Predigt über Hebräer 12,1 – 3 zum Palmsonntag, Christoph Fleischer, Werl 2014

Alle diese Zeugen, die uns wie eine Wolke umgeben, spornen uns an.
Darum lasst uns durchhalten in dem Wettlauf, zu dem wir angetreten sind,
und alles ablegen, was uns dabei hindert, vor allem die Sünde, die uns so leicht umgarnt!
Wir wollen den Blick auf Jesus richten,
der uns auf dem Weg vertrauenden Glaubens vorangegangen ist und uns auch ans Ziel bringt.
Er hat das Kreuz auf sich genommen
und die Schande des Todes für nichts gehalten,
weil eine so große Freude auf ihn wartete.
Jetzt hat er den Platz an der rechten Seite Gottes eingenommen.
Denkt daran, welche Anfeindung er von den sündigen Menschen erdulden musste!
Das wird euch helfen, mutig zu bleiben und nicht aufzugeben.

Liebe Gemeinde,

Obwohl sich dieser Text recht schlüssig anhört, ist doch andererseits der Zugang nicht einfach, der etwas mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun hat. Eine Predigt kann sich nicht darin erschöpfen, einen Bibeltext historisch zu interpretieren. Darum möchte ich zunächst vorschlagen, einfach mal einer Assoziation zu folgen. Dazu erinnere ich noch einmal an den letzten Satz: „Das wird euch helfen, mutig zu bleiben und nicht aufzugeben.“
Das, worum es hier geht, ist eine Hilfe, mutig zu bleiben und nicht aufzugeben. Ich möchte diese Aussage mit dem Begriff „Quelle der Kraft“ umschreiben.

Da es hier wohl eher um eine geistige Kraft geht, können wir also an Situationen denken, in denen Menschen sich kraftlos und mutlos fühlen und nicht wissen, wie es für sie weitergeht. Mutig bleiben und nicht aufzugeben, Kraft zu haben, den eingeschlagenen Weg in Richtung auf die Heilung weiterzugehen, ist also eine gute Möglichkeit, von der Religion ein Zuwachs an Kraft zu erwarten.
Ich will den Glauben nicht gleich zu einem Allheilmittel erklären. Dennoch ist gerade in den Geschichten der Evangelien um und mit Jesus recht oft von Krankheit und Heilung die Rede. Dies wäre doch nach Tod und Auferstehung auf die Erfahrung des Glaubens zu übertragen. Glaube an Gott, Glaube an Christus ist eine Quelle der Kraft, die dazu beiträgt, schwierige Lebenssituationen zu meistern und in Situationen der Krankheit nicht aufzugeben. Es geht nicht um die Heilung selbst, aber um die Einstellung zum eigenen Leben, die letztlich genauso wie die Medizin zur Heilung beiträgt. Der Bibeltext aus dem Hebräerbrief sagt also im letzten Satz, dass der christliche Glaube eine Quelle der Kraft in schwierigen Lebenssituationen ist. Die Ausdauer wird von Jesus ermöglicht, so heißt es. Hierzu möchte ich zunächst aber auf eine Frage hinweisen, die den Bibeltext nur indirekt in den Blick nimmt, die sich aber in Kombination zur biblischen Lesung des Evangeliums stellt. Diese Lesung ist am Palmsonntag bekanntermaßen die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem. Diese Geschichte kommt auch noch einmal am 1. Advent vor. Was ist der Unterscheid zwischen beiden Sonntagen? Heute hören wir den Bibeltext als Einstimmung auf die Karwoche, die mit Kreuzigung und Auferstehung endet.
Am ersten Advent hören wir den Text als Auftakt zum Kirchenjahr, als Einzug Jesu in die Welt der Kirche. Am ersten Advent stehen wir sozusagen jubelnd an der Straße und rufen: „Hosianna! Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn.“ Auch wenn die Palmzweige eine Rolle spielen, so könnte es sein, dass es am Palmsonntag mehr darauf ankommt, danach zu fragen, wer mit Jesus zusammen in die Stadt hineingeht und mit welchen Erwartungen sich diese Menschen auf die Karwoche vorbereiten. Das Evangelium sagt, dass Jesus sich auf das Leiden vorbereitet hat und keinesfalls auf einen Umsturz hinauswill. Jesus nimmt nicht das Zepter in die Hand und klärt die Lage im Volk nicht mit Macht und Gewalt. Er lädt die Gewalt auf sich und wird zum Opfer der Intrige und der Macht. Jesus sammelt viele Menschen um sich und löst die Gefahr eines Umsturzes aus, ohne ihn selbst anzuzetteln.

