Predigt über Römer 8, 26-30 zum Sonntag Exaudi, Christoph Fleischer, Werl 2014

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Römer 8, 26 – 30: Der Beistand des Geistes und die Gewissheit unserer Rettung (Gute Nachricht Bibel)

26 Aber ebenso wie wir seufzt und stöhnt auch der Geist Gottes,
der uns zu Hilfe kommt.
Wir sind schwache Menschen
und unfähig, unsere Bitten in der rechten Weise vor Gott zu bringen.

Deshalb tritt sein Geist für uns ein mit einem Stöhnen,
das sich nicht in Worte fassen lässt.
27 Und Gott, vor dem unser Innerstes offen liegt,
weiß, was sein Geist in unserem Innern ihm sagen will.

Denn so, wie es vor Gott angemessen ist,
legt er Fürsprache ein für die, die Gott als sein Eigentum ausgesondert hat.
28 Was auch geschieht, das eine wissen wir:
Für die, die Gott lieben, muss alles zu ihrem Heil dienen.

Es sind die Menschen, die er nach seinem freien Entschluss berufen hat.
29 Sie alle, die Gott im Voraus ausgewählt hat,
die hat er auch dazu bestimmt, seinem Sohn gleich zu werden.
Nach dessen Bild sollen sie alle gestaltet werden,
damit er der Erstgeborene unter vielen Brüdern und Schwestern ist.

30 Und wenn Gott sie dazu bestimmt hat, dann hat er sie auch berufen,
und wenn er sie berufen hat, dann hat er sie auch für gerecht erklärt,
und wenn er sie für gerecht erklärt hat,
dann steht auch fest, dass sie an seiner Herrlichkeit teilhaben.

Liebe Gemeinde,

vor meinem inneren Auge erscheint ein Gebirgspanorama. Die Berge liegen in der Sonne und erscheinen majestätisch in hellem Licht. Doch so faszinierend dieses Bild, so abschreckend ist für mich die Vorstellung, diese Berge erklettern zu sollen. Das würde Mühe bereiten und ist riskant und gefährlich.
Dieser Text aus dem Römerbrief hat etwas von einem solchen Panorama.
Es geht in der Predigt nicht um die Entfaltung der Glaubenslehre. Besser ist ihre Nacherzählung.

