Predigt über Apostelgeschichte 6, 1 – 7 am 13. Sonntag nach Trinitatis, Christoph Fleischer, Welver 2014

Apostelgeschichte 6, 1 – 7
1Die Gemeinde wuchs und die Zahl der Jünger und Jüngerinnen wurde immer größer. Da kam es – um eben diese Zeit – zu einem Streit zwischen den Griechisch sprechenden Juden in der Gemeinde und denen mit hebräischer Muttersprache. Die griechische Gruppe beschwerte sich darüber, dass ihre Witwen bei der täglichen Verteilung von Lebensmitteln benachteiligt würden.
2Da riefen die Zwölf die ganze Gemeinde zusammen und sagten: »Es geht nicht an, dass wir die Verkündigung der Botschaft Gottes vernachlässigen und uns um die Verteilung der Lebensmittel kümmern. 3Darum, liebe Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer aus, die einen guten Ruf haben und vom Geist Gottes und von Weisheit erfüllt sind. Ihnen wollen wir diese Aufgabe übertragen. 4Wir selbst werden uns auch weiterhin mit ganzer Kraft dem Gebet und der Verkündigung der Botschaft Gottes widmen.«
5Alle waren mit dem Vorschlag einverstanden. Sie wählten Stephanus, einen Mann voll lebendigen Glaubens und erfüllt vom Heiligen Geist; außerdem Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Nichtjuden aus der Stadt Antiochia, der zum Judentum übergetreten war. 6Diese sieben brachten sie zu den Aposteln. Die beteten für sie und legten ihnen die Hände auf.
7Die Botschaft Gottes aber breitete sich weiter aus. Die Zahl der Glaubenden in Jerusalem stieg von Tag zu Tag. Auch viele Priester folgten dem Aufruf zum Glauben.

Liebe Gemeinde,

Die Erzählungen aus der Jerusalemer Urgemeinde, die in der Apostelgeschichte überliefert sind, haben eine weitreichende Bedeutung. So hat auch dieser Text Modellcharakter. Wenn eine Gemeinschaft wie die Kirche vor Probleme gestellt wird, können diese nur durch ein geregeltes Verfahren geklärt werden. Der gekreuzigte und auferstandene Christus wird in der Ur-Kirche durch die Apostel vertreten. Doch wenn man den Wortlaut dieser Geschichte genau folgt, findet sich im Grunde so etwas wie eine demokratische Meinungsbildung. Die Apostel leiten ihre Autorität nur von der Gemeinschaft der Christinnen und Christen her, in der der auferstandene Christus im Geist lebendig ist. So bildet sich von Anfang an ein kollegiales Leitungsprinzip heraus.

Der einzige Satz, der in dieser Erzählung in direkte Rede wiedergegeben ist, wird nicht auf eine einzelne Person zurückgeführt, sondern auf den Kreis der Zwölf, womit die zwölf Apostel und ehemals Jünger Jesu gemeint sind. Da sie ja nicht einfach mit einer Stimme sprechen können, ohne sich darüber abzustimmen, muss man diese Sätze als einen Beschluss ansehen. Der Anlass dazu ist ein Konfliktfall, der einer bestimmten Entscheidung bedarf. Die Situation, die dieser Entscheidung vorangeht, wird vom Erzähler ausführlich dargestellt. Weiterhin wird über den Vollzug der Entscheidung berichtet. Zum Schluss kommt ein kurzer Satz, in dem der Erzähler die positiven Konsequenzen dieser Entscheidung darstellt. Es war richtig, das Problem aufzugreifen. Es war richtig, sich darüber zu beraten. Es war richtig, dazu eine Entscheidung zu treffen. Und es war richtig, diese Entscheidung auch in die Tat umzusetzen. Auch diese Geschichte schildert sozusagen einen Präzedenzfall, aus dem schon ganz früh Grundstrukturen einer kirchlichen Gemeinde-Ordnung zu erkennen sind, die unserer demokratischen Auffassung sehr ähnlich ist. Auch wenn ich im weiteren noch einmal detailliert auf diesen Entscheidungsablauf eingehen werde, möchte ich nun zunächst einmal die Fragestellung dieses Textes in die Gegenwart versetzen.