Doch wer ist Jesus für uns heute? Können wir noch nachvollziehen, dass Jesus uns ein Gottesbild vermittelt, das völlig auf Macht und Gewalt verzichtet, wo wir uns doch sonst zum allmächtigen Gott bekennen? Wollen wir nicht lieber daran glauben, dass Jesus im Bild gesprochen einen Weg geht, der ihn letztlich auf den Thron Gottes setzt? In der Tat ist es der Kirche gelungen, eine Passionsgeschichte durch eine Opfertheologie zur Machtgeschichte umzuinterpretieren. Der Auferstandene sitzt auf dem Thron, obwohl Jesus selbst das so gar nicht wollte. Wir wollen gar nicht mit Jesus leiden, sondern wir wollen, dass Gott für uns leidet, damit wir nicht leiden müssen.
Dazu gibt es ein Bild von Wilhelm Morgner. Wilhelm Morgner war ein junger Maler aus Soest, der in Berlin und Worpswede die Kunst der Expressionisten kennengelernt hat. Doch während er sich auf den neuen Weg der modernen Malerei machte, hatte er die natürlichen Bilder seiner Heimat vor Augen, ja und er stellte die meisten Bilder in seinem Soester Atelier her. Er konnte den Erfolg seiner Kunst nicht genießen, da er 1917 im ersten Weltkrieg an der Front in Belgien starb. Danach wurden seine Bilder gesammelt und zum Teil dann erst mit einem Titel versehen. Ein Bild erhielt den Titel: „Einzug Jesu“. Auf einem Pferd oder Esel reitet ein Mann durch eine Straße, die von einigen Menschen umsäumt ist. Ein Bettler reckt ihm seine Hände entgegen. Ist es der Einzug Jesu in Jerusalem oder ist er der Einzug in eine andere Stadt, in der er den Armen helfen und die Kranken heilen wollte? Interessant ist auch eine andere Beobachtung, dass nämlich dieses Bild eine auffällige Ähnlichkeit hat mit der Deckenmalerei in der Hohnekirche in Soest. Dort sitzt Jesus auf dem Schoß Marias, die als Himmelskönigin von den Engeln angebetet wird. Dieses Himmelsbild wird also von Morgner zu einer Jesusgeschichte aus einem Evangelium uminterpretiert. Nicht Engel stehen hier am Weg, sondern Menschen, die Jesus hören wollen und von ihm Hilfe und Rettung erwarten. Es geht also nicht um eine Kirche, die eine himmlische Erlösung verwaltet, sondern eine Kirche, die sich dem irdischen Jesus und der Nachfolge Jesu verpflichtet weiß.
Diese Interpretation findet sich eben genauso im Hebräerbrief. Die Rettung durch den Sohn Gottes geschieht nicht durch die Engel vom Himmel aus, sondern so, dass Jesus als Sohn Gottes auf der Erde lebt und wirkt. Es geht nicht um das Reich der Engel, sondern um eine Botschaft, die ganz konkrete Konsequenzen hat. Der Tempel, der zu dieser Zeit ohnehin schon von den Römern zerstört worden ist, wird zu einem geistigen Tempel, der durch Jesus errichtet wird. Das Opfer Jesu schafft die Gemeinschaft mit Gott. Dazu feiern wir das Abendmahl, um diese Gemeinschaft zu erleben.
Jesu Einzug in die Stadt Jerusalem endet am Kreuz von Golgatha. Die Kraft, die der christliche Glaube vermittelt, kann also nicht darin bestehen, dem Leiden auszuweichen. Der Glaube selbst wird eine Kraftquelle sein, die im Leiden zu erfahren ist, die uns vielleicht zeigt, das Leiden in einer anderen Perspektive zu sehen, nicht darin, das Leiden zu ignorieren oder zu verdrängen. Ich möchte nun noch einmal ausdrücklich den Predigttext aus dem Hebräerbrief genauer ansehen, um die Intention dieser Botschaft besser verstehen zu können.
