Predigt zu Ostermontag über Apostelgeschichte 10,34-43, Christoph Fleischer, Werl 2014

Apostelgeschichte 10,34-43 (Gute Nachricht Bibel)

Petrus begann zu sprechen: »Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott keine Unterschiede macht! Er liebt alle Menschen, ganz gleich, zu welchem Volk sie gehören, wenn sie ihn nur ernst nehmen und tun, was vor ihm recht ist. Seinem Volk Israel hat er die Botschaft verkünden lassen, dass er Frieden gestiftet hat durch Jesus Christus – aber dieser Jesus Christus ist ja der Herr über alle! Ihr habt sicherlich erfahren, was sich im jüdischen Land zugetragen hat, beginnend in Galiläa, nachdem Johannes zur Taufe aufgerufen hatte. Ihr wisst von Jesus aus Nazareth, den Gott zum Retter bestimmt und mit seinem Geist und seiner Kraft erfüllt hat. Wo er hinkam, tat er Gutes und heilte alle, die der Teufel in seiner Gewalt hatte; denn Gott stand ihm bei. Wir können alles bezeugen, was er im jüdischen Land und in Jerusalem getan hat. Die Juden/besser: die Menschen dort töteten ihn, sie hängten ihn ans Kreuz, an das Fluchholz. Aber Gott hat ihn am dritten Tag vom Tod auferweckt und ihn sichtbar erscheinen lassen – nicht vor dem ganzen Volk, sondern vor den Zeugen, die er im Voraus dazu bestimmt hatte. Wir, die Apostel, sind diese Zeugen; wir haben mit Jesus gegessen und getrunken, nachdem er von den Toten auferstanden war. Und uns gab Jesus den Auftrag, dem Volk Israel zu verkünden und zu bezeugen, dass er von Gott zum Richter über die Lebenden und die Toten eingesetzt ist. Alle Propheten haben von ihm gesprochen; sie bezeugen, dass durch die Macht seines Namens alle Menschen die Vergebung ihrer Schuld empfangen sollen, alle, die auf ihn vertrauen. «

Liebe Gemeinde,

Ostern heißt: das Unmögliche ist geschehen. Der Gekreuzigte lebt und wirkt. Die Geschichte hat sich gedreht. Solche Ereignisse geschehen selten. Anknüpfend an den Predigttext möchte ich einmal eine ganz persönliche Vision entwickeln auf ein neues Ostern, auf einen Tag, an dem wieder Unmögliches geschehen wird.

Das Thema ist die Einheit der Kirche. Oder sollte man sagen, die mögliche Vereinigung trotz aller Unterschiede.
Dass ich evangelisch getauft wurde, war kein Zufall, sondern zwangsläufig, da meine Eltern beide auch evangelisch waren. Ich hatte auch katholische Freunde, in der Nachbarschaft, in der Schule. Die Frage der Konfession spielte eine untergeordnete Rolle. Das war nicht so gravierend. Man könnte sagen, dass es nichts Trennendes gab, von der Religion mal abgesehen. In der Schule wurde die Klasse geteilt, wenn es um Religionsunterricht ging, sonst waren wir zusammen. Später wurden wir in neusprachlich und naturwissenschaftlich geteilt. Es gab Teilungen, die hatten Gründe. Wir lebten in einem geteilten Land. Meine Verwandten kamen aus Sachsen. Mit Teilungen kann man leben, wenn es ansonsten genug Gemeinsames gibt. Die Teilung Deutschlands fand ich schlimmer als die Teilung von katholisch und evangelisch. Wer sonntags unter welcher Kanzel sitzt, wenn überhaupt, war weniger relevant. Peter und Paul sowie am Aschermittwoch hatten wir in der ersten Stunde frei, da mussten die Katholischen zum Schulgottesdienst. Reformationstag war es umgekehrt. Ansonsten waren die Schulgottesdienste parallel, ich weiß nicht mehr wie oft überhaupt. Bis wir in der Oberstufe oder schon in der 10. Klasse eine ökumenische Schulgottesdienstgruppe bekamen. Neben dem Organisten, unserem Musiklehrer, spielte dann auch eine Band. Später spielte nur noch die Schülerband im ökumenischen Schulgottesdienst. Der Einfachheit halber wurde das Mädchengymnasium integriert, auch ein Anreiz, bei der Vorbereitung der Schulgottesdienste mitzumachen. Die Evangelische Akademie Iserlohn unterstützte die Schulgottesdienste der Gymnasien mit einem Projekt. Es ging um Versöhnung nach dem Weltkrieg und um England. Es waren interessante und schöne Gottesdienste, evangelisch und katholisch, selbstverständlich ohne Abendmahl. Später