Körper-Atem-Weg zur inneren Kraft, Rezension von Johannes Rüther, Dortmund 2014

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Zu: Frieder Anders: Wie ich lernte, den Drachen zu reiten, Ein Leben für Taiji und Gesang: Erster Europäischer Taiji Meister im Yang-Stil fiert 70. Geburtstag. Theseus-Verlag Bielefeld 2014, Preis 19,95 Euro

http://shop.weltinnenraum.de/Autor/AndersFrieder/Wie-ich-lernte-den-Drachen-zu-reiten.html

Der 70ste Geburtstag des Autors legt eine Rückschau als Selbstreflexion des Lebensweges nahe.

9783899018752 Leonardo da Vincis Aussagen als einleitende Gedanken öffnen einen Spannungs-Raum zwischen dem Wunsch der Rückkehr in einen natürlichen Zustand und den Überformungen des Menschen als „Abbild der Welt“. In diesem Spannungsraum vollzieht sich die Lebensreise Frieder Anders als „Heldenkampf“ – er folgt darin tiefenpsychologischen Überlegungen von Erich Neumann (einem Mitarbeiters von C. G. Jung). Neumanns Begriff „Uroboros“, die Schlange, die sich in den Schwanz beißt, als Kreis-Symbol des „Ur-Chaos“ wird zum wiederkehrenden Bezugspunkt im Individuationsprozess der Lebens-Reise Frieder Anders.
Weitere anregende Quellen sind die meist taoistischen Texte aus der Geschichte des Taiji, seine Selbstbeobachtungen und Selbstreflexionen auf dem Weg zum Taiji-Meister im Yang-Stil und seine Auseinandersetzung mit seiner Gesangsentwicklung als persönliche Ausdrucksmöglichkeit.
Im Spannungsfeld zwischen dem Wunsch der Rückkehr in den Naturzustand und der Prägung als „Abbild der Welt“ werden im ersten Teil in seiner lebensgeschichtlichen Darstellung seine subjektiven Leid- und Defizit-Erfahrungen in der Welt seiner Herkunfts-Familie offengelegt und auch die daraus erwachsenen Kompensationen in Form von Wünschen und Wollen.
Im Kontext seines Wunsches, „richtig“ singen zu lernen, muss er z.B. feststellen: „Knackpunkt war das Wollen, (…) ich war innerlich unfrei und von Kopf bis Fuß verspannt“ „Beides (…) wollte ich bezwingen“. „Aber, was in mir war, war im Grunde klein und schwach“. (vgl. S. 125)
Die innere Dialektik vom unentwickelten „Mangelwesen“ (Alfred Adler) des Kindes, das seine Unentwickeltheit mehr oder weniger stark von der sozialen Umwelt als „(noch) nicht richtig zu sein“ vermittelt bekommt und dem die liebevoll-ermutigende Bindung fehlt, zu den Kompensationen im Wünschen und Wollen des Erwachsen-werdens erfährt in der Ausbildung zum Taiji-Meister, insbesondere in der Hinwendung zum Atem der inneren Taiji-Form eine Wandlung, denn diese akzentuiert die natürliche Seite des Menschen im eingangs genannten Spannungsfeld. In dieser Wandlung verbinden sich die Grenzerfahrungen des Wollens mit der Reflexionskompetenz aus dem Studium der schriftlichen Quellen in der (taoistischen) Taiji-Tradition und den körperlichen Erfahrungen des Taiji-Praktizierenden. Die Körperlichkeit wird zum Tor der schöpferischen Erweiterung der Taiji-Form, insbesondere in der Anverwandlung der Terlusollogie (eine Atem-Typ-Lehre) in die Qigong- und Taiji-Form.
„Der Geist führt und die Lebensenergie und der Körper folgen“ („Yi-Qi-Jin“) wird zum Schlüssel für die Entfaltung der inneren Kraft.
Der Geist folgt nicht dem menschenweltbedingten „Wollen“, was zur Anwendung äußerer Muskelkraft führt, sondern das Denken wird in der Taiji-Form zum natürlichen „Gewahrsein“, zum wachen und präsenten Geist im Jetzt, das den Körper intentional führt.
Die praktischen Übungen und die Klarheit der sprachlichen Darstellung zeigen die Souveränität im Umgang mit den subtilen inneren Energie-Strukturen von Knochen, Muskeln und Sehnen, getragen von einer unpersönlichen Präsenz im Energiefeld.
Im Unterschied zur körperbezogenen Wandlung bleibt die emotional-psychologische Entwicklung ambivalent.
Nach dem 60sten Lebensjahr – in der chinesischen Vorstellung vollzieht sich nach fünf Durchgängen des Zyklus der zwölf Jahrestierkreiszeichen ein „Neuanfang“ – beginnt ein „bewusster Abstieg“, der mit dem äußeren und inneren „Loslassen“ von bedeutsamen Beziehungen einhergeht. Die „Überwindung der Angst des Männlichen vor dem Weiblichen“ (S. 171) verlangt eine gravierende Herzens-Entscheidung, emotionale Sicherheiten und am Äußeren orientierte Ich-Anteile loszulassen. Der Leser kann die radikale Befragung aller Beziehungen bis zurück in die Kindheit rückhaltlos offen verfolgen, bis hin zu deren Aufhebungen, den Transformations-Gedanken.
Es folgen die „Prüfungen des Helden“ in Liebesbeziehungen, Einsamkeit, Ich-Spiegelungen, magischen Gedanken und der großen Sehnsucht nach dem Paradies ohne Hass und Gewalt. Die tiefenpsychologischen Überlegungen E. Neumanns bewahren ihn davor, den vorschnellen Harmonieversprechen des Ichs und der Sinnlichkeit im Augenblick zu folgen. Der „Held“ strebt die radiale Transformation an – die Aufhebung der Beziehungen als „Abbild der Welt“ in ihren vielfältigen Kompensationsformen hin zum natürlichen Ur-Zustand – ob es ihm im Leben gelingt?
Eine neue Beziehung lebt auf, die die Konsonanz ihrer Energie-Grund-schwingungen zeigt – gelingt es dem „Helden“ seine in Selbstbeobachtung gewonnen Einsichten in die Wirkzusammenhänge seines ganz persönlichen Weges, die zum „Loslassen“ der Überformungen führten, zu leben – oder wirken die Erinnerungen des Gestern mit den daraus erwachsenen Hoffnungen im Morgen weiter – so die leere Fülle des „Jetzt“ – EINS im Energiefeld zu sein – zu verhindern?
In den begleitenden, einfühlsamen Gedichten, die von der Auseinander-setzung und Verarbeitung emotional bedeutender Ereignisse im Leben Frieder Anders handeln, findet häufig ein Dialog zwischen dem „lyrischen Ich“ und dem „Drachen“ als „höhere, allwissende Instanz“ statt.
Diese Dualität von Ich und Du durchzieht die persönliche Entwicklung bis zum Ende des Buches und ist auch in der Metapher, „Wie ich lernte, den Drachen zu reiten“ vorhanden.
Taiji als Lösung für die psycho-dynamischen Probleme des „gezeichneten Ichs“ (G. Benn), des Menschen als „Abbild der Welt“?
Anders verweist darauf, dass im Taiji der Körper nicht nur als lebendiger Organismus gesehen wird, sondern auch als Ausdruck der Stellung des Menschen zur eigenen Natur und zur Welt. Die „Haltung“ zwischen Erde und Himmel wird zum Spiegel für die „innere Leere“.
Daher betont Anders das „Annehmen, was ist“ als Bedingung für eine Transformation des gezeichneten Ichs in den Gesamtschwingungsraum.
Taiji – und hierin unterscheidet er Taiji von allen anderen „Kampf“-Sportarten – hat nach Anders keine destruktive, auf einen Gegner ausgerichtete Energie, sondern „spielt“ mit der schöpferischen Lebens-Energie, die konkret im Raum bewegt wird. Es ist diese schöpferisch-freie Energie, die er auch in seinem Gesang entfalten möchte.
Der singende Meister der Taiji-Form im Yang-Stil geht – einem ZEN-Spruch folgend – nicht in den Fußstapfen der Meister, sondern sucht, was sie suchten.
Ist sein Name „Frieder Anders“ ein Hinweis?
Suche nach Natur-Frieden …
… im Anders-Sein?
… und Anders-Sein?
… ohne Anders-Sein?