Dazu erzählte ich die Geschichte so, als würde sie heute passieren:
In der Weltkirche erhob sich ein lauter Protest. Die Kirchenmitglieder der Entwicklungsländer protestierten bei ihrem Kirchenleitungen und schimpften, dass ihre Familien bei der Verteilung der Güter und Gaben auf der ganzen Welt täglich übersehen wurden. Die Predigt des Evangeliums auf der einen Seite, und auf der anderen Seite war die Erfahrung, dass es in vielen Ländern der Welt nicht genug zu essen gibt. Da das eine mit dem anderen etwas zu tun haben muss, legten sie Protest ein bei ihren Kirchenleitungen. Diese wiederum machten diesen Protest deutlich und laut in einer Weltkirchenversammlung, die alle sieben Jahre stattfindet. Daher beschloss diese Versammlung, dass die Kirchen in der Welt die politischen Fragen des Hungers nicht weiter ignorieren sollten. Alle Kirchen stellten fest, dass es bei ihnen die reicheren und die armen Kirchenmitglieder gibt. So hatte man in den reicheren Ländern schon angefangen, sogenannten Sozialkaufhäuser und Suppenküchen oder Tafeln zu errichten, damit die Ärmeren wenigstens das Nötigste zum Leben haben. Doch all dies schien nicht auszureichen. Dazu kam, dass inzwischen viele Menschen aus sogenannten Problemgebieten der Welt versuchten, über Fluchtwege die reicheren Länder zu erreichen. Das Flüchtlingsproblem ist vom Armutproblem nicht zu trennen. Daher beschloss die Weltkirchenversammlung ein Papier, das wie ein Bekenntnis allen Ortskirchen zugeleitet werden sollte. Wenn das Problem der Ungerechtigkeiten die Verkündigung des Evangeliums überlagert, wird auch dies Auswirkungen auf die einzelnen Gemeinden haben. Diese Welt Kirchenversammlung stellte darüber hinaus fest, dass es nötig ist Menschen, Schwestern und Brüder, zu berufen, die sich um diese politische und öffentliche Aufgabe kümmern sollen. Die Bischöfe und Kirchenleitungen daneben wollten sich weiterhin um die eigentliche Aufgabe der Kirche der Wortverkündigung kümmern. Sie wollten ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. Dies gefiel der Versammlung gut und sie wählten Frauen und Männer aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die verantwortlich und vernünftig die politische Stimme der Gemeinde vertreten sollten. Diese Frauen und Männer stellten sie vor die Versammlung, die betete für sie und segnete sie. Das Wort Gottes breitete sich wieder aus, und die Zahl der Jüngerinnen und Jünger nahm zu auf dem ganzen Erdkreis.

Es ist klar, liebe Gemeinde, dass in dieser kleinen Geschichte keine wirkliche geschichtliche Begebenheit berichtet worden ist. Aber vieles, was inzwischen in der Weltkirche, in der Ökumene oder sogar im Vatikan gesagt oder beschlossen worden ist, hat mit dieser Fragestellung zu tun. Die Predigt des Evangeliums hat etwas zu tun mit Gnade und Barmherzigkeit, mit Nächstenliebe und mit Frieden. Diese Botschaft kann und darf nicht einfach nur ausgesprochen werden, sondern sie soll etwas mit dem Alltag der Menschen zu tun haben. Dabei wird den einzelnen Menschen durchaus überlassen, wie sie die Botschaft der Bibel selbst in die Tat umsetzen. Während die Frage, was bei den Menschen auf das Hören des Evangeliums folgt, jedem Einzelnen selbst überlassen ist, kann die Kirche als Institution jedoch auch dazu beitragen, dass die Stimmen derjenigen unterstützt werden, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzen. Kirche kann und wird dabei nicht die Probleme der Menschheit lösen. Sie macht dann aber eben nicht den Eindruck, als würden sie diese Probleme nichts angehen. Und sie kann sich ganz beispielhaft auch einzelnen Themen zuwenden, die durchaus von kirchlicher Seite bearbeitet werden können. Es ist doch klar, dass wir hiermit schon automatisch zum Thema Diakonie gekommen sind. Das Wort Diakonie kommt übrigens in diesem Text auch bereits vor. Es bedeutet Tischdienst und kann sowohl die Verteilung der Güter meinen als auch den Tischdienst während des Abendmahls-Gottesdienstes.