Zunächst die Schwäche der Menschen. Gott wohnt in einem Dunkel, dem keiner nahen kann, schrieb einmal ein Liederdichter. Keiner hat Gott je gesehen. Gott ist Geist und gegenwärtig und nah, aber wie sollen wir ihm oder ihr, der Gottheit begegnen. Zwischen Gott und uns ist eine tiefe Schlucht, die wir nicht überwinden könnten, wenn es darüber nicht eine Brücke gäbe.
Der Weg von Gott zu uns ist bekannt, das Wort der Bibel. Doch wie geht der Weg von uns zu Gott? Wie können wir Gott begegnen? Fakt ist: Normalerweise können wir das nicht. Dennoch wird gesagt, dass unsere Bitten und Gebete Gott erreichen. Wie kann das gehen?
Hier erscheint als Helfer der Geist Gottes. Der Geist Gottes sammelt unsere Gebete und stimmt in unser Seufzen und Stöhnen ein. Das ist wirklich gesagt: Das Stöhnen der Menschen, ja der ganzen Kreatur kommt in diesem Geist vor Gott. In diesem Aufschrei sind alle Gebete gesammelt. Das, was nur in unserem Innersten daliegt, kommt zu Gott, durch den Geist, der auch in unserem Innersten ist. Der Geist trägt unsere Gedanken zu Gott hin. Er ist die Brücke über diese Schlucht. Diese Gegenwart des Geistes bei uns selbst ist zugleich Fürsprache bei Gott. Das heißt: Wir sind in keiner Situation unseres Leben von Gott allein gelassen. Wenn Menschen leiden oder etwas Schlimmes passiert, fragen sie vielleicht: Wie kann Gott das zulassen? Doch das ist wohl nicht die richtige Frage. Die Frage ist vielleicht eher: Wo ist Gott jetzt, hier in dieser Situation? Die ersten Christen haben nicht gehofft, dass Gott aus seinem Himmel herabsteigt und alles mit einem Mal ändert, sondern sie haben erlebt, dass er uns und ihnen in Christus nahe ist.
Doch welche Konsequenz hat diese Nähe? Ist es nur ein Trost, eine Vertröstung auf bessere Zeiten? Sicherlich gefallen uns gute Zeiten besser und es wird auch ein Weg aus dem Dunkel herausführen. Doch hier steht ein Satz, der so noch mehr sagt, der aber kein purer Schicksalsglaube ist: „Für alle, die Gott lieben, muss alles zu ihrem Heil dienen.“ Spielen wir die schrecklichen Situationen unseres Leben vor unserem inneren Auge vor und sagen dann: „Für alle, die Gott lieben, muss alles zu ihrem Heil dienen.“ (Idee: evtl. spontan Beispiele schildern und den Satz danach jeweils wiederholen). Dieser Satz könnte als Zynismus ausgelegt werden. Oder eben als Vertröstung: Da das Heil sowieso eher im Jenseits ist als im Diesseits, führt jeder Weg ohnehin irgendwie zum jenseitigen Heil. Dann wäre das Diesseits nur Durchgangsstation. Doch dieser Satz kann auch noch anders gesehen werden, so wie ihn Dietrich Bonhoeffer ausgelegt hat:
Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.
[Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.]
Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Fatum (Schicksal) ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.
(Quelle: Dietrich Bonhoeffer, WE)
Doch wir lesen den Text noch weiter und bleiben noch nicht dabei stehen.
Nur eines: Das ist diesseitig: Christinnen und Christen können sich „alle Dinge zum Besten dienen lassen“. Das heißt doch, dass wir uns auch in schwierigen Situationen fragen: Wozu ist das für uns gut? Wofür ist es eine Herausforderung? Was können und sollen wir daraus lernen? Damit wird das Schlechte nicht zum Guten erklärt. Es bleibt böse und schlecht. Aber es muss nicht abfärben und uns selbst auch noch schlecht machen.
Zunächst: Wir sind Christus gleich gestaltet.
Dazu ist die Kreuzestheologie gut: Christus ist der Gekreuzigte und hat solches alles selbst erlebt. Er kommt nicht mit guten Ratschlägen von der Sonnenseite des Lebens, sondern hat das finstere Tal selbst durchschritten und kann erklären, wie es geht und wohin es führt. Klar ist: Es ereignet sich Auferstehung. Neues Leben wächst aus dem alten. Der Tod ist nicht das Ende.
Klar ist aber auch: Christus ist einer unter vielen. Christus ist eigentlich heute keine Person mehr, sondern eine Gemeinschaft, die Kirche. Wir sind zu Schwestern und Brüdern Christi geworden. Christus ist der Erstgeborene der neuen Schöpfung bei Gott, die auch für uns bereitet ist.
Es gibt ein neues Leben im alten. Wir sind zur Herrlichkeit bestimmt. Wir sind mit und durch Christus berufen zum Teil der Gemeinschaft mit Gott. Wir sind vor Gott gerecht erklärt. Wir gehören dazu uns werden am neuen leben der Herrlichkeit Gottes teilhaben. Das können wir schon jetzt erfahren, aber es ist uns auch verheißen. Das neue Leben mit Gott ist schon da und ist zugleich im Entstehen. Wir glauben an einen neuen Himmel und eine neue Erde hier in diesem Leben und danach.
Wie hören wir jetzt diesen steilen und steilsten Satz: „Für alle, die Gott lieben, muss alles zu ihrem Heil dienen.“ Ich sehe das Leben immer als Weg. Die Nähe Gottes ist Ziel und Gegenwart zugleich. Sie verändert unser Sein, indem sie uns einen neuen Blick auf die Gegenwart gibt.
Wir schweben nicht über der Welt, aber wir gehen sicheren Schrittes auch auf schwierigem Terrain.
Ich erzähle den Text noch einmal in Versform:

Es seufzt und stöhnt der Erden Rund
Und ebenso klagt Gottes Geist
Und macht vor Gottes Willen kund
Was Leiden, Schmerz und Klage heißt.

