Vertrauensvoll neu Fuß fassen, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2014

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Zu: Detlef Wendler: Wieder verliebt ins Leben, 40 heilsame Übungen, Claudius Verlag München 2014, ISBN 978-3-532-62454-8, Preis: 14,90 Euro

Umrahmt werden die aus der Klinik-Seelsorge entstandenen Übungen von einer Einleitung und einem gesundheitlich orientierten Schluss. Spiritualität wird ohnehin wieder stärker in den medizinischen Klinikalltag eingebunden. Es gibt wohl einen regelrechten Trend in der Psychologie und Medizin hin zu aus der der Religion entlehnten Wellness-Praxis. Spiritualität sollte demgegenüber nicht allein als Auffrischer von Lebensenergie verstanden werden, sondern als Einübung in die neue Rückbindung an den Sinn des Lebens.

Die Einleitung des Buches macht deutlich, dass die traditionelle religiöse Sprache kein Muss ist und so auch keine Barriere darstellt. Religiöse Angebote werden sprachlich so gestaltet, dass sie auch von Menschen nach- und mitvollzogen werden können, die keine „religiöse Einstellung“ besitzen (S. 11). Das Problem im sogenannten Burn-Out liegt wahrscheinlich darin, dass der normale Druck mit einfachen Weiter-So-Sätzen verstärkt wird. Umgekehrt sollte nun eine Quelle der Kraft darin entdeckt werden, das Leben neu als solches wahrzunehmen und aus dem „Sollen ins Sein“ zu kommen (S. 13). Die Spiritualität nimmt den Gedanken einer „höheren Wirklichkeit“ und einer „heilenden transzendentalen Kraft“ zu Hilfe, um den Lebensalltag zu bewältigen. (S. 14). Die Seelsorge bezieht hier Gedanken des Konstruktivismus bewusst ein, die darin bestehen, dass der Lebenssinn eines Menschen eine von ihm selbst konstruierte Wirklichkeit ist, auf die er nun günstigenfalls auch einen Einfluss nehmen sollte. Im Prinzip kommt es also nicht darauf an, ob die Gedankenwelt der Religion beweisbar ist, sondern ob sie im Alltag hilft. Hierbei helfen zwei wichtige Sätze, in der Erkenntnis der eigenen Begrenztheit und in der Vorstellung vom Sinn der Erfahrung: „Über eine objektive, unabhängig von der Wahrnehmung existierende Realität kann keine Aussage gemacht werden. […] Ob religiöse oder spirituelle Vorstellungen Realitäten sind, ist gar nicht überprüfbar. Überprüfbar ist allenfalls, ob sie für unser Leben hilfreich sind, oder nicht.
Das, was spirituell lebende Menschen glauben, ist auf jeden Fall ‚wirklich‘, denn es wirkt.“ (S. 16). Die spirituelle Entwicklung, die Wendler skizziert, besteht hauptsächlich in vier Qualitäten, die er in Ich-Sätze kleidet: „Wahrnehmen“, „Loslassen“, „Vertrauen“ und „Lieben“. Die Übungen sind aufgeteilt in vier Abschnitte, die er die „vier Vertiefungen“ nennt. Ob der spirituelle Weg sich wirklich wie in einem Lehrbuch von der ersten Übung anfangend bis zur letzten vollziehen sollte, mag bezweifelt werden; sind jedoch die vier Grundkategorien einmal bewusst, lassen sich auch Quereinstiege denken.
Das traditionelle Gottesbild mit dem Begriff einer „höheren Macht“ ist m. E. zu autoritär und dem spirituellen Denken wenig angemessen; so meine ich, dass der Autor damit hinter seinem eigenen Anspruch zurückfällt, in Gott eine Quelle der Kraft oder den Grund des Lebens zu sehen. In den zwölf „Schritten des spirituellen Reifens“ (S. 171) finden sich verständliche Grundaussagen einer christlich orientierten spirituellen Einstellung, die keinen Erlösungsanspruch oder Heilsbesitz behauptet, sondern vielmehr hilfreiche Erfahrungen weitergeben möchte, die sich als solche als kraftvoll erwiesen haben. Was hier vielleicht fehlt ist die Bemerkung, dass die spirituelle Übung zuletzt doch mehr ist, als ein Gesundheitsprogramm, da es religiös verstanden den gesamten Lebensvollzug prägt. Spiritualität ist Selbsthilfe in der Gegenwart Gottes.
Das einfache Ausprobieren von solchen Übungen im Kontext von Klinikandachten ist von der eigenen Kompetenz abhängig, die nicht einfach autodidaktisch zu erreichen ist. Außerdem ist zu bemerken, dass das zunehmende Eindringen spiritueller Methoden in die Psychotherapie die religiösen Angebote eher zu kirchlich-religiösen Formen anregt (Bibeltexte, Gemeindelieder, Gebete). Wenn Spiritualität in Form von Meditation psychologisch instrumentalisiert wird, ist sie möglicherweise in religiösen Handlungen unbrauchbar (geworden). Die Entscheidung über den Einsatz von meditativen Übungen ist von der Klinikarbeit vor Ort abhängig.

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Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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