Predigt über Jesaja 54, 7-10 zum Sonntag Lätare, Christoph Fleischer Werl 2014

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Jesaja 54, 7 – 10:
Gott spricht:
»Für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, aber weil ich dich von Herzen liebe, hole ich dich wieder heim. Als der Zorn in mir aufstieg, habe ich mich für einen Augenblick von dir abgewandt. Aber nun will ich dir für immer gut sein.
Das sage ich, der HERR, der dich befreit.
Zur Zeit Noachs schwor ich: ‚Nie mehr soll das Wasser die Erde überfluten!‘
So schwöre ich jetzt: ‚Nie mehr werde ich zornig auf dich sein und nie mehr dir drohen!
Berge mögen von ihrer Stelle weichen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir kann durch nichts erschüttert werden und meine Friedenszusage wird niemals hinfällig.‘
Das sage ich, der HERR, der dich liebt.«

Liebe Gemeinde,

zu Beginn möchte ich eine Geste hörbar machen. Zu den Buchstaben kommen bekanntlich beim Lesen und Schreiben eines Textes noch die Satzzeichen. Als ich den Predigttext am Computer bearbeitete und aus der Gute Nachricht Bibel kopieren wollte, fielen mir die Anführungsstriche am Ende auf, die ich, oh Wunder, auch am Anfang des Textes fand, wo ich sie wohl zuvor übersehen hatte. Dieser Text ist also von Anfang bis Ende ein Zitat, ein Teil einer direkten Rede. Diese hätte man einleiten können mit: „Gott sagt“ oder genauer „Der Prophet lässt die Stimme Gottes sagen“. Das hätte aber auch nicht sehr weitergeholfen. Es fehlt der Zusammenhang, der vorherige Dialog. Was meint Gott eigentlich mit den Worten: „Für eine kleine Weile habe ich dich verlassen“?

