Anregungen für die Gottesdienstvorbereitung, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2014

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Zu: Gottesdienstpraxis Serie A, Arbeitshilfen für die Gestaltung der Gottesdienste im Kirchenjahr, I. Perikopenreihe, Band 1: 1. Sonntag im Advent bis Sexagesimae, Hrsg. von Sigrun Welke-Holtmann, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2014, ISBN 9783579075105, Preis: 18,99 Euro

1 Sonntag im Advent bis Sexagesimae vonDa die Perikopenreihe der Predigttexte zu Beginn des neuen Kirchenjahres wieder von vorn beginnt, wird sich der oder die eine oder andere fragen, ob es sinnvoll ist, ein Abo von Predigtvorbereitungsbüchern zu starten. Die bewährte Reihe „Gottesdienstpraxis Serie A“ bietet eine komprimierte und praxisorientierte Predigtvorbereitung. Für die Arbeit am PC liegt das Buchmaterial sowohl als PDF-Datei als auch als Office-Datei(-en) vor. Daneben enthält jedes Buch einen Internetzugang mit einem persönlichen Anmeldecode, um die Dateien von der Verlagshomepage herunterzuladen. Dieser Link wird laut Verlag langfristig die beigefügte CD ersetzen.

Zur Probe lese ich die Predigtmeditation von Klaus Guhl (Flensburg) zum ersten Weihnachtstag:

Die „Erste Begegnung mit dem Text“ greift die Idee der „Weihnachtsgeschichte“ auf, der „alten Geschichte“ (S. 55). Hier wird Vertrautes erlebt, wird „Heimat“ zur „Oase“ (S. 55). Was jedoch ist ein „Moment der Vergegenwärtigung Gottes“? Ist die Predigt gemeint oder die Erzählung der Weihnachtsgeschichte, oder ist es gar die Christusbotschaft selbst? Vergegenwärtigt sich Gott selbst oder wird er verbal vergegenwärtigt? Ich beobachte hier, dass die Predigtmeditation auf pastorale Klischees setzt, die allerdings die Predigt fast austauschbar macht. Wie es auch immer gemeint sein soll: die Predigt wird zur Quelle der Kraft, zur „Stärkung“. Die „Exegetische Skizze“ folgt, sie bietet mehr als Exegese, eher eine homiletische Bearbeitung des Textes. Abgrenzungsfragen und der Kontext des vorangegangenen Heiligabends werden bedacht. Auffällig im Bibeltext ist für den Bearbeiter der „Alltagsbezug“ (S. 56), ja sogar „spröde und nüchtern“ ist dieser Teil des Weihnachtsevangeliums. Zwischendurch nimmt er auf die Predigtsituation Bezug und meint jedoch lapidar: „Lutheraner sind schwer zu begeistern…“ (S. 56). Ist das im Vergleich zu den Hirte als Übereinstimmung gedacht oder doch eher als Gegensatz? Für die Hirten gilt es: „Nicht blinder Gehorsam, sondern ein aktiver Glaube.“ (S. 57) Wichtig ist wohl die Beobachtung, dass die Hirten „keine größere Außenwirkung“ erzielen (wollen?). Wichtiger für sie, die Pastores ist, gestärkt „an ihre Arbeit“ zurückzukehren (S. 57). Zum Ende des Textes  kommt mit Marias Erinnerung ein anderer Blickwinkel hinzu, der Aspekt der Kindheit. Das zeigt das Stichwort: „Kindermessias“, dann auch die „Beschneidung“, als „religiöser Alltag“ bezeichnet, als Hinweis auf volkskirchliche Begleitung junger Eltern in der Taufe (S. 57). Der „Weg zur Predigt“ greift die genannten Begriffe wieder auf und fragt erneut, was Kindheitsgeschichten zur Heimat beitragen: „Es braucht Kindheitsgeschichten“, die Vorstellungen der inneren Heimat erzählen (S. 58). Meinen sie die eigene Kindheit oder wie hier die frühe Lebensphase der Kinder, wie in einem Photoalbum? Bei beiden Vorstellungen wäre eine Brücke zwischen Botschaft und Gemeinde möglich: „Vertraute Geschichten verbinden über die Zeit und heilen…“ (S. 58).

Bei „Predigtthema“ wundere ich mich etwas: vier Stichwortsätze, darunter: „Schwachheit ist kein Makel“ (S. 58) – wann kam das vorher vor? Indirekt wohl, denn wer schwach ist, braucht die Oase, die Stärkung.