Wie sich das im Einzelnen jedoch konkret abgespielt haben muss, kann man auch aufgrund des Textes nicht so genau sagen. Einzig und allein ist sehr deutlich und klar dargestellt, mit welcher Art von Entscheidungsfindung dieses Problem gelöst worden ist. Fest steht jedoch, dass sich in einer immer größer werdenden Kirche, in der es auch eine Verteilung von Lebensmitteln gab, vielleicht nach einem Gottesdienst, eine Gruppe von Frauen benachteiligt worden ist, und zwar die Witwen. Dies betraf zunächst die Gruppe der Hellenisten, so hießen die Griechisch sprechenden Juden in der christlichen Urgemeinde. Wir haben davon auszugehen, dass sich im gesamten Bereich des Landes Israel, in seinen verschiedenen Landschaften, inzwischen einige Griechisch sprechende Städte und Siedlungen gab. Es ist ja von daher gar nicht zufällig, dass das Evangelium in griechischer Sprache verfasst worden ist. Doch dass diese Menschen eine besondere Gruppe bildeten, geht eigentlich erst aus diesem Text in der Apostelgeschichte hervor.
Die zwölf Apostel, denen die Leitung der Gemeinde zugewachsen war, stammten überwiegend aus dem judäischen Teil des Judentums und sprachen Aramäisch. Daneben wird es noch eine kleine zunächst kleine Zahl lateinisch sprechender Christen gegeben haben. Dies wird ja schon in der Pfingstgeschichte verdeutlicht, dass die Urkirche aus vielen verschiedenen Regionen zusammengewachsen ist, auch wenn sie sich zunächst in Jerusalem bildete. Jerusalem war eben eine Weltstadt.
Auf dieses Problem, der benachteiligten Witwen in der griechisch sprechenden Gruppe, antworteten die zwölf Apostel mit einem Beschluss.
„Es geht nicht an, dass wir die Verkündigung der Botschaft Gottes vernachlässigen und uns um die Verteilung der Lebensmittel kümmern. Darum, liebe Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer aus, die einen guten Ruf haben und vom Geist Gottes und von Weisheit erfüllt sind. Ihnen wollen wir diese Aufgabe übertragen. Wir selbst werden uns auch weiterhin mit ganzer Kraft dem Gebet und der Verkündigung der Botschaft Gottes widmen.“
Dieser Beschluss sieht zunächst nach einer Aufgabenteilung aus. Von den Begriffen ausgehend könnte man sagen: es gibt eine apostolische Leitung und einen diakonische. Interessant ist allerdings, dass Stephanus, einer der sieben Diakone der griechisch sprechenden Gemeinde, sich bald als Prediger zeigte. Er war darüberhinaus einer der ersten Märtyrer der Kirche, der in Jerusalem gesteinigt worden ist. Jedoch ist die Autorität der Apostel durch die eingesetzten Diakone in der Griechisch sprechenden Gemeinde nicht infrage gestellt worden. In der evangelischen Kirche heißt das Amt der Nächstenliebe Diakonie. Menschen, die gesundheitlich oder in ihrer persönlichen Situation benachteiligt sind, werden von der Kirche nicht im Stich gelassen. Der Tischdienst der Kirche hat schon von Anfang an etwas mit der Frage der Gerechtigkeit zu tun. Anders gesagt: Man kann nicht in Jesu Namen des Abendmahl austeilen, und dabei die Frage der Gerechtigkeit vernachlässigen. Allerdings kann dies auch umgekehrt Ursachen von Konflikten sein. Dieser Bibeltext zeigt, dass Gerechtigkeitskonflikte in der Kirche einer Bearbeitung bedürfen.
Auffällig ist dabei, was ich zu Anfang schon andeutete, dass sich hier bestimmte demokratische Prinzipien herausstellen. Die Apostel entscheiden als Kollegium, und berufen gleichzeitig für diese Aufgabe ebenfalls ein Kollegium, ein Team. Die ganze Frage wird jedoch in eine Gemeindeversammlung behandelt, also nicht hinter verschlossenen Türen. Die Wahl der neuen Repräsentanten erfolgt aus dieser Versammlung heraus. Griechisch sprechenden Christen wählten ihre eigenen Diakonen und brachten diese zu den Aposteln. Daraufhin wurden sie von denen mit Gebet und Handauflegung beauftragt.