Wer die Predigten zu diesem Text liest, wird an dieser Stelle brutal in die Frage nach dem Leiden in dieser Welt geschickt. Gott verlässt sein Volk, das daraufhin leidet. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Doch verlässt Gott Menschen wirklich im Leiden? Wäre das wirklich der Gedanke Jesajas? Von Jesus her jedenfalls, der sich hin und wieder auf Jesaja bezieht, wäre solches jedoch nicht zu hören. Der gerade genannte Satz „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen“ ist der Anfang des Psalms, den Jesus im Sterben gebetet hat. Er bereitete sich auf seinen Tod vor und betete den Sterbepsalm, der immerhin auch ein gutes Stück Hoffnung auf das Ende einer Krankheit beinhaltet.
„Für eine kleine Weile habe ich dich verlassen?“ Wer hat ihr eigentlich wen verlassen? Wie so oft bricht beim Verlassen die Schuldfrage auf. Kinder fühlen sich schuldig, wenn sich die Eltern trennen. Der Partner, der geht, gibt dem Bleibenden die Schuld, weil er seine Gründe hat. Der andere Partner hat auch seine Gründe. Verlassen sein – in einer Beziehung – auch das gibt es, wenn die Partner je eigene Wege gehen und das Gemeinsame verloren haben. Äußerlich gesehen bleiben sie zusammen, aber ist das ehrlich? Vielleicht meint jetzt ein Predigthörer, eine Hörerin, dass die Predigt das Thema wechsele, ginge es doch gerade noch um das Verlassen Gottes und das Gefühl von Gott verlassen zu sein. Doch damit hätten wir uns geradezu blind auf den ersten Satz gestürzt, ohne die Anführungsstriche zu bedenken. Dieses Zitat beginnt wohl mit dem Satz vom Verlassen-Sein, endet aber sehr versöhnlich: „Das sage ich, der HERR, der dich liebt.“ Die Szenen einer Liebe und Ehe hier zu erinnern, ist also keinesfalls ein verfehltes Thema, eher im Gegenteil.
Wie verbindet sich das mit der Rede von Gott? Ganz einfach. Der ausgewählte Text ist mal wieder ein Ausschnitt aus einem größeren Zusammenhang. Die Symbolik der Ehepartner, der Liebe, der Verlassenheit und der Partnerschaft durchzieht das ganze Kapitel. Jesaja erzählt dies als ein Gleichnis, auf das er in den einzelnen Zitaten Bezug nimmt. Ehekonflikte wie wir sie kennen, spielten damals keine große Rolle. Dafür war die Ehe für die Versorgung der Menschen zu wichtig. Das Grundproblem war eher so etwas wie Kinderlosigkeit. Eine kinderlose Ehe wäre sozusagen ungültig, funktioniere nicht. Dies könne ein Grund sein, eine Frau zu verstoßen, heißt es. Die Frage von heute „Wer zahlt unsere Rente?“ wird auf das Persönliche beschränkt. Hat eine Ehe keine Kinder, fehlt die Versorgung im Alter. Sollen die Geschwister oder Nichten und Neffen das noch mit übernehmen? Der Mann verstößt seine Frau, weil er Nachkommen will. Er hat das Recht, einen Scheidebrief zu schreiben. Genau diesen Scheidebrief meinte Jesus, wenn er sagte, das sei wegen der Härte der Herzen gesagt. Hier scheidet sich Gott, der Herr, im Gleichnis von seiner Frau, von Zion, von Jerusalem. Doch wohl tat er dies gar nicht für immer: „Für eine kleine Weile habe ich dich verlassen.“ War Gott nur auf einer Geschäftsreise? Oder hat er sich eine Auszeit genommen, wie es heute so schön heißt?
Ich höre noch manchmal von Menschen, deren Biografie vom Krieg geprägt ist und die im Krieg geheiratet haben. Jetzt noch schnell geheiratet, etwa zu Weihnachten, und dann geht es wieder zurück in das Gefecht. Auch heute lässt die Arbeitswelt nicht immer zu, dass Partner zusammen leben. Oder sie haben eine gemeinsame Wohnung „in der Mitte“, von wo aus sie neben dem Homeoffice noch ihre Arbeitsstätte besuchen oder Geschäftsreisen unternehmen.
Gut, ich will den Text nicht schönreden. Schon der zweite Satz lässt den Ehekonflikt klar deutlich zu Tage treten: „Als der Zorn in mir aufstieg, habe ich mich für einen Augenblick von dir abgewandt.“ Gott spielt die Rolle eines Ehemanns, der sich sehr wohl von seiner Frau getrennt hat und sie verstoßen hat, wie man damals sagte. Vielleicht ist sie auch fremdgegangen. Auch dieses Bild würde passen, da es an verschiedenen Stellen der Bibel Israel zum Vorwurf gemacht wird, sie habe gegen das erste Gebot verstoßen, „du sollst keine anderen Götter neben mir haben“. Fremdgehen kann man wohl ein bis zweimal verzeihen, aber wenn es zum Dauerzustand wird, würde doch wohl der Vernünftigste zur Trennung raten.
Doch unser Text thematisiert die Trennung ja gerade nicht. Hier soll die Trennung nicht vertieft werden. Hier sollen nicht wieder Gründe um Gründe aufgezählt werden, die dazu geführt haben. Das Bild ist anders. Hier steht einer mit einem Strauß roter Rosen in der Tür und will zurückkommen. Versöhnung ist angesagt. Das ist oft kein leichter Schritt für die Verlassenen. War die Beziehung von Gewalt geprägt, rät man wohl zu Recht von einer schnellen Versöhnung ab. Kann ich ihm noch glauben, der mich betrogen oder verlassen hat? Können wir also Gott noch glauben?
Wofür sprechen die Fakten der Religionsgeschichte? Der Krieg, der das unermessliche Leid über das Volk Israel gebracht hat, nicht ohne eigene Schuld, zumindest der Politiker und Könige, ist lange vorbei. Die, die nicht geflüchtet sind, haben lange auf die Rückkehr der Vertriebenen gewartet. Doch nun kommen einige zurück und nehmen den verwaisten Tempel wieder in Besitz und Benutz. Gott ist an seinen alten Platz zurückgekehrt. Die Religion Israels hat sich sicherlich durch das Exil gewandelt. Aber sie ist die Anbetung dieses einen Gottes, der in unserem Gleichnis mit dem zurückkehrenden Ehemann verglichen wird.
Und hier sind die Rosen:
„Weil ich dich von Herzen liebe, hole ich dich wieder heim.“ (Vers 7)
„Nun will ich dir für immer gut sein.“ (Vers 8)
„Das sage ich, der Herr, der dich befreit.“ (Vers 8)
„Ich schwöre: Nie mehr werde ich zornig auf dich sein und nie mehr dir drohen.“ (Vers 9)
„Meine Liebe zu dir kann durch nichts erschüttert werden.“ (Vers 10)
„Und meine Friedenszusage wird durch nichts hinfällig.“ (Vers 10)
„Das sage ich, der Herr, der dich liebt.“ (Vers 10)
Das schmückende Grün des Blumenstraußes habe ich jetzt ein wenig weggelassen und mich auf die Rosen selbst konzentriert. Der Kommentar nennt diesen Text das Eheversprechen. Dieses Eheversprechen soll von nun an, so sagt der Prophet, unser Bild von Gott prägen. Es gab den Zorn, es gab die Verlassenheit, es gab die Flut zur Zeit Noahs, aber das ist Vergangenheit. Von heute an wird nur noch Gottes Liebe gepredigt. Diese Liebe gilt hier noch einem Volk und einer Stadt, Israel und Zion, Jerusalem. Durch Jesus wird diese Liebe Gottes als Menschenliebe offenbart. Wie jedes Bild und jedes Gleichnis lässt sich das nicht bis ins Ende ausdehnen und seine Interpretation endet da, wo der Vergleich nicht mehr funktioniert. Deshalb gilt am Ende nicht mehr das Bild, das Motiv, sondern der Inhalt.
Viele wollen hier von der Katastrophe reden, die das Bild von der Verlassenheit vorstellt. Doch sie verstehen nicht, dass wir hier schon einen Schritt weiter sind. Das Gottesbild ist eben einmal wieder geändert worden. Von ewiger Liebe und Treue ist hier die Rede. Das verspricht Gott einseitig derjenigen, zu der er wieder zurückkehrt. Streng genommen verlangt er noch nicht einmal ein Bekenntnis. Er ist der Zurückkehrende, er ist derjenige, der sich versöhnt, der auf die Menschheit einen Schritt zugeht. Wollen wir die Rosen annehmen, oder stur bleiben, das ist die Frage, wenn wir die Konsequenzen aus diesem Text bedenken.
Gott, Jahwe, genannt der HERR, ist tatsächlich der liebe Gott. Das eröffnet die Perspektive. Er verlangt kein Schuldbekenntnis, sondern öffnet seine Hand. Er geht auf sein Volk zu und nimmt sein Versprechen nicht wieder zurück. Auch in Jesus nimmt Gott sein Versprechen nicht zurück, sondern wandelt es nur um in ein Wort der Liebe an alle Menschen. Hier ist nicht vom Kreuz, sondern bereits von Auferstehung die Rede, vom Neuanfang.
Die Katastrophe, die Verlassenheit, der Augenblick der Not ist bereits Vergangenheit. Dieser Text kann sehr wohl dazwischen stehen. Dann wird er als Hoffnungsbrücke verstanden, so wie wir in den Zusagen einen Strauß Rosen gesehen haben.