waren wir einmal auf einem Wochenende in einem Kloster, um mal wieder einen Gottesdienst vorzubereiten, da sagte einer der katholischen Lehrer oder einer der Mönche, dass eigentlich ein Gottesdienst immer mit Abendmahl sein müsste. Nur für uns Evangelische würde man im Schulgottesdienst darauf verzichten. Man würde jetzt doch einmal mit uns gemeinsam einen Abendmahlsgottesdienst feiern. Dabei dürften wir Evangelischen sogar voll und ganz teilnehmen. Nur die Hostie dürften wir nicht nehmen. Das sollte uns allen bewusst machen, wie schmerzlich die Teilung der Kirche ist, und dass wir uns doch alle so nach der Einheit sehnen. Für mich ging diese Sache nach hinten los. Ich habe mich geärgert, dass ich als evangelischer Christ das Abendmahl in einem katholischen Gottesdienst nicht nehmen darf, dass ich teilnehmen darf, aber vom Abendmahl ausgeschlossen bin. Das Thema hat mich seitdem immer wieder einmal beschäftigt. Wir müssen dabei wissen, dass Ökumene seitdem ein wichtiges Thema ist. Es gab damals das Vatikanische Konzil, das die (katholische) Kirche für die Ökumene öffnete. Auch wir Evangelischen interessierten uns für die Ökumene. Wir hatten ohnehin nie verstanden, wieso wir vom Abendmahl in einer katholischen Kirche ausgeschlossen sein müssten. Bei uns in der Kirche ist jeder zum Abendmahl eingeladen.
Im Studium habe ich einmal an einer katholischen Messe teilgenommen, aber natürlich noch nicht als Pfarrer. Es gab einen Gottesdienst mit dem Erzbischof Don Helder Camara aus Brasilien, dessen Predigt mich sehr angesprochen hat. Da wollte ich meine Zustimmung dadurch zum Ausdruck bringen, dass ich die Hostie nehme, die dieser kleine unscheinbare Erzbischof austeilte, der sich so für die Armen engagierte.
Ein paar Jahre später bin ich als Pastor im Hilfsdienst an der St. Petrikirche in Dortmund. Es gab eine vorbildliche Ökumene in der Nachbarschaft mit der katholischen Liebfrauengemeinde und der griechisch-orthodoxen Gemeinde, aber natürlich kein gemeinsames Abendmahl. Immerhin wurden die Gemeindefeste und die Diakoniesammlung ökumenisch gemeinsam durchgeführt. Doch einmal gab es etwas Besonderes: Das katholische Forum, normalerweise in der Propsteikirche zu Hause, musste für einige Monate umziehen, da dort renoviert wurde. Da sie dann in der Petrikirche ihre Gottesdienste hielten, moderne Gottesdienste mit einer Band, ergab sich die Gelegenheit, gemeinsam den Gottesdienst für die Osternacht vorzubereiten. Es war zwar eine katholische Messe, aber ökumenisch vorbereitet und durchgeführt. In diesem Zusammenhang habe ich die Hostie bei der Eucharistie selbstverständlich genommen, und zwar auch als Pfarrer im Talar. Als diese Form 15 Jahre später beim ökumenischen Kirchentag in Berlin praktiziert wurde, gab es ein Riesentheater, aber damals in Dortmund war es kein Problem. Allerdings nur einmal und ohne Wiederholung, da das katholische Forum damals danach wieder in die katholische Kirche umgezogen ist. (Inzwischen ist das katholische Forum wieder in der Petrikirche: http://stpetrido.de/cms/index.php/programm/gottesdienste-und-feiern/91-kath-forum).
Eigentlich gäbe es noch die eine oder andere Begebenheit zu berichten, aber das, was damals im katholischen Forum geschah, war für mich einzigartig geblieben.
Was ist also heute die Frage, die sich für mich noch nicht geklärt hat: Warum schließen sich die christlichen Konfessionen zumindest teilweise von der vollgütigen Teilnahme am Gottesdienst aus? Warum erklärt die katholische Kirche, ein ökumenischer Gottesdienst sei ja nur ein Wortgottesdienst und ohne Eucharistie nicht vollwertig und schließt andererseits die Evangelischen, aber nicht nur die, auch Geschiedene usw. von der Eucharistie aus? Was hat all dies am Ostermontag in der Predigt zu suchen?
Ich hätte das alles nicht erzählt, wenn es nicht eben im Predigttext um eine ganz ähnliche Fragestellung ginge, auf die dieser Text eine Antwort gibt, die auch die aktuellen Fragen gleich mit beantwortet.