Mit den folgenden Sätzen versetze ich mich in den Schreiber des Briefes und gebe den Text und seine Gedanken ausführlicher wieder:
Wir glauben an Christus, aber dort, wo wir sind, spielt das keine Rolle. Wir glauben an eine neue Zukunft, aber wie sie umzusetzen ist, wissen wir nicht. Uns fehlen letztlich auch genau dafür die Vorbilder. Die, die uns etwas sagen könnten, leben nicht mehr. Doch wie können wir diese Leere füllen?
Wir haben etwas von Auferstehung gehört, von Jesu Auferstehung und der Auferstehung der Toten. Faktisch sind die Verstorbenen um uns herum. Sie sind nicht einfach weg, sondern umgeben uns wie eine Wolke, die Wolke der Zeugen.
Und wenn wir daran denken, dann fühlen wir uns nicht allein. Die Wolke der Zeugen ist eine Reihe von Namen des Alten Testaments. Die Zeugen des Alten Testaments gelten also nicht als tote Botschaft, sondern als Zeugen, die im Geist lebendig sind und um uns herum sind. Jesus selbst ist ein Teil dieser Wolke, obwohl er im Glauben die Mitte dieser Gegenwart bildet. Die Auferstehung ist eine Art Wiedergeburt im Geist. auch, wenn wir uns allein fühlen, sind wir es im Glauben faktisch nicht. In der geistigen Wirklichkeit im Glauben schöpfen wir Kraft aus dieser Gemeinschaft, die in der Wolke der Zeugen um uns ist.
Wir können durchhalten und den Wettkampf um den Glauben fortsetzen. Glaube ist immer auch ein Stück Anstrengung. Aber so vergeblich, wie unser Vertrauen erscheint, ist es nicht, wenn wir die Wolke der Zeugen um uns herum sehen.
Der Glaube hat nicht den Zweck, uns völlig von unseren eigenen Schritten abzulenken. Im Gegenteil, es wird fast wie bei einer Pilgerwanderung sein. Jetzt kommt es noch einmal auf uns an. Wir müssen Ballast abwerfen. Was macht unsere Schritte schwer? Was sind die Fußfesseln, die uns das Gehen schwer machen? Was trennt uns von der Kraft, die uns das Gehen leicht macht? Wir denken oft, dass uns etwas fehlt, dabei geht es um etwas, was es uns schwer macht. Wir müssen uns leichter machen, verzichten, fasten.
Sünde ist das, was uns fesselt, was uns süchtig macht. Sünde wird als Entzweiung vom Leben verstanden, als Trennung von der Quelle des Lebens. Niemand wird das bewusst beabsichtigen. Es ist eher eine stille Konsequenz, die aus dem allgemeinen Trend des Lebens folgt, sich zu sehr auf materielle und endliche Ziele zu konzentrieren. Eine Quelle der Kraft ist der Glaube dann, wenn er uns wieder hilft, das Leben selbst wahrzunehmen. Es gibt Wege aus der Krankheit. Oder Wege in der Krankheit zu einer neuen Einstellung zum Leben. So religiös der christliche Glaube ist, so zielt er auch auf das Leben als Menschen, zu dem auch das Leiden gehört. Leiden wird nicht ignoriert, nicht wegdiskutiert, aber auch nicht verabsolutiert. Der Sinn des Lebens liegt jenseits des Leidens. Hier kommt wieder die Passion Jesu, die Kreuzigung in den Blick.
Doch eines hilft uns, dass wir auf den sehen, der uns vorangeht, mit dem wir unterwegs sind in der Wolke der Zeugen, auf Jesus. Er konnte und wollte dem Leiden nicht ausweichen, weil er wusste, dass auch nach dem Tod der Weg bei Gott weitergeht. Den Glauben an Gott hat er nicht fallen lassen, als er von Falschurteil und Justizmord bedroht wurde.