So schreibt Karl Foitzik in den Predigtstudien von einer Hoffnungsbrücke in diesem Bibeltext:
Der erste Pfeiler der Hoffnungsbrücke, auf die der Prophet die Resignierenden hinweist, gründet darin, dass er ihre Situation ernst nimmt. Er ist mit ihnen solidarisch. … Was er (ihnen) zu sagen hat, ist nicht seine eigene Botschaft. Er ist nur die Stimme und kann deshalb als Person soweit zurücktreten, dass wir seinen Namen nicht kennen. Seine Predigt ist geprägt von seiner Solidarität, und sein Zeugnis vom solidarischen Gott ist wohl besser so überzeugend. … Er verweist auf die anderen Pfeiler, die die Hoffnungsbrücke tragen. Der eine gründet in weit zurückliegenden Erfahrungen der Vorfahren, der andere greift weit voraus, indem er die Zusage der Treue Gottes bis im fernen Zeiten bestätigen wird. … Die Pfeiler fangen die Spannung auf, die dadurch entsteht, dass die ausweglose Situation aus der Perspektive der Hoffnung gesehen wird. Die Erinnerung an die fernste Vergangenheit und die Hoffnung auf die Ewigkeit wird aufgeboten, um über den dunklen „Augenblick“ hinweg zu helfen. … (Predigtstudien für das Kirchenjahr 1989/1990, Perikopenreihe VI – Erster Halbband, hrsg. von Peter Krusch u. a., Kreuz Verlag Stuttgart 1989, S. 175)