Der Jammer keine Worte hat,
Nur schmerzerfülltes Angstgebrüll;
Das trägt der Geist vor Gottes Rat
Und voller Leid ist der ganz still.

Wer Gott deshalb für immer liebt,
Dem alles dazu richtig stimmt
Was auf dem Lebensweg geschieht.
Das Leben gibt dann, wenn es nimmt.

Der Menschen Bitten spüret Gott,
Der auch auf Jesu Leidensweg
Und in der Nacht der Kreuzesnot
Das Leiden hoch zum Himmel trägt.

In Christus kommt der Menschen Geist
Zu Gott, der seine Macht verkehrt,
Und Gut der Kreatur verheißt
Und Menschen laut das Recht erklärt.

Die Macht des Bösen ist besiegt
In keiner Not bist du allein.
Der Stein, der dir im Wege liegt,
wird bald ein Teil der Kirche sein.

Abschließend möchte ich einmal vorlesen, wie der Neurochirurg Rudolf Kautzky in einer Assoziation zum Text den Inhalt so ausgelegt hat, dass er nicht als Vertröstung verstanden werden kann, sondern ganz in die Gegenwart hineingehört:

Paulus weist auf die „Schwachheit“ der Menschen hin, auf ihre Überforderung, dieses Leben zu meistern, und wenn wir um uns sehen, können wir ihm nur schwer widersprechen. Dafür bedarf es keiner Beispiele.
Ja, Paulus geht so weit, zuzugestehen, dass wir nicht nur in unserem Verhalten ratlos sind. Wir wissen nicht einmal, was wir hoffen – „worum wir beten sollen“ – auch auch das stimmt bis heute und gerade heute.
In dieser ausweglos erscheinenden Situation, sagt er, haben wir nur einen Helfer: den „Geist“, den Geist Jesu, seine Lebenseinstellung, an der wir uns orientieren können. An diese Haltung und die ihr innerwohnende Kraft unser ganzes Herz zu hängen, das bedeutet, „Gott lieben“ – die Liebe, lieben, die Anerkennung aller Menschen als Gleichberechtigte unter sich und mit uns selbst, als uns zugehörig in einer uns alle umfassenden und tragenden Welt.
Dann mag passieren, was will. Wenn uns dieser Geist bestimmt, können wir trotz allem die Zuversicht aufrechterhalten, dass uns „alles zum Besten dient“.
Wer aus dieser Grundhaltung lebt, handelt und erträgt, verhält sich immer recht. Er kann das freilich nicht als eigene Leistung für sich buchen.
Er verdankt es seinem Geschick, von der Botschaft und dem Leben Jesu Kenntnis erhalten zu haben und von ihm fasziniert worden zu sein.
Wer sich dieses Ziel gesetzt hat, kann unerschütterlich darauf vertrauen, dass er auch die Fähigkeit hat, darauf zuzugehen, dass in dieser Einstellung zum Leben das Wollen das Entscheidende ist.
Das Suchen ist darin schon das Finden.
Die Motivation des Verhaltens ist ausschlaggebend auch für dessen weitere Wirkung, vielleicht nicht immer für die momentane, aber sicher für die langfristige.
Die Menschen, mit denen wir leben, ebenso wie Parteien und Staaten untereinander, spüren, woher der Wind weht, und reagieren entsprechend unterschiedlich. Ob wir etwa versuchen, zu strafen oder neue Lebenschancen zu geben, abzuschrecken oder Vertrauen aufzubauen.
Ein solches Jesus-orientiertes Verhalten begründet nach Art eines „Tun-Ergehens-Zusammenhangs“ bei allem Unglück durch Schicksalsschläge und Versagen, bei aller dadurch berechtigten Trauern, im tiefsten Grund der Erfahrung unseres Lebens ein tröstendes Glück, das Paulus „Verherrlichung“ nennt. (Kautzky war führender Neurochirurg in Hamburg, aus: Assoziationen, Band 6, Hrsg. von Walter Jens, Radius Verlag Stuttgart).
Da der Schluss nur Wiederholung sein kann, möchte ich nun den Bibeltext noch einmal in einer anderen Übersetzung vorlesen. (Luther)
26Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. 27Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.
28Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. 29Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. 30Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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