Notiz zum Nihilismus, Christoph Fleischer, Werl 2014

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Gianni Vattimo geht in seiner Schrift „Das Ende der Moderne“ ausführlich auf den Nihilismus ein.
Er bezeichnet den Nihilismus nicht als eine Einstellung, sondern als eine „Wirklichkeit“. Damit wäre er also gar nicht davon abhängig, ob jemand diesem zustimmt oder sich als Ideologie aneignet. Er bezieht sich dabei hauptsächlich auf Nietzsche, aber auch auf Heidegger. Nietzsche spricht vom „vollkommenen Nihilisten“, was bedeutet: „Der vollkommene Nihilist ist derjenige, der begriffen hat, dass der Nihilismus seine einzige Chance ist“ (S. 23). Heidegger denkt diese Frage über die Ontologie, die Lehre vom Sein her, in der nun das „Sein selbst“ nichts ist. Das sei gleichbedeutend mit dem, was Nietzsche den „Tod Gottes“ und die „Entwertung der höchsten Werte“ nennt (S.24).

Diese Gleichsetzung zeigt, dass Vattimo hier nicht von einem persönlichen, religiösen, sondern von einem philosophischen Gottesbegriff ausgeht, dem höchsten Wert (summum bonum). Der biblische Gottesbegriff ist davon nicht betroffen, da der Nihilismus eine Frage der menschlichen Einstellung ist. Wer einen Gottesbegriff gebraucht, sollte ihn lediglich nicht ideologisch definieren. So gesehen ist die Tatsache des Nihilismus sogar theologisch zu rechtfertigen als Selbstbeschreibung des Menschen.
Vattimo folgt nun Adorno in der Auslegung Heideggers und stellt fest, dass die Entwertung des Seins im Nihilismus faktisch die „Reduzierung von Sein auf Tauschwert“ (S.25) beinhaltet, der auf die Reduzierung des Seins auf den Wert gefolgt ist (Heidegger). Damit wird faktisch der Sinn ausschließlich ökonomisch gesehen. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass die Rede Nihilismus kein Gegensatz zur Religion ist, sondern die Bemühungen der Religion um den Sinn des Seins wieder verstärken will. Insofern wird auch deutlich, warum Nietzsche sogar im Zarathustra den „Tod Gottes“ zu bedauern scheint. Es ist nicht das Programm eines fanatischen Atheisten, das ihn umtreibt, sondern die Erkenntnis, dass Gott als letzter Wert für die Gesellschaft im Ganzen nicht relevant ist. Die Logik wird von der Rhetorik ersetzt, der Gebrauchswert in den Tauschwert aufgelöst. Dass hierbei auch die Ergebnisse des Marxismus eine Rolle spielen, dürfte klar sein. In dieser Hinsicht wird auch die Sprachphilosophie Wittgensteins als eine Bemühung gesehen, die Bedeutung des Gebrauchswerts wiederzugewinnen.
Wer hier den Nihilismus auf die Alternative zwischen Humanismus und Religion festlegen will, müsste eigentlich sehen, dass beide Richtungen auf der gleichen Seite gegen die Ökonomisierung aller Werte kämpfen. Hierzu gehört auch die Rede vom Sinn des Lebens die sowohl religiös, als auch nichtreligiös gefüllt werden kann, sich eher am Subjekt oder am Anderen orientiert, als am schlichten Tauschwert.
Die Frage wäre also eher, ob Nietzsche diesen Trend eigentlich bedauert oder eben nur konstatiert, den Vattimo so zusammenfasst: „Hier, in der Betonung der Überflüssigkeit der letzten Werte, liegt die Wurzel des vollkommenen Nihilismus.“ (S.29)
An dieser Stelle kommt bei Vattimo der Begriff der „Schwächung“ oder des „Schwachen“ in den Blick. Diese Schwächung bezieht sich auf den Begriff der Wirklichkeit, der nicht absolut verstanden werden kann. Anders gesagt, da es keine absolute Wirklichkeit mehr geben kann, wird die Welt zur Fabel. Vattimo sagt: „In der Welt des verallgemeinerten Tauschwerts ist alles … als Bericht bzw. Erzählung gegeben.“ (S.32) Es kommt nun, so Vattimo, darauf an in der „‚Schwächung‘ der Wirklichkeit“ (S.33), die der Nihilismus konstatiert, eine Chance im „zweifachen Sinn“ zu sehen.
Anstelle, sich zurück zu wünschen in die Welt der „höchsten Werte“, kann man darum bemüht sein, sich der „Beweglichkeit des Symbolischen“ zuzuwenden (vgl. S.33).
Politisch interessant ist dann auch, dass eben diese Kritik aller Inhalte, die sich absolut behaupten, auch auf die Technik angewandt wird. Man muss eben im Sinne Vattimos auch die Technik ihrer metaphysischen Ansprüche entkleiden und ihre Wahrheit als „Fabel, ‚Sage‘ (und) überlieferte Mitteilung“ erkennen (S.34).
Sicherlich kann man bei Vattimos Vorstellung vom Nihilismus aus kirchlicher oder religiöser Sicht die Bedeutung des Absoluten vermissen. Alles scheint relativisch oder subjektiv zu werden. Wenn man den Gottesbegriff dagegen nicht im Sinn der Begründung höchster Werte verwendet, sondern im Sinn der Erzählung und der symbolischen Deutung von Wirklichkeit, ist er mit der Wirklichkeit des Nihilismus vereinbar. Nihilismus selbst könnte als negative Theologie, als Postulat der Unverfügbarkeit gedeutet werden. Mir erscheint sogar der ontologische Gottesbeweis möglich, wenn er nicht auf die Höhe, sondern auf die Weite der Gotteserfahrung angewandt wird, nicht auf die Ableitung einer Autorität, sondern auch die Überschreitung des naturhaft begrenzten Raums jeder menschlichen Existenz. Hierzu könnte der Hinweis von Levinas auf den Anderen als Symbol verstanden werden. Nihilismus ist kein Bekenntnis zur Sinnlosigkeit der Welterfahrung, sondern die Beobachtung der Umwandlung des Seins in den Tauschwert.

Literaturhinweis: Gianni Vattimo: Das Ende der Moderne, Aus dem Italienischen übersetzt und herausgegeben von Rafael Capurro, Philipp Reclam jun. Stuttgart 1990

Ergänzung: Henning Ottmann: Nietzsche Handbuch, Leben – Werk – Wirkung, J.B.Metzler Stuttgart/Weimar 2011, Artikel: Nihilismus von Elisabeth Kuhn, S. 293-298.
Fazit des Artikels: Nietzsches Konzept des Nihilismus besteht in der Vernichtung des Wahrheitsanspruchs und des höchsten Werts. Unklar ist, inwieweit er diese Kritik des Wahrheitsbegriffs auch gegen sich selbst richtet. Das Konzept des Nihilismus wird von Nietzsche in eine geschichtsphilosophische Stadienlehre eingebaut. Die Überwindung des Nihilismus gehört für ihn zur Vorstellung des Übermenschen. Zuletzt wird der Nihilismus unter der Vorstellung der Wiederkehr des Gleichen zum ethischen Imperativ, „der so zu leben heißt, dass man nochmals leben will und in Ewigkeit so leben will…“ (S.297)

Link zu Gianni Vattimo: Nietzsche neu lesen. Christoph Fleischer, Werl 2010

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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