Dieser Text markiert bewusst einen Neuanfang in einer Beziehung im Bild der Versöhnung. Ich sagte ja bereits, dass es hier um das Gottesbild geht. Das Bild des zornigen, rachsüchtigen Gottes müssen wir loswerden, sagt Jesaja. Es macht unsere Herzen und Gedanken schwer und führt uns selbst eher zur Gewalt, unter der wir selbst zuletzt am meisten leiden werden.
Hier entdeckt Jesaja ein Wort in der Sprache Gottes dass dem männlich geprägten Gott ein weibliches Attribut gibt. So sagt der Kommentar:
„Motor der Wende ist Jahwes „rahmim“, sein mütterliches Erbarmen.
Dreimal innerhalb von V. 7-10 kommt es in nominaler oder verbaler Form zur Sprache, also eindringlicher noch als in anderen Verheißungen Gottes an Zion.“ (Deuterojesaja, Deutung – Wirkung – Gegenwart, Ein Kommentar zu Jesaja 40 – 55 von Werner Grimm in Zusammenarbeit mit Kurt Dittert, Calwer Verlag Stuttgart 1990, S. 442)
Dieses mütterliche Verhalten ist eben das Vorbild jeder Art von Versöhnung. Es gehört sicherlich zu den Grundstrukturen jeder Mutter-Kind-Beziehung, sich so mütterlich zu verhalten, auch wenn man ein Vater ist.
Das Wort „rahmim“ taucht im Arabischen auch im Koran auf. Gott, Allah, wird der ERBARMER , „Rahman“, genannt. Es wäre doch schön, wenn wir Christinnen und Christen uns an dieser Stelle etwas vom jüdischen Gott aus der Bibel und vom Gottesbild des Korans leiten lassen würden. Und wir verstehen etwas mehr, dass Jesu Verkündigung gar nicht so neu ist, wie wir es manchmal darstellen wollen, sondern sich verbindet mit der Sehnsucht nach Frieden und Liebe in anderen Religionen. Um es auf die Spitze zu bringen: Wenn es nur einen Gott gibt, den Gott Abrahams, den Gott Jesu, den Gott Mohammeds, dann muss es der liebe Gott sein, der Gott des Erbarmens, der immer wieder auf uns zugeht und seine Liebe bekennt, hier in den Worten des Jesaja für Zion, für Jerusalem.
Daraus folgen dann die Eigenschaften Gottes, die uns auch vom Neuen Testament her bekannt sind:
Angelika Rudnik schreibt: „In Kapitel 54 werden die Attribute Gottes, wie es seinem Volk neu erscheint, benannt: der Heilige Israels, der Herr der Himmlischen Heerscharen, dein Erlöser, dein Erbarmer. Gottes Einzigartigkeit in der Welt, seine besondere Kraft der „Heiligkeit“ wird hervorgehoben. Der Prophet erkennt in Gott die Kraft, die eben nicht an siegreiche Situationen und militärische Stärke und gesellschaftliche Anerkennung gebunden ist, sondern die Kraft, die gegen viele menschliche Erfahrung steht. Es ist ein Bekenntnis zum Monotheismus: zu der Kraft, die sich nicht messen muss mit den Kräften der Welt, die nicht in Konkurrenz steht zu den „Mächten“, den „Götzen“. (Deutsches Pfarrerblatt 2/2014, S. 92/93)

Und so bleibt uns am Ende der Predigt einfach noch einmal den auch sprachlich so wunderbaren Predigttext zu hören, den ich ja gar nicht in allen Facetten ausgeleuchtet habe. Das Bekenntnis der Liebe Gottes zu seinem Volk, zu seiner Menschheit steht hier im Vordergrund. Der Text sollte uns nicht in die Frage führen: Wo bist du Gott, warum hast du uns verlassen? , sondern die Frage wäre tatsächlich: Wo sind wir, die wir das Bekenntnis der Liebe Gottes gehört haben? Wann fangen wir an oder setzen fort, diesen Glauben der Versöhnung und Liebe umzusetzen, und wann beginnen wir, anstelle von Spaltung und Unfriede, von Vereinigung und von Einheit zu reden? Es geht keinesfalls darum, alle Unterschiede zu ignorieren. Im Gegenteil. Es geht darum die Unterschiede zu benennen und sie im Licht der Liebe Gottes mütterlich zusammenzuführen.
Gott spricht: (Jesaja 54,7 – 10)
»Für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, aber weil ich dich von Herzen liebe, hole ich dich wieder heim. Als der Zorn in mir aufstieg, habe ich mich für einen Augenblick von dir abgewandt. Aber nun will ich dir für immer gut sein.
Das sage ich, der HERR, der dich befreit. Zur Zeit Noachs schwor ich: ‚Nie mehr soll das Wasser die Erde überfluten!‘ So schwöre ich jetzt: ‚Nie mehr werde ich zornig auf dich sein und nie mehr dir drohen! Berge mögen von ihrer Stelle weichen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir kann durch nichts erschüttert werden und meine Friedenszusage wird niemals hinfällig.‘ Das sage ich, der HERR, der dich liebt.«
Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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