Das Kreuz Jesu ist das Zeichen unseres Weges. Jesus hat die Schande des Todes nicht verweigert, weil er wusste, dass die Freude bei Gott liegt. Diese Freude hat er erlebt, als er mit den Menschen zusammen feierte, deren Ausgrenzung er offen gelegt und beendet hat. In der Gemeinschaft mit den Ausgegrenzten liegt die Freude Gottes. Jetzt ist Jesus in der Gemeinschaft mit Gott. Er ist als Messias an seiner Seite. Er ist auch an unserer Seite. Er ist der Mensch bei Gott. Und in ihm ist Gott bei uns. Gott hat in Jesus alle Macht aufgegeben und ist mit leeren Händen in die Welt gekommen.
Anfeindungen hat Jesus auch erlebt. Widerstand ist kein Problem. Auf dem Weg mit Gott gibt es Zeiten der Leere und der Schwäche. Doch damit ist keine Verzweiflung und kein Ende verbunden. Der Weg mit Gott ist kein Weg der Stärke, sondern die Kraft liegt in der Schwachheit. Die Menschen, die uns mit Gewalt provozieren, sind nicht mit Aggression zu überwinden, sondern in dem gleichen Geist, der auch Jesus leitete, wenn er sagte: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde besitzen.“
Bevor ich schließe, möchte ich einmal Manfred Josuttis zu Wort kommen lassen, der noch einen interessanten Gedanken zur Geschichte der Kirche hinzufügt:
(Manfred Josuttis, Erleuchte uns mit deinem Licht, Gedanken und Gebete zu den Gottesdiensten des Kirchenjahres, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009, Seite 97)
Der Einzug Jesu in die Mitte der Welt und in die Mitte der Herzen weist Triumphgefühle und Verdammungsurteile aus. Mit beiden Reaktionen befindet man sich aber im Irrtum. Sein erstaunlicher Siegeszug durch die Geschichte, der nach Kreuz und Auferstehung beginnt, hat unendlich viel Leiden gekostet. Und alle Ablehnung und Verfolgung hat seine Botschaft dennoch nicht unterdrücken können. Das Geheimnis seiner Wirkung besteht letztlich im Wirklichkeitsgehalt dessen, was seitdem Evangelium heißt. Das Leiden muss man nicht suchen, es ist so oder so, unter welchen Lebensbedingungen auch immer, schon da. Es wird durch keine politische Befreiung, psychologische Bearbeitung oder medizinischer Heilung vollkommen abgeschafft. Aber es kann ertragen und überwunden werden durch den Einfluss jener Gestalt, die die äußerste Erniedrigung nicht gefürchtet und die äußerste Erhöhung erreicht hat.

Zusammenfassung:
Jesus ist die zentrale Gestalt unseres Glaubens, zu ihm gehört aber auch die Wolke der Zeugen, die schon im Alten Testament beginnt. Und die sich auch nach Jesus noch um viele Menschen und Zeugen angereichert hat.
Im Blick auf ihn wollen wir loslassen, was uns entfremdet und was uns von der Kraft und der Quelle des Lebens trennt.
Im Blick auf ihn wollen wir weitergehen und durch Jesu Botschaft Vorbild Orientierung in den Fragen des Lebens geben lassen.
Im Blick auf ihn, auf Kreuz und Auferstehung haben wir ein Ziel vor Augen, das Leben bei Gott in dieser Zeit und darüber hinaus.
Amen.

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Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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