Ausführlich kommen nun „Vorschläge zur Liturgie“ einschließlich Liedauswahl. Die Fürbitten sind vom Nutzer der Predigtmeditation noch weiter auszuarbeiten. Dann bietet der Autor noch ausführliche Predigtskizze mit einem „Möglichen Anfang“, dem „Weiteren Verlauf“ und „Schluss“. Der Glaube formuliert „Empfindungen und Fantasie“ gegen eine Welt der Sachargumente (S. 60). „Unser Glaube will gelebt werden.“ (S. 61).

Kritisch möchte ich nachfragen, warum die Predigt mit Erinnerungen an den Predigttext beginnt und nicht mit einer Formulierung des Themas „Kindheit“, das hier erst wieder am Ende der Predigtskizze auftaucht, vorher aber beim „Weg zur Predigt“ zum Leitmotiv wurde.

Am Ende stehen Hinweise zur Gestaltung: Die Kulisse des Krippenspiels bleibt stehen. Dann noch ein anregendes Gedicht von Rilke („Vor Weihnachten 1914“) und je ein Zitat von Ernst Bloch, Wolfgang Bergmann und Erich Kästner. Diese Zitate können der Predigt mehr Tiefe geben, wenn sie denn zu dem passen, was letztlich in der Predigt vorkommt. Das Lied von Sting „How fragile we are“ wird erwähnt? Stellt sich die Frage, für wen das Lied ist, ob für Prediger als Impuls oder für die Gemeinde am 1. Weihnachtstag?

Ich spüre, dass diese Vorbereitung aufs Fahrrad hilft. Aber fahren, das heißt predigen, muss und darf ich schon selbst. Die Bandbreite zwischen dem Glauben, der gelebt wird, und der Alltagswelt spricht mich an. Und die Fragen: Wofür brauchen wir Kindheitserzählungen? Oder anders gefragt: Wo bleiben diese Gedanken an die eigene Kindheit? So wird in der Predigthilfe der Kontext des vorangegangenen Heiligabends mitbedacht: Das Weihnachtsfest wird manche Erinnerungen an Kindheitstage wachrufen. Wie wirkt diese Kindheit heute? Ist sie nur ein verblasstes Bild aus einem Album, oder das lebendige Kind in uns selbst? Kindheitserinnerung als Oase, als Kraftquelle? Schwierig bleibt, dass die Predigthilfe wohl eher Material bietet, als einen konsequent stimmigen Entwurf.

Zusätzlich zu den Predigtvorbereitungen der Perikopentexte kommen in diesem Band zwei Ergänzungen, ein Familiengottesdienst in der Adventszeit vorbereitet von Ulrike Wahl-Risser und für den Januar ein Gottesdienst „Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ von Claus Marcus. In der Einleitung heißt es dazu, dass jeder Band einen Entwurf für einen Familiengottesdienst enthalten wird.

Diese beiden Beispiele zeigen, dass die Gottesdienstgestaltung nicht auf den ausgetretenen Pfaden der Sonntagspredigt bleiben kann. Der Familiengottesdienst beispielsweise bedenkt schon den Aspekt der Anfangszeit und ist so deutlich an den Bedürfnissen der Familien orientiert. Gezielt wird gezeigt, dass Gottesdienste heute dazu gehören, die als „zweites Programm“ das Gottesdienstangebot erweitern. So auch der zweite zusätzliche Vorschlag: Der Gedenkgottesdienst greift einen gesellschaftlichen Anlass auf und nimmt so erneut eine andere Zielgruppe auf. Solche Gedenktage sind Gelegenheiten, Gottesdienste in Zusammenarbeit interreligiös oder mit Gruppen und Vereinen vorzubereiten. Der Autor greift seine Erfahrung christlich-jüdischer Gottesdienste auf und bedenkt vor diesem Hintergrund den 126. Psalm.

Der Kreis der Autorinnen und Autoren ist gut gemischt, zehn Männer und neun Frauen von Flensburg über Gelsenkirchen bis Bruchmühlbach und damit aus sehr verschiedenen Landeskirchen. Unterschiedliche gemeindliche Kontexte wie Stadt – Land, oder soziale Prägungen wollen mitbedacht sein. Hier wird der kirchliche Alltag dokumentiert, die Sonntagskirche zur Alltagswelt in Beziehung gesetzt. Hier entstehen lebensbezogene Predigten – so, wie es sein soll.

Autor: christoph.fleischer

Christoph Fleischer, evangelischer Pfarrer in Westfalen, tätig in der Gemeindearbeit, Studierendenseelsorge und Altenheimseelsorge, Mitglied in der Gesellschaft für evangelische Theologie und in der Dietrich Bonhoeffer Gesellschaft.

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