Dass die Krise dadurch überwunden worden ist, wie das das Problem angefasst wurde, zeigt der Schlusssatz der Erzählung: „Die Botschaft Gottes aber breitete sich weiter aus.“
Diesen Optimismus wünschen wir uns heute in der Kirche auch. Liegt unsere innere Krise vielleicht auch daran, dass wir trotz vieler Beschlüsse und Institutionen die Menschen nicht mehr erreichen, die von sozialen Missständen betroffen sind? Zu dieser Frage möchte ich einen kurzen Text einer Predigt- Vorbereitung vorlesen, der 1995 geschrieben worden ist. Dass dieser Text trotzdem 20 Jahre später immer noch aktuell ist, zeigt schon, dass hier etwas angesprochen wird, was auf das Grundproblem der Kirche eingeht. Ein Wort muss ich zuvor erklären, „sieben vor zwölf“. Henning Schröder nimmt die beiden Zahlen des Textes sieben und zwölf auf, und orientiert sich an der Redewendung: „Es ist fünf vor Zwölf.“ Das heißt, wenn diese Frage weiterhin vernachlässigt wird, wird dies negative Konsequenzen für die Kirche haben.
„Ein Konflikt wird nicht unter den Teppich gekehrt. Eine Vollversammlung wird einberufen. Betroffenen werden an der Lösung beteiligt. Macht wird geteilt. Gute kompetente Leute werden berufen. Die Gemeinde bleibt zusammen. Zuständigkeiten sind festgelegt. Organisation und Verkündigung bleiben in Verbindung.
Die diakonischen Missstände sind tiefer begründet: Soziale und sprachliche Differenzen schaffen Distanz, die Gemeindeleitung ist überfordert. Griechisch sprechenden Gemeindeglieder erhalten eine eigene leitende Repräsentanz. Die Einheit der Gemeinde wird durch Teilung für das Ganze erhalten.
Ich nehme die Frage auf: Was bedeutet der offenkundige Minus-Trend heutiger kirchlicher Zahlen für die Qualität der Mission des Wortes Gottes? Meine These ist, dass eine Konzentration auf einen Kernbestand treuer Tradition eben den Hauptgrund der Minderung verkennt: es ist nicht gelungen, distanziert wirkende Anteile, die übersehen wurden, in ihrer Wichtigkeit, in ihrer missionarischen Bedeutung zu würdigen. Polemik gegen Kasualchristen, Ablehnung von Gemeindesubkulturen, Übergewicht der Wort-Verkündigungsberufe, pauschale Verurteilung von Religion, „Übersehen“ von Frauen, Kindern und Senioren als keineswegs ohnehin sicheren Zielgruppen in deren Anliegen – alles dies kann als „Sieben vor Zwölf“ Problematik gesehen werden, vielleicht auch das Verhältnis von Ost und West.
Statt rundum zu sparen, muss gezielt investiert werden, damit das Wort Gottes als Diakonie für das hörende Herz und die Tischgemeinschaft sich mehren kann, was auch Konsequenzen für das zahlenmäßige Wachstum nach sich ziehen wird.“ (Henning Schroer in: Predigtstudien, 6 – 2, 1996)

Ich möchte mit diesem Text schließen. Dass es inzwischen fünf nach zwölf Uhr ist, liegt auf der Hand. Doch das ist kein Grund, zu resignieren. Das Problem selbst kann hier nur angerissen werden. Das Wort der Bibel wird und soll dazu beitragen, dass die Fragen der Gerechtigkeit und der nächsten Liebe immer wieder auf der Tagesordnung bleiben. Wie schon Martin Luther King sagte: „Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Friede ist der Weg.“
Amen.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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