den Kulissen Feuer ausbrach. Der Spaßmacher trat vor. um das Publikum zu unterrichten. Man hielt es für einen Scherz und applaudierte. Er wiederholte es; man jubelte noch lauter. Ebenso denke ich, wird die Welt zugrunde gehen: Unter allgemeinem Jubel von witzigen Köpfen, die glauben, ‚es sei ein Witz“‚. (Sören Kierkegaard (1813-1855)/ Quelle s. o.).
Das Jahr 1956 war immerhin 11 Jahre nach dem Atombombenabwurf und 30 Jahre vor Tschernobyl. Ich kann mich gut an die Diskussionen in der Schule erinnern, als wir die damals so genannte friedliche Nutzung für das kleinere Übel hielten, Atomwaffen in Deutschland jedoch ablehnten. Doch wir hätten wissen müssen, dass die Technik unbeherrschbar ist und bei den Katastrophen sehr viele Menschen zu Schaden kämen. In der Presse wird die Folge der Katastrophe immer noch beschönigt. Nach wie vor wird vor Ort nur Krisenmanagement betrieben. Von einem Rückbau kann nicht die Rede sein, da auch die Abklingbecken noch ein potentielle Gefahr darstellen, von den im zehn Meter dicken Betonfundament des Reaktors weiter schmorenden Kernschmelze ganz zu schweigen (nähere Informationen zu Fukushima hier:
http://ecowatch.com/2014/03/09/fasting-fukushima-third-anniversary/).
Was Sören Kierkegaard sich plastisch unter dem Weltuntergang vorstellte, weiß ich nicht. Für mich persönlich hat diese Vorstellung immer etwas mit der Kernenergie zu tun.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

Ein Gedanke zu „Fukushima – Mahnung und Auftrag, Gedenken und Mahnwache in Werl am 15. März 2014 (Christoph Fleischer, aus Pressematerial von Konstanze Kubath zusammengestellt und ergänzt)“

  1. Ja, lieber Christoph, da schließe ich mich Dir von Herzen an.
    Die Sonne war immer da. Es war und ist: Ein, durch Angst und Gier getriebes Gesamtbewusstsein, holte die Sonnenernergie auf die Erde. Und machte sich damit zum Gott.
    Ich verstehe Deine Angst, die ich mit Dir teile. Die Bombe hat längst eingeschlagen…
    Das Orchester spielt aber ganz laut: Die Medien rauf und runter…
    Manche Zeitgenossen wachen auf und merken den Beschiss,der hier, wie in Japan, den medial gestaltenten Ablauf.
    Aber: wir pflanzen weiterhin Apfelbäumchen…
    und davon reden wir…wird sind lebendiges Evangelium jetzt.
    Wir sind das Jetztbewusstsein.
    Herzliche Grüße
    Dein Gerd

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