Wir haben als Predigttext eine Kurzfassung der Predigt des Apostels Petrus gehört, die er im Hause des Hauptmanns Cornelius gehalten hat. Diese Predigt am Ostermontag zu hören, bedeutet, sie als Interpretation des Osterevangeliums zu sehen. Petrus weiß, wovon er spricht, wenn er den Auferstandenen verkündigt, denn er selbst gehört zu den ersten Auferstehungszeuginnen und -zeugen der Auferstehung. Deshalb ist der Kernsatz dieses Textes folgender Satz:
„Wir, die Apostel, sind diese Zeugen; wir haben mit Jesus gegessen und getrunken, nachdem er von den Toten auferstanden war. Und uns gab Jesus den Auftrag, dem Volk Israel zu verkünden und zu bezeugen, dass er von Gott zum Richter über die Lebenden und die Toten eingesetzt ist.“

Diese Botschaft von der Auferstehung gehört seit dem Ostermorgen zur Mitte der christlichen Religion, die gleichwohl zunächst auf dem Boden des Judentums der damaligen Zeit entstanden ist. Auferstehung ist mehr als ein Mirakel, das die Glaubwürdigkeit Jesu im Nachhinein deuten soll. Auferstehung ist ein Ereignis, das die Predigt vom lebendigen Gott bestätigt und aus den bisherigen Begrenzungen und Einschränkungen löst. Petrus und die Apostel sind die ersten Zeugen. Immer wieder geschieht es, dass Menschen mit Jesus Christus als dem gekreuzigten Christus Erfahrungen machen, die ihr eignes Lebens- und Selbstverständnis betreffen. Nur von den persönlichen Konsequenzen her lässt sich fortan das interpretieren, was Glauben heißt. Die Ausgießung des Heiligen Geistes auf jeden, der vom Glauben an den Auferstandenen erfasst ist, prägt von nun an das Verständnis des lebendigen, mächtigen und barmherzigen Gottes. Petrus dachte zunächst allerdings noch, dass sich damit die Erfahrung des Glaubens auf diejenigen beschränken würde, die von Hause aus Jüdinnen und Juden waren. Doch die Botschaft hatte sich längst ausgebreitet, was vor allem auf die Arbeit des Paulus als den sogenannten Heidenapostel zurückgeht. Paulus selbst predigte auch noch in den Synagogen, allerdings nicht in Palästina, sondern weit außerhalb in Syrien, Kleinasien und Griechenland. Dort war der weitaus größere Teil der Gottesdienstbesucher keine „vollwertigen“ Jüdinnen und Juden, da sie von außen hinzugekommen waren, als Übergetretene. Man nannte sie die Proselyten. Sie hatten den Glauben an den mosaischen Bund Gottes mit den Menschen und den Glauben an den Schöpfer des Himmel und Erden angenommen und waren also zu Monotheisten geworden. In das jüdische Volk im strengen Sinn konnten sie jedoch nicht aufgenommen werden. Ihre Religion basierte auf einem Bekenntnis und nicht auf Abstammung und Zugehörigkeit.
Es war nun nötig, dass dieses Glaubensbekenntnis der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk gleichgestellt würde. Dieser notwendige Schritt konnte im Judentum der damaligen Zeit nicht vollzogen werden, so bleiben die Proselyten, oftmals Griechen oder Römer, „Gottesgläubige Nichtjuden“, G läubige zweiter Klasse. Dass sich dies durch das Bekenntnis zum auferstandenen Christus geändert hat, hat Petrus zuerst nicht verstanden. Unser Predigttext aus der Apostelgeschichte zeigt, welche konkreten Lernschritte er dazu gehen musste.
