Fragen zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2014

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Zu: Vom Gehorsam zur Freiheit; Biografien aus dem Widerstand, Deutscher Taschenbuch Verlag München 2014, Originalausgabe, ISBN 978-3-423-34810-2, Preis: 12,90

Die fünf Kurzbiografien dieses Buches von Ferdinand Schlingensiepen (geb. 1929) über Personen aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus wurden in der Evangelischen Gemeindeakademie Blankenese als Vortrag gehalten. Die Kurzbiografie Bonhoeffers hingegen ist speziell als schriftlicher Beitrag für das Buch entstanden, da die Beschäftigung mit Bonhoeffer der Ausgangspunkt war und der Autor auch immer wieder zu dieser Person des Wiederstandes zurückkommt. Das Thema des Aufsatzes, „Der Weg vom unbedingten Gehorsam in den Spielraum der Freiheit“, auch als Einzelbeitrag über einen Link im Internet, wird ist in Kurzform zum Buchtitel „Vom Gehorsam zur Freiheit“ geworden.
In der Tat ist die Zeit des Buches „Nachfolge“ von Dietrich Bonhoeffer noch sehr vom Begriff „Gehorsam“ geprägt, der uns Späteren doch irgendwie als ein religiöses Führerprinzip erscheint. Der konkrete Widerstand ab 1938 jedoch stellt die jeweilige Person wie z. B Dietrich Bonhoeffer vor die Aufgabe, individuelle Entscheidungen zu treffen und sie bis in die letzte Konsequenz persönlich zu verantworten.
Diese Perspektive des Buches macht den Blick auf die Charaktere des Widerstands ja gerade so bemerkenswert, weil sie keinesfalls jeweils die gleiche Denkart haben, sondern von ihren unterschiedlichen biografischen und persönlichen Vorbedingungen zu den Entscheidungen des Widerstands kamen und auch nicht in allen Fragen einig waren.
Während Bonhoeffer in die Konspiration der Abwehr direkt eingebunden war (Canaris), ging es von Moltke eher um die Zeit nach dem wie auch immer erwarteten Kriegsende (Kreisauer Kreis). Der Autor arbeitet die Differenz beider um die Frage des Attentats sehr sinnfällig heraus, zumal Moltke und Bonhoeffer einmal sogar die Gelegenheit hatten, bei einem Spaziergang auf Rügen persönliche Gedanken auszutauschen, der sich ergab, weil eine Fähre nicht auslaufen konnte. Ein in diesem Zusammenhang eingeflochtenes Zitat aus Hitlers Buch „Mein Kampf“ hätte mich fast bewogen diese Rezension zu unterlassen. Es kann doch nicht die Auffassung Schlingensiepens sein, dass eine Meinung Adolf Hitlers die Auffassung Moltkes oder Bonhoeffers stützen oder widerlegen könne. Außerdem ist bei diesem Zitat nicht ausdrücklich von Mord an einer einzelnen Person die Rede, es könnte daher auch auf den Begriff Mord allgemein angewandt werden, was ja wohl zu Hitler passt, aber nicht im geringsten zu Moltke oder Bonhoeffer.
Der Artikel über Moltke, dem dieser Abschnitt entstammt, stellt die Beobachtung heraus, dass Moltke sehr stark von mystischen Erfahrungen und Sichtweisen geprägt war, was seit 2010 auch in dem Briefwechsel dokumentiert ist, den Moltke mit seiner Frau Freya bis zu seiner Ermordung aufrecht hielt. Schlingensiepen schildert eine persönliche Begegnung mit der hochbetagten Freya von Moltke, die das Erscheinen der Briefe für die Zeit nach ihrem Tod ankündigte.
Moltke war im gleichen Gefängnis untergebracht wie Dietrich Bonhoeffer.
Hierbei kommt eine andere Person ins Spiel, ohne die es diesen oder andere Briefwechsel nie gegeben hätte, der Gefängispfarrer von Tegel, Harald Poelchau, der sich trotz seiner Widerstandstätigkeit nicht nur zugunsten der Häftlinge, sondern auch für zahlreiche verfolgte Juden engagierte, denen er Verstecke im Untergrund besorgte, was aber nach dem Krieg kaum bekannt geworden ist.
Eine Erwähnung dieses Vortrags gibt wiederum erneut zu Fragen Anlass. Poelchau hat sich für den damaligen Vorsitzenden des internationalen Versöhnungsbundes Hermann Stöhr eingesetzt, der den Kriegsdienst verweigerte und in der Konsequenz dieser Entscheidung hingerichtet wurde. Bemühungen auch kirchliche Stellen zur Unterstützung einzuschalten, scheiterten. Wenn es damals ein solches Modell von Kriegsdienstverweigerung gab, die die Konsequenz der Bestrafung mit der Todesstrafe bewusste riskierte, wie kann Schlingensiepen im gleichen Buch an anderer Stelle im Artikel über Bonhoeffer behaupten, dieser habe den Kriegsdienst verweigert als er sich der Abwehr anschloss. Anstatt dem Stellungsbefehl Folge zu leisten, wurde Bonhoeffer als Mitarbeiter der Abwehr ja faktisch zum Mitglied der Armee, wenn auch zu dem Zweck, anstelle mit Waffen durch Konspiration und Diplomatie zu handeln. Sicherlich hat Bonhoeffer in einem Vortrag auf Fanö 1934 eine Aussage gemacht, die in den achtziger Jahren dazu führte, die Kriegsdienstverweigerung als deutlicheres Zeugnis zu bezeichnen, er hat aber selbst einen solchen Schritt nie vollzogen. Der Widerstand Bonhoeffers basierte auf der Zustimmung zum Attentat, das gleichwohl dazu dienen sollte, das vielfache Morden der Nazis schnellstmöglich zu beenden.
Die Fragen, die bei der Lektüre aufkommen, sprechen jedoch nicht gegen das Buch, das intensiv hineinführt in die Reflexion über die Zeit des Nationalsozialismus. Indem es Ferdinand Schlingensiepen gelingt, die persönlichen Entscheidungen brillant herauszuarbeiten, ist es ein Buch, das zum Einstieg in die Beschäftigung mit den Biografien von Sophie Scholl, Hellmuth James von Moltke, Dietrich Bonhoeffer, Adam von Trott zu Solz, Harald Poelchau und Bischof George Bell sehr gut geeignet ist.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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