Zum Autor der Rezension:
Johannes Rüther (*1952) hat Musikwissenschaft, Germanistik und Erziehungswissenschaft studiert und diese Fächer 34 Jahre an einem Gymnasium unterrichtet.
1992 begann er eine neun-jährige Ausbildung in Qigong und Taiji bei Werner Broch in Essen, einem Lehrbeauftragten der ITCCA. Parallel dazu erhielt er eine Ausbildung in der Kunst der Chinesischen Kalligraphie und Bambus-Malerei bei der chinesischen Künstlerin Marguerite Müller-Yao (www.muelleryao.de), die über zehn Jahre dauerte und 2002 mit dem Auftrag endete, diese Kunst weiterzugeben. Seine Ausbildung führte zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Werk „Tao-Te-King“ von Laotse, das die Grundlage der Kalligraphie-Ausbildung inhaltlich und als Schrift bildete.
Seit 2006 unterrichtet er Qigong, Taiji und Wu-Wei-Meditation in einer physiotherapeutischen Praxis und gibt in unregelmäßigen Abständen Workshops in der Kunst der chinesischen Kalligraphie und Bambus-Malerei.
Seine Aktivitäten fließen in seinem Projekt www.bambus-weg.de zusammen.
Bücher:
1978: „Die Zusammenarbeit Bertold Brechts und Hanns Eislers am Beispiel der „Mutter“
1985ff: Lyrische Tagbücher – „Diesseitiges“ (1985), „Der Weg“ (1986),
„Fragmente“ (1988), „Die Vergangenheit in dir Zukunft werden lassen“ (1991), „Vergessen im Jetzt“ (1992)
2009: „Ich packe meinen Koffer“. Postmoderne Herzensergießungen eines singenden Barfuß-Lehrers.
2010: „Diesseitiges“ – Lyrik aus 25 Jahren – eine Auswahl aus lyrischen Tagebüchern mit Bildern aus diesem Zeitraum.
2013: „Für mich ist es eine Tatsache – für dich Krickelkrakel“ – Auswahlkatalog informeller Arbeiten bis 1992.
2014: „Nicht Zwei Jetzt“ mit dem vollständigen Text des 3. Chan-buddhistischen Patriarchen Seng Ts’an: Hsin Hsin Ming (Vertrauen in den Herz-Geist) als Kalligraphie und in einer Neuübersetzung. Diese wird ergänzt durch Grasschriften, Bilder und einem Essay „Reden und Denken – Fragmente des Eigentlichen“.
(Alle Bücher sind, soweit nicht vergriffen, nur über den Autor zu beziehen.)

www.bambus-weg.de
Email: johannes.ruether@t-online.de

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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