Zuerst hatte er einen Traum. Auf einem Tuch erschienen ihm im Traum allerlei Tiere. Er erkannte, dass unreine Tiere darunter waren. Im Traum erschien ihm eine Stimme, die ihn zu essen aufforderte. Ein Konflikte entbrannte ihn ihm: Kann ich unreine Tiere essen? Andererseits erschien ihm Gottes Stimme, die ihm sagte, dass dieses alles von Gott geschaffene Lebewesen seinen und er nicht das Recht habe, sie in rein und unrein zu unterscheiden. Von diesem Traum her war es Petrus dann offensichtlich möglich, das Haus von Nichtjuden zu betreten und mit ihnen auf nichtjüdische Art und Weise zu essen. Wie schon zu Lebzeiten Jesu war der Gottesdienst mit einem gemeinsamen Essen verbunden, dass erst später zum Abendmahl in unserem Sinn geworden ist. Hier steht jedoch schon eine Antwort auf die Frage, die ich durch mein eigenes Erleben gesehen habe: Darf es Unterschiede in der Einladung zum Mahl Christi geben? Ich denke: Nein. Jesus hätte solche Unterschiede nicht gemacht und die Geschichte der frühen Christenheit zeigt, dass gerade das Osterbekenntnis dazu führt, eine Kirche aus Juden und Heiden zu bilden, in der diese Unterschiede verschwinden. Petrus wurde jetzt nämlich nach Cäsarea eingeladen und kam in das Haus des Hauptmanns Cornelius, eines Befehlshabers der römischen Kohorte. Hätte Petrus damals jüdisch national gedacht, so wäre er in das Haus niemals hineingegangen. Er hat jedoch erfahren müssen, dass das Bekenntnis zum lebendigen Gott weiter ist als die menschlichen Unterscheidungen und Begrenzungen. Jesus, der Gekreuzigte und Messias, ist auferstanden. Es gibt keine Unterschiede mehr. Der Glaube an Gott ist von nun an die einzig verlässliche Grundlage der Zugehörigkeit. Es kann keine kirchentrennenden Unterschiede vor Gott geben.
Doch ist in der Kirche nicht genau jenes wieder eingetreten, was damals im Judentum der Zeit der Apostel überwunden schien? Wo Christus lebendig ist, in der Erfahrungen des Glaubens, überall wo er glaubwürdig bezeugt wird, können keine menschlich bestimmten Unterschiede die Erfahrung des Geistes Gottes beschränken. Ich meine sogar, dass wir heute noch einen Schritt weiter gehen und die interreligiöse Situation sehen müssen, in der wir stehen. Kann man wirklich an einen Gott glauben, dem Himmel und Erde gehören und der die Menschen zu einer Menschheitsfamilie macht, und gleichzeitig Formen gegenseitiger Ablehnung, ja sogar von Hass und Krieg gegeneinander praktizieren? Ich meine: Nein. Das Bekenntnis zu Christus offenbart einen absolut menschenfreundlichen Gott, der solche Unterschiede für nichtig erklärt und zeigt, dass solche Unterschiede nicht existieren dürfen. Wir müssen heute erkennen, dass Menschen ohne Religion darauf angewiesen sind, den Sinn ihres Lebens selbst herzustellen – und dass sie sich dabei oftmals einem großen Leistungsdruck unterstellen, vor dem sie manchmal resignieren oder scheitern. Menschen, die aus einer Religion heraus auf das Leben zugehen, ohne dabei Unterschiede zwischen Religionen zu machen, wissen, dass damit nicht auf einmal alle Fragen beantwortet und alle Probleme gelöst sind. Aber sie haben gelernt, mit solchen ungelösten Fragen zu leben und sie dem lebendigen Gott anzuvertrauen. Sie sehen das Leben als einen Weg, als einen Prozess, innerhalb dessen sich alles Mögliche entwickelt. Sie sehen die unsichtbare Gemeinschaft aller Menschen in einer Welt, in der alles Leben auf geheimnisvolle Art und Weise zusammenhängt. Das Mahl des Auferstandenen kann keine Veranstaltung sein, die neue Plaketten austeilt, sondern es ist die Einladung des Schöpfers zur weltweiten Gemeinschaft, in der Christus als Offenbarer dieser Gemeinschaft im Geist lebendig wirkt. Wir können heute Gottes Wirken auch in anderen Religionen sehen und wahrnehmen, auch wenn sie ihren Glauben anders bekennen als wir. Wir leben in einer Welt der globalen Gemeinschaft, die Respekt hat vor den Unterschieden, der Menschen, sie aber weder als unüberwindlich ansehen, noch gar als ein Grund für neue Feindschaft. Der gekreuzigte und auferstandene Christus ist das Ende aller Feindschaft. Er ist der Friede. Christus offenbarte den Zeugen der Auferstehung eine Welt, die eine offene Zukunft hat, eine Zeit, die von Gott auf uns zukommt. Das Wirken des Heiligen Geistes beendet Eintrittsverbote und Zugehörigkeitsschranken. Die Taufe ist eine große Einladung, das Leben mit Gott zu praktizieren, und nicht ein Zeichen der Zugehörigkeit, mit dem man andere ausgrenzen könnte.
Ob wir alle die Konsequenzen für die Zukunft der Gemeinschaft aller Religionen noch erleben werden? Ob wir noch erleben werden, dass es zwar keine Einheitskirche geben wird, aber Kirchen, die allen ihren Mitgliedern gegenseitig Gastfreundschaft am Tisch Jesu gewähren und sie dazu einladen? Ich hoffe es.
Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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