Depression als religiöse Krise erkennen, Rezension von Christoph Fleischer, Werl 2014

Zu: Birgit Weyel, Beate Jakob (Hg.): Menschen mit Depression, Orientierungen und Impulse für die Praxis in Kirchengemeinden, CD-Rom mit Praxismaterial beiliegend, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2014, ISBN 978-3-579-07415-3, Preis 17,99 Euro

Dieses Buch ist ein Dokument der Zusammenarbeit zwischen der Tübinger Universität, konkret dem Lehrstuhl für Praktische Theologie Prof. Birgit Weyel, dem Deutschen Institut für ärztliche Mission, der Psychiatrischen Fachklinik der Universitätsklinik Tübingen, der Klinikseelsorge und Kirchengemeinden im Kirchenbezirk Tübingen. Die Mitte dieses Buches über die Wahrnehmung von „Menschen mit Depression“ in der Kirche vor Ort bildet den Bericht über die Auswertung von Interviews mit ausgewählten Personen, die zur Erfahrung mit Depression Auskunft geben können wie Angehörige, Betroffene, Ehrenamtliche, Pfarrerinnen und Pfarrer und medizinische Experten. Da das Buch sich als Projekt der Praktischen Theologie versteht, soll hier auch zunächst die Frage den Haupthintergrund bilden, in welcher Beziehung Depression zur Religion steht, obwohl auch konkreten Informationen über die Erkrankung selbst und ihre Folgen in diesem Buch enthalten sind (z. B. in den Artikeln von Gerhard Eschweiler, Krankheitsbild und Therapiemöglichkeiten der Depression und von Annette Haußmann, Suizidalität und Depression).

Wenn Kirchengemeinden „Orte gelebter Religion sind“, wie Birgit Weyel und Beate Jakob schreiben (S. 15), welche Rolle spielen dann Menschen, die sich zurückziehen? Wenn Depression als spirituelle Krise erlebt wird, geht es um „Schuldgefühle“ (S. 23), um ein „verdunkeltes Gottesbild“ (S. 24), um das Gefühl von „Wertlosigkeit“ (S. 25) und „Beziehungslosigkeit“ (S. 25). Die parallel zu den Interviews mit Betroffenen durchgeführten Befragungen von Pfarrerinnen und Pfarrern im Kirchenbezirk Tübingen zeigen jedoch, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger auch Symptome einer religiösen Krise im Erleben depressiver Menschen erkennen. In den Interviews mit Betroffenen eröffnet gerade diese Frage einen Blick auf die (mögliche) Rolle von Kirchengemeinden. Obwohl Kirche „Gemeinschaft und Unterstützung“ in Lebenskrisen anbietet (S. 56), kann die Erfahrung mit Priestern oder Pfarrern oder ihrer Predigt („Strafe Gottes“) den Bezug zur Gemeinde verhindern (S. 57). Der Besuch von Gottesdiensten oder religiösen Veranstaltungen tritt weniger in den Fokus als die Ausübung und das Verständnis von „Religionen im persönlichen Leben“ (S. 58). Darin tritt Religion und Spiritualität in direkte Konkurrenz zur gemeindlichen Arbeit von Pfarrerinnen und Pfarrern. Der Ansatz des Buches wird so zu einem Impuls, die mögliche Spaltung zwischen Seelsorge und Gemeindearbeit, die sich in der Arbeit von Pfarrerinnen und Pfarrern findet, zu überwinden. Die Autorinnen stellen fest, dass Religion als Ressource erlebt werden kann, die Depression oder Angst mildert. Es geht nicht darum, dass sich Kirche oder Diakonie wie Religion allgemein über Defizite definieren, sondern über die im Leben erfahrene Zuwendung Gottes, die nicht ohne die eigene Arbeit am Sinn des Lebens zu haben sein wird. Das Buch ist praxisorientiert und schlägt eine Brücke zwischen Universität und Gemeindearbeit, unter Einbeziehung von Medizin und Klinikseelsorge, und ist so gerade in den inhaltlichen Schnittstellen ein wichtiger Beitrag für Theologie und Kirche. Gleichwohl fehlt hier dann doch ein zusätzlicher Aufsatz über grundsätzliche theologische Fragen des Gottesbildes oder der Resilienz, um nicht zuletzt den Eindruck zu erwecken, als sei die Erfahrung Gottes zuletzt doch stimmungsabhängig. Der Blick in die konkrete Gemeindearbeit, in der die Veranstaltung zur Depression als gemeindepädagogisches Projekt durchgeführt wird, die im Inhalt der CD-ROM dokumentiert wird, zeigt, dass in der Beziehung zwischen Klinikseelsorge und Gemeindearbeit ein hohes und sinnvolles Potential liegt, das s vermutlich dann praktisch genutzt werden kann, wenn die Nachbarschaft von Klinik und Gemeinde zu einem Dialog einlädt.

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Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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